Hörsaalgetuschel – Ausgabe 32

Augen in der Bahn

Bunte Blätter wiegten sich an den Bäumen, ein kalter Wind pfiff die Straßen entlang. Flo war froh, dass er an seine Jacke gedacht hatte. In der Sonne war es noch sehr schön aber Schatten und Wind zeigten deutlich, dass der Sommer sich dem Ende zu neigte.

Erik und Mia hatten einen Ausflug geplant. Sie wollten zu zweit den Zoo in der Nachbarstadt besuchen und einen entspannten Samstagnachmittag genießen. Flos Pläne hatten sich darauf beschränkt, etwas zum Essen und seinen Laptop ins Bett zu holen. Die Welt sollte ihn in Ruhe lassen mit seinem Kater und dem Konterbier. Das Pärchen hatte diesen Plan für Zeitverschwendung erklärt und ihn kurzerhand entführt und mit in den Zoo genommen. Er würde es niemals zugeben können aber es war eine gute Idee gewesen und es hatte ihm gut getan. Jenny hatte sich nicht mehr bei ihm gemeldet und für Flo war ihre gemeinsame Zeit damit innerlich Geschichte. Er würde nichts mehr von ihr hören, da war er überzeugt von.

Die Bahnfahrt zum Zoo hatte er noch den Kopf voller Gedanken gehabt. Er war nicht so sehr davon überzeugt, dass Zeit mit einem Pärchen ihm gerade helfen würde. Besonders, da er gerade damit seine Sorgen hatte. Die Beiden ließen sich davon aber nichts anmerken. Sie benahmen sich wie gute Freunde, hatten ausgesprochen gute Laune und der Umstand von Flos Trennung schien ihre Laune nur weiter zu verbessern. Flo hätte jede Wette gewagt, dass sie mehr über die Situation wussten als er aber beschlossen hatten, ihm nichts zu sagen.

Die Sonne stand hoch, als sie zwischen den Gehegen entlang spazierten. Der kleine Zoo war sehr vielseitig ausgerüstet und schnell hatte er sein Bett, die Trennung und den Ärger vergessen. Ein Wolf kam aus seinem Versteck im großzügigen Gehege getrottet, sah sich neugierig um und starrte ihn dann einfach unverwandt an. Er schien kein Bisschen scheu zu sein. Fast wirkte er wie ein zahmer Haushund, der darauf wartete, dass ihm jemand ein Stöckchen zuwarf.

Flo bekam nicht einmal mit, dass Erik und Mia schon seit einer Viertelstunde am Nebengehege standen und ein paar jungen Murmeltieren beim Herumtollen zusahen. Der Wolf schien genau in ihn hinein zu sehen und mit ihm reden zu können. Das einzige Problem bestand darin, dass er keine Ahnung hatte, was er ihm mitteilen wollte. Irgendwann wurde es dem Tier zu dumm. Es drehte ihm den Rücken zu und verschwand hinter einem Busch. Flo fühlte sich grandios verspottet und gedemütigt. Was ihn am meisten daran verwunderte war, dass er es dem Wolf nicht einmal übel nahm.

Nachdenklich gesellte er sich zu Mia und Erik, die sich gerade vor Lachen kaum halten konnten. Eines der Jungtiere kugelte den Hang an der Rückseite des Geheges hinab, landete im Wasserbecken, erschrak sich so sehr, dass es den Hang wieder hinaufjagte und das Schauspiel wiederholte. Mit jedem Durchlauf schienen die Beiden es lustiger zu finden. Bei Flo trat das Gegenteil ein, er ging dazu über, die Infotafel zu lesen. Genau das, was er als Kind immer gemieden hatte, war plötzlich interessant. Es war sogar so interessant, dass er es nicht einmal bemerkte. Ansonsten hätte er sich vermutlich fürchterlich alt gefühlt.

