Archiv für den Monat Oktober 2014

Warteschleife

Die Stimme einer Frau, kratzig und durch statisches Rauschen verstümmelt, drang aus einem kleinen Lautsprecher.

„Frachter Augustus, hier Stationskontrolle. Bitte passen Sie ihren Kurs an, zwei Grad ab, Leitstrahl sieben. Verbleiben Sie einen Moment auf Warteposition bis sie Andockerlaubnis haben.“

Kapitän Carla Berol hatte die Fingerspitzen aneinander gelegt und die Ellenbogen abgestützt. Der Radarschirm war sehr viel voller, als sie es erwartet hatte. Die Station war klein, im Grunde unbedeutend und lag abseits. Trotzdem hatte sie soeben das dritte mal in Folge einen Platz in der Warteschleife bekommen. Sie war diese Route schon mehrfach geflogen aber nie war so viel los gewesen. Mehr als zehn Signaturen von Frachtdrohnen drängten sich um die kleine Basis und erwarteten ihre Anweisungen. Die Meisten waren so klein, dass sie nicht einmal eine Kapsel für eine Notfallbesatzung hatten. Automatische Systeme auf festen Routen, nur zum Transport von Rohstoffen und Versorgungsgütern. Sie hatte noch nie erlebt, dass so eine Drohne Vorfahrt gewährt bekommen hätte.

Auch diesmal war das Problem offensichtlich nicht die Drohnen. Angedockt an der Station, die nur in der Vergrößerung überhaupt sichtbar war, lag etwas Großes. Eine filigrane Struktur, doppelt so lang wie die gesamte Station aber kaum erkennbar im Durchmesser, blockierte gleich mehrere Luftschleusen auf einmal. Ein großer Ring rotierte am einen Ende der Struktur. Carla Berol hatte von diesen Ringen gehört. Auf dem Mars hatte man einige von ihnen gebaut um in der Schwerelosigkeit des Weltalls die Illusion von oben und unten einfangen zu können. Ein paar der neuen Raumschiffe für interstellare Reisen sollten damit ausgerüstet werden. Es gab zwar Antigravitationssysteme, die auch ohne Ring auskamen aber die hatten sich als sehr energiehungrig und unzuverlässig erwiesen.

Nun versuchte man es also mit einem Modell, was älter als die Raumfahrt selbst war. Carla Berol musste zugeben, dass der Anblick beeindruckend war. Ihr Schiff hatte nie den Luxus von Schwerkraft gehabt und würde es auch nie haben. Wirkliches Gewicht hatte ihr Körper das letzte mal vor etwa sechs Jahren erfahren, als sie auf dem Mond der Erde Station gemacht hatte. Obwohl sie ein tägliches Fitnessprogramm durchführte, um jederzeit wieder zu einem Ort mit Schwerkraft zurück kehren zu können, hatte sie diese Erfahrung als ausgesprochen unangenehm in Erinnerung behalten. Noch Tage nach ihrem Abflug hatte sie einen bissigen Muskelkater verspürt.

„Frachter Augustus, bitte vorrücken auf Warteposition, Leitstrahl sechs.“

Nummer vier. Langsam wurde es albern aber sich zu beschweren würde nichts ändern. Die Dame im Leitstand der Station wahr vermutlich gerade völlig mit der Situation überfordert und versuchte nur, das Unmögliche zu schaffen. Ihre Stimme klang jung und ein klein wenig so, als würde sie mit größter Anstrengung ihre Unsicherheit durch Lautstärke überdecken müssen.

Carla Berol fragte sich, ob die alte Chenwei Wu nicht gerade hinter dem Mädchen in der Zentrale schwebte und jeden ihrer Schritte argwöhnisch beobachtete. Sie hatte früher schon als Ausbilderin gearbeitet, daher war der Gedanke nicht abwegig. Es hatten allerdings nicht viele Schüler der Raumaufsicht das Pech, so weit außen ihren Dienst verrichten zu müssen. Chenwei Wu war zudem immer eine sehr strenge Lehrerin gewesen. Auch wenn ihre Schüler am Ende immer zu den Allerbesten gehört hatten, Carla Beron hatte sie immer etwas bedauert.

Mit ein paar blinden Handgriffen hatte sie ihren Kurs angepasst. Das Licht des Radars und der Triebwerkskontrollen war so eben ausreichend, um eine Spiegelung ihres Gesichts auf dem Sichtfenster zu erzeugen. Ansonsten herrschte vollkommene Dunkelheit in dem kleinen Steuermodul. So mochte sie es am liebsten. Auch in der engen Nasszelle und dem Aufenthaltsraum war bestenfalls eine schummrige Beleuchtung eingeschaltet. Fünfzehn Kubikmeter, alles in allem. Mehr hatte sie nicht zur Verfügung. Es war einmal deutlich mehr gewesen, damals, als es für die Raumfahrt noch Investoren gegeben hatte. Sie hatte sogar zwei Besatzungsmitglieder gehabt. Einen Navigator und einen Wartungstechniker. Im hinteren Teil, wo nun die Lebenserhaltung saß, hatten sich damals noch ein Schlafmodul und ein begehbares Lager befunden. Nachdem die beiden Positionen durch automatische Systeme abgelöst worden waren und sie alleine war, hatte es sich nicht mehr gelohnt, den Raum zu versorgen. Es hatte unnötig Energie benötigt, also hatte sie die Module verkauft. Sie hatte diesen Schritt gelegentlich ein wenig bedauert.

Der Bordcomputer meldete, dass die Position auf dem Leitstrahl erreicht war. Hoffentlich war das die letzte Zwischenstation. Ihr Treibstoff würde nicht ewig halten und jedes dieser Manöver kostete sie zusätzlich auch noch Zeit. Auch wenn die Zeit ihr geringstes Problem war, es war ein Ärgernis. Sie hatte sich auf die Station gefreut. Einmal einige Schritte laufen zu können, sich in alle Richtungen ausstrecken zu können oder etwas anderes, als ihre eigenen Rationen zu essen. Die Station hatte sogar ein Sportcenter mit Laufbahn. Langweilig wäre ihr jedenfalls nicht geworden, in den achtundvierzig Stunden, die sie dort hätte sein können, ehe ihr Startfenster sich schloss.

