Archiv für den Monat Februar 2015

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 21

Waschsalon

Der Sommer war eindeutig vorbei. Nicht nur, dass die Sonne sich immer seltener und immer kürzer zeigte, die Temperaturen fielen ebenfalls spürbar. Besonders an diesem Sonntag Nachmittag. Die gräuliche Dämmerung wurde von einem ungemütlich kalten Nieselregen eindrucksvoll in Szene gesetzt und erzeugte eine Stimmung, die irgendwo zwischen Melancholie und Depression zu schweben schien. Für Flo war das Grund genug gewesen, seine Gardinen den ganzen Tag noch nicht aufzuziehen.

Mittag war schon vorbei und die Sonne war im Begriff unterzugehen. Die zweite halb volle Müslischale des Tages stand vor dem Fernseher, der unbeachtet einen Western abspielte. Ein namenloser Held lieferte sich eine wilde Schießerei mit einer kleinen Armee von Bösewichten. Wie durch ein Wunder war keiner von ihnen ein besonders treffsicherer Schütze, er selbst dafür um so mehr.

Während auf der Mattscheibe die Gangster von Dächern und Pferden fielen, stand Flo vor seinem Kleiderschrank. Gerade frisch geduscht suchte er nach etwas, was sich den Rest des Tages noch gut tragen ließ. Die Auswahl war begrenzt. Ein Polo-Shirt, welches er hasste, zwei T-Shirts mit Löchern, die er eigentlich längst weggeschmissen haben wollte, eine Schlafanzughose und zwei einzelne, unterschiedliche Socken. Er griff, was er brauchen konnte und ergänzte die fehlenden Teile von dem großen Haufen neben dem Schrank.

Der Haufen Schmutzwäsche war in den letzten zwei Wochen beständig gewachsen und beinhaltete inzwischen alles an halbwegs vorzeigbaren Klamotten, die er besaß. Vor seinem inneren Auge konnte er Fliegen darüber schwirren sehen. Wenn er nächste Woche nicht nackt in die Vorlesungen gehen wollte, dann musste er waschen gehen. Oder er ginge einfach überhaupt nicht aber dann würde ihn Mia garantiert umbringen.

Er zog seinen Koffer unter dem Bett heraus, stopfte die Schmutzwäsche hinein und suchte sein Kleingeld zusammen. Der Weg zum Waschsalon war nicht weit aber es reichte, um sich zu ärgern, keine Jacke angezogen zu haben. Die großen Fenster des Salons waren neben den Straßenlaternen die einzigen, erwähnenswerten Lichtquellen. Ansonsten lag die Straße im Dunkeln.

Flo hatte erwartet, den Raum fast leer vorzufinden. Es war Sonntagabend, das Wetter war mies und eigentlich hatte jeder vernünftige Mensch doch etwas Besseres zu tun. Stattdessen fand er mehr als die Hälfte der Maschinen besetzt vor, ihre Besitzer den müden Blick abwesend darauf gerichtet. Das blasse Neonlicht verlieh ihnen eine fahle, graue Färbung, die sie irgendwie unwirklich, wie Zombies wirken ließ.

Er bahnte sich einen Weg durch die stumme Horde zu einer freien Maschine. Ein Mädchen, etwa in seinem Alter, hob kurz den Blick und lächelte ihm zu. Das musste das absolute Maximum an Bewegung gewesen sein, was dieses Gesicht in der letzten halben Stunde erlebt hatte. Ohne eine Reaktion abzuwarten, wandte sie sich wieder ihrer Maschine zu. Die Anzeige ließ verlauten, dass die Wäsche in etwa zehn Minuten fertig sein würde. So lange würde das Mädchen wohl noch auf das Bullauge starren, das Gesicht halb von den dunklen Locken verdeckt.

Wortlos wie die Anderen belud er eine freie Maschine, füllte die Waschmittelfächer und stopfte das Kleingeld in den Kassenautomaten. Mit einem Rasseln setzte sich die Trommel in Bewegung und die Anzeige leuchtete auf. Fünfunddreißig Minuten. Er hatte sich zwar seinen Block eingepackt aber in der allgemein depressiv wirkenden Gesamtstimmung verspürte er keine Motivation, ihn auch nur aufzuschlagen.

