Hörsaalgetuschel – Ausgabe 2

Der Bus

Ein Hoch auf den ÖPNV und seine Freuden. Wie sehr es Flo doch liebte auf den Bus zu warten. Er hatte nicht mitgezählt aber inzwischen musste jeder einzelne Bus der gesamten Stadt an der Haltestelle vorbei gekommen sein, außer dem, der zur Uni hoch fahren sollte. Ein kurzer Blick auf die Uhr und ein langer Blick auf den Fahrplan. Vor zwanzig Minuten hätte er da sein sollen aber das war ja nur der Bus, der auf dem Plan stand und Fahrpläne waren entweder vorsichtige Vorschläge oder dekorative Elemente, die einem das Auffinden der Bushaltestelle erleichtern sollten. Wahrscheinlich wäre er schneller gewesen, wenn er gelaufen wäre. Später ist man immer schlauer aber das war nun schon das dritte mal in zwei Wochen, dass Flo darauf herein gefallen war. Jetzt noch los zu laufen würde ihm auch nichts mehr bringen und der andere Bus zwei Blocks weiter war um diese Zeit auch längst durch. Für einen Augenblick erwog er, einfach nach hause zu gehen und sich einen schönen Tag zu machen aber dann würde er seine Hausübung wieder nicht abgeben können und diesmal kam es zur Abwechslung wirklich mal auf etwas an.

Er atmete tief durch, zwang sich zur Ruhe und lehnte sich genervt an die Rückwand der Bushaltestelle. Um ihn herum bot sich das einheitliche Bild von Menschen, die mit stoischem Gesichtsausdruck, jeder für sich auf den Bus warteten und dabei regungslos ins Nichts glotzten. Auf Flo wirkten sie immer etwas wie Wachsfiguren oder Schaufensterpuppen. Die meisten hatten sich mit Kopfhörern abgeschottet und bekamen von der Umwelt nur noch das Nötigste mit. Er selbst hatte sich genau so mit Musik abgeschottet und sein Blick reichte entweder bis zur Nasenspitze oder bis zur Kreuzung, von wo aus der Bus kommen sollte. Die Wachsfiguren schienen geduldiger als er selbst zu sein. Offensichtlich wussten sie etwas, was er nicht wusste. Den genauen Zeitpunkt zum Beispiel, an dem der Bus kommen würde.

Gerade als er zum unendlichsten mal die Uhr über dem Imbis gegenüber prüfte schob sich ein klappriger und deutlich überladener Bus über die Kreuzung. Flo konnte in den Augen des Busfahrers sehen, wie er beim Anfahren der Haltestelle die Wartenden zählte und abschätzte, ob es noch passen würde oder ob er einfach durchfahren sollte. Glücklicherweise entschied er sich nicht nur zum Halten sondern auch noch dazu, die Türen auch zu öffnen. Wieder etwas nicht so selbstverständliches in dieser Stadt, so verrückt es auch klang. Er nahm einen kleinen Anlauf und stieg mit Schwung in den Bus ein. Stöhnender Protest kam ihm entgegen, er machte seine Musik lauter und ließ es an sich ab perlen.

Die Morgensonne brannte auf das Dach des Busses und schaffte es bereits erstaunlich gut die Luft im Inneren auf zu heizen. Gegen den Lärm half die Musik recht gut. Kurt Cobain besang gerade den Geruch des Teenspirit. Flo seufzte angestrengt. Wenn er gerade eines nicht riechen wollte dann den ‚Teenspirit‘ hier im Bus. Neben ihm drückte sich ein schwer übergewichtiger Erstsemester in den Türbereich. Sein Hemd war bereits schweißnass und verströmte den hierzu typischen Duft. In seinem Rücken bemühte sich eine Kommilitonin darum, das Aroma mit ihrer eigenen Duftmarke von einer halben Flasche billigen Parfüms und Unmengen Deodorants zu betäuben. Hoffentlich hatte sie gestern Abend noch die Zeit zum Duschen gefunden, heute morgen hatte sie sich damit jedenfalls nicht aufgehalten, soviel war deutlich.

Durch den winzigen Fensterschlitz wehte eine milde Brise herein und verteilte die annähernd sichtbare Wolke, die sich um ein Grüppchen von vier nicht klar definierbaren Gestalten gebildet hatte. Bei ihnen konnte man nur hoffen, dass sie sich diesen Monat überhaupt schon einmal gewaschen hatten und der Monat war bald zu ende. Flo war das unbegreiflich. Wenn er sich schon die Mühe machte sich unter Menschen zu begeben, dann wollte er sich wenigstens ansatzweise so benehmen als wäre er etwas Besseres als sie. Dazu gehörte selbstverständlich sauber zu sein und vollständig angezogen.

Das Mädel, was ihm gerade den Ellenbogen in den Bauch drückte befolgte wenigstens schon einmal den hygienischen Teil. Dafür trug sie neben einem Minirock und Fellstiefelchen nur ein bauchfreies Oberteil. Da die Gute aber alles außer bauchfrei war wirkte das Outfit eher wie der Unfall eines Metzgerlehrlings. Sollte er so etwas als persönliche Beleidigung auffassen oder einfach ignorieren? Er konnte sich nicht entscheiden. Während er darüber grübelte ratterte der Bus an den letzten Haltestellen der Route entlang. Dort standen immer noch Gruppen von Studenten die dem völlig überfüllten Bus ärgerlich nach riefen. Statt die letzten zweihundert Meter einfach zu Fuß zu laufen studierten sie den fehlerhaften Busplan um doch weiter zu warten.

Flo empfand eine Mischung aus Neid und Verachtung für sie. Da konnten sie schon laufen und taten es nicht. Sie würden lieber zwei Minuten in diesem Wirrwarr ungemütlicher Gerüche zubringen und mit Leuten kuscheln an denen man im Idealfall vorbei geht ohne ihnen selbst Ignoranz zu gönnen. Er hätte früher aufstehen und direkt die ganze Strecke laufen sollen. Das Wetter war viel zu gut zum Bus fahren. Bislang war es überhaupt das Beste am ganzen Tag. Dicht gefolgt von der Endhaltestelle, an der der Bus nun klappernd zum Stehen kam. Die Türen öffneten sich und die lebende Ladung purzelte und taumelte auf den Bürgersteig davor ehe sie sich verteilte. Flo hatte bei diesem Bild jedes mal die Assoziation mit einem Monster, was zu viel gefressen hat und sich nun die Seele aus dem Leib kotzt vor Augen. Heute versüßte es ihm den Morgen.

Er drehte sich kurz um, um sich zu vergewissern, dass er auch irgendwem auf jeden fall im Weg stand. Der Wind trieb ein Blatt Papier vor sich her. Schwarze Schrift auf weißem Hintergrund tanzte fröhlich in der Sonne, dicht gefolgt von einem Mädchen mit blonden Blocksträhnen, einem dicken rosa Ordner unter dem Arm und blanker Panik in den Augen. Kurz darauf hatte sie das Blatt wieder eingefangen und räumte es zittrig zurück in den rosa Ordner. Flos Grinsen gefror. Seine Hand fuhr in seine Tasche und bestätigte ihm das imaginäre Abbild seines Küchentischs. Dort, neben seiner Wasserflasche, lag noch immer seine Hausarbeit.

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