Hörsaalgetuschel – Ausgabe 12

Hörsaalgetuschel

„Und hast du mal auf seine Hose geachtet? Ich glaube, er hat nur die beiden und alle beide sind kaputt. Eine ganze Woche trägt der die, voll fies.“

So sehr sich Flo auch bemühte, der Vorlesung zu folgen, es war unmöglich. Die beiden Mädels vor ihm quasselten in einer Tour durch und lästerten. Neben ihm ballte Mia zum wiederholten male die Fäuste und Flo befürchtete, sie würde ihren Stift zerbrechen. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn die Beiden auch über ihn gelästert hätten, so schamlos waren sie. Irgendwo hätte er es sogar verstehen können. Seine einst so sorgsam gepflegte Frisur hatte schwer gelitten und der kurze Dreitagebart war zu einem büscheligen Irgendwas verkommen, was sicher nicht kurz war.

„Naja vielleicht kann er sich nur nicht leisten, die anderen zu waschen. Das soll es ja auch geben. Ein Wunder, dass sich überhaupt jemand mit dem abgibt.“

„Die eine Komische meinst du? Die immer nach Energydrinks stinkt? Ist der nicht sogar mit der zusammen?“

„Wie die aussieht, könnte sie sogar von ihm schwanger sein.“

„Boa ja, das könnte wirklich sein. Bestimmt ist die schwanger von dem.“

Während Flo sich bemühte, nicht laut los zu lachen zerpulverte Mia die Spitze ihres Bleistifts. Erik bekam davon nichts mit. Er war völlig in ein Video vertieft, was er auf seinem Tablet abspielte. Flo wusste, über wen das Gespräch vor ihm ging. Die beiden Kommilitonen waren weder ein Paar, noch war das Mädchen schwanger. Im Gegensatz zu den Lästermäulern waren sie sogar ausgesprochen gepflegt und gut aussehend. Die beiden Mädels störten sich nicht an Fakten oder Spiegelbildern.

„Wie deren Kind wohl aussehen wird. Bestimmt hat das rote Haare, so wie seine Mutter. Das arme Ding. Wie heißt der überhaupt? Martin? Michael? Irgendwas mit ‚a‘ war es doch.“

„Felix meinst du. Oh ja, was für ein ‚a‘. Mensch, Schatzi, der sitzt doch bei uns sogar im Tutorium.“

„Stimmt ja. Der guckt dich immer so komisch an, wenn wir rein kommen. Bestimmt steht der heimlich auf dich. Aber du merkst dir ja sogar seinen Namen.“

„Sicher nicht. Hör mal auf zu lügen hier, Mädchen.“

Flo schloss die Augen. Ein einzelner Satz wanderte durch seinen Geist. ‚So unterlasse sie diese Gossensprache‚. Die beiden waren alles, außer besonders helle. Er empfand es seltsamerweise als kleinen Trost. Wenn Leute wie die beiden es schafften, ihren Schulabschluss zu holen und an die Uni zu kommen, dann würde er doch sicher seinen Abschluss schaffen.

„Von wegen lügen, sei mal leise! Außerdem guckt der Prof. dauernd hier hinüber. Vielleicht steht der ja dafür auf dich. Mach uns mal eine gute Note klar.“

„Das kannst du selber machen. Du hast eh die größeren Brüste, da freut der sich bestimmt.“

„Du spinnst doch. Was ist eigentlich mit dem Typen von letztens geworden? Dem aus der Cocktailbar“

Jetzt ging es los. Der spannende Teil des Gesprächs begann. Irgendjemand war offensichtlich leichtsinnig genug gewesen, sich der werten Dame bis auf Riechweite zu nähern. Flo hatte damit unfreiwilliger weise Bekanntschaft gemacht. Jedes mal, wenn sie sich in seiner Nähe einen Platz suchte und ihre Jacke öffnete, verbreitete sich ihr ‚Duft‚ über die umliegenden drei Sitzreihen.

„Ach der, der war doch eh komisch. Ich mein, der hat mir zwar einen Drink ausgegeben, aber er war so aufdringlich. Er hat mich direkt umarmt und wollte ganz eng tanzen. Ich glaube, der war einfach nur scharf.“

„Der sah doch eigentlich ganz süß aus. Da hättest du auch mal einen abbekommen können und lässt ihn abblitzen. Ich versteh dich nicht.“

„Ich habe ihn ja nicht direkt abblitzen lassen. Er ist ja auch später noch mit mir mitgekommen. Aber, das glaubst du nicht, kaum sind wir bei mir, da wirft der mich nicht ins Bett. Der wollte mich ernsthaft unter die Dusche nehmen. Sehe ich aus, als würde ich stinken? Als würde ich mitten in der Nacht duschen.“

„Du meinst wohl ‚unter der Dusche nehmen‘. Und, hat er?“

„Jetzt fang du nicht auch so an … Nein, ich hab ihn einfach ins Bett gezogen. Aber danach war er auch irgendwie ganz komisch und kaum komm ich von der Toilette zurück, ist er auch schon weg.“

„Was für ein Arschloch. Aber ich hab es dir gesagt, Süße. Räum dein Zimmer mal auf. Unter deinem Nachttisch klebt noch immer das Kondom von vor zwei Wochen.“

Da waren sie, die Details, die er dann doch nicht wissen wollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch der Professor genug von dem Störfaktor in seiner Vorlesung. Das erste mal in seinem übermäßig langen Unileben erlebte Flo es nun, dass ein Professor jemanden vor die Türe bat. Bei den Zielpersonen stieß er damit erst auf Unverständnis, dann verhaltene Empörung. Wenigstens einen Effekt hatte es. Für die nächsten fünf Minuten herrschte Ruhe und alle Beteiligten konnten der Vorlesung folgen. Immerhin fünf Minuten.

„Boa übrigens, hast du gehört, dass die Karo über dich geredet hat?“

„Was? Was hat die gesagt?“

„Keine Ahnung, die Jasmin meinte nur, sie hätte mitbekommen, wie Karo etwas über dich gelästert hat.“

Flo sah nur noch eine Hand von der Seite heran schießen. Dann segelte der nur noch handwarme Kaffeebecher vor ihm auf die Hinterköpfe der beiden Mädels vor ihm zu.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 12

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s