Hörsaalgetuschel – Ausgabe 18

Bier und Brezeln

Frei. Ferien. Keine Uni, keine Vorlesungen und keine Prüfungen. Flo wusste nicht ganz, was er davon halten sollte und vor allem, was er mit sich anfangen sollte. Er war vor etwa einer Woche nach Hause, zu seinen Eltern gefahren und hatte seitdem nichts besonders produktives mehr angestellt. Die meiste Zeit hatte er in seinem Bett, vor dem Kühlschrank und dem Fernseher verbracht. Vielleicht wäre er sogar hinausgegangen, wenn es nicht der verregneteste Sommer seit seiner Erinnerung war. Heute Abend war es jedenfalls Zeit, sich einmal etwas anderem zu widmen. Den Gedanken im Hinterkopf, etwas Wichtiges für die Uni vergessen zu haben wollte er sich trotzdem mit Gesellschaft und Bier ablenken. Je mehr Bier, um so besser.

Die Kneipe war schummrig wie immer aber sie erschien ihm noch herunter gekommener als früher. Vielleicht lag es auch einfach an ihm oder an dem Bier, was er noch nicht getrunken hatte. Die erste Runde hatte für ihn nur wenige Minuten gehalten und das, obwohl er sich bemühen wollte, weniger zu trinken. Das stand zwar zugegebenermaßen im Widerspruch zu der Bemühung, möglichst viel Bier zu trinken aber dieser Konflikt machte das ganze doch erst richtig spannend.

Die zweite Runde erschien auf dem Tisch und die Jungs ließen die Gläser klirren. Ein Prost auf die Runde, alte Zeiten und den üblichen unbedeutenden Firlefanz, ein tiefer Schluck, noch ein tieferer Schluck und das übliche sentimentale vor sich her glotzen. So ließ sich der Abend doch aushalten. Alle waren angeregt in Gespräche über das letzte Semester vertieft. Wer hatte welche Kurse gehabt, was war besonders toll und besonders schlecht gewesen? Und wer hatte welche neuen Pläne für sein Leben geschmiedet?

Flo hatte keine neuen Pläne. Er beobachtete den Austausch stumm und irgendwie von außen vor. Nur Alex, ihm direkt gegenüber beteiligte sich ebenfalls nicht an dem Gespräch. Er stierte nur verträumt in sein Bier, sein inzwischen Viertes. Er hatte einen kleinen Vorsprung herausgearbeitet und schien nicht bremsen zu wollen. Flo überlegte, ob er Alex heute überhaupt schon ein Wort hatte sagen hören.

„Alles Okay bei dir soweit?“ richtete er sich an ihn. Alex zuckte vage mit den Schultern.

„Du kennst mich. Ich komm zurecht.“

Damit kehrten seine Augen wieder in sein Glas zurück. Er nahm einen weiteren Schluck und orderte sein fünftes Bier. Flo nahm sich vor, wenn das gebracht wurde, selbst sein drittes zu bestellen. Und vielleicht etwas zum Essen.

„Lief das Semester einigermaßen?“ versuchte er es noch einmal.

„Naja, ich habe noch nicht alle Noten. Hätte besser laufen können und bei dir?“

„Auch so. Das Ergebnis ist etwas enttäuschend.“

Gelächter über eine besonders lustige Szene kam am Tisch auf. Flo bereute es, nicht mitbekommen zu haben, worum es ging. Er hätte auch gerne darüber gelacht aber irgendwie erschien das plötzlich alles so weit entfernt. Er sah über den Tisch hinüber und bemerkte, dass Alex das Lachen und die Gespräche nicht einmal wahrzunehmen schien. Er war völlig in sich gekehrt. Das war nicht der Mensch, den er aus der Schule in Erinnerung hatte. Der Mensch, der gelegentlich einen Spruch in laufende Unterhaltungen einschmiss, dass es einem vor Lachen die Schuhe ausziehen konnte. Dieser Alex hier war anders und vor allem, weit weit weg.

„Ist auch etwas gut gelaufen?“ hakte er nach. Ganz so leicht wollte er nicht aufgeben. Als Antwort bekam er das gleiche unbedeutende Schulterzucken und ein vorsichtiges Lächeln. Bei dem Anblick lief es ihm eiskalt den Rücken hinab. Er musste einige Minuten darüber nachdenken, ehe ihm einfiel, was ihn daran gestört hatte. Die Augen waren das Problem gewesen. Statt mit zu lächeln, hatten sie stur weiter ins Leere geguckt, als wären sie tot. ‚Du kennst mich, ich komm zurecht.‘ Nichts als leere Worte. Alex kam nicht zurecht. Hinter diesen resignierten, toten Augen schrie eine stumme Verzweiflung mit letzter Kraft.

Der Kellner kam und brachte das Bier, Flo bestellte eine Schale Brezeln und ein neues Bier für sich. Die Welt kam ihm plötzlich so unwirklich vor. Bier und Brezeln, das waren seine größten Sorgen im Moment und er wollte eigentlich gar nicht wissen, was hinter der Stirn seines Gegenübers vor sich ging. Gleichzeitig fühlte er sich schuldig deswegen. Er wusste, sein Freund brauchte Hilfe, und er brauchte sie bald. Er kannte den Blick und er kannte auch das Gefühl, was ihn verursachte. Er hatte ihn schon zu oft gesehen und er war jedes Mal aufs Neue völlig überfordert damit. Egal was er sagte, Alex würde es kaum wahrnehmen.

Der Kellner erschien mit der Bestellung und Flo orderte direkt zwei weitere Biere. Der Vorsatz, weniger zu trinken war von Anfang an albern gewesen und heute Abend konnte er eh nichts mehr ausrichten. Morgen sah die Welt wieder anders aus. Er hatte einen Plan. Er würde Alex helfen können, wieder aus der Depression zu erwachen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 18

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