Hörsaalgetuschel – Ausgabe 19

Der Job

Flo hätte schwören können, nur für einen winzigen Augenblick die Augen geschlossen zu haben. Er hatte in letzter Zeit nicht besonders gut geschlafen und fühlte sich ausgelaugt und erschöpft. Seine Semesterferien hätten besser beginnen können aber das Wetter gab ihm wenig mehr Anlass. Aber nun hatte ihn die Klingel wirklich aus dem Schlaf gerissen. Es war ein dämmriger, kalter, verregneter Nachmittag. Während er zur Tür hastete, stellte er fest, dass ihm mindestens vier Stunden fehlten.

„Ah, Sie sind doch da, ich hatte mich schon gewundert. Habe ich Sie geweckt? Tut mir leid. Was dagegen, wenn ich rein komme? Dankeschön.“

Eine junge Frau, wahrscheinlich ein klein wenig älter als Flo selbst, schob sich an ihm vorbei in die Wohnung. Mit gerümpfter Nase sah sie sich in der unaufgeräumten Küche um und trieb ihm mit dem Blick allein die Schamesröte ins Gesicht. Er wollte etwas zu seiner Verteidigung erwidern aber sie kam ihm zuvor.

„Sie dürften inzwischen festgestellt haben, dass Sie in letzter Zeit nicht besonders gut schlafen. Das tut uns natürlich recht herzlich leid, aber es lässt sich nicht ganz verhindern. Unsere Tests sind nun allerdings abgeschlossen. Herzlichen Glückwunsch, Sie sind tauglich.“

Sie hielt ihm die Hand hin und sah ihm fest in die Augen. Instinktiv schlug er ein, nur um sofort wieder los zu lassen und zu einer abwehrenden Geste zu wechseln.

„Moment! Tests? Tauglich? Wofür? Und woher wissen Sie von meinen Schlafproblemen und wer sind Sie überhaupt?“

Er bekam einen teils mitleidigen, teils verständnislosen Blick.

„Na Ihre Tauglichkeitstests natürlich. Wir haben Sie auf ihre Tauglichkeit für unsere Dienste getestet, daher die Schlafprobleme, und ihre Tauglichkeit als Pilot wurde festgestellt.“

„Als Pilot?“

„Ja, Pilot. Sie wissen schon, sitzt im Cockpit, steuert Fluggeräte aller Art und so weiter. Pilot. Und unsere Überprüfung hat ergeben, dass Sie einen Job auch gut gebrauchen können.“

Hinter Flos Stirn knirschten die Zahnräder. Er fühlte sich überrannt und wie gelähmt. Er hatte vom Fliegen geträumt, wieder und wieder. Seit er in seiner Jugend einmal eine Flugstunde geschenkt bekommen hatte, ließ es ihn nicht mehr los. Und hier stand diese Frau vor ihm und erzählte ihm, er wäre tauglich als Pilot und könnte einen Job gebrauchen.

„Moment, nur dass ich das richtig verstehe. Sie haben mich ohne mein Wissen getestet, wie auch immer, und nun sind Sie hergekommen, erzählen mir, dass ich tauglich bin, wofür auch immer, und … bieten mir einen Job an?“

„Tauglich als Pilot, ja. Und noch einmal ja, wir bieten Ihnen einen Job an. Sie müssen nur noch unterschreiben, und zwar hier.“ Sie zog eine Mappe mit offiziell wirkenden Papieren aus einer Aktentasche unter ihrem Arm. „Der erste Monat ist natürlich hauptsächlich vom Training bestimmt. Da wird das Gehalt noch nicht so hoch sein. Nach sechs Monaten ist die Probezeit abgelaufen, ab da werden sie volles Gehalt bekommen. Da Sie im Bereitschaftsdienst arbeiten werden, sind sie in der Kaserne einquartiert. Ihr Arbeitsgerät wird selbstverständlich gestellt.“

Sie legte ihm die Papiere vor. Es war offensichtlich ein Arbeitsvertrag, jedenfalls soweit er das beurteilen konnte. Ein weiterer Punkt, für den er sich schämte, war, dass er bisher nicht all zu viele Arbeitsverträge gesehen hatte. Aber was er hier las, war einfach zu schön, um wahr zu sein. Er würde Fliegen lernen, bekam ein Flugzeug zur Verfügung und sollte dieses fliegen. Legal und gegen eine stattliche Bezahlung. Wenn er die Probezeit überstand, wäre er für mindestens fünf Jahre in einem gesicherten Beschäftigungsverhältnis. Er kniff sich in den Arm aber er wurde nicht wacher. Wie war das möglich? Die Frau sah ihn fragend an.

„Was ist der Haken an der Sache?“ Er konnte sich die Frage nicht verkneifen.

„Nun, Sie werden natürlich ihre Familie und Freunde für eine Weile nicht sehen und wir haften auch nicht im Falle Ihres Todes. Reicht das nicht aus?“

Ihm reichte das nicht, um ihn abzuschrecken. Er sah sich nach einem Stift um, fand einen Kugelschreiber, der sich aber nicht zum Schreiben bewegen ließ und einen roten Buntstift. Er hätte eher mit einem lila Lippenstift unterschrieben aber, da er keinen Lippenstift trug, hatte er auch keinen. Stattdessen bot ihm die immer noch unbekannte Dame einen Füller an. Altmodisch aber er würde seinen Zweck erfüllen. Als er die Feder auf das Papier setzte, begann der Raum zu verschwimmen. Ein nervtötender Ton durchschnitt die Stille in der Küche. Ein Ton, der in ihm zu aller erst den Reflex zündete: drauf zu schlagen.

In der Suche nach der Geräuschquelle wirbelte er um seine eigene Achse, um sich im nächsten Moment auf dem Teppich wieder zu finden. Nicht mehr in der Küche, sondern in seinem Zimmer. Von der Frau oder der Fahrkarte in den Traumjob war nichts zu sehen. Nur sein Wecker stand auf dem Nachttisch und piepte, als wäre er die Unschuld in Person. Über ihm drehte sich sein Schreibtischstuhl. Seine Nacht war vorbei, ehe er es ins Bett geschafft hatte und mit der Morgensonne endete auch sein Traum.

Wieso hatte er sich überhaupt einen Wecker gestellt? Er hatte Ferien. Die Zeit, nach der er sich Monate lang gesehnt hatte. Die Zeit, in der er einfach ausschlafen konnte. Was hatte er vergessen?

Advertisements

4 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 19

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s