Archiv für den Monat März 2015

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 26

Vorstellungsgespräch

Flo saß im Vorzimmer eines viel zu edel aussehenden Vorstandsbüros und fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. Der Anzug, den er trug, hatte er bisher nur bei Beerdigungen getragen, sonst hatte es keine Anlässe dazugegeben. Die schlecht gebundene Krawatte saß für seinen Geschmack zu eng, er schwitzte kalten Angstschweiß und kaute nervös auf seiner Lippe. Wieso hatte er sich nur darauf eingelassen?

Nur um sein Gewissen zu beruhigen, hatte er Bewerbungen für Praktika geschrieben. Halbherzig, wahrscheinlich unvollständig und vage. Er hatte mit keiner Reaktion gerechnet, eventuell noch mit Absagen. Stattdessen hatte er von mehr als der Hälfte der Unternehmen positive Antworten bekommen und er konnte sich absolut nicht erklären wieso.

Damit war er in der ungemütlichen Situation, tatsächlich ein Praktikum anzutreten. Würde er ablehnen, Mia, Erik und seine ganze Familie würden ihn in Stücke reißen. Jenny nicht, die würde es nicht einmal bemerken. Seit sie die Stadt verlassen hatte, hatte sie keinen Ton mehr von sich hören lassen. Flo hatte zwischenzeitlich versucht sie zu erreichen aber vergeblich. Sie war von der Bildfläche völlig verschwunden. Ein willkommener Grund, sich hemmungslos zu betrinken. Trotzdem rechnete er noch damit, dass sie zurückkam und alles gut werden würde.

Er hatte also ein vorgeschlagenes Vorstellungsgespräch angenommen. Erst später war ihm bewusst geworden, dass er dafür natürlich nüchtern sein musste. Das war genau das, was er gerade am wenigsten gebrauchen konnte. Außerdem würde er sich rasieren müssen und offiziell kleiden. Er hatte erst im Internet suchen müssen, wie man so etwas machte, und fühlte sich bei dem Gedanken schrecklich albern. Er wollte keine Festanstellung, sondern ein Praktikum von vier bis sechs Wochen. Lieber sogar nur vier, damit er auch einige freie Tage zwischen den Semestern genießen konnte.

Zwei Tage vor dem Gespräch hatte er morgens in den Spiegel gesehen und beschlossen, der Bart musste dran bleiben. Er brauchte etwas mehr Struktur, klar, und einen sauberen Schnitt, aber ganz entfernen kam für keine Stelle der Welt infrage. Außerdem hatte sich extra eine billige, neue Krawatte gekauft. Er wusste selbst nicht so recht wieso, aber er hatte es getan. Aus einer bunten Laune heraus, quasi.

Es wurde ihm ebenfalls wieder bewusst, wieso er offizielle Termine hasste wie ein Veganer einen Milchbauern, der seine Herde keulen musste, statt ihr BSE in die Welt zu streuen und damit die Menschen vor ihrer Milch- und Fleischsucht zu befreien. (Das Bild, welches er dazu vor seinem inneren Auge hatte, ließ ihn leicht schmunzeln. Es war einfach zu absurd und sachlich nicht durchdacht.) Ein ausgesprochen schlechter Schlaf machte ihm zu schaffen. Er wachte auf, erschöpfter als noch am Abend, und ging Schlafen mit genug Energie und Adrenalin, als hätte er gerade eine fünf-Liter-Infusion frischen Kaffees erhalten.

Abgebrannt und mit flatternden Nerven stand er nun also im Foyer und konnte sich nicht mehr entscheiden, ob er sich lieber hinsetzen oder auf und ab gehen sollte. Er entschied sich dazu, im Sitzen auf und ab zu gehen, scheiterte aber an der Umsetzung. Stattdessen lehnte er mit leerem Kopf an der Wand und starrte die Sitze an. Auf dem Beistelltisch lagen Fachzeitschriften, deren Titel so spannend waren wie Nascar-Rennen. Spannungsgeladen und unvorhersehbar. Die Türe in seinem Rücken öffnete sich und ein dicker Mann in zu kleinem Anzug und einer sehr sparsamen Frisur bat ihn herein.

„Normalerweise nehmen wir keine Praktikanten für so kurze Zeit. Die Hälfte der Zeit brauchen Sie ja alleine, um zu verstehen, was sie tun sollen. Trotzdem, ich nehme an, Sie haben sich bereits etwas über unser Unternehmen informiert?“

„Ihre Internetseite ist ja recht ausführlich. Die habe ich mir natürlich angesehen, immerhin bin ich ja darüber auf Ihr Unternehmen aufmerksam geworden.“ Das hatte er tatsächlich, er wusste nur kaum noch, was darauf alles aufgeführt war. Es war allerdings eine Menge.

