Hörsaalgetuschel – Ausgabe 8

Unten am Fluss

Endlich kam der Sommer. Der erste Tag des Jahres an dem die Temperaturen auch im Schatten über 25°C klettern wollten. Flo fühlte sich wohl wie er so ihm Hörsaal saß, die Beine baumeln ließ und die letzten Minuten der Vorlesung verfolgte. Er war immer noch wach, immer noch nüchtern und immer noch bei der Sache. Neben ihm bemühte sich Erik um Mias Aufmerksamkeit. Sie war zusehends genervt davon, es half ihr nicht besonders gut dabei, der Vorlesung zu folgen.

„Das soll es dann auch für dieses mal gewesen sein. Wir sehen uns diesen Freitag wieder, versuchen Sie bis dahin auch ein wenig die Sonne zu genießen. Bis dahin.“

Erik ächzte genervt als er seine Tasche zusammen räumte.

„Genießen Sie die Sonne. Na als hätten wir sonst nicht viel zu tun. Am Freitag steht er dann wieder da und trichtert uns ein, dass wir ja eh durch die Klausur fallen, weil wir nicht genug dafür lernen.“

„Wie wäre es dann, wenn du ihm einfach mal für ein paar Minuten in der Vorlesung zuhörst statt mir unter den Rock zu grabbeln? Dann könnte ich hier sogar auch mal etwas lernen und wir würden nicht wieder den ganzen Nachmittag in der Bibliothek sitzen müssen.“

Mia war sichtlich gereizt und unzufrieden mit ihrer Situation. Flo verstand ihr Problem nicht so wirklich. Vielleicht lag es daran, dass er wach geblieben war. Oder daran, dass er endlich nicht mehr fror. So sehr er auch den damit einhergehenden Gestand verabscheute, die Wärme tat ihm zu gut. Um sich herum hörte er die Klagen der Kommilitonen, die sich beklagten, dass es ja ach so heiß war. Für ihn hatte der Sommer noch nicht einmal angefangen. Zu heiß gab es unter 42°C einfach nicht!

Hatte er nicht vor, eine Skandinavien-Rundreise zu machen? Island und Grönland inklusive natürlich. Er hatte sehr viele sehr beeindruckende und schöne Bilder von dort gesehen und wollte es endlich einmal mit eigenen Augen sehen. Die Ironie daran war nur, dass es dort selten etwas anderes als kalt war.

Die Sonne schien durch die schmalen Fenster des Hörsaals.

„Also, was machen wir jetzt? Es ist schönes Wetter. Wir könnten uns Eis holen und an den Fluss setzen. Hmm?“

„Meinst du nicht, wir sollten erst einmal in der Bibliothek die Vorlesung nacharbeiten? Wenn wir einmal draußen sind wird das nichts mehr.“

Der Professor ging hinter ihr die Treppe hoch und verschwand durch den Ausgang, nicht ohne ihr vorher einen verwirrten Blick gewidmet zu haben. Erik hatte es bemerkt und verkniff sich ein Lachen. Flo lachte nicht.

„Was willst du da großartig nacharbeiten? Er hat heute doch überhaupt nichts Neues gemacht. Das war alles nur Wiederholung von letzter Woche und das haben wir schon abgeschrieben und gelernt. Erinnerst du dich?“

Sie erinnerte sich nicht aber das hielt Flo nicht ab. Er führte sie geradewegs aus dem Gebäude und weg vom Campus. Wenn sie unbedingt darauf bestand, dann konnte er ihr den Inhalt der Vorlesung auch noch mit einem Eis in der Hand und einem Fuß im Wasser erklären. Es war sowieso nur Theorie gewesen.

Und war es möglich, dass Erik mit ihm die Rolle getauscht hatte? Früher war er es doch immer gewesen, der mit müden Augen hinterher getrottet kam. Nun hatte Erik diese Rolle übernommen und es wirkte fast so, als würden sie ihn binnen Minuten verlieren, wenn Mia ihn nicht an der Hand hinter sich her zog. Es gab doch immer wieder Überraschungen im Leben.

Das Eis war kalt, das Wasser auch und die Sonne heiß. Flo lag auf dem Anglersteg an der alten Holzbrücke und ließ einen Fuß in die sanften Wellen baumeln. Würde das Wasser still stehen, sein Fußschweiß hätte sicher ölige Schleier auf die Oberfläche gezaubert. Mia hatte sich kein Eis gegönnt. Sie hatte das Buch und ihren Hefter aufgeschlagen und versuchte nach zu vollziehen, wo die Wiederholung anfing und aufhörte. Erik versuchte sie dabei mit seinem Wissen zu beeindrucken indem er ihr zu jedem Stichwort einen kleinen Vortrag hielt. Einiges weniges von dem was er sagte, war sogar richtig.

Flo hatte sein Eis inzwischen auf. Er zog ein Stück Kreide aus der Tasche, das er an einer Tafel in einem verlassenen Lernraum in der Uni gefunden hatte und begann ein Schaubild auf den gepflasterten Weg zu zeichnen. Wenn Erik fertig damit war, sich zum Affen zu machen konnte er immer noch etwas sagen. Oder Erik bemerkte einfach das Schaubild und würde sein Gehirn einschalten und seine Freundin nicht mit Schwachsinn beeindrucken wollen. Aktuell sah es nicht gut für ihn aus.

Das Schaubild war inzwischen fertig. Erik hatte es sich zwar angesehen aber nicht deuten können. Mia aber erinnerte sich und hatte den Spieß einfach umgedreht. Sie erklärte Erik was er sehen sollte während Flo daneben schon an den nächsten Schaubildern saß. Kreide rieb über Beton und hinterließ weiße Striche. Er genoss das Gefühl. Es war ein klein wenig wie mit der Straßenkreide als Kind, nur dass hier noch Wissen im Spiel war und das war für jeden gut sichtbar. Sonne, Eis und eine kleine Dosis Angeberei.

Als die Sonne sich den Hügelkuppen auf der anderen Flussseite näherte fühlte er sich gut. Die Kreide war fast aufgebraucht, in seinem Rücken knutschten Erik und Mia die sich eben noch wild gestritten hatten und er bemerkte nicht einmal Jenny, die am Brückengeländer lehnte und mit ihrem üblichen Spott auf ihn herab blickte. Diesmal im wahrsten Sinn des Wortes.

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6 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 8

  1. rina.p

    Auch einer meiner Gründe, warum ich wohl eher nicht Schweden, Norwegen, Finnland zu sehen bekomme – zu kalt.

    Ich habe es gehasst, dieses Gefühl, dieses schlechte Gewissen mal was anderes zu machen, als in diese verfluchten Unterlagen zu schauen…*grrr*

    Gefällt 1 Person

    Antwort
  2. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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