Hörsaalgetuschel – Ausgabe 28

„Bin wieder da.“

Es war vier Uhr nachmittags, als Flos Handy klingelte. Der Umstand wunderte ihn sehr denn in den letzten Wochen hatten ihn nur zwei Nummern angerufen. Erik und Mia, und beide saßen gerade vor ihm, die Handys gut in den Taschen verpackt. Noch ehe er dran gehen konnte, hörte es auf zu klingeln. Das Display zeigte einen Anruf in Abwesenheit. Von Jenny.

Er überlegte schon zurück zu rufen aber Mia hatte ihn mit einem Blick fixiert, der ihn in dem Augenblick getötet hätte, in dem er zurückrief. Sie hatte in den letzten Wochen jeden Respekt vor Jenny verloren, die weggefahren war und Flo seitdem komplett ignoriert hatte. Flo fand, dass sie überreagierte. Immerhin hatte sie gerade selbst genug mit ihrer eigenen Beziehung zu schaffen. Nach etlichen Fehlstarts hatte er es aber immerhin geschafft, dass die beiden sich gemeinsam an einen Tisch gesetzt hatten und mal miteinander redeten.

Er wog das Telefon in der Hand, etwas unschlüssig, was er tun sollte. Mia schien mehr als dankbar für die Gelegenheit, die Aufmerksamkeit von sich abzulenken und diesen Umstand zum Gegenstand eines erbitterten und eiskalten Augenkrieg zu machen. Erik registrierte das Spiel zwar, entschied sich aber neutral zu bleiben und stattdessen Flo erwartungsvoll anzusehen.

„Und? Was wirst du tun? Sie wartet wahrscheinlich darauf, dass du zurückrufst.“

„Natürlich tut sie das aber das wird er nicht tun. Flo ist nicht ihr Sklave und …“ Bzz bzz bzz.

Der Vibrationsalarm und das Aufleuchten des Displays ließen sie verstummen. Nun starrte sie auch erwartungsvoll auf das kleine Gerät, auf dem Flo gerade eine SMS las.

Bin wieder da. Muss noch auspacken und einkaufen, dann komm ich vorbei. Hab einen neuen Film, den wir dann ansehen können 😉

Flo war heilfroh, dass Mia die Nachricht nicht lesen konnte. Ihm selbst stieß es ziemlich sauer auf, dass sie ihn die letzte Zeit so konsequent ignoriert hatte und nun wieder kam und tat, als wäre nichts gewesen. So sehr er es auch wollte, er konnte sich nicht darüber freuen, dass sie ihren Besuch angekündigt hatte. Die Blicke von Mia und Erik lasteten schwer auf ihm, als würden sie sich durch ihn hindurch brennen wollen. Ein Gefühl, was er vergleichsweise schrecklich fand, besonders im Vergleich mit dem fahlen Beigeschmack der unerwarteten Rückmeldung.

„Sie will nachher vorbei kommen.“

Er musste sich zwingen, für diesen Kommentar aufzusehen. Lieber hätte er sich ganz klein gemacht.

„Das ist alles? Mehr kam nicht? Sie meldet sich wochenlang nicht und kommt dann wieder um sich selbst einzuladen? Ehrlich Flo, ich habe ein mieses Gefühl bei euch. Ihr habt ein Kommunikationsproblem.“

„Kommt euch das irgendwie bekannt vor?“

So bissig, wie er am Ende klang, wollte er den Kommentar gar nicht klingen lassen. Betretenes Schweigen war die Antwort darauf und zwei Freunde, die wortlos auf die Tischplatte starrten. Flo fragte sich bereits, ob sie die Maserung der Holzoptik zählten, als Erik tief Luft holte. Behutsam legte er die Hand auf Mias Rücken und richtete sich auf.