„Ja, dort steht eigentlich alles, was wir auch anbieten. Es ist ja auch für eventuelle Kunden ein Informationsportal. Aber damit wissen Sie ja schon, wo Sie bei uns dran sind und was wir alles bieten. Ich weiß jetzt nicht, wie gut Sie sich da auskennen aber in unserer Branche gibt es eigentlich nur drei Klassen von Unternehmen. Da sind einerseits die kleinen Büros von Einzelpersonen mit vielleicht noch ein oder zwei Angestellten, dann die ganz großen Firmen mit mehreren Hundert Angestellten und Zweigstellen in mehreren Städten und dann noch die goldene Mitte. Das sind Büros mit etwa fünfzehn bis zwanzig Angestellten. In der Kategorie rangieren wir, aber schon am oberen Ende. Im Moment beschäftigen wir etwa dreißig Fachkräfte.“

Flo saß angespannt auf der Kante des unbequemen Bürostuhls und versuchte aufmerksam zuzuhören. Er hatte die Nacht nicht gut geschlafen und entsprechend kämpfte er gerade mit einer bleiernen Müdigkeit. Sein Gegenüber redete sich ein wenig in Schwung und er hatte den Eindruck, dass er das Unternehmen vorgestellt bekommen und nicht sich selbst vorstellen sollte. Fragen wurden ihm jedenfalls keine gestellt.

„Wir haben auch schon öfter Praktikanten von Ihrer Hochschule gehabt. Natürlich bekommen Sie am Ende auch ein Zeugnis und das ist dann auch etwas, mit dem Sie wirklich etwas tun können. So etwas können Sie vorzeigen, das ist wichtig. Genau das ist es, worauf die Personalchefs achten. Natürlich guckt man sich an, welche Kurse Sie belegt haben und so aber das, was am Ende wirklich zählt, sind die praktischen Erfahrungen.“

Wieso erzählte er ihm das? Was wollte er damit bezwecken? Er stellte jedenfalls nicht infrage, dass Flo hier ein Praktikum durchführen würde. Die einzige offene Frage schien das Startdatum zu sein und das konnte Flo nicht einmal genau abschätzen. Die vorlesungsfreie Zeit war bald vorbei, es musste also in der nächsten liegen und dafür gab es natürlich noch keine Klausurtermine. Wer konnte denn auch von einer Hochschule erwarten, dass sie nach über einhundert Jahren Lehrtätigkeit absehen konnte, dass am Ende des Semesters wie jedes halbe Jahr Klausuren lagen.

Wenn er darüber nachdachte, dann war sich die Uni der Klausuren durchaus bewusst. Immerhin standen sie im Vorlesungsverzeichnis, wenn auch ohne Datum. Der dicke, kleine Mann auf der anderen Seite des Tisches zählte inzwischen das Angebot auf, welches auch auf der Website stand. Zu jedem Punkt des Portfolios ergänzte er einige Ausführungen und Erläuterungen. Mit jedem Satz hatte Flo mehr den Eindruck, in einem Verkaufsgespräch zu sitzen. Wer von den beiden verkaufte hier eigentlich gerade seine Seele? Er konnte sich nicht entscheiden, wie ihm das Ganze gefiel. Sollte es ihm Mut für das Praktikum machen oder musste er sich gewarnt fühlen?

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Das ewige Leid mit Ubisoft…

Ich spiele vielleicht nicht oft aber dafür sehr gerne. Umso mehr ärgert es mich, wenn dieses rare Vergnügen dann durch ausgemachten Blödsinn torpediert wird. Der Publisher Ubisoft scheint sich daraus allerdings einen Sport zu machen. Er legt seinen Kunden Ketten an und versucht das dann als eleganten Schmuck zu verkaufen. Wieso ist es dermaßen unerwünscht, dass man die Spiele auch spielt? War das nicht einmal genau deren Sinn und Zweck?

Sehr geehrter U-Play Support,

Nach langem hin und her habe ich mich entschlossen, euch eine Anfrage zu einem Problem zu schicken, entgegen jeglicher Erwartung auf Besserung, da es sich um eine Grundsatzfrage handelt.

Ich habe vor einiger Zeit das Ubisoft Spiel „Anno 2070 – Die Tiefsee“ gekauft. Um es zu spielen, ist es leider erforderlich U-Play zu installieren. Diese Maleware hatte wohl den Hintergrund, als DRM-Schutz aktiv zu sein. Wenn man das Spiel über Steam kauft, sollte dieser Punkt eigentlich obsolet sein aber gut, das entspricht offensichtlich nicht der Firmenpolitik.

Für eine Weile hat das Spiel dann auch funktioniert und mit dem Spiel selbst gab es wohl auch überhaupt kein Problem. Das Problem war U-Play, was es zu einem Akt gemacht hat, es überhaupt erst zu starten! Man wird von unerwünschten „Features“ und Werbung erschlagen, es ist unübersichtlich und einfach eine Dreistigkeit. Besonders seit Tag X, an dem sich euer werter U-Play Launcher kaputt gepatcht hat, und nicht mehr starten wollte. Gut, ein fehlgeschlagenes Update, das kann mal passieren. Nach ein paar Tagen sollte so etwas erledigt sein und alles wieder funktionieren. Dafür habe ich schließlich Geld bezahlt und das Spiel gekauft.

Ubisoft will nur leider seinen Teil des Vertrages nicht einhalten und tut für sein Geld nichts!

