Warteschleife

Die Stimme einer Frau, kratzig und durch statisches Rauschen verstümmelt, drang aus einem kleinen Lautsprecher.

„Frachter Augustus, hier Stationskontrolle. Bitte passen Sie ihren Kurs an, zwei Grad ab, Leitstrahl sieben. Verbleiben Sie einen Moment auf Warteposition bis sie Andockerlaubnis haben.“

Kapitän Carla Berol hatte die Fingerspitzen aneinander gelegt und die Ellenbogen abgestützt. Der Radarschirm war sehr viel voller, als sie es erwartet hatte. Die Station war klein, im Grunde unbedeutend und lag abseits. Trotzdem hatte sie soeben das dritte mal in Folge einen Platz in der Warteschleife bekommen. Sie war diese Route schon mehrfach geflogen aber nie war so viel los gewesen. Mehr als zehn Signaturen von Frachtdrohnen drängten sich um die kleine Basis und erwarteten ihre Anweisungen. Die Meisten waren so klein, dass sie nicht einmal eine Kapsel für eine Notfallbesatzung hatten. Automatische Systeme auf festen Routen, nur zum Transport von Rohstoffen und Versorgungsgütern. Sie hatte noch nie erlebt, dass so eine Drohne Vorfahrt gewährt bekommen hätte.

Auch diesmal war das Problem offensichtlich nicht die Drohnen. Angedockt an der Station, die nur in der Vergrößerung überhaupt sichtbar war, lag etwas Großes. Eine filigrane Struktur, doppelt so lang wie die gesamte Station aber kaum erkennbar im Durchmesser, blockierte gleich mehrere Luftschleusen auf einmal. Ein großer Ring rotierte am einen Ende der Struktur. Carla Berol hatte von diesen Ringen gehört. Auf dem Mars hatte man einige von ihnen gebaut um in der Schwerelosigkeit des Weltalls die Illusion von oben und unten einfangen zu können. Ein paar der neuen Raumschiffe für interstellare Reisen sollten damit ausgerüstet werden. Es gab zwar Antigravitationssysteme, die auch ohne Ring auskamen aber die hatten sich als sehr energiehungrig und unzuverlässig erwiesen.

Nun versuchte man es also mit einem Modell, was älter als die Raumfahrt selbst war. Carla Berol musste zugeben, dass der Anblick beeindruckend war. Ihr Schiff hatte nie den Luxus von Schwerkraft gehabt und würde es auch nie haben. Wirkliches Gewicht hatte ihr Körper das letzte mal vor etwa sechs Jahren erfahren, als sie auf dem Mond der Erde Station gemacht hatte. Obwohl sie ein tägliches Fitnessprogramm durchführte, um jederzeit wieder zu einem Ort mit Schwerkraft zurück kehren zu können, hatte sie diese Erfahrung als ausgesprochen unangenehm in Erinnerung behalten. Noch Tage nach ihrem Abflug hatte sie einen bissigen Muskelkater verspürt.

„Frachter Augustus, bitte vorrücken auf Warteposition, Leitstrahl sechs.“

Nummer vier. Langsam wurde es albern aber sich zu beschweren würde nichts ändern. Die Dame im Leitstand der Station wahr vermutlich gerade völlig mit der Situation überfordert und versuchte nur, das Unmögliche zu schaffen. Ihre Stimme klang jung und ein klein wenig so, als würde sie mit größter Anstrengung ihre Unsicherheit durch Lautstärke überdecken müssen.

Carla Berol fragte sich, ob die alte Chenwei Wu nicht gerade hinter dem Mädchen in der Zentrale schwebte und jeden ihrer Schritte argwöhnisch beobachtete. Sie hatte früher schon als Ausbilderin gearbeitet, daher war der Gedanke nicht abwegig. Es hatten allerdings nicht viele Schüler der Raumaufsicht das Pech, so weit außen ihren Dienst verrichten zu müssen. Chenwei Wu war zudem immer eine sehr strenge Lehrerin gewesen. Auch wenn ihre Schüler am Ende immer zu den Allerbesten gehört hatten, Carla Beron hatte sie immer etwas bedauert.