Inzwischen waren es nur noch vierzig Stunden. Sie ärgerte sich, dass sie im Anflug Treibstoff gespart hatte und früher gebremst hatte. Diese Stunden fehlten ihr jetzt. Die Station mit ihrem Anhängsel war inzwischen deutlich größer durch das Fenster zu sehen. Man konnte einzelne Lichtpunkte als Fenster identifizieren und es gab eine Menge davon. Der große Ring des Raumschiffs hatte gleich vier Reihen übereinander davon. Vier Stockwerke, das musste Raum für mindestens tausend Menschen sein, wenn nicht sogar mehr.

Carla Berol hatte keinen Vergleich, wie viel Raum tausend Menschen benötigten. Sie wusste nicht einmal, wie tausend Menschen aussahen. Auf dem Mond hatte sie damals eine Bar gesehen in der sich mehr als hundert Menschen befunden hatten. Es war schrecklich gewesen. Laufend war man mit jemandem zusammen gestoßen oder hatte den Atem der anderen gespürt. Die meisten rochen auch noch stark. Wasseraufbereitung im Weltall ist aufwändig und eine Dusche großer Luxus. Das hatte sich seit den Tagen der ersten Raumflüge nicht geändert.

Das war jedenfalls die größte Menschenmenge gewesen, an die sie sich erinnern konnte. Ihre Mutter war auf einem Asteroiden in einer Mine angestellt gewesen. Dort war sie geboren worden, hatte die ersten Jahre ihre Lebens und die Schulzeit erlebt. Fernab großer Städte hatte sie nur zwei andere Kinder gekannt. Was aus den beiden geworden war wusste sie nicht genau. Vermutlich waren sie zur Erde geflogen. Sie hatte nur einmal eine kurze Nachricht gelesen, dass eine Außerirdische auf der Erde an den Nebenwirkungen der Schwerkraft gestorben war. Irgendwie hatte sie diese paar Zeilen immer als Todesmeldung ihrer Kindheitsfreundin im Gedächtnis abgespeichert. Die Minuten in der Warteschleife zogen sich zäh dahin.

„Frachter Augustus, hier Stationskontrolle. Bitte dem Leitstrahl auf Andockposition folgen und Kurs anpassen. Wir fangen Sie ein, sobald wir soweit sind.“

Das war ein Fortschritt, wenn auch nur ein kleiner. Sie hatte eine Luftschleuse bekommen aber noch keine Andockerlaubnis. Sie aktivierte einen kleinen Schub, gerade genug, um den Frachter auf den Weg zu bringen. Sie hatte es nicht eilig. Solange sie keine endgültige Genehmigung hatte jedenfalls.

Das angedockte Raumschiff wurde größer und größer, bis es einen Großteil des kleinen Fensters ausfüllte. Es war riesig, das wurde ihr jetzt erst wirklich bewusst. Der gewaltige Ring und das massive Triebwerk waren durch eine filigrane Gitterstruktur verbunden, die weit über die Station hinaus in die Tiefe des Alls ragte. Die Größenverhältnisse machten ihr wieder einmal deutlich, wie schrecklich unbedeutend und winzig sie selbst und ihr Schiff überhaupt waren. Das alles umgebende All war im Vergleich dazu so riesig, so unfassbar groß, dass sie überhaupt kein Verständnis dafür entwickeln konnte. So riesig dieses Schiff dort auch war, vor wenigen Stunden war es noch nicht einmal ein Staubkorn gewesen.

Sie erhaschte einen Blick auf die Innenseite des Ringes. Durch erschreckend riesige Dachfenster konnte sie einen Blick in den Raum darunter werfen. Es schimmerte grün hindurch, nein, es leuchtete richtig. Da wuchsen Pflanzen, mitten im Weltraum, einfach so in einem offenen Raum. Sie reiste seit Jahrzehnten zwischen den Himmelskörpern der Menschheit umher und hatte doch noch so wenig gesehen. Was hatte sie mit ihrem Leben gemacht? Sie hatte die langen Reisezeiten dazu genutzt, zu lernen. Sie hatte Geschichten gelesen, Berichte gehört und Dokumentationen gesehen. Sie hatte versucht zu verstehen wie die Welten und alles darum herum funktionieren aber sie hatte am Ende so wenig davon selbst gesehen.

Der Bordcomputer hatte sie erfolgreich vor die Andockluke manövriert. Durch das Bullauge konnte sie die Greifer der Station sehen, welche soeben aus fuhren. Die kratzige Stimme der Frau im Leitstand war wieder da. Es gab weniger statisches Rauschen aber inzwischen klang sie nicht mehr nervös. Aus ihrer Stimme klang Erschöpfung und eine Spur Resignation.

„Frachter Augustus, hier Stationskontrolle. Sie werden jetzt angedockt, bitte öffnen Sie ihre Luftschleuse erst, wenn das System die Freigabe erteilt. Ansonsten heiße ich Sie herzlich willkommen auf Triton. Genießen Sie ihren Aufenthalt.“

Endlich, das war der einzige Gedanke, der Carla Berol durch den Kopf ging. Zeitgleich hörte sie noch, wie die Dame im Leitstand ebenfalls ein leises Endlich seufzte, ehe sich die Leitung schloss. Sie öffnete den Gurtverschluss und die Sicherheitsgurte verschwanden in der Lehne ihres Sessels. Sie streckte die Arme aus, griff in die Halteschlaufen über sich und zog sich nach Hinten, vor die Schleuse. Ein lautes Rasseln ging durch das ganze Schiff, gefolgt von einem mechanischen Knall. Die Verriegelung war eingerastet, die Station hatte ihre Tore für sie geöffnet und die Kontrollleuchten standen auf grün. Sechs Monate unterwegs in einem Raum, der kaum ein besserer Container war. Nun würde sie endlich wieder fremde Luft atmen mit all seinen merkwürdigen Gerüchen und Substanzen.