Ich muss selbst aktiv werden um mich durch Foren und Supportseiten wühlen, um manuell ein Programm zu reparieren, welches ich nicht haben will und welches für mich als zahlender Spieler mit keinem irgendwie geartetem Nutzen verbunden ist! Anfangs hatte es ja funktioniert also ist der logische Schluss, dass es ja wieder funktionieren muss, wenn ich es nur neu installiere. Tatsächlich, der Launcher startet, sucht ein Update und stirbt wieder. Das ist ein nicht tragbarer Zustand!

Mehr noch, es zwingt mich in die Illegalität. Um das Spiel, welches ich theoretisch legal gekauft habe, zu spielen, muss ich anscheinend eine gecrackte, illegale Version verwenden, die auf U-Play verzichten kann. Wie soll ich auf diese Weise die Entwickler des Spiels (Related Design), welche gute Arbeit geleistet haben, für eben diese entlohnen?

Das Spiel selbst ist gut und macht großen Spaß, auch wenn ich nur selten die Zeit habe, es zu spielen. Leider ist es durch die oben genannten Umstände (U-Play Launcher und damit auch das Spiel startet nicht, U-Play selbst), unspielbar geworden. Ein Zustand, den ich höchst bedauerlich finde.

Zur Lösung dieses Problems möchte ich euch bitten, die Bindung an U-Play zu lösen oder jenes selbst deutlich zu verbessern (sprich aufzuräumen und vor allem aus dem Spiel selbst raus halten!). Im Moment ist es vergleichbar mit folgender Analogie: Du möchtest eine Tasse Kaffee trinken und gibst dem Automaten dafür das Geld. Schwarz soll er sein, einfach nur ein Kaffee. Der Automat liefert den Kaffee, gießt aber gleichzeitig die halbe Tasse voll mit Zucker und Milch. Noch bevor du dir deinen zwar trinkbaren aber doch etwas entstellten Kaffee nehmen kannst, musst du dich nun zunächst durch Werbung für laktosefreie-, fettfreie- und Kondensmilch sowie für ökologischen Rohrzucker aus Peru oder Fairtrade Fruchtzucker aus den Karpaten schlagen, die der Automat ebenfalls anbietet. Zu guter Letzt stürzt der Automat über das Einblenden der Werbung ab. Dabei wolltest du doch einfach nur einen Kaffee.

Mit enttäuschten Grüßen

ein vermutlich ‚ehemaliger‘ Kunde.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 25

Raubkater

„Was macht meine Freundin eigentlich die ganze Zeit bei dir? Und wieso will sie mir nicht erzählen, dass sie bei dir ist?“

Erik stand angriffslustig vor Flo, der mit einem fiesen Kater in seinem Schreibtischsessel saß und apathisch vor sich hin schaukelte. Den Kater hatte er besagter Freundin zu verdanken. Mia war am vorigen Abend mit zwei Flaschen Rum bei ihm aufgeschlagen um sich, mal wieder, über ihren Freund aufzuregen. So sehr er ihren Besuch auch schätzte, es tat seiner Gesundheit nicht gut. Jenny hatte sich die letzten Wochen nicht mehr bei ihm gemeldet und das machte es nicht besser. Er vermisste sie und hasste sich genau dafür.

„Was denn? Keine Antwort? Was läuft da zwischen euch beiden? Und du stinkst schlimmer als ne Hafenkneipe. Was zum Teufel habt ihr gesoffen?“

„Rum. Hat Mia angeschleppt. Nimm dir ein Bier und setz dich aber hör auf so herumzuschreien.“

Flo brummelte in seinen Stoppelbart. Er war heute nicht fähig, laut zu reden. Dass Erik heute bei ihm vorbei gekommen war, passte ihm überhaupt nicht. Schon allein deswegen, weil er sein Bett hatte verlassen müssen, um die Türe zu öffnen. Er fühlte sich abgebrannt, schlapp und verbraucht. Einen widerwärtigen Geschmack auf der Zunge und ein dumpfes Gefühl im Kopf umklammerte er seine Beine, um nicht aus dem Sessel zu fallen, während er vor und zurück wippte.

Erik hatte sich kein Bier genommen und sich auch nicht gesetzt. Er stand mit verschränkten Armen im Türrahmen und wartete immer noch auf eine Antwort. Flo hatte bemerkt wie er mit den Augen möglichst unauffällig versucht hatte den Mülleimer, den Nachttisch und die Bettkante zu untersuchen. Dass er nicht gefunden hatte, wonach er gesucht hatte, würde ihn kaum beruhigen. Flo gähnte ausgiebig und wandte sich seinem Besucher zu.

„Kein Bier? Auch gut. Dann erklär du mir mal bitte, was da im Moment bei Mia und dir falsch läuft. Irgendwas muss da ja kaputt sein, wenn sie plötzlich anfängt, mich abzufüllen, statt dafür zur Schnecke zu machen. Es ist zwar schön, sich mal endlich wieder gepflegt die Kante zu geben aber das ist nur noch übertrieben.“

Erik funkelte ihn finster an. Er war gekommen um Antworten zu bekommen, nicht zu geben. Er wartete ab. Vielleicht sollte er sich doch ein Bier nehmen, einfach nur, damit Flo es nicht mehr trinken konnte. Andererseits sah er im Augenblick so aus, als könne er ihm damit sogar noch einen Gefallen tun und danach stand ihm gerade überhaupt nicht der Sinn. Er fühlte sich verraten und verletzt. Einer seiner besten Freunde und seine Freundin trafen sich hinter seinem Rücken, spät abends, zum Trinken, in einem Raum, dessen beste Sitzmöglichkeit, von einem Schreibtischsessel abgesehen, das Bett war. Er brauchte nicht viel Fantasie, um sich da etwas auszumalen.