Mit ein paar blinden Handgriffen hatte sie ihren Kurs angepasst. Das Licht des Radars und der Triebwerkskontrollen war so eben ausreichend, um eine Spiegelung ihres Gesichts auf dem Sichtfenster zu erzeugen. Ansonsten herrschte vollkommene Dunkelheit in dem kleinen Steuermodul. So mochte sie es am liebsten. Auch in der engen Nasszelle und dem Aufenthaltsraum war bestenfalls eine schummrige Beleuchtung eingeschaltet. Fünfzehn Kubikmeter, alles in allem. Mehr hatte sie nicht zur Verfügung. Es war einmal deutlich mehr gewesen, damals, als es für die Raumfahrt noch Investoren gegeben hatte. Sie hatte sogar zwei Besatzungsmitglieder gehabt. Einen Navigator und einen Wartungstechniker. Im hinteren Teil, wo nun die Lebenserhaltung saß, hatten sich damals noch ein Schlafmodul und ein begehbares Lager befunden. Nachdem die beiden Positionen durch automatische Systeme abgelöst worden waren und sie alleine war, hatte es sich nicht mehr gelohnt, den Raum zu versorgen. Es hatte unnötig Energie benötigt, also hatte sie die Module verkauft. Sie hatte diesen Schritt gelegentlich ein wenig bedauert.

Der Bordcomputer meldete, dass die Position auf dem Leitstrahl erreicht war. Hoffentlich war das die letzte Zwischenstation. Ihr Treibstoff würde nicht ewig halten und jedes dieser Manöver kostete sie zusätzlich auch noch Zeit. Auch wenn die Zeit ihr geringstes Problem war, es war ein Ärgernis. Sie hatte sich auf die Station gefreut. Einmal einige Schritte laufen zu können, sich in alle Richtungen ausstrecken zu können oder etwas anderes, als ihre eigenen Rationen zu essen. Die Station hatte sogar ein Sportcenter mit Laufbahn. Langweilig wäre ihr jedenfalls nicht geworden, in den achtundvierzig Stunden, die sie dort hätte sein können, ehe ihr Startfenster sich schloss.

Inzwischen waren es nur noch vierzig Stunden. Sie ärgerte sich, dass sie im Anflug Treibstoff gespart hatte und früher gebremst hatte. Diese Stunden fehlten ihr jetzt. Die Station mit ihrem Anhängsel war inzwischen deutlich größer durch das Fenster zu sehen. Man konnte einzelne Lichtpunkte als Fenster identifizieren und es gab eine Menge davon. Der große Ring des Raumschiffs hatte gleich vier Reihen übereinander davon. Vier Stockwerke, das musste Raum für mindestens tausend Menschen sein, wenn nicht sogar mehr.

Carla Berol hatte keinen Vergleich, wie viel Raum tausend Menschen benötigten. Sie wusste nicht einmal, wie tausend Menschen aussahen. Auf dem Mond hatte sie damals eine Bar gesehen in der sich mehr als hundert Menschen befunden hatten. Es war schrecklich gewesen. Laufend war man mit jemandem zusammen gestoßen oder hatte den Atem der anderen gespürt. Die meisten rochen auch noch stark. Wasseraufbereitung im Weltall ist aufwändig und eine Dusche großer Luxus. Das hatte sich seit den Tagen der ersten Raumflüge nicht geändert.

Das war jedenfalls die größte Menschenmenge gewesen, an die sie sich erinnern konnte. Ihre Mutter war auf einem Asteroiden in einer Mine angestellt gewesen. Dort war sie geboren worden, hatte die ersten Jahre ihre Lebens und die Schulzeit erlebt. Fernab großer Städte hatte sie nur zwei andere Kinder gekannt. Was aus den beiden geworden war wusste sie nicht genau. Vermutlich waren sie zur Erde geflogen. Sie hatte nur einmal eine kurze Nachricht gelesen, dass eine Außerirdische auf der Erde an den Nebenwirkungen der Schwerkraft gestorben war. Irgendwie hatte sie diese paar Zeilen immer als Todesmeldung ihrer Kindheitsfreundin im Gedächtnis abgespeichert. Die Minuten in der Warteschleife zogen sich zäh dahin.

„Frachter Augustus, hier Stationskontrolle. Bitte dem Leitstrahl auf Andockposition folgen und Kurs anpassen. Wir fangen Sie ein, sobald wir soweit sind.“

Das war ein Fortschritt, wenn auch nur ein kleiner. Sie hatte eine Luftschleuse bekommen aber noch keine Andockerlaubnis. Sie aktivierte einen kleinen Schub, gerade genug, um den Frachter auf den Weg zu bringen. Sie hatte es nicht eilig. Solange sie keine endgültige Genehmigung hatte jedenfalls.