Über der Schleuse hing ihre Schweißerbrille. Auf der Station würde man sich nicht mit Dämmerlicht zufrieden geben. Quecksilberdampflampen leuchteten jede für sich wie eine kleine Sonne. Für ihre Augen wäre das tödlich nach den Monaten der Dunkelheit. Sie zog die Brille über, die dunklen Gläser löschten das wenige Licht in der Kabine aus und mit einem blinden Handgriff öffnete sie das Schott. Und wenn es nur für wenige Stunden war, nun trieb sie erst einmal in eine völlig andersartige Welt, als die ihre hinüber. Irgendwann würde sie diesen Gang das letzte mal antreten und wer konnte wissen, wann es soweit war.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 4

Küchenarbeit

Es gibt Dinge, an denen kann man nichts ändern und wenn man es noch so sehr will. So braucht der Mensch zum Beispiel Nahrung um zu funktionieren. Viele zelebrieren diese Schwäche auch noch indem sie alles mögliche Essbare kombinieren und durch unterschiedlichste Energieeinwirkungen umformen. ‚Kochen‘ nennen sie es und bei manchen von ihnen hat das tatsächlich auch etwas mit eben jenem Tatgegenstand zu tun.

Flo hielt es damit etwas anders. Er aß hauptsächlich um nicht zu verhungern. Schnell, einfach und billig musste es sein. Brot, Tiefkühlpizza, ab und an ein Müsli mit Wasser, Dosensuppen. Er mochte Konserven. Sie waren billig, man brauchte bei der Lagerung auf nichts zu achten, konnte sie gut stapeln, bei Bedarf einfach öffnen und kalt oder warm direkt vertilgen. Außerdem wurden sie nie schlecht. Niemals! Es interessierte ihn nicht, was eigentlich darin war, solange es gegen den Hunger half und das möglichst lange. Wie jemand wirklich gerne aß, das verstand er nicht.

Die einzige Ausnahme für ihn bildete Kuchen. „Jeder Mensch braucht ein Laster“ meinte er und zog einen frischen Kuchen aus dem Ofen. Binnen Sekunden verteilte sich der Geruch von Schokolade und Kirschen in der winzigen Küche und er hätte am liebsten sofort rein gebissen. Das Schicksal aber meinte es nicht gut mit ihm denn diesen Kuchen durfte er nicht essen. Er war, wie die meisten Kuchen die er buk, für Mia, als Bezahlung für Mitschriften, Erinnerungen, Zusammenfassungen und alles, was ihm im Studium das Genick brechen könnte oder ihn eben genau hier vor bewahrte. Manchmal fragte er sich, ob es nicht einfacher wäre selbst zu lernen. Doch Mia gab ihm meistens ein Stück des Kuchens ab und damit hatte sie wieder zu viele Vorteile auf ihrer Seite.

Er stürzte den Kuchen aus der Form und ließ ihn abkühlen. Später sollte noch eine Schokoladenglasur dazu kommen. Schlicht aber elegant, ohne besonders verschnörkelte oder gar bunte Verzierung. Die gab es nur zu wirklich besonderen Gelegenheiten. Vorher drängte sich aber ein aktuelleres Problem in den Vordergrund. Was sollte er selbst denn noch essen? Sein Magen knurrte und erinnerte ihn wieder daran, das er doch ein Mensch war der einfach essen muss um zu überleben. Er warf einen Blick in den Kühlschrank um seine Möglichkeiten ab zu schätzen.

Kartoffeln mit Spiegelei und Salat? Nudeln mit Gemüsepfanne? Reis mit Tomaten-Sahnesoße? Vielleicht auch einen kleinen Auflauf? Der Ofen war immerhin schon warm, er könnte auch noch einen Kuchen fürs Abendessen backen. Er entschied sich für die einfachste und schnellste Variante: Die klassische Tiefkühlpizza. Zum Glück war es erst die zweite diese Woche und er füllte sie mit Paprika auf, er musste sich also keine Vorwürfe über ungesunde Ernährung anhören. Er fühlte sich in der tat so gesund, dass er noch zwei zusätzliche Scheiben Käse dazu legte. Käse schmeckte gut und machte länger satt. Wenn er schon nicht verhungern sollte, dann wollte er wenigstens mit Stil nicht verhungern. Der Ofen summte gemächlich.

Im Wasserbad auf dem Herd wurde inzwischen die Schokolade flüssig. Gelegentlich war ihm danach, mit der Glasur zu experimentieren. Dann ergänzte er die Schokolade oder Glasur um Zucker, Zitronensaft, Kokosraspeln oder getrocknete Früchten. Heute war ganz klar kein solcher Tag. Er hatte die frisch von Mia erhaltenen Kopien am Kühlschrank aufgehängt und rührte abwesend in der Schokolade. Im Kopf ging er das durch, was er vom letzten Seminar des Tages behalten hatte. Es war nicht so viel wie er gehofft hatte und langsam machte es ihm Sorgen. Das Semester war nun immerhin schon einen Monat alt und bisher waren seine guten Vorsätze nicht von dem größten Erfolg gekrönt gewesen. Ein Drittel der Vorlesungszeit war bereits verstrichen und nach seinem alten Plan würde er nun die Prüfungsvorbereitung ins Auge fassen müssen. Er hatte diesen Termin absichtlich so weit vorne ins Semester gelegt um auch wirklich jede Klausur im ersten Anlauf zu bestehen. Als Lohn dafür würde er nämlich nicht mehr am Ende der vorlesungsfreien Zeit in die Nachklausuren müssen sondern hätte wirklich Ferien.