Neben der Türe stand ein Bücherregal zum Büchertauschen. Gelegentlich fand sich darin etwas Spannendes, heute natürlich nicht. Flo ließ den Blick durch den Waschsalon streifen. Die Szene hatte sich kaum verändert. Wortlose graue Gestalten standen umher, jeder für sich. Vor seinem inneren Auge sah er eine Filmszene ablaufen. Eine Gestalt, ein Superheld oder wer auch immer, kam durch die Fensterscheibe geflogen, prallte mit einem dumpfen Knall gegen die Rückwand des Raumes und klatschte auf die Fliesen. Als er aufstand, hoben vereinzelte Zuschauer kurz den Blick. Der Fluggast verließ das Geschäft durch die Türe, als wäre nichts gewesen. Von den hochinteressierten Zuschauern wurde das Ganze, hollywoodmäßig, mit einem zufriedenen Kopfnicken quittiert, ehe sie sich wieder ihrer Wäsche zuwandten.

Irgendwie bedauerte er es, dass davon nichts echt passiert war. Die Scheibe war heile und dreckig wie immer, die Waschmaschinen brummten unbeeindruckt vor sich hin und in den Trommeln klapperten Knöpfe und Reißverschlüsse. Vielleicht sollte er sich doch noch einmal dem Bücherregal widmen. Wenn schon nichts Spannendes dabei war, irgendetwas musste es doch geben. Von der Kreuzung, etwa hundert Meter die Straße hinab nahte die Rettung vor der Langeweile.

Mit viel Getöse und lautem Gelächter näherte sich ein Mann mittleren Alters und einem Telefon am Ohr. Auf dem Rücken trug er einen Reiserucksack, aus dem schlammige Hosenbeine baumelten. Er steuerte genau auf das helle Licht des Waschsalons zu. Flo freute sich schon darauf, herrlich banalen Belanglosigkeiten fremder Leute lauschen zu können. Das lautstarke Geläster hinter einer rhetorisch vorgehaltenen Hand wirkte vielversprechend und offensichtlich hatte der werte Herr auch ein ausgedehntes Liebesleben, vor der Türe aber steckte er das Telefon weg, betrat den Waschsalon und verfiel in die gleiche betrübt-depressive Stimmung wie der Rest.

Das Bücherregal war wohl doch die einzige Rettung vor der Langeweile. Er griff ein beliebiges Exemplar der Kategorie „zum Lesen weggegeben da zu schlecht zum noch einmal lesen“ und versuchte sich darin zu vertiefen. Schemenhaft schoben sich die Wäschezombies umher, wenn ihre Maschine fertig war und die Wäsche getrocknet oder gefaltet werden musste. Eine halbe Stunde am Sonntagabend konnte wirklich lang dauern.

Zehn Seiten später ließ Flos Waschmaschine mit einem Klicken verlauten, dass sie fertig war. Trocknen konnte die Wäsche auch zu Hause, dafür reichte seine Geduld nicht mehr. Ganz abgesehen davon bekam er für den Preis des Trockners sicher zwei Flaschen billiges Bier. Als er die nasse Wäsche in den Koffer schaufelte, vibrierte sein Telefon.

„Tiefkühler ausgefallen. Eis muss weg, ehe es schmilzt. Bring Jenny mit, wenn sie Zeit hat. Grüße, Mia und Erik.“

Die erste Vorlesung am Montagmorgen würde wohl ausfallen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 20

Familienbesuch

Es versprach, das letzte schöne Wochenende des Jahres zu werden. Sie Sonne schien, die Luft war noch warm, kaum wolkenbedeckten den Himmel und auf der Wiese am Fluss hatte sich ein kleiner Jahrmarkt niedergelassen. Es lockten Bier für einen Euro und Grillwürstchen.

Flo hätte gerne mit Jenny, Erik und Mia einen Ausflug zu den Wiesen gemacht. Jenny war nur über die vorlesungsfreie Zeit mit ihrer Familie in der Türkei. Mia verweigerte seit etwas mehr als einem halben Jahr jeden Alkohol und gab sich große Mühe, dieses Verhalten auf Erik zu übertragen. Abgesehen davon konnte er sich gerade etwas Angenehmeres vorstellen, als mit einem Pärchen auf einen Jahrmarkt zu gehen. Besonders, da Erik zurzeit das Bedürfnis hatte, Mia zu zeigen, wie wichtig sie ihm war, und besonders anhänglich geworden war.

