Hörsaalgetuschel – Ausgabe 16

Klausuren

Das waren sie also gewesen, seine großen Pläne für das Semester. Ab der ersten Woche fleißig sein, alles gleich aufarbeiten und gründlich dabei sein. Das Ergebnis hätte ihn in die Situation versetzen sollen, den Klausuren entspannt und gelassen entgegen zu sehen. Er wäre gut vorbereitet gewesen und hätte in der Vorbereitung nur noch seine Zusammenfassungen vertiefen müssen.

Die Realität hatte deutlich mehr Ablenkung und Alkohol beinhaltet, dafür aber um so weniger Lerneffekt. Trotz der großen Pläne war doch alles wieder wie immer. Er verbrachte die Wochen vor den Prüfungen in den Lernräumen und bemühte sich Stunde um Stunde, den Rückstand wieder wettzumachen. Mit jedem abgearbeiteten Kapitel sank seine Zuversicht und mit jeder überstandenen Prüfung sein Mut. Dass er noch viel schlimmer dran wäre, wenn er nicht auf Halbzeit des Semesters gezwungen gewesen wäre, selbst aktiv zu werden und zu lernen, war ein schwacher Trost.

Je nach Fach hatte er Gesellschaft von Mia und Erik. Auch die beiden zitterten angesichts der Zeit und des Fragenspektrums aber Flo verstand nicht, wieso. Mia musste sich kaum bemühen, dass vor ihrem Schnitt eine 1 stehen blieb und Erik ärgerte sich lediglich, dass er seinen Schnitt nicht über die 2.0 heben konnte. Flos Situation sah da ganz anders aus. Es war egal, was er versuchte, sein Schnitt fiel und fiel unaufhaltsam. Die Hoffnungen, die mit dem Beginn jedes neuen Semesters einhergingen verflüchtigten sich all zu schnell. Er mochte das Studium überleben aber sein Abschluss würde nicht viel Wert sein. Ein Gedanke, der sich fest in sein Unterbewusstsein gefressen hatte.

Hätte es sich wenigstens gelohnt, hier zu sitzen. Die ersten Klausurnoten hatte er bereits bekommen, eine davon sogar noch am Prüfungstag und das Ergebnis war niederschmetternd. Er hatte keine gute Note erwartet aber auch keine schlechte. Im Endeffekt hatte er sich gewünscht, lieber durchgefallen zu sein. Dann hätte er wenigstens die Chance gehabt, seine Note zu verbessern. Doch das Ergebnis stand fest und nun musste er sich doppelt bemühen, um das Semester noch halbwegs zu retten. Von seiner Motivation allerdings war nichts geblieben.

Und nun saß er wieder einmal hier, in einem großen Saal voller Menschen die alle auf die ein oder andere Art miteinander kommunizierten. Heimlich natürlich, denn es musste leise vor sich gehen. Nur für ihn hätte niemand die Antworten.

Die erste Seite bestätigte direkt schlimme Befürchtungen. Gleich die erste Frage konnte er nur raten, die Zweite hatte er noch nie gehört. Er hatte die letzten Wochen viel Zeit in dieses Fach gesteckt und Mia und Erik lange Vorträge gehalten. Mia lernte gut dabei, einfach nur zu zu hören. Gelegentlich korrigierte sie ihn aber ansonsten hatte er ein gutes Gefühl gehabt. Mutlos blätterte er auf Seite zwei.

Plötzlich sah die Welt viel bunter aus. Genau dieses gefragte Schaubild hatte er unzählige Male aufgezeichnet. Rasend schnell tanzte sein Stift über die Seite und belud das Antwortfeld mit allen Informationen. Die Aufgabe brachte viele Punkte daher war es besser, nichts aus zu lassen. Pfeilverläufe, Beschriftungen und ein vorsichtiger Farbcode mit Buntstift. Mit seiner Antwort war er sehr zufrieden. Diese Punkte musste er einfach alle bekommen.