Er würde so viel machen können in der Zeit. Kuchen backen lernen zum Beispiel. Richtigen Kuchen, keine Backmischung für die Kastenform sondern Blechkuchen und Torten. Bunt, süß und schrecklich fettig. Vielleicht hätte er doch Konditor werden sollen. Oder er konnte Freunde besuchen fahren. Viele seiner alten Schulfreunde waren inzwischen fertig mit der Uni und hatten ihr eigenes Leben in den verschiedensten Städten der Republik angefangen. Bei den Meisten stand noch immer ein Besuch aus. Nur dann würden sicher wieder die Fragen auf kommen, wie es denn bei ihm so lief, was er so machte und was er hinterher mit seinem Studium anfangen wollte. Alles Fragen, die ihn bisher erfolgreich Zuhause gehalten hatten. Der Duft von überzuckertem Kakao und Vanille mischte sich mit dem Duft von Pizza mit extra Käse und fettigem Schinken. Am Ende würde er wahrscheinlich einen Großteil seiner Ferien wie jede Freie Zeit verbringen: Alleine vor dem Rechner.

Sein Blick wanderte über die Kopien am Kühlschrank. Die Mitschriften waren wie immer sehr gut. Er sollte sie wirklich abschreiben, dadurch lernte man immer sehr gut. Andererseits hatte er eh immer schon so viel zu tun und war zu bequem. Er hatte ja die Notizen schon in perfekter Form und morgen wollte er zum Volleyball. Eigentlich konnte er Volleyball nicht einmal leiden aber die Gruppen dort waren gemischt und er mochte die Ausblicke. Besonders Jenny, auch wenn sie immer von ziemlich weit oben auf ihn herab blickte und das, obwohl sie mehr als einen Kopf kleiner war als er. Irgendwie war ihm das unangenehm und wenn sie ihn beobachtete war für ihn jedes Spiel der bittere Ernst. Er bestrich den Kuchen mit der Schokolade. Sie war schon etwa zu dünnflüssig geworden und drohte an den Seiten hinab zu laufen oder zu dünn zu werden. Er behielt etwas im Topf um später eine zweite Schicht auf zu tragen. Jenny, das war für ihn der Inbegriff von unlogischem Verhalten. Dabei war er es doch, der dabei unlogisch wurde. Sie tat genau genommen überhaupt nichts, außer gut Volleyball zu spielen, auf ihn herab zu sehen und dabei auch noch unwahrscheinlich toll aus zu sehen.

Er fluchte leise und warf sein Backbesteck in die Spüle. Abwaschen würde er später, nach der Pizza. Ihm fiel auf, dass sich der Geruch in der Küche ungünstig verändert hatte. Erschrocken riss er den Backofen auf und blickte auf eine leicht zu knusprige Pizza. Es stimmte, der Ofen war noch an gewesen aber für die Pizza war es wohl etwas zu warm gewesen. Essbar war sie trotzdem und er wollte ja es nicht zu komfortabel nicht verhungern. Er brach die Pizza in der Mitte durch und stellte sich mit einer Hälfte vor den Kühlschrank. Vielleicht wurde es doch noch etwas mit der Prüfungsvorbereitung dachte er, während er die Pizza aß und die Mitschriften las.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 3

Prokrastination

Solange er nun schon Student war hatte Flo immer gehofft um diesen Moment herum zu kommen. Die Uni unterhielt zwar nach wie vor eine eigene Bibliothek aber ihm war nie klar gewesen wieso. Das Mittelalter war doch vorbei, es gab Internet und das Internet wusste doch alles. Wozu also das alberne Spiel mit den Büchern die niemanden mehr interessierten und sowieso beim ersten Aufschlagen in einen Haufen Altpapier zerfielen. Trotzdem saß er nun hier wie so ein Höhlenmensch vor zerfledderten Büchern aus Papier und sollte eine Hausarbeit schreiben.

Das Thema war aktuell, die Bücher waren es nicht. Wie sollten sie auch? Es waren Bücher! Seit der Erfindung des Internets gab es keine mehr und wer etwas auf sich hielt, der sorgte für einen soliden Abstand zu ihnen. So jedenfalls wünschte er es sich. Die bittere Realität sah anders aus und für die Hausübung gab es sogar die Vorgaben, nur die Bücher der Bibliothek nutzen zu dürfen. Analog, von Hand und ohne Internetquellen. Eine Schinderei ohne Sinn, Zweck, oder einem Hintergrund, der sich ihm irgendwie erschließen wollte.

Im Geschichtsunterricht hatte er einmal etwas zu einer großen Bücherverbrennung gehört. Jedenfalls erinnerte er sich blass an etwas in der Richtung. Alle in der Klasse hatten das als außerordentlich schlimm bezeichnet und auch sein Lehrer hatte kein positives Wort daran finden wollen. Flo meinte, der einzige zu sein, der darin kein Problem sah. Im Gegenteil, in diesem Moment wünschte er, es wäre noch immer modern diese Altpapiersammlung als Heizmittel einer sinnvollen Aufgabe zu zu führen. Bücherverbrennungen, was hatten die Leute damals eigentlich noch so für Ideen gehabt? Er sollte das mal im Internet nachsehen, garantiert war da etwas sinnvolles bei. Eine gute Idee kommt schließlich selten allein.

Erik stach ihm seinen Bleistift in die Schulter. „Du träumst wieder nur. Wie weit bist du schon? Mit der Einleitung durch? Wir hatten vier Wochen, in vier Tagen ist Abgabe und du sitzt an der Einleitung.“

„Die Einleitung ist fertig. Ich hab schon die Hälfte der Seitenzahl voll, das muss doch reichen.“

„Fehlt ja nur noch die Hälfte. Na los, schaffst du auch noch. Sogar Paul meinte eben, es fehlt ihm nur noch der Schluss.“

„Paul hat ja auch keine Freunde. Der nervt nur und hat offensichtlich zu viel Zeit.“

„Und du solltest nicht darauf zählen, dass wir dich diesmal wieder aus dem Dreck ziehen. Selbst Mia hat langsam genug von Kuchen. Wir haben immer noch etwas von dem Zitronenkuchen von letzter Woche.“

Das waren schlechte Nachrichten. Wenn Mia keinen Zitronenkuchen mehr mochte, dann hatte er es übertrieben. Bei Schokolade konnte es mal vorkommen, dass sie keine Lust mehr darauf hatte oder bei seinem Käsekuchen. Der Käsekuchen war tatsächlich der einzige Kuchen, den er komplett aus dem Kopf und ohne Backmischung backen konnte. Auf das Rezept war er tatsächlich stolz denn er gelang immer sehr gut. Aber diesmal konnte ihn selbst der Käsekuchen nicht retten.