Ansonsten war nur niemand über die vorlesungsfreie Zeit in der Stadt geblieben. Alle waren weg, um Familie und Freunde zu besuchen, Urlaub zu machen oder mit Ferienjobs ihre Kasse aufzubessern. Er kam sich einsam und verlassen vor, wie er nun in seinem Zimmer saß, den Kopf auf dem Fensterbrett abgelegt, den Blick in den blauen Himmel.

Der Lüfter seines Laptops ächzte. Seit einer Viertelstunde lud bereits das Menü eines Spiels, was er eigentlich hatte ausprobieren wollen. Er hatte längst eingesehen, dass er vergebens wartete. Selbst wenn das Spiel geladen wäre, er würde es wohl nicht spielen können. Oder doch?

Begleitet vom Klopfen an der Türe sprang der Bildschirm auf das so sehnlichst erwartete Menü. Es klopfte ein weiteres Mal, ohne, dass ihm Zeit gegeben wurde, überhaupt erst zu reagieren. Falls sein Besuch Bier haben wollte, war er hier leider falsch. Flos Blick wanderte zum leeren Kasten neben seinem Bett. Wieso er zur Türe ging, konnte er nicht genau sagen aber er ging und er öffnete, obwohl ihm sein Gefühl davon abriet.

„Da ist er ja, unser Musterstudent! Komm her, lass dich von deiner alten Tante umarmen.“

Die schrille Stimme, die ihm entgegen schallte, stellte ihm alle Nackenhaare auf und hätte wohl bei jedem Tier mit Hörorganen einen Fluchtreflex ausgelöst. Nur Flo konnte nirgendwo hin. Seine Tante kam auf ihn zu wie ein Tornado auf ein kleines Farmhäuschen in der Prärie. Über ihre Schulter hinweg konnte er seine Mutter und Großmutter erkennen, die ihn belustigt, verlegen und entschuldigend zugleich angrinsten. Beide hielten sich lieber stumm im Hintergrund, drängten trotzdem schnell in die kleine Wohnung und schlossen die Türe hinter sich.

„Hach ist das schön, dich mal wiederzusehen. Das muss doch ewig her sein. War das nicht auf der Beerdigung von Tante Käthe? Nein, da warst du nicht dabei. Wann war denn das? Ach, das ist doch auch nicht wichtig.“ Doch, er war dabei gewesen, allerdings nicht in der Kapelle. Er warf seiner Mutter einen skeptischen Blick zu. Tante Irma bemerkte ihn und wechselte sofort das Thema. „Ja du siehst, ich bin nicht alleine. Wir haben uns mal einen Mädelstag gemacht und hatten Lust auf einen kleinen Ausflug.“

„Einen Mädelstag also.“ Flo streifte sein Hemd wieder glatt, sah in die Gesichter der illustren Gesellschaft, außer dem seiner Tante. Sie hatte ihres nämlich sogleich auf eine Expedition durch seine Schränke und Schubladen geschickt und war von dieser noch nicht zurückgekehrt. „Und da dachtet ihr euch also, kommt ihr noch bei mir vor bei, weil ich zu einem Mädelstag so gut passe?“

„Ach der Flo, immer noch schlagfertig wie ein Becher Sahne. Natürlich nicht, du Dummerchen, aber der Student von heute hat doch sicher was Gutes zu Knabbern für seine liebe Tante, oder?“

Sie zog eine fast leere, zerknüllte Chipstüte aus einem Fach und Flo, der sich nicht im Geringsten an sie erinnern konnte, hoffte nur, es war auch drin, was draufstand. Die schrille Stimme seiner Tante machte deutlich, dass sie nicht an Chips interessiert war.

„Junge, du musst doch gesünder essen! Du kannst doch nicht nur von Luft und Liebe leben. Damals, als ich studiert habe, da ging es uns noch anders.“

„Du meinst die zwei Semester, die du mit Lambrusco, Marihuana und Philosophiestudenten verbracht hast?“

Er biss sich auf die Zunge und ärgerte sich für seine vorlaute Zunge. Seine Mutter und Großmutter hatten es sich inzwischen auf der Bettkante gemütlich gemacht und bemühten sich, ob seines Kommentars nicht laut loszulachen. Tante Irma sah ihn streng an und stopfte die Chipstüte zurück in das Regalfach.