„Hör zu, es tut uns leid, dass wir dich in letzter Zeit als Kommunikationsweg und Paarberatung missbraucht haben. Wir hätten wahrscheinlich wirklich besser einfach miteinander geredet. Im Endeffekt war das einzige Problem ja ein Missverständnis. Es tut mir wirklich leid, dass ich dich verdächtigt habe, etwas mit Mia anzufangen. Wir hätten nie aneinander zweifeln sollen. Wir sind ja nicht für nichts zusammen, oder was meinst du?“

Er blickte zu seiner Freundin, die sich in seinen Arm hatte sinken lassen und bedächtig zustimmend nickte. Es sah ganz so aus, als würde alles wieder so werden können wir immer. Die beiden sahen aus, als wären sie frischer verliebt als je zuvor. Flo gönnte sich ein vorsichtiges Lächeln. Es tat gut, seine Freunde wieder glücklich zu sehen. Und wenn Jenny nachher kommen würde, dann konnten sie ihre Differenzen auch klären und alles wäre so super wie noch nie. Plötzlich stand Mia senkrecht in der Küche und funkelte den verdutzten Erik wie eine Furie an.

„Moment mal kurz! Habe ich das eben richtig verstanden? Du dachtest ich gehe dir mit Flo fremd?!“

„Was? Nein! Ich war nur unsicher, weil du so oft nachts hier warst.“

„Einen Scheiß warst du! Du denkst ich betrüge dich und sagst keinen Ton?“

„Nun, er war schon eine ziemlich eifersüchtige Furie.“

Flo fand es den passenden Moment, sich einzumischen, Mia und Erik offenbar beide nicht. Alles, was er in den folgenden Minuten sagen konnte, wurde gegen ihn verwendet und es hatte alles nur genau einen einzigen Vorteil: Mia und Erik arbeiteten wieder zusammen. Vergessen jeder Groll gegeneinander. Sie waren wieder glücklich vereint gegen ein größeres Übel, nämlich ihn selbst. Irgendwann würde er seine Lehren ziehen und einfach völlig stumm bleiben. Dann konnte ihm so etwas nicht mehr passieren.

Es war ein mittleres Wunder aber letztendlich kehre Ruhe ein in Flos kleiner Küche. Das Pärchen hatte sich auf einen Stuhl geknotet, dass man nicht mehr sagen konnte, welcher Arm zu wem gehörte, und knutschte innig. Flo nutzte die Zeit noch, um die Teller und Tassen der letzten Woche zu spülen. Wie jedes Mal beim Spülen wünschte er sich den Luxus einer Spülmaschine, aber selbst wenn er eine hätte, wo sollte er sie hinstellen? In der Küche waren weder Platz noch Anschlüsse.

Jenny hatte keine Zeit genannt. Sie war wohl davon ausgegangen, dass er ihr sagen würde, wenn er nicht da wäre. Keine Antwort war also eine Zusage und gleichzeitig die Einladung, die sie vorweggenommen hatte. Die Möglichkeit, dass jemand sein Handy nicht griffbereit hatte und eine Nachricht übersah, existierte nicht. Für Mia würde das den Umstand nur noch verschlimmern, dass sie sich so lange nicht bei Flo gemeldet hatte aber sie war gerade so sehr mit Erik beschäftigt, dass sie sich um sonst nichts mehr Gedanken machen konnte.

Flo hatte erwartet, sich über und auf Jenny zu freuen. Er hatte sie vermisst und das Gefühl geliebt und gehasst zugleich. So schrecklich es sich auch angefühlt hatte, es hatte doch lebendig und echt gewirkt. Entsprechend musste er sich doch jetzt auch freuen, sie endlich wieder zu sehen. Stattdessen fühlte er sich seltsam leer und auf eine verbitterte Art niedergeschlagen und verletzt. Wenn er so darüber nachdachte, dann fühlte er sich eigentlich hundeelend. Es verlangte ihm nach einem großen Schnaps nur, wie würde das wirken?

Als es schließlich klingelte, war Sein Gesicht leer und seine Augen ganz weit weg. Mia und Erik rollten sich vom Küchenstuhl und beschlossen, dass der Zeitpunkt gekommen wäre, ihre Versöhnung zu Hause, ohne Flo, weiter zu vertiefen. Jenny passierte die beiden im Flur, eilte grußlos an ihnen vorbei und schritt durch die noch offene Wohnungstüre wie durch einen Triumphbogen. Sie schloss die Türe hinter sich, bemerkte nicht im Geringsten, wie Mia sie versuchte mit Blicken zu erdolchen und präsentierte stolz die Filmhülle. Flo erkannte das noch eingeschweißte Cover. Es war der erste Film, den die beiden gemeinsam angesehen hatten. Einer von ihren Lieblingen.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 28

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s