Er seufzte schwer, streckte sich und blätterte lustlos in den Büchern, machte sich ein paar Notizen von denen er keine Ahnung hatte, was sie ihm bringen konnten und erinnerte sich an sein Thema. Er las sich seine Aufzeichnungen noch einmal durch. Wenn er sich nicht angewöhnte sauberer zu schreiben, dann konnte er am Ende nicht einmal selbst mehr lesen, was er schreiben würde. Das was er entziffern konnte half ihm allerdings bei seinem Thema kaum weiter. Erik warf einen Blick auf die Papiere, schüttelte mitleidig den Kopf und setzte zu einem neuen Absatz an.

„Weißt du, Mia hat schon abgegeben, sie ist gestern Abend fertig geworden. Ich werde es wohl nachher in den Briefkasten oben werfen können.“ Er machte eine kleine Pause und schrieb eine Zeile ehe er fort fuhr. „Sie meint übrigens, wir sollten dir nicht mehr alles machen. Du musst langsam auch mal lernen, wie der Hase läuft.“

„Ich weiß wie der Hase läuft. Zickzack über den Acker.“ Flo sah nicht von seinem Block auf. Er kam zwar langsam voran aber immerhin schaffte er überhaupt etwas.

„Du musst zugeben, sie hat aber nicht ganz unrecht. Du zögerst zu oft alles bis auf die letzte Minute heraus und am Ende müssen wir in die Bresche springen damit du nicht fliegst.“

Flo knirschte mit den Zähnen. Er gab ihm ja recht und er würde es sogar aussprechen, wenn Erik nicht so ein schrecklicher Besserwisser wäre und vier Tage vor Abgabe mit solchen Gardinenpredigten ankam. Es war ja nicht böse gemeint, das wusste Flo. Mia und Erik halfen ihm wirklich sehr viel. Manches mal kam er sich vor, als hätten sie ihn zu ihrem Adoptivkind erkoren obwohl er der älteste war. Er kritzelte den nächsten Absatz auf seinen Block.

„Das worauf du dich da gerade beziehst steht übrigens in dem anderen Buch. Ab Seite vierundneunzig die drei Absätze. Guck vielleicht noch einmal drüber. Und denk mal drüber nach, wenn du dich selbst dahinter setzt und es kannst, dann musst du es nicht immer aufschieben sondern kannst es einfach selber machen. Ich muss jetzt los, zur Sprechstunde. Hab noch eine Frage zu dem Seminar von heute Morgen“

„Hast du wirklich eine Frage oder willst du nur, dass die dein Gesicht kennen für die HiWi-Bewerbung? Und was meinst du, kann ich den Absatz so stehen lassen?“

„Du gehst zu wenig auf die Fragestellung ein und schweifst besonders zum Schluss hin ab. So, wir sehen uns heute Abend im Tutorium. Komm diesmal nüchtern und spätestens Morgen will ich von dir die fertige Hausübung sehen. Nicht aufgeben!“

Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ die Bibliothek. Flo saß alleine im Arbeitsraum und ließ seinen Kugelschreiber über das Papier tanzen. Die Bücher an seiner Seite wechselten zügig durch, genau so wie die Plastikbecher mit Kaffee vor seiner Nase. Am Ende fehlte ihm nur noch eine halbe Seite für das Fazit. Das konnte er auch noch im Tutorium schreiben beschloss er und räumte seine Sachen zusammen. Unter den aufgeschlagenen Büchern fand er Eriks Aufgabenblatt. Es war mit Anmerkungen und Notizen von Mia übersät. Der ganze Rand war mit kleinen Motivationssprüchen und Liebesbekundungen gesäumt.

Flo las die Anmerkungen durch. Die hätte er früher gebrauchen können, sie waren echt gut, aber vielleicht konnte er das ein oder andere in sein Fazit mit einfließen lassen. Hoffentlich würde ihm niemand einen Strick daraus drehen können. Auf der Rückseite fand er das Abgabedatum und stutzte. Er verglich es mit seinem Kalender und musste fast laut lachen. Die Beiden hatten ihm ein speziell auf ihn zugeschnittenes Abgabedatum verpasst, genau eine Woche vor dem eigentlichen Termin. Sie kannten ihn inzwischen zu gut. Vielleicht sollte er ihnen doch einen Zitronenkuchen machen, nun, da er ihr kleines Geheimnis kannte.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 2

Der Bus

Ein Hoch auf den ÖPNV und seine Freuden. Wie sehr es Flo doch liebte auf den Bus zu warten. Er hatte nicht mitgezählt aber inzwischen musste jeder einzelne Bus der gesamten Stadt an der Haltestelle vorbei gekommen sein, außer dem, der zur Uni hoch fahren sollte. Ein kurzer Blick auf die Uhr und ein langer Blick auf den Fahrplan. Vor zwanzig Minuten hätte er da sein sollen aber das war ja nur der Bus, der auf dem Plan stand und Fahrpläne waren entweder vorsichtige Vorschläge oder dekorative Elemente, die einem das Auffinden der Bushaltestelle erleichtern sollten. Wahrscheinlich wäre er schneller gewesen, wenn er gelaufen wäre. Später ist man immer schlauer aber das war nun schon das dritte mal in zwei Wochen, dass Flo darauf herein gefallen war. Jetzt noch los zu laufen würde ihm auch nichts mehr bringen und der andere Bus zwei Blocks weiter war um diese Zeit auch längst durch. Für einen Augenblick erwog er, einfach nach hause zu gehen und sich einen schönen Tag zu machen aber dann würde er seine Hausübung wieder nicht abgeben können und diesmal kam es zur Abwechslung wirklich mal auf etwas an.