„Genau diese beiden Semester. Und jeden Samstag sind wir zum Griechen gegangen und haben Pita Gyros mit Tzatziki und Rotweincreme gegessen. Die fünf Mark solltest du dir mal wert sein.“

Das Schlimme war, seine Tante war wirklich der Überzeugung, Pita Gyros wäre inklusive Nachspeise für fünf Mark, maximal aber fünf Euro zu bekommen. In der Mensa würde es dann selbstverständlich nicht mehr als die Hälfte davon kosten. Er war sich sicher, dass, selbst wenn er Essen zu dem Preis finden würde, er sich nicht trauen würde, es zu essen. Seine Mutter war offensichtlich übermütiger.

„Pita Gyros für fünf Euro meinst du also? Gut, dann zeigst du uns jetzt mal, wo du das bekommst und wir gehen gemeinsam griechisch Essen. Florian, wenn du nichts anderes vorhast, dann kannst du gerne mitkommen. Dann kannst du uns bei der Gelegenheit die Stadt zeigen. Auf dem Weg hierher war es so voll, ist etwas Besonderes los?“

Und so kam Flo an diesem sonnigen Sonntagnachmittag doch noch vor die Türe, besuchte den Jahrmarkt und ganz nebenbei bekam seine Tante eine Nachhilfestunde in Gastronomiepreisen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 19

Der Job

Flo hätte schwören können, nur für einen winzigen Augenblick die Augen geschlossen zu haben. Er hatte in letzter Zeit nicht besonders gut geschlafen und fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Seine Semesterferien hätten besser beginnen können aber das Wetter gab ihm wenig mehr Anlass. Aber nun hatte ihn die Klingel wirklich aus dem Schlaf gerissen. Es war ein dämmriger, kalter, verregneter Nachmittag. Während er zur Tür hastete, stellte er fest, dass ihm mindestens vier Stunden fehlten.

„Ah, Sie sind doch da, ich hatte mich schon gewundert. Habe ich Sie geweckt? Tut mir leid. Was dagegen, wenn ich rein komme? Dankeschön.“

Eine junge Frau, wahrscheinlich ein klein wenig älter als Flo selbst, schob sich an ihm vorbei in die Wohnung. Mit gerümpfter Nase sah sie sich in der unaufgeräumten Küche um und trieb ihm mit dem Blick allein die Schamesröte ins Gesicht. Er wollte etwas zu seiner Verteidigung erwidern aber sie kam ihm zuvor.

„Sie dürften inzwischen festgestellt haben, dass Sie in letzter Zeit nicht besonders gut schlafen. Das tut uns natürlich recht herzlich leid, aber es lässt sich nicht ganz verhindern. Unsere Tests sind nun allerdings abgeschlossen. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind tauglich.“

Sie hielt ihm die Hand hin und sah ihm fest in die Augen. Instinktiv schlug er ein, nur um sofort wieder los zu lassen und zu einer abwehrenden Geste zu wechseln.

„Moment! Tests? Tauglich? Wofür? Und woher wissen Sie von meinen Schlafproblemen und wer sind Sie überhaupt?“

Er bekam einen teils mitleidigen, teils verständnislosen Blick.

„Na Ihre Tauglichkeitstests natürlich. Wir haben Sie auf ihre Tauglichkeit für unsere Dienste getestet, daher die Schlafprobleme, und ihre Tauglichkeit als Pilot wurde festgestellt.“

„Als Pilot?“

„Ja, Pilot. Sie wissen schon, sitzt im Cockpit, steuert Fluggeräte aller Art und so weiter. Pilot. Und unsere Überprüfung hat ergeben, dass Sie einen Job auch gut gebrauchen können.“

Hinter Flos Stirn knirschten die Zahnräder. Er fühlte sich überrannt und wie gelähmt. Er hatte vom Fliegen geträumt, wieder und wieder. Seit er in seiner Jugend einmal eine Flugstunde geschenkt bekommen hatte, ließ es ihn nicht mehr los. Und hier stand diese Frau vor ihm und erzählte ihm, er wäre tauglich als Pilot und könnte einen Job gebrauchen.