Flo wartete auch auf eine Antwort. Eigentlich kämpfte er mehr damit wach zu bleiben und, nicht vorwärts aus dem Stuhl zu fallen. Seine Kopfschmerzen pochten so laut, dass er sich selbst nicht denken hören konnte, und wünschte sich gerade nichts mehr, als eine Tüte fettiger, salziger Chips. Selbst wenn er noch eine gehabt hätte, er hätte wahrscheinlich eh nichts hinunter bekommen. Und Erik hatte nichts Besseres zu tun, als dort zu sitzen und ihn anzuglotzen, als habe er gerade das letzte Stück Kuchen genommen. Hatte er ihm nicht eine Frage gestellt? Dann müsste doch eigentlich auch eine Antwort kommen. Mit etwas Glück könnte er daraus die Frage selbst rekonstruieren, denn er hatte sie wieder völlig vergessen. Es hatte etwas mit dem Kater zu tun, womit auch sonst, aber in welchem Zusammenhang?

Mia war da gewesen, mal wieder. Sie hatte Streit mit Erik gehabt, mal wieder. Die halbe Nacht war sie da gewesen und hatte mit ihm getrunken, mal wieder. Flo hatte nicht verstanden, was genau das Problem mit Erik war, aber die beiden redeten offensichtlich nicht miteinander. Mal wieder.

Es war nicht einmal so sehr das Problem, dass die beiden wohl beschlossen hatten, ihren Streit über ihn auszutragen. Was ihn mehr störte, war die Art, und das überraschte ihn selbst wahrscheinlich am allermeisten. Er, der an keiner Flasche Bier vorbei gehen konnte, störte sich an einem kleinen Kater. Er musste sich eingestehen, dass er alt wurde, und wo er schon dabei war, es war auch schließlich kein normaler Kater. Keine dieser Ausreden wollte so recht zünden und er fühlte sich in seiner Ehre beschmutzt und auf eine merkwürdige Art wie ein Betrüger. Er musste des Pudels Kern finden.

„Also, was ist nun mit Mia und dir?“

Er hatte nicht einmal bemerkt, wie Erik in den Minuten, die er mit seinem Kater gekämpft hatte, in sich zusammengesunken war. Wenn er ihn nun so ansah, hatte er einen beinahe kümmerlichen Haufen Mensch vor sich sitzen. Der eigentlich Größere und Kräftigere der Beiden sah fast so schlimm aus wie Flo sich fühlte, und nur halb so groß.

„Ich weiß es doch auch nicht. Im Augenblick habe ich den Eindruck, sie liebt dich mehr als mich. Jedenfalls verbringt sie mehr Zeit mit dir. Was auch immer ihr beiden da immer anstellt.“

„Du scheinst da ja viel hineinzuinterpretieren. Was traust du ihr eigentlich alles zu? Sie ist immerhin deine Freundin.“

„Ist sie das noch? Ich bin mir nicht so sicher.“

„Bemühst du dich denn um sie oder lässt du sie nur spüren, dass du unglücklich mit ihr bist?“

Flo war über seine Frage genau so überrascht wie Erik. Er hatte nicht erwartet, eine Frage zu stellen, die keinen Schaden anrichten musste und Erik hatte sich über solche Themen bisher keine Gedanken gemacht. Und wieso hätte er das auch tun sollen? Sie verhielt sich doch schließlich nicht anders. Nachdenklich schweigend saß er im Schneidersitz auf Flos Bett. Am Ende hatte er sich doch ein Bier genommen und der Geruch alleine reichte aus, um Flo ins Bad eilen zu lassen. Völlig in Gedanken versunken ließ er sich davon nicht stören.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 24

Praktikumsbewerbung

Flo war es leid gewesen. Die letzten Semesterferien hätten so schön sein können, wenn nicht spätestens alle zwei Tage jemand gekommen wäre, und ihn gefragt hätte, wieso er denn die freie Zeit nicht für ein Praktikum nutzte. Es war offensichtlich nicht akzeptiert, dass ein Student die vorlesungsfreie Zeit dafür nutzte, Hausarbeiten zu schreiben, für die Nachschreibklausuren zu lernen und auch ab und an einfach ein wenig Urlaub zu machen. Stattdessen sollte er arbeiten gehen oder aber wenigstens ein Praktikum machen.