Er atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe und lehnte sich genervt an die Rückwand der Bushaltestelle. Um ihn herum bot sich das einheitliche Bild von Menschen, die mit stoischem Gesichtsausdruck, jeder für sich auf den Bus warteten und dabei regungslos ins Nichts glotzten. Auf Flo wirkten sie immer etwas wie Wachsfiguren oder Schaufensterpuppen. Die meisten hatten sich mit Kopfhörern abgeschottet und bekamen von der Umwelt nur noch das Nötigste mit. Er selbst hatte sich genau so mit Musik abgeschottet und sein Blick reichte entweder bis zur Nasenspitze oder bis zur Kreuzung, von wo aus der Bus kommen sollte. Die Wachsfiguren schienen geduldiger als er selbst zu sein. Offensichtlich wussten sie etwas, was er nicht wusste. Den genauen Zeitpunkt zum Beispiel, an dem der Bus kommen würde.

Gerade als er zum unendlichsten mal die Uhr über dem Imbis gegenüber prüfte schob sich ein klappriger und deutlich überladener Bus über die Kreuzung. Flo konnte in den Augen des Busfahrers sehen, wie er beim Anfahren der Haltestelle die Wartenden zählte und abschätzte, ob es noch passen würde oder ob er einfach durchfahren sollte. Glücklicherweise entschied er sich nicht nur zum Halten sondern auch noch dazu, die Türen auch zu öffnen. Wieder etwas nicht so selbstverständliches in dieser Stadt, so verrückt es auch klang. Er nahm einen kleinen Anlauf und stieg mit Schwung in den Bus ein. Stöhnender Protest kam ihm entgegen, er machte seine Musik lauter und ließ es an sich ab perlen.

Die Morgensonne brannte auf das Dach des Busses und schaffte es bereits erstaunlich gut die Luft im Inneren auf zu heizen. Gegen den Lärm half die Musik recht gut. Kurt Cobain besang gerade den Geruch des Teenspirit. Flo seufzte angestrengt. Wenn er gerade eines nicht riechen wollte dann den ‚Teenspirit‘ hier im Bus. Neben ihm drückte sich ein schwer übergewichtiger Erstsemester in den Türbereich. Sein Hemd war bereits schweißnass und verströmte den hierzu typischen Duft. In seinem Rücken bemühte sich eine Kommilitonin darum, das Aroma mit ihrer eigenen Duftmarke von einer halben Flasche billigen Parfüms und Unmengen Deodorants zu betäuben. Hoffentlich hatte sie gestern Abend noch die Zeit zum Duschen gefunden, heute morgen hatte sie sich damit jedenfalls nicht aufgehalten, soviel war deutlich.

Durch den winzigen Fensterschlitz wehte eine milde Brise herein und verteilte die annähernd sichtbare Wolke, die sich um ein Grüppchen von vier nicht klar definierbaren Gestalten gebildet hatte. Bei ihnen konnte man nur hoffen, dass sie sich diesen Monat überhaupt schon einmal gewaschen hatten und der Monat war bald zu ende. Flo war das unbegreiflich. Wenn er sich schon die Mühe machte sich unter Menschen zu begeben, dann wollte er sich wenigstens ansatzweise so benehmen als wäre er etwas Besseres als sie. Dazu gehörte selbstverständlich sauber zu sein und vollständig angezogen.

Das Mädel, was ihm gerade den Ellenbogen in den Bauch drückte befolgte wenigstens schon einmal den hygienischen Teil. Dafür trug sie neben einem Minirock und Fellstiefelchen nur ein bauchfreies Oberteil. Da die Gute aber alles außer bauchfrei war wirkte das Outfit eher wie der Unfall eines Metzgerlehrlings. Sollte er so etwas als persönliche Beleidigung auffassen oder einfach ignorieren? Er konnte sich nicht entscheiden. Während er darüber grübelte ratterte der Bus an den letzten Haltestellen der Route entlang. Dort standen immer noch Gruppen von Studenten die dem völlig überfüllten Bus ärgerlich nach riefen. Statt die letzten zweihundert Meter einfach zu Fuß zu laufen studierten sie den fehlerhaften Busplan um doch weiter zu warten.

Flo empfand eine Mischung aus Neid und Verachtung für sie. Da konnten sie schon laufen und taten es nicht. Sie würden lieber zwei Minuten in diesem Wirrwarr ungemütlicher Gerüche zubringen und mit Leuten kuscheln an denen man im Idealfall vorbei geht ohne ihnen selbst Ignoranz zu gönnen. Er hätte früher aufstehen und direkt die ganze Strecke laufen sollen. Das Wetter war viel zu gut zum Bus fahren. Bislang war es überhaupt das Beste am ganzen Tag. Dicht gefolgt von der Endhaltestelle, an der der Bus nun klappernd zum Stehen kam. Die Türen öffneten sich und die lebende Ladung purzelte und taumelte auf den Bürgersteig davor ehe sie sich verteilte. Flo hatte bei diesem Bild jedes mal die Assoziation mit einem Monster, was zu viel gefressen hat und sich nun die Seele aus dem Leib kotzt vor Augen. Heute versüßte es ihm den Morgen.

