Hörsaalgetuschel – Ausgabe 30

Semesterstart

Der kleine Hörsaal war voll als Flo durch die Türe trat. Die erste Veranstaltung des Semesters und eigentlich hätte doch die Hälfte der Anwesenden diesen Termin ignorieren sollen. Wer interessierte sich denn für einige organisatorische Informationen? Er selbst hatte mit sich gerungen, das Bett zu verlassen aber die Vorlesung war um vierzehn Uhr, da zog diese Ausrede nur bedingt.

Aufgeregtes Geplapper war ihm schon auf dem Flur entgegen geschallt. Nun gesellte sich noch der Geruch des billigen Automatenkaffees und übermäßigen Deokonsums dazu. Auch wenn die Temperaturen inzwischen sanken, der Schutz vor Schweißgeruch wurde noch immer aufs Absurdeste überschätzt. Tiefe Augenränder in den Gesichtern, die bereits die ersten Semesterpartys getestet hatten, manche davon auch hinter dicker Schminke, und das aufgekratzte Kichern einiger Frühaufsteher, die sich schrecklich viel zu erzählen hatten, obwohl sie über diverse Kanäle sowieso permanent in Kontakt geblieben waren.

„Oh mein Gott, es war so super. Ich sag dir, der Strand war ja schon traumhaft aber das Hotel erst. Du hättest mitkommen müssen.“

„Schatzi, ich war doch quasi dabei. Ich habe fast fünfhundert Fotos von dir bekommen. Ich hätte dir ja so gerne auch welche geschickt aber mein Datenvolumen ist schon seit zwei Monaten nur noch aufgebraucht. Schrecklich ist das! Ich hab sogar Postkarten schicken müssen, wie so ein Höhlenmensch. Hast du meine Karte bekommen? Bitte sag, dass die endlich angekommen ist!“

„Ach von dir war die? Shopping in New York? Boa ich war sooo neidisch, als ich das gelesen habe. Nächstes Mal komme ich mit. Pack mich in den Koffer, mir egal, aber ich muss mit.“

„Darauf kannst du aber so was von wetten. Das ist so traumhaft dort. Danach willst du nie mehr hier shoppen gehen.“

Selbst wenn Flo gewollt hätte, er konnte nicht weghören. Die penetranten Stimmen der beiden Mädels, die ihre Mitschriften offenbar immer auf dem Handy anfertigten, übertönte fast alles andere im Raum. Er war überrascht, wie gut die Akustik in dem kleinen Hörsaal war und wie laut jedes Gespräch hallte. Von den großen Vorlesungen letztes Semester schien nicht viel übrig geblieben zu sein, oder aber der Raum würde in zehn Minuten aus allen Nähten platzen.

„…und dann Eis essen im Central Park. Snow Cones, die musst du probieren! Göttlich, ich sage es dir. Und das bei nur ganz wenigen Kalorien. Es ist ja nur Wassereis mit Saft.“

„Das klingt so geil, aber ich würde den Flug nicht überleben. Ich hätte dauernd Angst, dass ich abstürze. Allein dieses Jahr waren es schon mehr als drei. Ein Wunder, dass da überhaupt noch jemand fliegt.“

Flo rollte die Augen. Er hätte gerne laut gelacht, wenn er nicht gewusst hätte, wie ernst sie das meinte. Vor vielen Jahren hatte er eine Dokumentation gesehen in der behauptet wurde, etwa jede Sekunde würde irgendwo auf der Welt ein Flugzeug starten oder landen. Inzwischen musste es mehr geworden sein. Ein Start alle eineinhalb Sekunden vielleicht. Das erschien ihm spontan nicht abwegig. Eine Zahl konnte er sich damit trotzdem nicht vorstellen.

An der Tafel stand der Dozent und bereitete sich vor. Obwohl die Ausstattung des Raumes mehr erlaubt hätte, stand er an einem alten Projektor und sortierte Folien. Es versprach jetzt schon, eine sehr altmodische Vorlesung zu sein. Noch vor einer Woche hatte er sich auf der Exkursion über den kauzigen Professor gewundert. Er mochte alles andere als modern sein, doch er verstand sein Fach. Wenigstens das konnte man ihm nicht vorwerfen. Er bezweifelte allerdings, dass der Stil beim Publikum gut ankommen würde. Selbst wenn die Vorlesung lässig werden würde, am Ende würden wohl nicht viele Studenten übrig bleiben.

