Hörsaalgetuschel – Ausgabe 7

Fütterungszeit

Die ersten zwei Stunden Vorlesung waren vorbei und die Mensa öffnete ihre Tore zum täglichen Mittagessen. Die gesamte Studierendenschaft stürzte synchron zur Essensausgabe, soweit sie sich nicht gegenseitig im Weg standen. Auf der anderen Seite der Theke stand schwitzend das Mensapersonal und klatschte eilig die Schöpfkellen in die Mulden der Tabletts. Mit Tellern und Schüsseln verschwendete man nur Zeit. Zeit, die die hungrige Meute nicht opfern wollte. Gierig griffen sie nach den Haufen knorpeligen Fleischstreifen und zerkochter Nudeln mit dünner Soße. Danach drückten sie sich durch die Kassenschlange mit Toren, die irgendwie an Gatter einer Viehweide erinnerten. Das Einzige was sie jetzt noch von ihrem Essen trennte, war dass sie ihr eigenes Rudel wieder finden und einen Tisch mit genügend Sitzplätzen erobern mussten.

Auf der Treppe, die in den großen Saal hinab führte stand ein Dreigestirn aus einem Pärchen von Mia und Erik und einem erschreckend nüchternen Flo. Er hatte seine Vorräte vor zwei Wochen geleert und danach beschlossen, es vorerst dabei zu belassen. Mia hatte ihm eine Woche gegeben und Erik hatte sich auf eine Wette eingelassen, die er bereits zwei Tage später glanzvoll verloren hatte. Was Mia aber noch mehr erstaunte war, dass sie schon diese ganze Zeit keinen Kuchen mehr fordern konnte. Inzwischen war das Gegenteil der Fall. Heute hatte sie einen Zitronenkuchen für ihn in der Tasche und sie hatten sich gemeinsam darauf geeinigt, dass er ihr Mittagessen sein sollte.

Sie fanden einen freien Tisch, abseits des großen Gemetzels und Erik verteilte drei Stapel Servietten darauf. Sie waren zu dünn, um sie einzeln zu nehmen und Teller gab es hier nicht mehr. Mia platzierte den Kuchen in der Mitte und Flo zückte mit einer großen Geste sein Taschenmesser.

„Sollen wir das wirklich hier machen?“ Er zögerte

„Wo würdest du das sonst machen wollen?“

„Keine Ahnung. Draußen, auf der Wiese vielleicht. Das Wetter ist doch echt toll und da können sie und auch nicht verscheuchen. Letztes Semester haben die uns doch selbst raus geschmissen, weil wir nach dem Essen noch die Kopien durchgesehen haben.“

Dies ist ein Gastronomiebetrieb und kein Lernraum! Suchen Sie sich bitte einen anderen Ort.“ imitierte Erik die Situation von damals.

„Okay, dann gehen wir raus“ beschloss Mia, „aber schneiden kannst du ihn schon mal. Draußen haben wir keinen Tisch.“

Den Gefallen tat Flo ihr gerne. Das Messer bohrte sich in die extra zitronige Zitronenglasur. Sie war noch weich genug, dass sie nicht gleich zerbrach und der Kuchen barg noch eine weitere Überraschung: Statt einen gewöhnlichen Kastenkuchen hatte sich Mia die Arbeit gemacht, dem Kuchen eine Füllung aus Zitronencreme zu verpassen. Er grinste stumm vor sich hin. Manchmal fragte sich Flo, was Mia wohl anstellte um ihre Beziehung mit Erik frisch zu halten. Erik selbst war sehr Pflegeleicht aber dafür auch zu faul um selbst große Initiativen zu ergreifen.

Zitronencreme, sie kannte ihn schon zu gut. Und er kannte sie gut genug um daran zu erkennen, dass ihr seine Hilfe wirklich viel wert war. Für ihn war das eine enorme Motivation.

Alle drei hatten sie ein dickes Stück Zitronenkuchen vor sich auf dem Tisch liegen, als sie ihre Taschen griffen. Vor ihrem Tisch tauchten zwei Mädels mit Salat auf ihren Tabletts auf. Mit neidischen Augen betrachteten sie den Kuchen.

„Hey! Geht ihr grade oder braucht ihr die Plätze noch?“ Ihre Augen sagten mehr als deutlich „Ihr könnt gerne gehen aber lasst den Kuchen da … nein! Nehmt ihn bloß mit, so wird das doch sonst nie was mit der Bikini-Figur!“

Sie taten ihnen den Gefallen und ließen sie mit ihren Salaten alleine. Kuchen in der Mittagssonne. So ließ sich das Studentenleben doch wirklich mal genießen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 7

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