Hörsaalgetuschel – Ausgabe 14

Fragestunde

Die Klausuren standen in der Tür, die Veranstaltungen liefen eine nach der anderen aus. Flo kam gerade aus der Fragestunde zur Klausurvorbereitung. Mia hatte die Hälfte der Fragen selbst gestellt und dafür alle anderen beantworten können. Der Professor selbst schien von der Fragestunde nichts mit zu bekommen und erzählte unbeirrt von seinem Thema, nahm die gelegentlichen Fragen nur als Anstoß, seine Ausführungen in die eine oder andere Richtung zu lenken. Gelegentlich streifte er damit sogar das Thema, mit dem sich die gestellte Frage befasste.

Flo war nicht überrascht deswegen. Er hatte es bereits so erwartet und sich nicht mehr die Mühe gemacht, Fragen raus zu suchen. Es würde reichen müssen, alte Klausuren auswendig zu lernen. Sein Ziel war es, zu bestehen. Alles weitere zählte er unter Bonus aber er wusste genau, wie er auf seine Noten reagieren würde.

Er hoffte natürlich auf eine gute Note, betrachtete es aber eher nüchtern. Er hatte schon öfter ein gutes Gefühl nach einer Klausur gehabt und war am Ende enttäuscht vom Ergebnis. Seinen Erfahrungen zufolge waren die Prüfungen ein reines Glücksspiel. Lernen hatte keinen großartigen Einfluss auf das Ergebnis. Für ihn war das schrecklich frustrierend und innerlich hatte er schon aufgegeben. Das galt nur nicht für die Hoffnung auf gute Noten. Da diese nur nicht kommen wollten, war es im gewissen Maße ein Teufelskreis.

Die Fragestunde war am Ende zu einer kleinen Diskussion ausgeartet. Der Professor war neugierig geworden, wieso seine Zuhörerschaft denn keine Fragen stellen wollte.

„Wir haben den Eindruck, dass es meistens nicht gewünscht ist.“

„Man will sich ja auch nicht vor dem ganzen Hörsaal blamieren. Wir sitzen ja nun meistens mit mehreren Hundert Leuten in einer Veranstaltung.“

„Ich bemühe mich ja immer wieder, Fragen zu stellen aber häufig sind einfach keine Fragen offen.“

Die Antworten hatten irgendwie alle gleich geklungen und in Flos Ohren waren es alles Ausflüchte. Wer Fragen stellen wollte, der tat das auch. Wen kratzte es denn, was die Kommilitonen von ihm dachten? Sie waren alle hier um etwas zu lernen, dafür hatten sie bezahlt. Wer toll da stehen wollte, sollte sich auf eine Bühne stellen und hoffen, nicht ausgepfiffen zu werden.

Aber er verstand, was den Professor bewegte. Die Studenten, die tatsächlich Fragen stellten, waren dünn gesät. „Wieso stellen Sie keine Fragen?“, ein durchaus berechtigter Einwand. Wieso eigentlich? Vielen dürfte es tatsächlich unangenehm sein, aus der Anonymität der Masse heraus zu stechen. In den Vertiefervorlesungen der späteren Semester aber saß keine große Masse mehr, sondern weniger als fünfzig Studenten. Sie antworteten zwar auf Fragen von vorne aber niemand stellte von sich aus eine Frage.

Was ist los im Staate? Wohin ist die Fragekultur?

Vielleicht, dachte er, begann es schon in der Schule. Es wurde von den Schülern erwartet, dass sie lernten und wussten und nicht, dass sie fragten. Fragen bremsten den Unterricht nur aus, behinderten das Vorankommen im Schulstoff. Besonders seit der Verkürzung um ein Schuljahr war es eng geworden, im Lehrplan.

Am besten wäre es doch, wenn die Kinder nach der ersten Klasse bereits das komplette Wörterbuch beherrschten und mit Zahlen etwa so sicher umgehen konnten wie der durchschnittliche Mathematiker. Ach, eigentlich sollten die Kinder doch am besten direkt aus dem Kindergarten in die Uni gehen können. Und dann, mit spätestens zehn Jahren, sollten sie reif für das Arbeitsleben sein. Jedenfalls erweckte die Politik den Eindruck.