„Ach der Flug ist lästig aber nicht so wild. Außer über Grönland, da ist immer schlechtes Wetter aber jetzt erzähl doch endlich mal aus Ägypten. Nicht der Fotokram.“

„Ich glaube, ich habe wirklich fast alles fotografiert, außer den Wachtürmen. Du glaubst es nicht, die ganze Hotelanlage ist hinter Stacheldraht. Du bist da quasi eingesperrt und kommst da auch nur über ein Tor raus und rein, mit Ausweiskontrolle und Wächtern mit Maschinengewehr. Voll gruselig, ich sags dir.“

„Oh mein Gott! Wieso wollen die denn die Touristen unbedingt da drinnen halten? Oder ist die Stadt so hässlich, dass die das keinem Anderen zeigen wollen?“

„Wahrscheinlich! Also was ich vom Bus aus gesehen habe, da fällt ansonsten alles auseinander. Teilweise haben die Häuser nicht einmal ein richtiges Dach. Ich dachte immer, die wohnen in den Pyramiden, so wie in der einen in Las Vegas, aber die haben nur so gammelige Ziegelhäuser. Die wären noch neidisch auf die DDR Plattenbauten. Aber die meinten irgendwas von Sicherheit, und dass halt niemand unbefugt zu den Touristen kommt.“

„Du Dummchen, die wohnen natürlich nicht in den Pyramiden. Das sind deren Friedhöfe, da kommst du nur rein, wenn du tot bist. Hast du auch einen Terroristen gesehen? Ägypten ist doch arabisch, oder nicht?“

Für Flo wurde die Sache dadurch extra brisant, dass er wusste, dass die beiden im Nebenfach Geographie studierten. Offensichtlich hatten nämlich alle Beide nicht nur von Geographie, sondern auch von den Nachrichten der letzten Jahre überhaupt keine Ahnung. Der Professor hatte seinen dezent entsetzten Gesichtsausdruck bemerkt und nickte zustimmend mit einem Blick, der weit jenseits von Resignation und Hoffnungslosigkeit lag.

Es hatte aber auch etwas Gutes. Flo, der nun schon länger als gedacht und gewünscht die Hörsaalbänke drückte, und sich regelmäßig von seinen Selbstzweifeln auffressen lies, machte sich bewusst, dass die beiden sehr wahrscheinlich ihren Abschluss schaffen würden. Sie hatten es immerhin bis hierhin geschafft und würden auch nicht aufgeben. Wenn die beiden es also schaffen konnten, dann musste das auch für ihn selbst möglich sein. Alles andere wäre eine Schmach. Gerade jetzt, zum Beginn des Semesters, war das ein willkommener Motivationsschub. Wenn er sich nur hinsetzte und fleißig war, dann musste er es einfach schaffen.

An der Tafel startete inzwischen der zweite Versuch, die Vorlesung zu beginnen. Den Ersten hatte der Professor abgebrochen, nachdem er bemerkt hatte, dass ihm noch niemand zuhören wollte. Das Semester begann, wie das Letzte geendet hatte. Niemand hatte mehr Aufmerksamkeit für die Vorlesung zu erübrigen.

Flo wunderte sich. Nicht so sehr über den Tumult aber eher über sich selbst. Die normale Reaktion wäre gewesen, die Augen zu schließen und sich zurück zu lehnen. Fünf Minuten Schlaf mehr konnten sehr angenehm sein. Stattdessen war er nervös und gereizt. Es dauerte eine Weile, ehe er begriff, was das war. Es war nicht einfach nur Ungeduld. Er war begierig darauf, dass es losging, er wollte etwas lernen und diese Erkenntnis schockierte ihn fast mehr, als das Gespräch der beiden Damen in seinem Rücken oder jede Nachricht von Jenny je gekonnt hätten.

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