„Informiere dich wenigstens einmal! Ehrlich, Praktika sind das, worauf die Personaler gucken. Deine Noten sind da nicht mal so wichtig.“

„Ehrlich, du sitzt seit zwei Wochen zu Hause und hast Zeit abends Trinken zu gehen. Da kannst du die Zeit mit einem Praktikum besser nutzen.“

„Ihr Studenten habt auch echt zu viel Zeit. Ich hab letztens in der Bahn mit einem geredet, der spielt in gleich zwei Bands und ist dann noch Vizekreisvorstand bei den Grünen. Keine Ahnung mehr was er studiert aber so entspannt würde ich auch mal leben wollen.“

Die Diskussion um die geräumig bemessene Freizeit der Studenten konnte er nicht gewinnen, das wusste er. Und ein Personaler konnte doch mit einem Praktikum auch nicht viel mehr anfangen, als mit der Modulliste im Abschlusszeugnis. Was für eine Ahnung hatte so jemand denn? Krawatten schnüren doch nur den Blutfluss zum Gehirn ab, und solche Leute sollten dann darüber entscheiden, was sein Kopf konnte. Ein ewiges Trauerspiel aber so drehte sich die Welt nun einmal.

Gebt mir einen Hebelpunkt, und ich hebe Euch die Welt aus den Angeln.‘

Das war ein Zitat, das ihm gefiel. Er hatte etwas von Revolution an sich, etwas Brachiales, einen gnadenlosen Neubeginn. Aber Flo hatte weder Hebel noch Hebelpunkt. Er würde die Welt aus keinen Angeln heben können und eine Revolution starten genau so wenig. Nicht in diesem Teil der Welt, wo die Menschen satt, faul und zufrieden damit waren, über alles zu schimpfen, was sich nicht wehrte. Mitten in einer solchen Welt lebte er, und wenn er darüber nachdachte, ekelte er sich ein wenig vor sich selbst, denn wo war er selbst denn besser?

Schließlich hatte er aufgegeben und seinen Lebenslauf erstellt. Für eventuelle Bewerbungen war das schließlich wichtig, wenn auch schrecklich frustrierend. Was konnte er dort hineinschreiben? Seine Schullaufbahn? Die war wenig ruhmreich und länger, als sie hätte sein sollen. Ähnlich sah es jetzt schon mit der Hochschule aus und besondere Fähigkeiten konnte er auch keine aufführen. Er konnte eine Flasche Bier in 4,5 Sekunden leeren, war letztens für ein Turnier seines Lieblingsstrategiespiels in die Vorauswahl gekommen und hatte in der sechsten Klasse einmal eine Medaille bei den Bundesjugendspielen gewonnen. Nichts davon war auf einem Lebenslauf angemessen aufgehoben.

Flo wusste, dass Erik einen Lebenslauf von sich hatte, mit dem er bereits mehrere Antworten von unterschiedlichen Stellen erhalten hatte. Für die Semesterferien hatte er sich häufiger um Nebenjobs beworben, um sein Konto etwas aufzubessern. Er hatte Flo den Lebenslauf geschickt, als kleine Unterstützung. Laut diesem Dokument sprach Erik vier Fremdsprachen, beherrschte Word und Exel und war Pfadfinderleiter.

Manches davon war glatt gelogen. Eriks Englisch war bestenfalls mäßig, sein Französisch kaum besser und die Kenntnisse in Spanisch und Latein reichten kaum aus, um sich vorzustellen und ein Mittagessen zu bestellen. Auch wenn er mit dem Computer gut umgehen konnte, Pfadfinder war er sicherlich nie gewesen. Mia hatte ihm die Bescheinigung darüber ausgestellt, um den Lebenslauf etwas aufzuwerten. Im Gegensatz zu ihrem Freund war sie nämlich bei den Pfadfindern, als Leiter und seit drei Jahren auch als Stammesvorstand.

Für Flo stand so etwas nicht zur Debatte. Sein Lebenslauf würde eher übersichtlich bleiben und bei dem Gedanken daran wollte er sich aus Selbstmitleid betrinken. Das musste nur leider warten, denn ein Lebenslauf allein macht keine Bewerbung. Es fehlten noch die Bewerbung selbst und die Adresse. Um was davon wollte er sich zuerst kümmern? Im Grunde war es doch egal, das Anschreiben würde eh nur eine Standardversion werden, in der er beliebige Sätze austauschen konnte, um sie auf den jeweiligen Betrieb anzupassen.

Eine Stunde später stand das Anschreiben. Er wusste nicht, an wen er es richten sollte und auch die Jobbeschreibung war ein Platzhalter. Aber immerhin konnte ihm nun niemand mehr vorwerfen, er hätte sich nicht darum gekümmert. Definitiv Zeit, sich mit dem ersten Bier des Tages zu belohnen. Immerhin war es schon bald achtzehn Uhr. Er wusste, dass er es eigentlich lassen sollte. Der letzte Kasten hatte nicht einmal eine Woche gehalten und generell hatte er zu viel Zeit zum Trinken.

Zu seiner Verteidigung musste er sich eingestehen, dass Mia und Erik ihm fleißig dabei geholfen hatten. Immer abwechselnd, nicht gleichzeitig waren sie die letzten Tage immer wieder da gewesen und hatten ihm aktiv beim Trinken und Dokus gucken Gesellschaft geleistet. Trotzdem hatte er sich nicht zurückgehalten und kräftig zugelangt. Jetzt hatte er ordentlich Durst und Lust auf jede Menge Bier. Und frustriert war er auch, konnte aber nicht sagen, weswegen genau.