Was sie damit bezweckte, das wusste wahrscheinlich auch dort niemand. Für Berufseinsteiger gab es doch jetzt bereits keine Perspektiven. Flo rechnete nicht damit, nach seinem Abschluss gleich Arbeit zu finden und selbst wenn, dann würde es hoffentlich für eine gute Wohnung und einen vollen Kühlschrank reichen. Große Pläne waren jedenfalls nichts, womit er sich die Zeit vertreiben brauchte. Wofür denn auch?

„Lesen Sie Zeitung! Behalten Sie im Auge, was in der Welt passiert!“ Worte, die er von den Professoren und Dozenten so oft schon gehört hatte. Aber was sollte er da denn Großartiges lesen? Dass in der kompletten südlichen Hälfte der EU ein junger Mensch keine Hoffnung auf Arbeit hat, egal wie gut ausgebildet er ist? Dass im Rest der Union sich Banker und Nationalisten die Klinge in die Hand drückten und stritten, wer vor welcher Nation oder Organisation zu kriechen hatte?

Im kleineren Maßstab kursierten auch nur die Nachrichten von Preiserhöhungen bei den Lebenshaltungskosten und gleichzeitiger Blockade der Mindestlöhne. Das Renteneintrittsalter sollte hinaufgesetzt werden, ironischerweise um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Energiekrise jagte Naturkatastrophe. Bekannte Gesichter aus Funk, Fernsehen und dem öffentlichen Leben wurden der Steuerhinterziehung in Millionenhöhe überführt und zu kümmerlichen Gefängnisstrafen verurteilt. Kindergärten strichen ihre Weihnachtsfeiern, um Lizenzstreitigkeiten wegen der Weihnachtslieder zu vermeiden.

In die andere Richtung gesehen, auf globaler Ebene, sah es nicht besser aus. Religiöse Organisationen trieben wilde Spiele um Krieg, Macht und Gewalt. Korruptions- und Spionageaffären lieferten sich mit Seuchen in der Dritten Welt ein Wettrennen um Sensationsmeldungen. Gelegentlich schaffte es sogar ein Amoklauf ins Rampenlicht und vernichtete zuverlässig Fachkenntnis und gesunden Menschenverstand bei jedem, dem ein Mikrofon vor das vor selbstgerechtem Zorn gerötete Gesicht gehalten wurde.

Und in diese Welt hinein sollte eine Generation aufwachsen, von der erwartet wurde, dass sie alles wusste. Flo ekelte sich vor der Luft, die er atmete. Jedes Mal, wenn er über diese Themen nachdachte, wusste er, wieso er sie nach Möglichkeit ignorierte.

Das Problem war nicht, dass die jungen Menschen keine Fragen hatten oder sich nur nicht trauten sie zu stellen. Das Problem war, dass viele von ihnen bereits zu viel wussten und bemerkt hatten, wie sie behandelt wurden. Wenn sie eine Frage stellten, wurde sie nur ungern beantwortet. Kinder brauchte ein erwachsener Mensch doch nicht ernst zu nehmen. Was wussten die schon? Das Blag hat dankbar zu sein für das tolle Leben, was wir ihm bieten.

„Wir wissen, wie die Welt sich dreht“, dachte er für sich. „Jeder bescheißt jeden, so gut er halt kann. Es werden menschgemachte Strukturen zu Göttern aufgeblasen nur die Menschen werden vergessen. Es hat keinen Zweck für uns, mit der Uni fertig zu werden. Wir können danach auch keine Familien gründen, selbst wenn wir wollen. Niemand würde uns bezahlen wollen und selbst wenn, in einem halben Jahr sitze ich vielleicht wieder auf der Straße. Frauen werden vorgehalten bekommen, sie hätten ihre Stelle nur dank einer Frauenquote und Kinder bekommen ihre Eltern nur zum Gutenacht-sagen zu Gesicht. Warum tun wir uns das eigentlich an?“

Er hob die Flasche in seiner Hand zum Mund und nahm einen tiefen Schluck. Heiß floss der Whisky seine Kehle hinab und brannte unangenehm im Bauch.

„Vielleicht stellen wir einfach den falschen Leuten die falschen Fragen. Trotzdem, vielen Dank … für Nichts!“

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 14

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