Hörsaalgetuschel – Ausgabe 20

Familienbesuch

Es versprach, das letzte schöne Wochenende des Jahres zu werden. Sie Sonne schien, die Luft war noch warm, kaum wolkenbedeckten den Himmel und auf der Wiese am Fluss hatte sich ein kleiner Jahrmarkt niedergelassen. Es lockten Bier für einen Euro und Grillwürstchen.

Flo hätte gerne mit Jenny, Erik und Mia einen Ausflug zu den Wiesen gemacht. Jenny war nur über die vorlesungsfreie Zeit mit ihrer Familie in der Türkei. Mia verweigerte seit etwas mehr als einem halben Jahr jeden Alkohol und gab sich große Mühe, dieses Verhalten auf Erik zu übertragen. Abgesehen davon konnte er sich gerade etwas Angenehmeres vorstellen, als mit einem Pärchen auf einen Jahrmarkt zu gehen. Besonders, da Erik zurzeit das Bedürfnis hatte, Mia zu zeigen, wie wichtig sie ihm war, und besonders anhänglich geworden war.

Ansonsten war nur niemand über die vorlesungsfreie Zeit in der Stadt geblieben. Alle waren weg, um Familie und Freunde zu besuchen, Urlaub zu machen oder mit Ferienjobs ihre Kasse aufzubessern. Er kam sich einsam und verlassen vor, wie er nun in seinem Zimmer saß, den Kopf auf dem Fensterbrett abgelegt, den Blick in den blauen Himmel.

Der Lüfter seines Laptops ächzte. Seit einer Viertelstunde lud bereits das Menü eines Spiels, was er eigentlich hatte ausprobieren wollen. Er hatte längst eingesehen, dass er vergebens wartete. Selbst wenn das Spiel geladen wäre, er würde es wohl nicht spielen können. Oder doch?

Begleitet vom Klopfen an der Türe sprang der Bildschirm auf das so sehnlichst erwartete Menü. Es klopfte ein weiteres Mal, ohne, dass ihm Zeit gegeben wurde, überhaupt erst zu reagieren. Falls sein Besuch Bier haben wollte, war er hier leider falsch. Flos Blick wanderte zum leeren Kasten neben seinem Bett. Wieso er zur Türe ging, konnte er nicht genau sagen aber er ging und er öffnete, obwohl ihm sein Gefühl davon abriet.

„Da ist er ja, unser Musterstudent! Komm her, lass dich von deiner alten Tante umarmen.“

Die schrille Stimme, die ihm entgegen schallte, stellte ihm alle Nackenhaare auf und hätte wohl bei jedem Tier mit Hörorganen einen Fluchtreflex ausgelöst. Nur Flo konnte nirgendwo hin. Seine Tante kam auf ihn zu wie ein Tornado auf ein kleines Farmhäuschen in der Prärie. Über ihre Schulter hinweg konnte er seine Mutter und Großmutter erkennen, die ihn belustigt, verlegen und entschuldigend zugleich angrinsten. Beide hielten sich lieber stumm im Hintergrund, drängten trotzdem schnell in die kleine Wohnung und schlossen die Türe hinter sich.

„Hach ist das schön, dich mal wiederzusehen. Das muss doch ewig her sein. War das nicht auf der Beerdigung von Tante Käthe? Nein, da warst du nicht dabei. Wann war denn das? Ach, das ist doch auch nicht wichtig.“ Doch, er war dabei gewesen, allerdings nicht in der Kapelle. Er warf seiner Mutter einen skeptischen Blick zu. Tante Irma bemerkte ihn und wechselte sofort das Thema. „Ja du siehst, ich bin nicht alleine. Wir haben uns mal einen Mädelstag gemacht und hatten Lust auf einen kleinen Ausflug.“

„Einen Mädelstag also.“ Flo streifte sein Hemd wieder glatt, sah in die Gesichter der illustren Gesellschaft, außer dem seiner Tante. Sie hatte ihres nämlich sogleich auf eine Expedition durch seine Schränke und Schubladen geschickt und war von dieser noch nicht zurückgekehrt. „Und da dachtet ihr euch also, kommt ihr noch bei mir vor bei, weil ich zu einem Mädelstag so gut passe?“

„Ach der Flo, immer noch schlagfertig wie ein Becher Sahne. Natürlich nicht, du Dummerchen, aber der Student von heute hat doch sicher was Gutes zu Knabbern für seine liebe Tante, oder?“

Sie zog eine fast leere, zerknüllte Chipstüte aus einem Fach und Flo, der sich nicht im Geringsten an sie erinnern konnte, hoffte nur, es war auch drin, was draufstand. Die schrille Stimme seiner Tante machte deutlich, dass sie nicht an Chips interessiert war.

„Junge, du musst doch gesünder essen! Du kannst doch nicht nur von Luft und Liebe leben. Damals, als ich studiert habe, da ging es uns noch anders.“

„Du meinst die zwei Semester, die du mit Lambrusco, Marihuana und Philosophiestudenten verbracht hast?“

Er biss sich auf die Zunge und ärgerte sich für seine vorlaute Zunge. Seine Mutter und Großmutter hatten es sich inzwischen auf der Bettkante gemütlich gemacht und bemühten sich, ob seines Kommentars nicht laut loszulachen. Tante Irma sah ihn streng an und stopfte die Chipstüte zurück in das Regalfach.

„Genau diese beiden Semester. Und jeden Samstag sind wir zum Griechen gegangen und haben Pita Gyros mit Tzatziki und Rotweincreme gegessen. Die fünf Mark solltest du dir mal wert sein.“

Das Schlimme war, seine Tante war wirklich der Überzeugung, Pita Gyros wäre inklusive Nachspeise für fünf Mark, maximal aber fünf Euro zu bekommen. In der Mensa würde es dann selbstverständlich nicht mehr als die Hälfte davon kosten. Er war sich sicher, dass, selbst wenn er Essen zu dem Preis finden würde, er sich nicht trauen würde, es zu essen. Seine Mutter war offensichtlich übermütiger.

„Pita Gyros für fünf Euro meinst du also? Gut, dann zeigst du uns jetzt mal, wo du das bekommst und wir gehen gemeinsam griechisch Essen. Florian, wenn du nichts anderes vorhast, dann kannst du gerne mitkommen. Dann kannst du uns bei der Gelegenheit die Stadt zeigen. Auf dem Weg hierher war es so voll, ist etwas Besonderes los?“

Und so kam Flo an diesem sonnigen Sonntagnachmittag doch noch vor die Türe, besuchte den Jahrmarkt und ganz nebenbei bekam seine Tante eine Nachhilfestunde in Gastronomiepreisen.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 20

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s