Der nächste Morgen begann spät. Er hatte am Abend doch noch auf sein Bier verzichtet, sich stattdessen mit einem Whiskey auf die Suche nach Stellen im Internet gemacht. Bei etlichen Firmen hatte er keine Stellen gefunden, aber trotzdem die Bewerbung dazu geschrieben. Nun kam er auf zwanzig Bewerbungen und er rechnete nicht damit, auf nur eine davon eine Antwort zu bekommen. Er war aktiv gewesen, und wenn die Mails alle verschickt waren, konnte er sich wenigstens ein ruhiges Gewissen erlauben.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 23

Zwischen den Fronten

Es gibt Tage, an denen sollte man sein Bett nach Möglichkeit nicht verlassen. Es gibt auch Tage, an denen sollte man sein Bett unbedingt verlassen, und die Wohnung, und die Stadt. Flo war sich noch nicht sicher, was davon dieser Tag war. Es war auf jeden Fall keiner dieser Tage, die sich schon deswegen lohnten, weil die Sonne morgens aufgegangen war. Er saß auf seinem Bett, auf dem Fernseher flimmerte eine Dokumentation über die italienische Luftwaffe im zweiten Weltkrieg, in seiner Hand wurde ein Bier warm und neben ihm lag Mia, war betrunken und sehr mies gelaunt.

Der Tag hatte nicht einmal schlecht angefangen. Flo war früh und ohne Kater aufgewacht. Er hatte vernünftig gefrühstückt, leere Konservendosen entsorgt und Geschirr gespült. Alles in allem war er überrascht, wie produktiv der Tag bisher verlaufen war. Selbst sein Nachbar, ein magerer, sehr stiller, kleiner und nicht besonders gut aussehender Junge, der Philosophie studierte aber absolut nicht trinkfest war, hatte offensichtlich einen guten Morgen.

Flo hatte ihn gestern Abend noch mit einem Mädel nach Hause kommen sehen, welches ausgesprochen hübsch aber sturzbesoffen war, ihn mit Spott betrachtete aber keine Anstalten machte, abzuhauen. Das regelmäßige Pochen an der Wand ließ darauf schließen, dass sie diese Meinung bisher nicht geändert hatte. Es klang sogar so, als wäre sie ausgesprochen zufrieden mit dieser Wahl und er offensichtlich auch, das erste Mal, seit Flo neben ihm wohnte.

Dann war eine SMS von Erik gekommen und der Tag war schlagartig weniger sonnig, als zuvor. „Wie kann man sich über eine 1,3 so aufregen? Erklär mir das bitte. Diese Frau treibt mich noch in den Wahnsinn!

Er hätte nicht sagen können, woran es lag, aber er hatte das nagende Gefühl, dass dies keine gewöhnliche Unstimmigkeit war. Erik regte sich für gewöhnlich nie laut über Mias Angewohnheiten auf. Sie gehörten zu seiner Freundin dazu und er ließ nie einen Zweifel daran, dass er sie über alles liebte. Und wieso wandte er sich mit seinem Problem an Flo? Er wusste doch, dass dieser der falsche Ansprechpartner war.

Das Schlimmste für Flo war, dass er seinen Freunden helfen wollte. Er hatte ein Helfersyndrom, das ihn zwang, aktiv zu werden. Selbst dann, wenn er wusste, dass er eher mehr Schaden statt helfen konnte. Was sollte er tun, außer zu fragen, was los war und Mittag essen gehen? Er hatte nicht einmal eine Freundin, also fehlte ihm diese Erfahrung. Er hätte gerne eine gehabt, nur halt nicht irgendeine. Jenny jedoch hatte ihm klargemacht, dass es ihr auf etwas anderes ankam und ihm war dieser Status im Moment lieber, als ganz auf sie verzichten zu müssen.

Mit viel Frust im Bauch stand er am Herd, ein Bier in der einen, den Pfannenwender in der anderen Hand. Im Kochtopf köchelte eine Dose Bohnen, in der Pfanne knisterte Speck und im Radio spielte ein Symphonieorchester einen schnellen Walzer. Akustisch passte das Stück in keiner Weise zum Fernseher, auf dem Nachrichten um Kriege in Zentralafrika, dem nahen Osten und dem Süden der ehemaligen Sowjetunion sich mit einem Taifun in Indonesien ein Rennen um die größte Aufmerksamkeit lieferten.

In diese eher trübe Grundstimmung hinein klingelte es an der Türe. Er machte den Herd aus, goss Speck und Fett aus der Pfanne in den Topf, um gleich daraus zu essen, und öffnete. Mia wartete nicht darauf, hereingebeten zu werden. Im Vorbeigehen nahm sie ihm das Bier aus der Hand und leerte es, noch während er die Türe hinter ihr schloss. Verwirrt starrte er auf die leere Hand und fühlte sich bitter betrogen und ausgeraubt.

