Hörsaalgetuschel – Ausgabe 31

Anmeldungen

Es war mal wieder einer dieser Abende, die nicht enden wollten, obwohl absolut gar nichts passierte. Er hatte in den letzten Tagen zu viel Zeit alleine an seinem Computer verbracht und die Spiele seiner Kindheit wieder angewärmt. Sehr viel Anderes blieb ihm auch nicht zu tun. Die Frau, für die er schwärmte, verhielt sich in letzter Zeit ihm gegenüber äußerst seltsam. Zunächst hatte sie noch so versucht zu tun, als wäre alles wie immer. Inzwischen wurde sie aber mehr und mehr irrational. Erik hatte versucht, ihn zu beruhigen.

„So sind Frauen nun einmal. Wenn du versuchst, sie zu verstehen, verlierst du den Verstand. Entweder du nimmst es hin und lässt dich wie Dreck behandeln oder du lässt ihr so lange ihre Ruhe.“

Es waren wahrlich feinfühlige Worte gewesen. Als Trost hatte er sie jedenfalls nicht empfunden und er hatte das nagende Gefühl, dass da etwas war, was Erik nicht ausgesprochen hatte. Entweder, weil er es nicht konnte, oder weil er es nicht wollte. Mia versuchte es geschickter. Sie sagte einfach überhaupt Nichts zu dem Thema und machte sich damit noch viel verdächtiger. Es stimmte etwas nicht, das wusste Flo, nur was es war, das blieb ihm ein Rätsel.

Auch wenn ihm der Gedanke nicht gefiel, er würde sich zunächst zurückhalten und Jenny ihren Freiraum lassen. Dazu hatte er sich entschlossen, nachdem sie ihn bei ihrem letzten Treffen angefaucht hatte, sein Filmgeschmack wäre miserabel und so viel Eis würde nur fett machen. Danach hatte sie ihn innig geküsst und dann erschrocken von sich gestoßen. Eventuell war nicht er derjenige, der den Verstand verlor.

Die Nächte darauf hatte er nicht gut geschlafen. Er hatte sich oft nur herumgewälzt und seinen Gedanken nach gehangen. Er hatte sich das neue Semester irgendwie anders vorgestellt. Er hätte nicht genau sagen können wie, aber jedenfalls anders. Es hatte glücklicher werden sollen, fleißiger und gleichzeitig entspannter. Er hatte sich endlich die Zeit für all das nehmen wollen, was bisher immer hinten runter gefallen war. Sein neuer Stundenplan ließ das durchaus zu.

An einem von genau diesen Tagen lag er also in seinem Bett und fragte sich wieder einmal, was er denn mit seinem Leben anstellen sollte. Sollte er zusätzliche Fächer an der Uni belegen, einfach nur, um sein Zeugnis aufzuwerten? Andererseits, die Anmeldefristen waren eh bereits abgelaufen. Selbst wenn er wollte, seine einzige Chance würde darin bestehen, einfach hinzugehen und einen freien Platz zu erwischen. Ihm gefiel das Anmeldesystem nicht besonders gut aber er sah ein, dass es notwendig war. Trotzdem störte es ihn. Auf der anderen Seite war es Bestandteil des Bildungssystems und damit von vornherein und ganz grundsätzlich schlecht und überholungsbedürftig.

Mit grimmiger Mine lag er da, starrte an die dunkle Decke und schwelgte in Revolutionsfantasien. Es war an der Zeit, dass sich etwas änderte, etwas Grundlegendes. Es war nicht länger mit kosmetischen Reformen getan. Das System der Anmeldungen war da nicht einmal die Spitze des Eisberges. Wann hatte er sich eigentlich angemeldet? Er konnte sich gerade nicht genau erinnern aber das war auch völlig unerheblich! Man musste schon bei der frühkindlichen Bildung ansetzen, davon war er überzeugt. Mehr noch, man musste bei den Eltern ansetzen.

Plötzlich gefror ihm das Grinsen und sein Herz setzte für einige Schläge aus. Er erinnerte sich wieder daran, wann er sich angemeldet hatte: Noch überhaupt nicht. Die Vorlesungen liefen aber er war nicht in einem einzigen Kurs, in keinem Seminar und keiner Vorlesung angemeldet. Er hatte es vor gehabt aber damals waren die Anmeldungen noch nicht freigeschaltet gewesen und jetzt waren sie nicht mehr offen. Er fühlte sich, als würde er von innen heraus einfrieren. Dieser verdammte Stress, zunächst mit Mia und Erik, dann mit Jenny, hatte ihn so in Beschlag genommen, dass er einfach nicht mehr daran gedacht hatte und nun saß er da.

Was sollte er denn damit nun anfangen? Er brauchte die Punkte dringend und wollte es sich nicht leisten, noch länger als notwendig zu studieren. Die einzige Option, die er hatte, war einfach in die Kurse zu gehen. Er hatte sie in seinem Stundenplan stehen, das war nicht das Problem, die Zeit hatte er also. Aber was, wenn die Kurse alle voll waren?

Eigentlich sollte er es besser wissen. Die Kurse waren nie alle voll. Es gab immer etliche Studenten, die sich zwar anmeldeten, dann aber doch einen anderen Kurs besuchten und so für freie Plätze sorgten. Er konnte nur hoffen, dass dies bei seinen Kursen der Fall war. Ansonsten gab es auch immer wieder die Kurse, die nicht voll wurden. Leider hatte dies in der Regel einen guten Grund und er war nicht wild darauf, diesen herauszufinden. Immerhin hatte er eine Chance und die Welt sah nicht mehr ganz so schrecklich aus. Trotzdem fühlte er sich fies. Die Erkenntnis hatte ihm einen kräftigen Schrecken eingejagt und entsprechend raste sein Herz. Schlaf war in den nächsten Minuten definitiv keine Option.

Das Schönste daran war aber, dass er mit dem Finger auf jemanden zeigen konnte. Es war nicht allein seine Schuld, versuchte er sich einzureden. Wenigstens die Illusion wollte er sich erhalten aber bei einem weiteren Aspekt war er sich doppelt sicher. Diese Frau tat ihm nicht gut. Jenny hatte schlicht viel zu viel Macht über ihn und das musste er dringend ändern.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 31

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