Er drehte sich kurz um, um sich zu vergewissern, dass er auch irgendwem auf jeden fall im Weg stand. Der Wind trieb ein Blatt Papier vor sich her. Schwarze Schrift auf weißem Hintergrund tanzte fröhlich in der Sonne, dicht gefolgt von einem Mädchen mit blonden Blocksträhnen, einem dicken rosa Ordner unter dem Arm und blanker Panik in den Augen. Kurz darauf hatte sie das Blatt wieder eingefangen und räumte es zittrig zurück in den rosa Ordner. Flos Grinsen gefror. Seine Hand fuhr in seine Tasche und bestätigte ihm das imaginäre Abbild seines Küchentischs. Dort, neben seiner Wasserflasche, lag noch immer seine Hausarbeit.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 1

Katerstimmung

Flo, Mittzwanziger, dunkelhaarig mit penibel nach hinten gelegten Haaren und einem borstigen Dreitagebart, ließ sich auf dem Weg zur Vorlesung noch einmal die letzte Nacht durch den Kopf gehen. Wortwörtlich!

Angekündigt war die Party des Jahrhunderts, schon zum mindestens zwanzigsten mal dieses Jahr. Was am Ende dabei herum kam war ein einziges Besäufnis mit billigem Bier, schlechter Musik und zu vielen Leuten, mit denen er nüchtern wohl nie reden würde. Es war, wie jede angekündigte ‚Party des Jahrhunderts‘ mehr als weit davon entfernt eine Party des Jahrhunderts oder gar des Jahres zu werden aber Alkohol ist die wirksamste, bekannte Zeitmaschine.

So kam es, dass Flo nach immerhin drei Stunden Schlaf aus den verschwitzten Laken kroch um rechtzeitig um viertel nach acht in der Vorlesung zu sitzen. Wer kam eigentlich auf die glorreiche Idee, schon so früh eine Vorlesung halten zu müssen? Das war absolut widernatürlich aber es war noch Anfang des Semesters und er gab sich noch der Illusion hin, dieses mal alles besser zu machen. Er wollte sich von Anfang an bemühen, fleißig wenigstens zu den wichtigen Vorlesungen zu gehen und alle Hausübungen rechtzeitig ab zu arbeiten. Die Üblichen Vorsätze zum Semesterstart, genau wie schon zu Neujahr und genau so dauerhaft. Flo erbrach sich in den Mülleimer vor dem Supermarkt, besorgte sich ein Konterbier und eine fettige Salami, aß dann zuerst die Salami und leerte das Bier, nur um fünf Minuten später beides in den Mülleimer vor dem Hörsaal zu spucken. Während die stinkende Suppe aus dem Korb sickerte wankte er in den Saal. Es war ein viel zu gewöhnlicher Semesterstart für gute Vorsätze aber wenigstens versuchen wollte er es.

Drinnen sah er sich mit kurzsichtigen Augen um. Fahle, müde Gesichter mit verquollenen Augen und immer wieder ein völlig überdrehtes Schnattermaul und übertrieben freundliche Morgenmenschen. Der Geruch von saurem, billigen Kaffee hätte ihn fast wieder hinaus getrieben. Links und rechts neben ihm tauchten zwei verschwommene Gestalten auf, griffen ihm unter die Arme und schleiften ihn mit in eine leere Reihe.

„Der Flo war gestern mal wieder saufen. Ehrlich Junge, wieso kommst du überhaupt noch? Pennen kannst du doch besser zu hause.“

Mia und Erik. Beide etwa einen halben Kopf größer als Flo und drei Jahre jünger. Außerdem beide deutlich fleißiger oder wenigstens erfolgreicher als er selbst. Natürlich waren die beiden auch für die Party des Jahrhunderts eingeladen gewesen. Sie hatten sich aber spontan anders entschlossen und ihre private, offensichtlich Welten bessere, Party des Jahrhunderts zu zweit geschmissen. Dass diese bereits etliche Stunden zu ende war, bevor Flo sich entschlossen hatte doch noch sein Bett zu suchen sprach eher für die Party als dagegen. Er registrierte auch das Ergebnis nur beiläufig, ein zaghafter Kuss zu seiner Linken. Er brummte etwas, was ein Glückwunsch hätte werden können wenn er die Lippen auseinander bekommen hätte und sein Kopf nicht gerade auf den Tisch gesunken wäre.

„Ich darf Sie dann um Ruhe bitten und freue mich, dass Sie alle noch so zahlreich erschienen sind. Zunächst würde ich gerne ein paar organisatorische Dinge klären. Vorneweg, das Skript steht inzwischen für Sie zum Download im Lernraum bereit…“

Flo gab seinem inneren Zwang nach, gähnte herzhaft, rieb sich kurz die juckenden Augen und behielt sie nur einen Augenblick geschlossen. Vielleicht wäre er wirklich besser im Bett geblieben aber er hoffte immer noch auf das Wunder, den Stoff durch reines Zuhören aufnehmen zu können. Er atmete tief durch und richtete sich auf.

„…was Sie ja alle aus der letzten Vorlesung noch kennen. Mit dieser Folie würde ich das Thema dann auch gerne abschließen. Zum nächsten kommen wir dann aber erst in der nächsten Veranstaltung, dafür reicht die Zeit nicht mehr. Wir machen dann hier Feierabend, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag und denken Sie daran, ich habe fünf Minuten bei Ihnen gut.“

Irritiert sah Flo sich um. Alle packten ihre Taschen zusammen und standen auf. Er wusste nicht, ob er um sein Timing glücklich oder verärgert sein sollte. Innerlich sah er seine guten Vorsätze für das Semester dahin rieseln.

„Wieso habt ihr mich nicht geweckt?“ Der Vorwurf ging an Mia und Erik.

„Das haben wir versucht aber du warst nicht wach zu bekommen. Erik hat dir stattdessen ein extra Paar Augen aufgemalt damit du wenigstens wach aussiehst.“

Damit war Flo endgültig wieder im alten Semester angekommen. Unaufmerksam und um keine Gelegenheit verlegen, sich zum Affen machen zu lassen, ob er nun wollte oder nicht. Den Rest des Tages würde er sausen lassen und sich ausschlafen gehen. Mit etwas Glück würde ihm Mia morgen ungefragt Kopien ihrer schön sauberen Mitschriften mitbringen. Er wusste, das würde ihn einen Kuchen kosten. Diesmal wäre Schokolade eine gute Idee. Wenn er rechtzeitig aufwachte, wäre er sogar gleich morgen fertig. Wenn auch Uni und Partys einem das Leben zur Hölle machten, mit den richtigen Freunden war doch alles gleich viel leichter.