„Ich gehe jede Wette ein, dass Erik sich schon bei dir gemeldet hat und egal was er gesagt hat, es ist gelogen!“

Mia redete unangenehm laut und schnell, roch nach billigem Schnaps und warf sich gerade in sein ungemachtes Bett, ohne ihre Schuhe auszuziehen. Sie war völlig unfähig zu bemerken, mit welcher Brutalität sie gerade in seine Privatsphäre eindrang. Flo stellten sich alle Nackenhaare auf und ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinab.

„Es ist im Grunde eh egal, was er geschrieben hat. Er hat ja keine Ahnung. Wie auch, wenn er mir nie zuhört?“

„Was redest du da? Er hat doch überhaupt nichts gesagt.“

„Siehst du? Das meine ich! Es ist ihm völlig egal, was mit mir ist. Ich könnte ihm sagen, dass ich Krebs habe, und es würde ihn nicht interessieren.“

„Du hast Krebs? Seit wann?“

„Das ist nur ein Beispiel, verdammt! Es geht darum, dass er mir nicht zuhört und es nicht ernst nimmt, wenn ich Sorgen habe und es mir schlecht geht.“

„Damit macht man keine Scherze!“ Flos Einwand kam schärfer, als er beabsichtigt hatte. Er öffnete sich ein neues Bier und setzte sich auf die Bettkante.

„Das musst du ihm sagen. Ich höre ihm zu.“ Sie lallte und sah schrecklich übernächtigt aus.

„Nein, ich meinte den Krebs. Mit so etwas macht man keine Späße. Was den Rest angeht, dazu kann ich nichts sagen. Ich habe nicht daneben gesessen und weiß nicht, worüber ihr streitet.“

„Wir streiten ja nicht. Soweit kommen wir ja überhaupt nicht.“

„Das klang aber eben noch anders. Ich habe nur mitbekommen, dass du mit deiner Note nicht glücklich bist. Da bin ich dann ja wohl genau die richtige Adresse.“

„Woher weißt du das mit der Note?“

„Du hast mir doch selbst die Liste geschickt. Außerdem macht sich dein Freund Sorgen um dich.“

Mia setzte sich ruckartig auf und starrte auf ihn hinab. Neben ihr fühlte er sich mal wieder winzig klein. Aus ihren Augen starrten Müdigkeit, Wahnsinn und mehr Alkohol, als sie vertrug. Sie Fixierte ihn für eine Weile und sackte dann in sich zusammen.

„Er hat also doch mit dir geredet. Wieso ist er denn mit mir zusammen, wenn ich angeblich immer so schlimm bin? Wieso macht er nicht einfach Schluss?“

Flo antwortete nichts mehr. Er fühlte sich verbraucht und leer. Er war genau so Eriks Freund wie Mias und die beiden streiten zu sehen gefiel ihm nicht. Besonders, weil Mia gerade so klang, als würde sie nicht versuchen wollen, die Beziehung zu retten, sondern eher auf eine Gelegenheit wartete, sie zu beenden. War das alles nur eine große Ausrede? Und wieso kam sie damit zu ihm? Konnte sie das nicht mit Erik selbst ausmachen und ihn daraus halten?

Während in der Küche das Mittagessen kalt wurde, wurde sein Bier warm. Mia lag apathisch zusammengerollt da und ihm blieb nicht mehr, als auf den Bildschirm zu glotzen und seinen Gedanken nach zu hängen. Seine Welt war nie besonders groß gewesen aber zurzeit war sie besonders klein und nun drohte all das in Scherben zu zerfallen. Dafür würde sein Bier nicht mehr reichen.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 22

Notenlisten

Seit Stunden vibrierte Flos Telefon beinahe durchgehend. Jedes Vibrieren war eine Meldung, dass sich einer seiner Kommilitonen auf einem der sozialen Netzwerke darüber ausließ, dass noch immer keine Klausurnoten bekannt waren. Eigentlich hatte es längst so weit sein müssen, schließlich war angekündigt gewesen, dass die Noten bis zum Wochenende da waren und das war immerhin schon übermorgen.

Seit dem Morgen hatten einige Leute also nichts Besseres zu tun, als sich auf der Seite des Prüfungsamtes aufzuhalten und alle zwei Minuten die F5 Taste zu bemühen, immer mit dem gleichen Ergebnis.

Anfänglich hatte er noch seinen Laptop hochgefahren und nachgesehen, was denn so viel Diskussion wert war. Nachdem der erste Streit darüber ausgebrochen war, wie wichtig oder unwichtig es denn war, die Noten in der ersten Sekunde zu erfahren, hatte er abgeschaltet und sein Telefon ignoriert.

„Zum Wochenende“ war eh ein ziemlich dehnbarer Begriff. Besonders, da nicht gesagt war, welches Wochenende gemeint war. Es konnte sich also genau so gut noch zwei Wochen hinziehen und besonders die Kommilitonen würden nervös werden, die sich im Zweifel für die Wiederholungsklausur anmelden mussten. Wahrscheinlich würde er dazugehören, nur dass er sich deswegen keine Sorgen machte.