Das angedockte Raumschiff wurde größer und größer, bis es einen Großteil des kleinen Fensters ausfüllte. Es war riesig, das wurde ihr jetzt erst wirklich bewusst. Der gewaltige Ring und das massive Triebwerk waren durch eine filigrane Gitterstruktur verbunden, die weit über die Station hinaus in die Tiefe des Alls ragte. Die Größenverhältnisse machten ihr wieder einmal deutlich, wie schrecklich unbedeutend und winzig sie selbst und ihr Schiff überhaupt waren. Das alles umgebende All war im Vergleich dazu so riesig, so unfassbar groß, dass sie überhaupt kein Verständnis dafür entwickeln konnte. So riesig dieses Schiff dort auch war, vor wenigen Stunden war es noch nicht einmal ein Staubkorn gewesen.

Sie erhaschte einen Blick auf die Innenseite des Ringes. Durch erschreckend riesige Dachfenster konnte sie einen Blick in den Raum darunter werfen. Es schimmerte grün hindurch, nein, es leuchtete richtig. Da wuchsen Pflanzen, mitten im Weltraum, einfach so in einem offenen Raum. Sie reiste seit Jahrzehnten zwischen den Himmelskörpern der Menschheit umher und hatte doch noch so wenig gesehen. Was hatte sie mit ihrem Leben gemacht? Sie hatte die langen Reisezeiten dazu genutzt, zu lernen. Sie hatte Geschichten gelesen, Berichte gehört und Dokumentationen gesehen. Sie hatte versucht zu verstehen wie die Welten und alles darum herum funktionieren aber sie hatte am Ende so wenig davon selbst gesehen.

Der Bordcomputer hatte sie erfolgreich vor die Andockluke manövriert. Durch das Bullauge konnte sie die Greifer der Station sehen, welche soeben aus fuhren. Die kratzige Stimme der Frau im Leitstand war wieder da. Es gab weniger statisches Rauschen aber inzwischen klang sie nicht mehr nervös. Aus ihrer Stimme klang Erschöpfung und eine Spur Resignation.

„Frachter Augustus, hier Stationskontrolle. Sie werden jetzt angedockt, bitte öffnen Sie ihre Luftschleuse erst, wenn das System die Freigabe erteilt. Ansonsten heiße ich Sie herzlich willkommen auf Triton. Genießen Sie ihren Aufenthalt.“

Endlich, das war der einzige Gedanke, der Carla Berol durch den Kopf ging. Zeitgleich hörte sie noch, wie die Dame im Leitstand ebenfalls ein leises Endlich seufzte, ehe sich die Leitung schloss. Sie öffnete den Gurtverschluss und die Sicherheitsgurte verschwanden in der Lehne ihres Sessels. Sie streckte die Arme aus, griff in die Halteschlaufen über sich und zog sich nach Hinten, vor die Schleuse. Ein lautes Rasseln ging durch das ganze Schiff, gefolgt von einem mechanischen Knall. Die Verriegelung war eingerastet, die Station hatte ihre Tore für sie geöffnet und die Kontrollleuchten standen auf grün. Sechs Monate unterwegs in einem Raum, der kaum ein besserer Container war. Nun würde sie endlich wieder fremde Luft atmen mit all seinen merkwürdigen Gerüchen und Substanzen.

Über der Schleuse hing ihre Schweißerbrille. Auf der Station würde man sich nicht mit Dämmerlicht zufrieden geben. Quecksilberdampflampen leuchteten jede für sich wie eine kleine Sonne. Für ihre Augen wäre das tödlich nach den Monaten der Dunkelheit. Sie zog die Brille über, die dunklen Gläser löschten das wenige Licht in der Kabine aus und mit einem blinden Handgriff öffnete sie das Schott. Und wenn es nur für wenige Stunden war, nun trieb sie erst einmal in eine völlig andersartige Welt, als die ihre hinüber. Irgendwann würde sie diesen Gang das letzte mal antreten und wer konnte wissen, wann es soweit war.

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Ein Gedanke zu „Warteschleife

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