Hörsaalgetuschel – Ausgabe 23

Zwischen den Fronten

Es gibt Tage, an denen sollte man sein Bett nach Möglichkeit nicht verlassen. Es gibt auch Tage, an denen sollte man sein Bett unbedingt verlassen, und die Wohnung, und die Stadt. Flo war sich noch nicht sicher, was davon dieser Tag war. Es war auf jeden Fall keiner dieser Tage, die sich schon deswegen lohnten, weil die Sonne morgens aufgegangen war. Er saß auf seinem Bett, auf dem Fernseher flimmerte eine Dokumentation über die italienische Luftwaffe im zweiten Weltkrieg, in seiner Hand wurde ein Bier warm und neben ihm lag Mia, war betrunken und sehr mies gelaunt.

Der Tag hatte nicht einmal schlecht angefangen. Flo war früh und ohne Kater aufgewacht. Er hatte vernünftig gefrühstückt, leere Konservendosen entsorgt und Geschirr gespült. Alles in allem war er überrascht, wie produktiv der Tag bisher verlaufen war. Selbst sein Nachbar, ein magerer, sehr stiller, kleiner und nicht besonders gut aussehender Junge, der Philosophie studierte aber absolut nicht trinkfest war, hatte offensichtlich einen guten Morgen.

Flo hatte ihn gestern Abend noch mit einem Mädel nach Hause kommen sehen, welches ausgesprochen hübsch aber sturzbesoffen war, ihn mit Spott betrachtete aber keine Anstalten machte, abzuhauen. Das regelmäßige Pochen an der Wand ließ darauf schließen, dass sie diese Meinung bisher nicht geändert hatte. Es klang sogar so, als wäre sie ausgesprochen zufrieden mit dieser Wahl und er offensichtlich auch, das erste Mal, seit Flo neben ihm wohnte.

Dann war eine SMS von Erik gekommen und der Tag war schlagartig weniger sonnig, als zuvor. „Wie kann man sich über eine 1,3 so aufregen? Erklär mir das bitte. Diese Frau treibt mich noch in den Wahnsinn!

Er hätte nicht sagen können, woran es lag, aber er hatte das nagende Gefühl, dass dies keine gewöhnliche Unstimmigkeit war. Erik regte sich für gewöhnlich nie laut über Mias Angewohnheiten auf. Sie gehörten zu seiner Freundin dazu und er ließ nie einen Zweifel daran, dass er sie über alles liebte. Und wieso wandte er sich mit seinem Problem an Flo? Er wusste doch, dass dieser der falsche Ansprechpartner war.

Das Schlimmste für Flo war, dass er seinen Freunden helfen wollte. Er hatte ein Helfersyndrom, das ihn zwang, aktiv zu werden. Selbst dann, wenn er wusste, dass er eher mehr Schaden statt helfen konnte. Was sollte er tun, außer zu fragen, was los war und Mittag essen gehen? Er hatte nicht einmal eine Freundin, also fehlte ihm diese Erfahrung. Er hätte gerne eine gehabt, nur halt nicht irgendeine. Jenny jedoch hatte ihm klargemacht, dass es ihr auf etwas anderes ankam und ihm war dieser Status im Moment lieber, als ganz auf sie verzichten zu müssen.

Mit viel Frust im Bauch stand er am Herd, ein Bier in der einen, den Pfannenwender in der anderen Hand. Im Kochtopf köchelte eine Dose Bohnen, in der Pfanne knisterte Speck und im Radio spielte ein Symphonieorchester einen schnellen Walzer. Akustisch passte das Stück in keiner Weise zum Fernseher, auf dem Nachrichten um Kriege in Zentralafrika, dem nahen Osten und dem Süden der ehemaligen Sowjetunion sich mit einem Taifun in Indonesien ein Rennen um die größte Aufmerksamkeit lieferten.