Irgendwann im Verlauf der letzten Jahre hatte er bemerkt, dass ihm die Klausuren eigentlich egal waren, solange er sie nur bestanden hatte. Jetzt, wo Mia und Erik ihm aber dazu verhalfen, tatsächlich auch Klausuren zu bestehen, änderte sich das allmählich. Wenigstens dann jedenfalls, wenn er einen Blick auf seinen Notenschnitt warf und daran dachte, dass er auch irgendwann einmal fertig sein würde und dann eine Stelle finden wollte.

Mia musste sich um ihre Noten keine Sorgen machen. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie den besten Schnitt der Fakultät hatte. Bei Erik sah die Sache etwas anders aus, er kam im Fahrwasser seiner Freundin trotzdem recht gut voran. Ein bisschen Fleiß brachte er aber auch selbst mit. Jedenfalls mehr, als Flo selbst zur Verfügung hatte.

Wieder vibrierte das Telefon, diesmal allerdings mit einer SMS und keiner Aktualisierung. Mia war heute offensichtlich spät aufgewacht. Wahrscheinlich hatte sie bei Erik übernachtet und die Beiden hatten etwas getrödelt.

Was ist denn im Internet los? Haben die Affen nichts Besseres zu tun? Ich habe einen halben Herzinfarkt bekommen, als ich gesehen habe, wie viele Nachrichten ich verpasst habe. Die sollen sich einfach etwas gedulden.“

Das war gelogen, das wusste sie genau so gut wie er selbst. Sie hatte nur offensichtlich Redebedarf und Erik hatte einen grummeligen Tag. Er überlegte kurz, was er ihr antworten sollte, vergaß es dann allerdings über die Doku, die noch auf seinem Fernseher flimmerte. Dargestellt wurden die angeblich „modernsten und besten U-Boote der Welt,“ also amerikanische Atom-U-Boote aus den 1960er Jahren. Das Modernste an ihnen war die Farbe auf der Außenhaut und selbst die blätterte schon. Der Sprecher ergötzte sich gerade daran, welche sagenhaften Vorteile der enorme Nuklearreaktor bot und wie sauber und ungefährlich er doch war. Um glaubhaft zu wirken, trug er nur leider einen Hauch zu viel Ironie in seiner Stimme.

Ignorier mich ruhig, wenn ich mich über unsere Kommilitonen aufrege, mit mir kannst du das ja machen. Aber wenn du das bei deiner Freundin bringst, bist du schneller wieder Single, als du zwinkern kannst.

Sie meinte es ernst, daran bestand kein Zweifel. Der Sprecher im Fernsehen rühmte die Unbesiegbarkeit der U-Boote und ihres Arsenals an Atomraketen und Flo versuchte den Spagat, Mias Laune zu befriedigen, ihr von der Lächerlichkeit mancher Dokus zu erzählen und gleichzeitig den aktuellen Klatsch ab zu fragen, ohne dabei zu neugierig zu sein. Sie war unter Garantie wieder bis zum Zerreißen gespannt auf die Notenlisten. Wie auch immer es ausfallen sollte, er hatte einen frischen Kasten Bier in seinem Zimmer stehen, damit war er auf alles vorbereitet.

Vorausgesetzt, der Kasten hielt lange genug. Zischend flog der Kronkorken ab, als er sich die dritte Flasche des Tages aufmachte. Jenny hatte sich zu ihrer Familie abgesetzt, konnte ihn also nicht davon abhalten und Mia war mit Erik und den Noten ausreichend beschäftigt, um sich nicht um seinen Bierkonsum zu kümmern. Zu Beginn der vorlesungsfreien Zeit hatte er noch Vorsätze gehabt, sich zurückzuhalten. Beim Bier hatte er das auch geschafft. Erst den zweiten Kasten in vier Wochen, er war ein kleines bisschen stolz auf sich, das musste er zugeben. Den Schnaps blendete er erfolgreich aus. Das war nichts, womit er sich befassen wollte.

Mias Antwort lies auf sich warten. Als sie dann kam, bestand sie nicht aus Text, sondern einem Foto. Offensichtlich war Mia in die Uni gelaufen, hatte sich vor das Schwarze Brett gesetzt und die Liste abgewartet. Und es hatte sich gelohnt. Die Liste war gekommen und hatte ihren Seelenfrieden wieder herstellen können. Er wunderte sich nicht, hinter Mias Matrikelnummer eine 1,3 stehen zu sehen. Erik hatte nur noch eine 2,0 geschafft aber damit auch noch gut bestanden.

Und Flo selbst? Seine Matrikelnummer war leicht zu finden. Als einer der älteren Studenten war seine Nummer immer weit oben. Dieses Mal eröffnete er die Liste sogar, und das gleich mit einer 3,3! Damit würde sein Schnitt sich auf keinen Fall verschlechtern. Das musste gefeiert werden. Er leerte seine Flasche in einem Rutsch, eine gute Note verdiente schließlich eine frische Flasche.

Die vierte Flasche des Tages verlor ihren Verschluss, Flo stieß auf sich selbst an und genoss das kühle Bier. Es erschien ihm irgendwie bitterer als sonst. Vielleicht, aber nur vielleicht, war er doch nicht so glücklich damit, nur zu bestehen.