Hörsaalgetuschel – Ausgabe 15

Kino

Flo hatte es geschafft. Nachdem er monatelang regelmäßig zum Volleyballtraining gegangen war, hatte es sich endlich ausgezahlt. Jenny, die in seinen Augen absolute Frau hatte ihn bemerkt und nicht nur das. Sie hatte ihn sogar akzeptiert. Nach dem letzten Training hatten sie sich spontan zu einem Eis verabredet. Unglückliche, oder vielmehr glückliche Zufälle hatten dieses erste Date in Jennys Wohnung verlegt, wo sie gemeinsam die Vorräte des Gefrierfachs geplündert hatten.

Es war ein sehr schöner Abend gewesen. Sie hatten beide sehr viel zu lachen und bald einen gemeinsamen Filmgeschmack entdeckt. Aus dem einen Eis waren schnell mehrere geworden und statt Filme zu tauschen, hatten die beiden sie sich einfach gemeinsam angesehen. Sie waren sich näher gekommen, vertrauter geworden. Seit dem Date vor zwei Wochen hatten sie sich spätestens jeden zweiten Tag gesehen. Flo mochte die Situation. Er fühlte sich sehr wohl dabei und offensichtlich ging es ihr genau so.

„Hast du den Trailer echt noch nicht gesehen? Der Film muss doch einfach nur toll werden.“ Sie hatte etwas gefunden, was er noch nicht kannte und kostete diesen Moment voll aus.

„Nein, habe ich wirklich nicht. Kommt er diesen Donnerstag raus?“

„Genau. Das Kino macht extra eine Sondervorführung zur Premiere. Um Mitternacht.“

„Gut. Dann haben wir zwei ja einen Plan für den Abend. Wir gehen ins Kino.“

„Ist das eine Einladung zum Date?“ Sie zwinkerte ihm frech zu und er wurde unwillkürlich rot. Ein offizielles Date, was auch noch so hieß, das war etwas Neues für ihn. Er trat die Flucht nach vorn an.

„Einladung trifft es nicht, ich nehme dich so oder so mit. Aber wenn du es gerne als Date hättest, dann machen wir doch eines daraus.“ Er versuchte ihr verschmitzt zu zu zwinkern aber vor Aufregung wurde etwas anderes, Undefinierbares daraus. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken. Jenny bemerkte sein Unbehagen, lachte ihr helles, offenes Lachen und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Also gut, dann haben wir ein Date. Ich besorge das Popcorn.“

Mittwochabend klingelte es an Flos Türe. Mia und Erik warteten auf keine Einladung, sondern stolperten direkt hinein. Mit fachkundigem Blick musterten sie ihn und bildeten ihr Urteil.

„Also die Haare, das geht so gar nicht!“

Mia hatte den stechenden Blick des Modekritikers aufgesetzt.

„Und der Bart, nun ja, ohne ihn wärst du wahrscheinlich zu ungewohnt. Setz dich da hin, wir fangen mit den Haaren an.“

Sie zerrte ihn auf einen Stuhl und griff nach Bürste und Gel.

„Hast du kein anderes Oberteil? Eines, was nicht an den Ärmeln auseinanderfällt?“

Erik wollte offensichtlich auch nicht untätig herumstehen und öffnete Flos Kleiderschrank.

„Was wollt ihr beiden denn nun hier?“ Verdattert und überfallen drehte Flo sich auf seinem Stuhl und versuchte zu begreifen, was um ihn herum passierte.

„Du hast ein Date und wir gehen sicher, dass du es nicht vergeigst. Du kannst uns später danken. Was bringst du ihr mit? Schokolade, Rosen, Sonstiges?“

„Mitbringen?“

„Flo, was soll das? Du hast ein Date, da macht man so etwas. Erik, guck mal in die Kiste, da muss doch was drin sein.“

Erik gehorchte und leerte die Kiste mit Notfallsüßigkeiten auf das Bett.

„Da ist nichts Brauchbares bei. Die Pralinen sind alle ohne Verpackung. Werksverkauf.“

„Ein Glück, dass du uns hast. Du nimmst die Rosen aus meiner Tasche mit. Guck mal bitte, ob die noch genug Wasser haben, Erik.“

Eine Stunde später war Flo frisiert, neu eingekleidet und mit einem kleinen Strauß roter Rosen in der Hand auf dem Weg zum Kino. Begleitet wurde er von seiner persönlichen Eskorte, die ihm laufend Tipps und Hinweise vor plapperte. Wenn das so weiter ging, würden die beiden den ganzen Abend nicht von seiner Seite weichen und ihn scharf beobachten, dachte er.

Eine Querstraße vom Kino entfernt waren die beiden dann plötzlich verschwunden. Er hatte nur kurz auf seine Uhr gesehen, seinen nervösen Herzschlag und die Ruhe bemerkt, ehe ihm das Fehlen der beiden aufgefallen war. Die vorbestellten Tickets in der Tasche betrat er das Foyer, ohne sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen.

Und da stand sie. Die Haare offen, in weichen Wellen über ihre Schultern fallend, ein legeres aber dennoch sehr elegantes, schwarzes Kleid an und den Blick auf ihr Telefon gerichtet.

„Ich hoffe, es ist nichts Ernstes?“ Er versuchte weder ihren Gesichtsausdruck zu deuten, noch all zu hölzern zu klingen. Kaum hatte sie ihn bemerkt, öffnete sich ihre Miene und das Smartphone verschwand in der Tasche. Freudig umarmte sie ihn. Angespannt versuchte er in Erinnerung zu behalten, was Mia und Erik ihm versucht hatten anzutrainieren. Er fand keinen geeigneten Tipp. Jenny löste sich zaghaft aus seiner Umarmung, griff den Eimer Popcorn, der neben ihr auf der Bank gestanden hatte, lächelte und zog ihn in Richtung des Kinosaals. Er musste nicht wissen, was zu tun war, das merkte er schnell. Sie wusste genau, was sie wollte und wie sie es erreichen konnte.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 15

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