In der nächsten Aufgabe war gefordert, das Schaubild zu erläutern. Für einen Moment machte er ein langes Gesicht. Das war doch bereits Teil der Aufgabe davor gewesen, abgesehen davon, dass das Schaubild selbsterklärend war. Aber ab und zu war die Wissenschaft nicht in der Lage weit zu denken. Er entschloss sich, einige schnelle Sätze zu formulieren, nur Wiederholung des bereits Geschriebenen. Diesmal war er sich nicht mehr so sicher.

Dafür hatte er bei der nächsten Aufgabe wieder Glück. „Erläutern sie die These…“, eine Aufgabe ohne übermäßige Vorgaben. Stichpunktartig zu bearbeiten, schnell und übersichtlich bepunktet. Er zählte im Kopf auf, was ihm einfiel und verglich die Liste mit den Punkten. Sie stimmten überein. Sekunden später war die Aufgabe für ihn erledigt.

Am Ende war er erstaunt, wie viele Aufgaben er doch problemlos hatte bearbeiten können. Klar, bei einigen Aufgaben hatte er raten müssen und bei weiteren überhaupt nichts gewusst, doch im Großen war er zufrieden. Er blickte auf die Uhr, die Zeit war noch nicht einmal halb abgelaufen. War das eine Falle? Hatte er etwas vergessen? Gab es noch Blätter, die er übersehen hatte, oder waren Antworten zu kurz gehalten? Nervös ging er noch einmal durch die Aufgabenblätter. Neben ihm hatte Mia offensichtlich das gleiche Problem.

Nach drei Kontrolldurchgängen beschloss Flo, dass er sein Bestes getan hatte und es immerhin zum Bestehen gereicht haben musste. Er sah auf die Uhr, die Halbzeit war gerade überschritten. Die ersten waren wie immer schon kurz nach Ausgabe der Klausuren gegangen aber nun kam zusehends Unruhe auf. Offensichtlich war er nicht der Einzige, dem die kurze Klausur seltsam erschien. Er konnte es aber auch nicht ausschließen.

So leise, wie er konnte, räumte er seine Sachen zusammen, legte die Klausur zusammen und wartete auf die Abgabe. Vielleicht hätte er sich doch sein Buch mitnehmen sollen. Alles wäre besser gewesen, als jetzt hier völlig tatenlos zu sitzen. Aber es war seit den Flüchtlingen zur Austeilung niemand mehr gegangen und er wollte nicht der Erste sein. Wieso eigentlich nicht? Wenn er doch fertig war, er musste sich nicht schämen. Die Klausur war komplett bearbeitet und vielleicht reichte es sogar für eine gute Note. Wieso dann warten?

Kurz darauf saß er vor dem Hörsaal und knabberte nachdenklich an seinem Brötchen. Mia und Erik hatten beide noch nicht abgegeben. Sie schrieben zwar auch seit über zehn Minuten kein Wort mehr aber überprüften wieder und wieder alle Seiten. Erik war gerade dabei, oben auf jede Seite seinen Namen und seine Matrikelnummer zu schreiben, das hatte Flo noch aus dem Augenwinkel mit bekommen. Nur registriert hatte er es nicht. Bis jetzt.

Ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinab. Hatte er überhaupt seinen Namen irgendwo außer auf dem Deckblatt stehen? Er konnte sich nicht mehr erinnern. Wenn er ehrlich war, er konnte sich an überhaupt nichts mehr erinnern, nicht einmal an die Fragen. Doch, bestimmt hatte er wenigstens die Matrikelnummer auf die Blätter geschrieben. Verzweifelt versuchte er sich in Erinnerung zu rufen, wie die Blätter ausgesehen hatten. Während die Kommilitonen aus dem Saal strömten, steckte er ein halb aufgegessenes Brötchen in die Tasche. Der Appetit war ihm gerade gründlich vergangen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 16

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