Inhaltsverzeichnis (in Arbeit)

Da die Menüführung auf meiner Seite bei vielen Einträgen sehr unübersichtlich wird, gibt es hier ein Inhaltsverzeichnis über alle Ausgaben. Klick auf den Namen der Ausgabe, um dorthin weitergeleitet zu werden.

Falls eine Verlinkung nicht funktioniert oder auf ein falsches Ziel zeigt, bitte gib kurz Bescheid, damit ich den Fehler korrigieren kann. Viel Spaß beim Lesen!

  1. Katerstimmung
  2. Der Bus
  3. Prokrastination
  4. Küchenarbeit
  5. Volleyball
  6. Verkehrte Welt
  7. Fütterungszeit
  8. Unten am Fluss
  9. Bücherwahn in der Bücherei
  10. Verkehrtere Welt
  11. Date
  12. Hörsaalgetuschel
  13. Ausgebrannt
  14. Fragestunde
  15. Kino
  16. Klausuren
  17. Ablenkung
  18. Bier und Brezeln
  19. Der Job
  20. Familienbesuch
  21. Waschsalon
  22. Notenlisten
  23. Zwischen den Fronten
  24. Praktikumsbewerbung
  25. Raubkater
  26. Vorstellungsgespräch
  27. Mittwochabendsblues
  28. „Bin wieder da.“
  29. Exkursion
  30. Semesterstart
  31. Anmeldungen
  32. Augen in der Bahn
  33. Bully
  34. Zocken
  35. Gruppenprojekt
  36. Herbstfest
  37. Die Leiden der jungen J.
  38. Seminar
  39. Regenbogen Regenschirm
  40. Advent
  41. Abendstunde
  42. WG-Leben
  43. Blockade
  44. Klausurfrust
  45. Leere
  46. Büroarbeit
  47. Ehekrach
  48. Urlaubszeit
  49. Bahnfahrt nach …
  50. Mia allein zu Hause
  51. Heimaturlaub
  52. Jahrestag
  53. Blockseminar
  54. Inkonsistenz
  55. Zahnarzt
  56. Besuch von Alex
  57. Morgennebel
  58. Kaputt
  59. Telefonkonferenz
  60. Paris
  61. Spielstunde
  62. „Save the Planet“
  63. Angebrannt
  64. Verschlafen
  65. Heimkehr
  66. Zahnschmerzen
  67. Kinderlachen
  68. Projektseminar
  69. Nachtschicht
  70. Wohnungsbesichtigung
  71. Notenfrust
  72. Seifenopern
  73. Nora
  74. Mindeshaltbarkeitsdaten
  75. Bibgetuschel
  76. Gedankenkarussell
  77. Wandlungen
  78. Kompromisse
  79. Passwort
  80. Bibstrategen
  81. Jemand der aufpasst
  82. Die ausgefallene Episode
  83. Blütenzauber
  84. Einkaufen
  85. Softwareexperimente
  86. Eisenbahnbrücke
  87. Entscheidungen
  88. Datensicherungen
  89. Dejavuz
  90. Referat
  91. Damals…
  92. Die Welt ist bekloppt
  93. Lange Nacht
  94. Stau
  95. Abend am See
  96. Auszeichnungen
  97. Keine Lust
  98. Nachtschicht
  99. Staubig
  100. Geburtstag
  101. Planungen
  102. Auf einen Kaffee mit Tina
  103. Anruf von daheim
  104. Kriesengespräche
  105. Zweifel
  106. Wer denn nun mit wem?
  107. Die Badezimmerchroniken Teil 1
  108. Die Badezimmerchroniken Teil 2
  109. Die Badezimmerchroniken Teil 3
  110. Die Badezimmerchroniken Teil 4
  111. Weihnachtsstress und Familienfeste
  112. Die Badezimmerchroniken Teil 5
  113. Die Badezimmerchroniken Teil 6
  114. Die Badezimmerchroniken Teil 7
  115. Die Badezimmerchroniken Teil 8
  116. Die Badezimmerchroniken Teil 9
  117. Die Badezimmerchroniken Teil 10
  118. Frustration
  119. Die Badezimmerchroniken Teil 11
  120. Prüfungserlebnisse
  121. „Nicht Du“
  122. Gedankefäden
  123. Blumen
  124. Abgabefristen
  125. Spaziergänge
  126. Andere Perspektiven
  127. Besondere Situationen
  128. Geläster
  129. Die eigene Meinung
  130. Streichungen
  131. Nachwuchs
  132. Drei sind Einer zu viel?
  133. Orientierungslosigkeit
  134. Zeitvertreib
  135. Herzschmerz
  136. Die Sache mit den Gefühlen
  137. Sommerlaunen
  138. Verspätung
  139. Verlust
  140. Erik zieht aus
  141. Überraschungshausarbeiten
  142. Das Klischee klopft an
  143. Laborkurse
  144. Neue Bleibe
  145. Mia und Tina
  146. Der innere Schweinehund
  147. Grüne Daumen
  148. Versagt
  149. Interessenten
  150. Des Pudels Wurzel
  151. „Durch“
  152.  Marlene
  153. Arbeitskreise
  154. Schönheitsideale
  155. Klimaschutz
  156. Familienfeiern
  157. Weihnachten fällt aus
  158. Smootiepartys
  159. Silvester allein
  160. Murmeltiertag
  161. Kein Bock und keine Zeit
  162. Filterblasen
  163. SVV
  164. Bahnbaustelle
  165. Ein Witz
  166. Kontrollverlust
  167. Tiny Homes
  168. Terminmanagement
  169. Ausschlafen
  170. Wartezeit