Hörsaalgetuschel – Ausgabe 11

Date

Der Ball flog übers Netz, wieder und wieder, Schlag um Schlag. Flo hatte noch immer den Eindruck, Volleyball wäre einer der langsamsten Ballsportarten überhaupt aber langsam hatte er das System verstanden. Wenn er dann mal die Möglichkeit hatte sich zu bewegen, dann war er zu schlecht um wirklich Punkte zu holen. Seine Lieblingsposition hatte er direkt am Netz gefunden. Nicht ganz so wenig zu tun, einfache Blocks und das Wichtigste: eine gute Aussicht auf die andere Seite des Spielfeldes.

Jenny floss über das Spielfeld und erweckte überhaupt nicht den Eindruck, dass das Spiel langweilig sein könnte. Flo verstand nicht, wie sie das machte aber er gab sich auch keine große Mühe. Er war nicht hier um das Spiel zu verstehen, sondern um einen Grund zu haben zuzusehen. Das hatte er schon immer so getan aber in den letzten Wochen hatte sich die Situation etwas verändert.

Seit sie ihn vor ein paar Wochen angesprochen hatte, schien sie ihn immer mehr wahrzunehmen. Sie bemerkte, dass er sie beim Spiel genau beobachtete und er machte sich nicht einmal mehr die Mühe, das verstecken zu wollen. Gelegentlich erwiderte sie sogar sein Lächeln, wenn sie in seine Richtung sah. Inzwischen hatte er nicht einmal mehr den Eindruck, sie würde ihn unterhalb ihrer Schuhsohlen sehen.

Die letzten Wochen hatte sie ihn sogar nach dem Training ein Stück auf dem Heimweg begleitet, und auch wenn er sich etwas schämte, es zuzugeben, er hatte das ein oder andere Mal tatsächlich noch auf sie gewartet. Bei ihren Gesprächen war es um Volleyball, Uni und die Feiertage gegangen. Banalitäten aber sie hatten ihm auf erstaunliche Weise gut getan. Er genoss diese gemeinsamen Heimwege ohne sich zu trauen, dem Gespräch mehr Tiefe zu geben. Insgeheim ärgerte ihn das und er hatte Pläne, genau das zu ändern.

Heute musste Flo nicht einmal auf Jenny warten. Sie stand bereits vor der Halle und band sich die Schuhe zu, wie es aussah schon zum mindestens vierten Mal in Folge und ungewöhnlich langsam. Er überlegte eine Weile, ob er hinter der Türe stehen bleiben wollte, um sie einen Moment zu beobachten. Nach wenigen Sekunden kam er sich aber schon so gemein vor, dass er doch hinausging und sein Fahrrad losschloss.

Kaum stand er neben ihr, war sie auch mit ihren Schnürsenkeln fertig. Er verkniff sich ein Grinsen und sah zu ihr hinüber. Sie starrte abwesend ins Leere.

„Möchtest du mich vielleicht noch ein Stück begleiten?“ Er nahm all seinen Mut zusammen und bot ihr seinen Arm an. Er rechnete schon mit einer Ohrfeige, auf jeden Fall aber mit ihrem herablassenden Blick. Sie entschied sich für den unwahrscheinlichsten Fall und hakte sich bei ihm unter.

„Und was nun?“ Ging es ihm durch den Kopf. Bis hier hin hatte er die Situation wieder und wieder im Kopf durchgespielt aber nie weiter. Seine Beine setzten ihre Schritte von alleine. Gemächlich, nicht zu schnell, wanderten sie durch die hereinbrechende Nacht. Für Flo stand die Zeit still als die Straßenlaternen und vereinzelten Schaufenster vorüber zogen. Es war leise. Niemand sagte ein Wort, kein Auto fuhr, nicht einmal ein Hund bellte irgendwo. Fast schon zu leise. Er sollte etwas sagen, das spürte er.

„Hast du vielleicht noch Lust auf ein Eis?“

Sie blieb stehen, sah ihn misstrauisch an und zum ersten Mal hatte er nicht den Eindruck, dass sie ihn mit ihrem Blick verspottete.

„Soll das eine … Einladung zu einem Date werden?“

Er überlegte einen Augenblick und entschied dann, dass es nun sowieso zu spät war, die Situation noch zu retten.

„Ja, ich schätze das soll es wohl.“ Sollte er noch etwas nachsetzen? In der Art wie: Tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe treten? Sie kam ihm zuvor.

„Okay.“

Das war alles. Okay. Für ihn war es alles, was sie sagen musste. Alles Weitere wäre zu viel gewesen. Nun konnte er sich sein Grinsen doch nicht mehr verkneifen und das wollte er auch nicht mehr. Okay. Das war so gut wie ein Ja. Er versuchte die Situation zu erfassen aber konnte es kaum. Er hatte sie auf ein Date eingeladen und sie hatte ja gesagt. Um die Ecke kannte er eine Eisdiele, die bis Mitternacht geöffnet hatte. Das war nun also ihr neues Ziel.

Die Straße war immer noch zu ruhig. Es lag nicht nur daran, dass Jenny inzwischen etwas näher gekommen war und sich fast schon an ihn anschmiegte. Als er um die Ecke bog, fand er den Grund für sein ungutes Gefühl. Ein kleines Blatt Papier in der verschlossenen Türe der Eisdiele:

Liebe Gäste,

aus familiären Gründen bleiben wir heute leider geschlossen.

Wir hoffen Sie morgen wieder bei uns begrüßen zu dürfen.

Mit freundlichen Grüßen.

Das musste ein schlechter Scherz sein. Er stöhnte entsetzt auf. Ganz abgesehen von ihrem Date hatte er sich tatsächlich auf das Eis gefreut. Jenny nahm seine Hand und lächelte ihn sanft an.

„Keine Sorge. Ich habe noch Eis zu Hause. Komm, ich glaube du kennst den Weg eh schon.“

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4 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 11

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