Hörsaalgetuschel – Ausgabe 24

Praktikumsbewerbung

Flo war es leid gewesen. Die letzten Semesterferien hätten so schön sein können, wenn nicht spätestens alle zwei Tage jemand gekommen wäre, und ihn gefragt hätte, wieso er denn die freie Zeit nicht für ein Praktikum nutzte. Es war offensichtlich nicht akzeptiert, dass ein Student die vorlesungsfreie Zeit dafür nutzte, Hausarbeiten zu schreiben, für die Nachschreibklausuren zu lernen und auch ab und an einfach ein wenig Urlaub zu machen. Stattdessen sollte er arbeiten gehen oder aber wenigstens ein Praktikum machen.

„Informiere dich wenigstens einmal! Ehrlich, Praktika sind das, worauf die Personaler gucken. Deine Noten sind da nicht mal so wichtig.“

„Ehrlich, du sitzt seit zwei Wochen zu Hause und hast Zeit abends Trinken zu gehen. Da kannst du die Zeit mit einem Praktikum besser nutzen.“

„Ihr Studenten habt auch echt zu viel Zeit. Ich hab letztens in der Bahn mit einem geredet, der spielt in gleich zwei Bands und ist dann noch Vizekreisvorstand bei den Grünen. Keine Ahnung mehr was er studiert aber so entspannt würde ich auch mal leben wollen.“

Die Diskussion um die geräumig bemessene Freizeit der Studenten konnte er nicht gewinnen, das wusste er. Und ein Personaler konnte doch mit einem Praktikum auch nicht viel mehr anfangen, als mit der Modulliste im Abschlusszeugnis. Was für eine Ahnung hatte so jemand denn? Krawatten schnüren doch nur den Blutfluss zum Gehirn ab, und solche Leute sollten dann darüber entscheiden, was sein Kopf konnte. Ein ewiges Trauerspiel aber so drehte sich die Welt nun einmal.

Gebt mir einen Hebelpunkt, und ich hebe Euch die Welt aus den Angeln.‘

Das war ein Zitat, das ihm gefiel. Er hatte etwas von Revolution an sich, etwas Brachiales, einen gnadenlosen Neubeginn. Aber Flo hatte weder Hebel noch Hebelpunkt. Er würde die Welt aus keinen Angeln heben können und eine Revolution starten genau so wenig. Nicht in diesem Teil der Welt, wo die Menschen satt, faul und zufrieden damit waren, über alles zu schimpfen, was sich nicht wehrte. Mitten in einer solchen Welt lebte er, und wenn er darüber nachdachte, ekelte er sich ein wenig vor sich selbst, denn wo war er selbst denn besser?

Schließlich hatte er aufgegeben und seinen Lebenslauf erstellt. Für eventuelle Bewerbungen war das schließlich wichtig, wenn auch schrecklich frustrierend. Was konnte er dort hineinschreiben? Seine Schullaufbahn? Die war wenig ruhmreich und länger, als sie hätte sein sollen. Ähnlich sah es jetzt schon mit der Hochschule aus und besondere Fähigkeiten konnte er auch keine aufführen. Er konnte eine Flasche Bier in 4,5 Sekunden leeren, war letztens für ein Turnier seines Lieblingsstrategiespiels in die Vorauswahl gekommen und hatte in der sechsten Klasse einmal eine Medaille bei den Bundesjugendspielen gewonnen. Nichts davon war auf einem Lebenslauf angemessen aufgehoben.

Flo wusste, dass Erik einen Lebenslauf von sich hatte, mit dem er bereits mehrere Antworten von unterschiedlichen Stellen erhalten hatte. Für die Semesterferien hatte er sich häufiger um Nebenjobs beworben, um sein Konto etwas aufzubessern. Er hatte Flo den Lebenslauf geschickt, als kleine Unterstützung. Laut diesem Dokument sprach Erik vier Fremdsprachen, beherrschte Word und Exel und war Pfadfinderleiter.

Manches davon war glatt gelogen. Eriks Englisch war bestenfalls mäßig, sein Französisch kaum besser und die Kenntnisse in Spanisch und Latein reichten kaum aus, um sich vorzustellen und ein Mittagessen zu bestellen. Auch wenn er mit dem Computer gut umgehen konnte, Pfadfinder war er sicherlich nie gewesen. Mia hatte ihm die Bescheinigung darüber ausgestellt, um den Lebenslauf etwas aufzuwerten. Im Gegensatz zu ihrem Freund war sie nämlich bei den Pfadfindern, als Leiter und seit drei Jahren auch als Stammesvorstand.

Für Flo stand so etwas nicht zur Debatte. Sein Lebenslauf würde eher übersichtlich bleiben und bei dem Gedanken daran wollte er sich aus Selbstmitleid betrinken. Das musste nur leider warten, denn ein Lebenslauf allein macht keine Bewerbung. Es fehlten noch die Bewerbung selbst und die Adresse. Um was davon wollte er sich zuerst kümmern? Im Grunde war es doch egal, das Anschreiben würde eh nur eine Standardversion werden, in der er beliebige Sätze austauschen konnte, um sie auf den jeweiligen Betrieb anzupassen.

Eine Stunde später stand das Anschreiben. Er wusste nicht, an wen er es richten sollte und auch die Jobbeschreibung war ein Platzhalter. Aber immerhin konnte ihm nun niemand mehr vorwerfen, er hätte sich nicht darum gekümmert. Definitiv Zeit, sich mit dem ersten Bier des Tages zu belohnen. Immerhin war es schon bald achtzehn Uhr. Er wusste, dass er es eigentlich lassen sollte. Der letzte Kasten hatte nicht einmal eine Woche gehalten und generell hatte er zu viel Zeit zum Trinken.

Zu seiner Verteidigung musste er sich eingestehen, dass Mia und Erik ihm fleißig dabei geholfen hatten. Immer abwechselnd, nicht gleichzeitig waren sie die letzten Tage immer wieder da gewesen und hatten ihm aktiv beim Trinken und Dokus gucken Gesellschaft geleistet. Trotzdem hatte er sich nicht zurückgehalten und kräftig zugelangt. Jetzt hatte er ordentlich Durst und Lust auf jede Menge Bier. Und frustriert war er auch, konnte aber nicht sagen, weswegen genau.

Der nächste Morgen begann spät. Er hatte am Abend doch noch auf sein Bier verzichtet, sich stattdessen mit einem Whiskey auf die Suche nach Stellen im Internet gemacht. Bei etlichen Firmen hatte er keine Stellen gefunden, aber trotzdem die Bewerbung dazu geschrieben. Nun kam er auf zwanzig Bewerbungen und er rechnete nicht damit, auf nur eine davon eine Antwort zu bekommen. Er war aktiv gewesen, und wenn die Mails alle verschickt waren, konnte er sich wenigstens ein ruhiges Gewissen erlauben.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 24

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