„Moment, nur dass ich das richtig verstehe. Sie haben mich ohne mein Wissen getestet, wie auch immer, und nun sind Sie hergekommen, erzählen mir, dass ich tauglich bin, wofür auch immer, und … bieten mir einen Job an?“

„Tauglich als Pilot, ja. Und noch einmal ja, wir bieten Ihnen einen Job an. Sie müssen nur noch unterschreiben, und zwar hier.“ Sie zog eine Mappe mit offiziell wirkenden Papieren aus einer Aktentasche unter ihrem Arm. „Der erste Monat ist natürlich hauptsächlich vom Training bestimmt. Da wird das Gehalt noch nicht so hoch sein. Nach sechs Monaten ist die Probezeit abgelaufen, ab da werden sie volles Gehalt bekommen. Da Sie im Bereitschaftsdienst arbeiten werden, sind sie in der Kaserne einquartiert. Ihr Arbeitsgerät wird selbstverständlich gestellt.“

Sie legte ihm die Papiere vor. Es war offensichtlich ein Arbeitsvertrag, jedenfalls soweit er das beurteilen konnte. Ein weiterer Punkt, für den er sich schämte, war, dass er bisher nicht all zu viele Arbeitsverträge gesehen hatte. Aber was er hier las, war einfach zu schön, um wahr zu sein. Er würde Fliegen lernen, bekam ein Flugzeug zur Verfügung und sollte dieses fliegen. Legal und gegen eine stattliche Bezahlung. Wenn er die Probezeit überstand, wäre er für mindestens fünf Jahre in einem gesicherten Beschäftigungsverhältnis. Er kniff sich in den Arm aber er wurde nicht wacher. Wie war das möglich? Die Frau sah ihn fragend an.

„Was ist der Haken an der Sache?“ Er konnte sich die Frage nicht verkneifen.

„Nun, Sie werden natürlich ihre Familie und Freunde für eine Weile nicht sehen und wir haften auch nicht im Falle Ihres Todes. Reicht das nicht aus?“

Ihm reichte das nicht, um ihn abzuschrecken. Er sah sich nach einem Stift um, fand einen Kugelschreiber, der sich aber nicht zum Schreiben bewegen ließ und einen roten Buntstift. Er hätte eher mit einem lila Lippenstift unterschrieben aber, da er keinen Lippenstift trug, hatte er auch keinen. Stattdessen bot ihm die immer noch unbekannte Dame einen Füller an. Altmodisch aber er würde seinen Zweck erfüllen. Als er die Feder auf das Papier setzte, begann der Raum zu verschwimmen. Ein nervtötender Ton durchschnitt die Stille in der Küche. Ein Ton, der in ihm zu aller erst den Reflex zündete: drauf zu schlagen.

In der Suche nach der Geräuschquelle wirbelte er um seine eigene Achse, um sich im nächsten Moment auf dem Teppich wieder zu finden. Nicht mehr in der Küche, sondern in seinem Zimmer. Von der Frau oder der Fahrkarte in den Traumjob war nichts zu sehen. Nur sein Wecker stand auf dem Nachttisch und piepte, als wäre er die Unschuld in Person. Über ihm drehte sich sein Schreibtischstuhl. Seine Nacht war vorbei, ehe er es ins Bett geschafft hatte und mit der Morgensonne endete auch sein Traum.

Wieso hatte er sich überhaupt einen Wecker gestellt? Er hatte Ferien. Die Zeit, nach der er sich Monate lang gesehnt hatte. Die Zeit, in der er einfach ausschlafen konnte. Was hatte er vergessen?

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 18

Bier und Brezeln

Frei. Ferien. Keine Uni, keine Vorlesungen und keine Prüfungen. Flo wusste nicht ganz, was er davon halten sollte und vor allem, was er mit sich anfangen sollte. Er war vor etwa einer Woche nach Hause, zu seinen Eltern gefahren und hatte seitdem nichts besonders produktives mehr angestellt. Die meiste Zeit hatte er in seinem Bett, vor dem Kühlschrank und dem Fernseher verbracht. Vielleicht wäre er sogar hinausgegangen, wenn es nicht der verregneteste Sommer seit seiner Erinnerung war. Heute Abend war es jedenfalls Zeit, sich einmal etwas anderem zu widmen. Den Gedanken im Hinterkopf, etwas Wichtiges für die Uni vergessen zu haben wollte er sich trotzdem mit Gesellschaft und Bier ablenken. Je mehr Bier, um so besser.

Die Kneipe war schummrig wie immer aber sie erschien ihm noch herunter gekommener als früher. Vielleicht lag es auch einfach an ihm oder an dem Bier, was er noch nicht getrunken hatte. Die erste Runde hatte für ihn nur wenige Minuten gehalten und das, obwohl er sich bemühen wollte, weniger zu trinken. Das stand zwar zugegebenermaßen im Widerspruch zu der Bemühung, möglichst viel Bier zu trinken aber dieser Konflikt machte das ganze doch erst richtig spannend.

