Hörsaalgetuschel – Ausgabe 29

Exkursion

Es war nicht nur früh, sondern viel zu früh. Halb neun und das so kurz vor Semesterstart, das war doch wirklich gemein. Das Schlimmste an halb neun war, dass er schon eine viertel Stunde hier stand und wartete, dass seine Exkursion endlich losging. Er war pünktlich, die Dozenten auch aber der Bus nicht, der sie an ihr Ziel bringen sollte.

Flo fühlte sich in keinem guten Zustand. Er fühlte sich alt, ausgebrannt und verbraucht. Es war eine Weile her gewesen, dass verfügbare Freizeit und das angeboten an guten Partys übereingestimmt hatten aber, als es dann so weit war, musste er die Gelegenheit beim Schopf packen. Das beste aller Feste war angekündigt und Flo, der mit dem schlimmsten gerechnet hatte, war positiv überrascht. Es war wirklich nicht so schlecht gewesen.

Die Drinks waren billig und reichhaltig gewesen, die Musikauswahl nostalgisch aber gut gelaunt und die Gäste hatten sich gerne darauf eingelassen. Der einzige Nachteil war, dass es spät geworden war und er nicht mehr sagen konnte, wo oben oder unten gewesen war, als er ins Bett gekrochen war. Oder auch, wessen Bett es denn überhaupt war. Er war sich nicht sicher, ob es wirklich seines war. Wenn ja, dann hatte irgendjemand es neu bezogen, und zwar nicht er selbst.

Der Blick in den Kleiderschrank hatte zunächst Damenunterwäsche und ein Knäuel von Stoff zutage gefördert, bei dem es sich um klamme Sportkleidung und stark parfümierte Abendkleider handeln konnte. In einem Körbchen lagen halb aufgebrauchte Schminkartikel und offene Tuben mit Hautcremes und Feuchtigkeitsgel tropften unbeachtet vor sich hin. ‚Nie wieder Alkohol ging es ihm durch den Kopf und er wusste genau, dass dieser Gedanke nicht länger als eine Woche Bestand haben konnte.

Die Schranktüre war mit Fotos tapeziert. Duckface-Selfies von einer Horde Mädels, eine davon identifizierte er als Jenny. Dann musste er also bei ihr sein. Er hatte noch nie bei ihr übernachtet und bei Morgensonne sieht so mancher Raum anders aus. Aber über Nacht wird aus einem Bett mit Holzrahmen keines aus Stahlgitter und aus einer alten Holzkommode kein weißes Ikea-Regal.

Mit einem Mal hatte er sich kein bisschen wohl mehr gefühlt und das war nicht die Schuld des bitteren Katers, der hinter seiner Stirn pochte. Brennender Durst hatte ihm die Kehle gereizt und gallige Flüssigkeit drohte an, eben jene von innen her befeuchten zu wollen. Er registrierte sein Ebenbild in der Spiegeltüre und stellte fest, dass er vollständig angezogen war. In wessen Bett er auch immer geschlafen hatte, entweder er war alleine gewesen, oder es hätte auch keinen großen Unterschied gemacht. Jedenfalls wollte er sich das einreden.

Auf der Suche nach einem Glas Wasser verließ er das Zimmer und fand sich doch in einer bekannten Wohnung wieder. Jenny hatte ihn einmal mit zu einem DVD-Abend ihrer Freunde mitgenommen und der hatte in genau dieser Wohnung stattgefunden. Der Grund war einfach gewesen: Es gab ein Wohnzimmer, welches sich komplett verdunkeln ließ und einen Beamer statt des Fernsehers. Statt eines Sofas lagen mehrere Sitzsäcke darunter, von denen er damals wie heute nicht wissen wollte, womit sie gefüllt waren.

Er fand die Toilette, die zwar in einem separaten Raum untergebracht war, aber vom Badezimmer nur durch eine dünne Stellwand getrennt war, welche weder Geräusche noch Gerüche am Durchgang hinderte. Dafür bot sie dem Licht eine wirkungsvolle Barriere und so war eine Stumpfkerze die einzige Lichtquelle in dem fensterlosen Raum. Wasserdampf quoll durch die Ritzen der Gipsplatten. Die Dusche musste gerade erst abgestellt worden sein. Es roch nach blumigem Shampoo und zu stark parfümiertem Deo. Das Pochen in Flos Kopf war intensiver geworden und er hatte sich beeilt, in die Küche zu kommen.

Klapperndes Geschirr und der Geruch frischen Kaffees hatten ihn erwartet. Am Tisch saß eines der Mädels von den Fotos mit einer Tasse und kaute auf einer trockenen Scheibe Brot. Natascha, Natalie? Er konnte sich nicht mehr genau an den Namen erinnern. Es war irgendetwas, was auf „Na“ begann. Vielleicht Nadine? Nein, sicherlich nicht. Keine liebenden Eltern konnten so grausam sein, ein Kind Nadine zu nennen.

