Hörsaalgetuschel – Ausgabe 22

Notenlisten

Seit Stunden vibrierte Flos Telefon beinahe durchgehend. Jedes Vibrieren war eine Meldung, dass sich einer seiner Kommilitonen auf einem der sozialen Netzwerke darüber ausließ, dass noch immer keine Klausurnoten bekannt waren. Eigentlich hatte es längst so weit sein müssen, schließlich war angekündigt gewesen, dass die Noten bis zum Wochenende da waren und das war immerhin schon übermorgen.

Seit dem Morgen hatten einige Leute also nichts Besseres zu tun, als sich auf der Seite des Prüfungsamtes aufzuhalten und alle zwei Minuten die F5 Taste zu bemühen, immer mit dem gleichen Ergebnis.

Anfänglich hatte er noch seinen Laptop hochgefahren und nachgesehen, was denn so viel Diskussion wert war. Nachdem der erste Streit darüber ausgebrochen war, wie wichtig oder unwichtig es denn war, die Noten in der ersten Sekunde zu erfahren, hatte er abgeschaltet und sein Telefon ignoriert.

„Zum Wochenende“ war eh ein ziemlich dehnbarer Begriff. Besonders, da nicht gesagt war, welches Wochenende gemeint war. Es konnte sich also genau so gut noch zwei Wochen hinziehen und besonders die Kommilitonen würden nervös werden, die sich im Zweifel für die Wiederholungsklausur anmelden mussten. Wahrscheinlich würde er dazugehören, nur dass er sich deswegen keine Sorgen machte.

Irgendwann im Verlauf der letzten Jahre hatte er bemerkt, dass ihm die Klausuren eigentlich egal waren, solange er sie nur bestanden hatte. Jetzt, wo Mia und Erik ihm aber dazu verhalfen, tatsächlich auch Klausuren zu bestehen, änderte sich das allmählich. Wenigstens dann jedenfalls, wenn er einen Blick auf seinen Notenschnitt warf und daran dachte, dass er auch irgendwann einmal fertig sein würde und dann eine Stelle finden wollte.

Mia musste sich um ihre Noten keine Sorgen machen. Er hätte sich nicht gewundert, wenn sie den besten Schnitt der Fakultät hatte. Bei Erik sah die Sache etwas anders aus, er kam im Fahrwasser seiner Freundin trotzdem recht gut voran. Ein bisschen Fleiß brachte er aber auch selbst mit. Jedenfalls mehr, als Flo selbst zur Verfügung hatte.

Wieder vibrierte das Telefon, diesmal allerdings mit einer SMS und keiner Aktualisierung. Mia war heute offensichtlich spät aufgewacht. Wahrscheinlich hatte sie bei Erik übernachtet und die Beiden hatten etwas getrödelt.

Was ist denn im Internet los? Haben die Affen nichts Besseres zu tun? Ich habe einen halben Herzinfarkt bekommen, als ich gesehen habe, wie viele Nachrichten ich verpasst habe. Die sollen sich einfach etwas gedulden.“

Das war gelogen, das wusste sie genau so gut wie er selbst. Sie hatte nur offensichtlich Redebedarf und Erik hatte einen grummeligen Tag. Er überlegte kurz, was er ihr antworten sollte, vergaß es dann allerdings über die Doku, die noch auf seinem Fernseher flimmerte. Dargestellt wurden die angeblich „modernsten und besten U-Boote der Welt,“ also amerikanische Atom-U-Boote aus den 1960er Jahren. Das Modernste an ihnen war die Farbe auf der Außenhaut und selbst die blätterte schon. Der Sprecher ergötzte sich gerade daran, welche sagenhaften Vorteile der enorme Nuklearreaktor bot und wie sauber und ungefährlich er doch war. Um glaubhaft zu wirken, trug er nur leider einen Hauch zu viel Ironie in seiner Stimme.

Ignorier mich ruhig, wenn ich mich über unsere Kommilitonen aufrege, mit mir kannst du das ja machen. Aber wenn du das bei deiner Freundin bringst, bist du schneller wieder Single, als du zwinkern kannst.

Sie meinte es ernst, daran bestand kein Zweifel. Der Sprecher im Fernsehen rühmte die Unbesiegbarkeit der U-Boote und ihres Arsenals an Atomraketen und Flo versuchte den Spagat, Mias Laune zu befriedigen, ihr von der Lächerlichkeit mancher Dokus zu erzählen und gleichzeitig den aktuellen Klatsch ab zu fragen, ohne dabei zu neugierig zu sein. Sie war unter Garantie wieder bis zum Zerreißen gespannt auf die Notenlisten. Wie auch immer es ausfallen sollte, er hatte einen frischen Kasten Bier in seinem Zimmer stehen, damit war er auf alles vorbereitet.

Vorausgesetzt, der Kasten hielt lange genug. Zischend flog der Kronkorken ab, als er sich die dritte Flasche des Tages aufmachte. Jenny hatte sich zu ihrer Familie abgesetzt, konnte ihn also nicht davon abhalten und Mia war mit Erik und den Noten ausreichend beschäftigt, um sich nicht um seinen Bierkonsum zu kümmern. Zu Beginn der vorlesungsfreien Zeit hatte er noch Vorsätze gehabt, sich zurückzuhalten. Beim Bier hatte er das auch geschafft. Erst den zweiten Kasten in vier Wochen, er war ein kleines bisschen stolz auf sich, das musste er zugeben. Den Schnaps blendete er erfolgreich aus. Das war nichts, womit er sich befassen wollte.

Mias Antwort lies auf sich warten. Als sie dann kam, bestand sie nicht aus Text, sondern einem Foto. Offensichtlich war Mia in die Uni gelaufen, hatte sich vor das Schwarze Brett gesetzt und die Liste abgewartet. Und es hatte sich gelohnt. Die Liste war gekommen und hatte ihren Seelenfrieden wieder herstellen können. Er wunderte sich nicht, hinter Mias Matrikelnummer eine 1,3 stehen zu sehen. Erik hatte nur noch eine 2,0 geschafft aber damit auch noch gut bestanden.

Und Flo selbst? Seine Matrikelnummer war leicht zu finden. Als einer der älteren Studenten war seine Nummer immer weit oben. Dieses Mal eröffnete er die Liste sogar, und das gleich mit einer 3,3! Damit würde sein Schnitt sich auf keinen Fall verschlechtern. Das musste gefeiert werden. Er leerte seine Flasche in einem Rutsch, eine gute Note verdiente schließlich eine frische Flasche.

Die vierte Flasche des Tages verlor ihren Verschluss, Flo stieß auf sich selbst an und genoss das kühle Bier. Es erschien ihm irgendwie bitterer als sonst. Vielleicht, aber nur vielleicht, war er doch nicht so glücklich damit, nur zu bestehen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 22

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