Die zweite Runde erschien auf dem Tisch und die Jungs ließen die Gläser klirren. Ein Prost auf die Runde, alte Zeiten und den üblichen unbedeutenden Firlefanz, ein tiefer Schluck, noch ein tieferer Schluck und das übliche sentimentale vor sich her glotzen. So ließ sich der Abend doch aushalten. Alle waren angeregt in Gespräche über das letzte Semester vertieft. Wer hatte welche Kurse gehabt, was war besonders toll und besonders schlecht gewesen? Und wer hatte welche neuen Pläne für sein Leben geschmiedet?

Flo hatte keine neuen Pläne. Er beobachtete den Austausch stumm und irgendwie von außen vor. Nur Alex, ihm direkt gegenüber beteiligte sich ebenfalls nicht an dem Gespräch. Er stierte nur verträumt in sein Bier, sein inzwischen Viertes. Er hatte einen kleinen Vorsprung herausgearbeitet und schien nicht bremsen zu wollen. Flo überlegte, ob er Alex heute überhaupt schon ein Wort hatte sagen hören.

„Alles Okay bei dir soweit?“ richtete er sich an ihn. Alex zuckte vage mit den Schultern.

„Du kennst mich. Ich komm zurecht.“

Damit kehrten seine Augen wieder in sein Glas zurück. Er nahm einen weiteren Schluck und orderte sein fünftes Bier. Flo nahm sich vor, wenn das gebracht wurde, selbst sein drittes zu bestellen. Und vielleicht etwas zum Essen.

„Lief das Semester einigermaßen?“ versuchte er es noch einmal.

„Naja, ich habe noch nicht alle Noten. Hätte besser laufen können und bei dir?“

„Auch so. Das Ergebnis ist etwas enttäuschend.“

Gelächter über eine besonders lustige Szene kam am Tisch auf. Flo bereute es, nicht mitbekommen zu haben, worum es ging. Er hätte auch gerne darüber gelacht aber irgendwie erschien das plötzlich alles so weit entfernt. Er sah über den Tisch hinüber und bemerkte, dass Alex das Lachen und die Gespräche nicht einmal wahrzunehmen schien. Er war völlig in sich gekehrt. Das war nicht der Mensch, den er aus der Schule in Erinnerung hatte. Der Mensch, der gelegentlich einen Spruch in laufende Unterhaltungen einschmiss, dass es einem vor Lachen die Schuhe ausziehen konnte. Dieser Alex hier war anders und vor allem, weit weit weg.

„Ist auch etwas gut gelaufen?“ hakte er nach. Ganz so leicht wollte er nicht aufgeben. Als Antwort bekam er das gleiche unbedeutende Schulterzucken und ein vorsichtiges Lächeln. Bei dem Anblick lief es ihm eiskalt den Rücken hinab. Er musste einige Minuten darüber nachdenken, ehe ihm einfiel, was ihn daran gestört hatte. Die Augen waren das Problem gewesen. Statt mit zu lächeln, hatten sie stur weiter ins Leere geguckt, als wären sie tot. ‚Du kennst mich, ich komm zurecht.‘ Nichts als leere Worte. Alex kam nicht zurecht. Hinter diesen resignierten, toten Augen schrie eine stumme Verzweiflung mit letzter Kraft.

Der Kellner kam und brachte das Bier, Flo bestellte eine Schale Brezeln und ein neues Bier für sich. Die Welt kam ihm plötzlich so unwirklich vor. Bier und Brezeln, das waren seine größten Sorgen im Moment und er wollte eigentlich gar nicht wissen, was hinter der Stirn seines Gegenübers vor sich ging. Gleichzeitig fühlte er sich schuldig deswegen. Er wusste, sein Freund brauchte Hilfe, und er brauchte sie bald. Er kannte den Blick und er kannte auch das Gefühl, was ihn verursachte. Er hatte ihn schon zu oft gesehen und er war jedes Mal aufs Neue völlig überfordert damit. Egal was er sagte, Alex würde es kaum wahrnehmen.

Der Kellner erschien mit der Bestellung und Flo orderte direkt zwei weitere Biere. Der Vorsatz, weniger zu trinken war von Anfang an albern gewesen und heute Abend konnte er eh nichts mehr ausrichten. Morgen sah die Welt wieder anders aus. Er hatte einen Plan. Er würde Alex helfen können, wieder aus der Depression zu erwachen.