Hörsaalgetuschel – Ausgabe 27

Mittwochabendsblues

Flo kam nach Hause und hatte das Gefühl, einen Tag komplett verschwendet zu haben. Den ganzen Tag war er unterwegs gewesen, hatte Kleinigkeiten erledigt und doch den Eindruck, nichts geschafft zu haben. Sein Kopf war leer, genau wie seine Augen. Jetzt, am frühen Abend, saß er an seinem Schreibtisch und klickte sich lustlos durch seinen Browser.

Eigentlich wäre es Zeit für das Abendessen gewesen doch davon wollte er sich nicht stören lassen. Wenn er eben noch Hunger gehabt haben sollte, dann hatte er es inzwischen vergessen. Ein aufwendiges Abendessen wollte er sich sowieso nicht machen und im Moment war ihm selbst eine Konservendose zu viel. Wie konnte es jemandem zuviel sein, eine Dose Suppe aufzuwärmen? Selbst eine Schale Müsli war kaum weniger Aufwand.

Er philosophierte eine geraume Zeit über das Thema und kam zu dem Schluss, dass es nicht der Aufwand des Kochens war, der ihn störte. Was ihn eigentlich störte, war, dass er nicht das geschafft hatte, was er sich vorgenommen hatte. Die zweite Klausurphase rückte näher und er fand immer bessere Ausreden, um sie ignorieren zu können, oder besser noch, aufzuschieben. Eine der anstehenden Prüfungen hatte er schon um ein Jahr verschoben. Alles Weitere war ihm dann aber doch zu viel der Schmach.

Klick und eine weitere Doku erschien auf dem Bildschirm, während im Hintergrund noch ein Spiel versuchte seine Zeit zu beanspruchen. Er beachtete beides eher mäßig und vergaß mindestens eines der beiden mit erschreckender Zuverlässigkeit. Die einzige Form von Zuverlässigkeit, die er sich gerade zutraute. Er hatte Schuhe kaufen wollen, aber keine guten gefunden. Er hatte eine neue Hose gesucht aber sie waren entweder zu lang, zu eng an den Beinen oder zu weit an der Hüfte. Er hatte sich mit Mia und Erik auf einen Kaffee treffen wollen, obwohl er Kaffee noch nie gemocht hatte. Er war prompt zehn Minuten zu spät gewesen und hatte die Beiden nicht mehr gefunden.

Wenigstens im nicht erfolgreich sein hatte er jedenfalls Erfolg. Großen Erfolg sogar, und das machte die Sache eigentlich nur noch schlimmer. Er würde so gerne einmal Erfolg haben aber zurzeit hatte er den Eindruck, einfach zu dumm für diese Welt und dieses Leben zu sein. Wenn er versuchte sich etwas zu merken, dann war es vergebens. Wenn er versuchte sich zu konzentrieren, dann war plötzlich jeder Staubfusel schrecklich spannend. Wenn er sich etwas vornahm, dann scheiterte er meist schon bei der genaueren Planung.

Die ersten fünf Minuten der Doku hatte er inzwischen verpasst. Erst jetzt bemerkte er, dass er sie sowieso schon kannte. Ein deutscher Brückenbauingenieur der für die US Streitkräfte zwischen den Weltkriegen fliegende Flugzeugträger zur Aufklärung bauen sollte. USS Macon hieß das erste Luftschiff dieses Typs. Zwei waren insgesamt gebaut worden und der Moderator der Doku sprach von Technik, die ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus war. Eine Formulierung, die inflationär benutzt wurde. Den zweiten Namen wusste er gerade nicht mehr und auch nicht den Namen des Ingenieurs aber er wusste, dass beide noch vor einem sinnvollen Einsatz zerstört wurden.

Auch wenn er das Konzept von fliegenden Flugzeugträgern toll fand, der Nutzen erschloss sich ihm nicht. Nicht mehr jedenfalls, und das war es doch, was am Ende zählte. Vielleicht sollte er doch auf ein Ingenieursstudium wechseln und eine Zeitmaschine bauen. 1920 konnte man noch zu den Pionierjahren der Luftfahrt zählen, er konnte also noch etwas bewegen. Oder er reiste einfach noch einmal einige Jahre weiter zurück und ‚erfand‘ gleich die Basisprinzipien der Luftfahrt. Oder er schrieb die Bücher, welche sich später zu den großen Erfolgen der Literaturgeschichte entwickelt hatten.

Während er noch davon träumte, Aktiengeschäfte durch die Zeit zu schieben und reich genug zu werden, um nie wirklich arbeiten zu müssen, liefen Dokus an nur, um gleich wieder abgebrochen zu werden. Nur eine Sendung mit der Maus lies er durchlaufen, allerdings ohne ihr Beachtung zu schenken. Hinter ihm, auf seinem Bett, lagen die ausgebreiteten Unterlagen zur kommenden Klausur und warteten geduldig darauf, beachtet zu werden. Sie waren sogar so geduldig, dass sie auch noch nächstes Jahr dort warten würden und sogar noch das Jahr darauf! Danach allerdings nicht mehr. Entweder er hatte es bis dahin geschafft, oder er flog von der Uni. Da war die Prüfungsordnung grausam eindeutig.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 27

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