„Guten Morgen, Schlafmütze. Ausgeschlafen?“

Nadja, so hieß sie! Jetzt erinnerte er sich wieder, und ihre Wohnung befand sich nicht weit von dem Club entfernt, in dem sie den letzten Abend verbracht hatten. Ausgeschlafen war jedoch nicht das erste Wort gewesen, was ihm eingefallen war. Weder für ihn noch für Nadja. Auch wenn sie eigentlich sehr schön war, sie sah nach einer sehr sehr langen Nacht aus, die viel zu früh zu Ende war. Dabei war sie immer noch deutlich ansehnlicher gewesen, als er sich gefühlt hatte.

Flo hatte sich ihr gegenüber niedergelassen und sich neugierig umgesehen, während sie ihm einen Teller, das Brot und die Butter hinüberschob. Sie beobachtete seinen Blick.

„Du warst schon einmal hier, oder?“ Ihre Stimme war angenehm und vor allen Dingen nicht zu laut.

„Ja, zum Filme-Abend. Ich weiß nur nicht mehr genau, was wir da geguckt haben. Mit Jenny war ich da.“

„Ja, ich erinnere mich. Die Filme waren auch echt Mist. ‚Piranha‘ war glaub ich dabei, die Jungs wollten den unbedingt sehen.“

„Der hat keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, ich kann mich jedenfalls nicht mehr an den erinnern. Das muss nur nichts heißen, der letzte Abend fehlt mir grad irgendwie auch so halb.“

„Du warst jedenfalls gut dabei. Hattest offensichtlich eine Menge Spaß aber ich hab dich dann doch lieber mit nach hier genommen. Du meintest, du hast heute eine Exkursion aber bis zu dir hättest du es vielleicht nicht geschafft. Wolltest schon durch machen. Jenny war da schon weg. Ist alles okay bei euch?“

Das war eine Frage, der er sich eigentlich überhaupt nicht hatte stellen wollen. In seinen Augen war nicht alles okay. Sie hatte letzte Woche mit einem Film vor seiner Tür gestanden, den sie angeblich noch nicht kannte, der bis dahin aber ihr Lieblingsfilm gewesen war. Wochenlang hatte sie ihn gekonnt ignoriert und nun, wo sie wieder da war, tat sie, als wäre nie etwas gewesen. Auf einmal fühlte er sich doppelt ausgebrannt. Er zuckte als Antwort nur mit den Schultern und kaute auf einem Brot. Nadja schien zu verstehen. Sie nickte und musterte ihn noch einen Moment über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg. Im Nachhinein erschien es Flo, als habe sie vorsichtig gelächelt, als sie die Tasse abstellte, um sich wieder ihrem Brot zu widmen.

Der Bus kam und es kam Leben in de wartende Exkursionsgruppe. Ein hektischer Professor wuselte mit rotem Kopf zum Busfahrer, um sich über die Verspätung zu beschweren. Als dieser sich davon unbeeindruckt zeigte, ging er stattdessen dazu über, mit viel zu dünner Stimme die Studenten auf die Plätze zu dirigieren aber auch sie schenkten ihm kaum Beachtung. Sie waren alle erwachsen genug, um ihr Gepäck selbstständig zu verladen, sich abzusprechen und einen Sitzplatz zu suchen.

Als Flo einen Platz gefunden hatte saß plötzlich Mia neben ihm. Sie hatte zwar den Kurs zur Exkursion nicht besucht aber es fehlte ihr noch ein Exkursionstag. Aus der Liste der Möglichkeiten hatte sie sich für diese entschieden, ohne zu wissen, dass er auch mitfuhr. Flo war aber sehr dankbar darum. So hatte er wenigstens jemand, der wusste, wohin es heute überhaupt ging und was sie dann erwartete. Außerdem hatte er einen menschlichen Wecker denn die Schwerkraft riss schon wieder mit all ihrer Macht an seinen Augenlidern. Kaum das der Bus sich in Bewegung gesetzt hatte, lag sein Kopf auf Mias Schulter und er schlief.

Mia war dafür mit ihrem Telefon beschäftigt. Eine SMS leuchtete auf dem Bildschirm und bei dem, was sie dort las, war sie eigentlich ganz froh, dass Flo schlief.

Du hattest recht. An der Frau stinkt etwas. Es sieht fast so aus, als wäre sie schwanger und es ist nicht von Flo. Das ist aber schon die einzige gute Nachricht. Pass bitte auf, dass sie dem armen Kerl nicht das Herz bricht. Gruß E.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 29

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