In diese eher trübe Grundstimmung hinein klingelte es an der Türe. Er machte den Herd aus, goss Speck und Fett aus der Pfanne in den Topf, um gleich daraus zu essen, und öffnete. Mia wartete nicht darauf, hereingebeten zu werden. Im Vorbeigehen nahm sie ihm das Bier aus der Hand und leerte es, noch während er die Türe hinter ihr schloss. Verwirrt starrte er auf die leere Hand und fühlte sich bitter betrogen und ausgeraubt.

„Ich gehe jede Wette ein, dass Erik sich schon bei dir gemeldet hat und egal was er gesagt hat, es ist gelogen!“

Mia redete unangenehm laut und schnell, roch nach billigem Schnaps und warf sich gerade in sein ungemachtes Bett, ohne ihre Schuhe auszuziehen. Sie war völlig unfähig zu bemerken, mit welcher Brutalität sie gerade in seine Privatsphäre eindrang. Flo stellten sich alle Nackenhaare auf und ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinab.

„Es ist im Grunde eh egal, was er geschrieben hat. Er hat ja keine Ahnung. Wie auch, wenn er mir nie zuhört?“

„Was redest du da? Er hat doch überhaupt nichts gesagt.“

„Siehst du? Das meine ich! Es ist ihm völlig egal, was mit mir ist. Ich könnte ihm sagen, dass ich Krebs habe, und es würde ihn nicht interessieren.“

„Du hast Krebs? Seit wann?“

„Das ist nur ein Beispiel, verdammt! Es geht darum, dass er mir nicht zuhört und es nicht ernst nimmt, wenn ich Sorgen habe und es mir schlecht geht.“

„Damit macht man keine Scherze!“ Flos Einwand kam schärfer, als er beabsichtigt hatte. Er öffnete sich ein neues Bier und setzte sich auf die Bettkante.

„Das musst du ihm sagen. Ich höre ihm zu.“ Sie lallte und sah schrecklich übernächtigt aus.

„Nein, ich meinte den Krebs. Mit so etwas macht man keine Späße. Was den Rest angeht, dazu kann ich nichts sagen. Ich habe nicht daneben gesessen und weiß nicht, worüber ihr streitet.“

„Wir streiten ja nicht. Soweit kommen wir ja überhaupt nicht.“

„Das klang aber eben noch anders. Ich habe nur mitbekommen, dass du mit deiner Note nicht glücklich bist. Da bin ich dann ja wohl genau die richtige Adresse.“

„Woher weißt du das mit der Note?“

„Du hast mir doch selbst die Liste geschickt. Außerdem macht sich dein Freund Sorgen um dich.“

Mia setzte sich ruckartig auf und starrte auf ihn hinab. Neben ihr fühlte er sich mal wieder winzig klein. Aus ihren Augen starrten Müdigkeit, Wahnsinn und mehr Alkohol, als sie vertrug. Sie Fixierte ihn für eine Weile und sackte dann in sich zusammen.

„Er hat also doch mit dir geredet. Wieso ist er denn mit mir zusammen, wenn ich angeblich immer so schlimm bin? Wieso macht er nicht einfach Schluss?“

Flo antwortete nichts mehr. Er fühlte sich verbraucht und leer. Er war genau so Eriks Freund wie Mias und die beiden streiten zu sehen gefiel ihm nicht. Besonders, weil Mia gerade so klang, als würde sie nicht versuchen wollen, die Beziehung zu retten, sondern eher auf eine Gelegenheit wartete, sie zu beenden. War das alles nur eine große Ausrede? Und wieso kam sie damit zu ihm? Konnte sie das nicht mit Erik selbst ausmachen und ihn daraus halten?

Während in der Küche das Mittagessen kalt wurde, wurde sein Bier warm. Mia lag apathisch zusammengerollt da und ihm blieb nicht mehr, als auf den Bildschirm zu glotzen und seinen Gedanken nach zu hängen. Seine Welt war nie besonders groß gewesen aber zurzeit war sie besonders klein und nun drohte all das in Scherben zu zerfallen. Dafür würde sein Bier nicht mehr reichen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 23

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