Zwischenzeitlich musste er wirklich aufpassen, dass er vor lauter Infotafeln nicht die Tiere vergaß. Teilweise war es wirklich sehr interessant, was dort stand. Der erste Elefant des Zoos war zum Beispiel eingezogen, nachdem die Kinder der Stadt eine Spendensammlung organisiert hatten, um einen alten Zirkuselefanten zu kaufen. Sie hatten einen Elefanten im Zoo haben wollen und der Zirkus wollte das alte Tier wegen etlicher Verletzungen schlachten lassen. Inzwischen war der Tierpark für seine Elefanten berühmt. Flo musste zugeben, dass das Gehege wirklich sehr geräumig war und sich die Tiere offensichtlich wohl dort fühlten.

Bei den Pinguinen kam es zu einem kleinen Eklat. Mia musste Erik mit nicht mehr ganz so sanfter Gewallt daran hindern, ins Gehege zu klettern. Er hatte die fixe Idee, einen der Wasservögel mit nach Hause zu nehmen und ihm dort ein schönes Leben zu bereiten. Hier im Zoo würden seine Talente doch nicht zur Geltung kommen können. Der Rest des Zoobesuchs lief dafür aber um so entspannter ab. Das Wetter zeigte sich noch einmal von seiner schöneren Seite und bewies, dass der goldene Herbst nicht nur ein Sprichwort war. Aber selbst bei schlechtem Wetter hätten sie Mia auch niemals in das Insektenhaus bekommen. Das ließen sie aus, für nächstes Mal, wie Erik betonte.

Es dämmerte bereits, als sie die Straßenbahnhaltestelle betraten. Flo bemerkte ein Mädchen, welches ihm direkt in die Augen sah. Ein kurzer Augenblick, der die Zeit und seinen Herzschlag zum Stillstehen brachte, dann war es vorbei und ihre Augen gingen wieder ins Leere. Mia und Erik zogen an ihr vorbei und setzten sich weiter hinten auf dem Bahnsteig auf eine Bank. Mit Bedauern folgte er ihnen, drehte sich dann trotzdem nach dem Mädchen um. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, an die Wand gelehnt, den Kopf im Nacken, dass ihre dunklen Locken wie ein wilder Wasserfall über ihre Schultern flossen. Die braunen Lederschuhe mochten schon bessere Tage gesehen haben aber sie trat trotzdem sehr stilvoll auf. Alles an ihr strahlte eine gewisse Eleganz aus. Flo traute sich kaum, sich seine Faszination einzugestehen.

Auf einem halben Ohr bekam er die Diskussion mit, welchen Zoo die Beiden als Nächstes besuchen wollten. Offensichtlich bildete sich der Plan heraus, sämtliche Tierparks der Region zu testen. Er selbst war gerade in anderen Sphären angekommen und es fühlte sich mehr als seltsam an. Noch vor einem Tag hatte er sich gefragt, was mit Jenny los war und nun raste sein Herz aufgrund eines Blickkontakts, der kaum eine Sekunde gehalten hatte. Die warmen, tiefbraunen Augen hatten sich in sein Gehirn gebrannt. Er konnte bereits abschätzen, dass er sich an dieses Bild noch lange erinnern würde.

Die Straßenbahn kam. Sie stiegen ein aber Flo ertappte sich dabei, wie er sich hektisch nach den braunen Augen und den dunklen, weichen Locken umsah. Mia und Erik schienen es nicht einmal zu bemerken. Sie liefen durch den Wagen, um sich in einem Türbereich in die Ecke zu drücken. Kaum, dass er sich umgesehen hatte, war Flo mit der Platzwahl sehr glücklich. An den Türrahmen gelehnt stand das Mädchen, die Augen verträumt an die Decke gerichtet. Sie bemerkte ihn, wie er dort stand, und versuchte so lässig wie möglich auszusehen, während er sie vorsichtig anlächelte. Sie erwiderte sein Lächeln und es gab nichts auf der Welt, was ihm heute noch den Tag hätte vermiesen können.

Die Fahrt verbrachte er damit, ihr beim Träumen zuzusehen und selbst zu träumen. Sein Herz schien regelrecht in Flammen zu stehen und zu schmelzen. So unauffällig, wie er konnte, musterte er sie und versuchte sich jedes Detail an ihr einzuprägen. Er sollte sie einfach ansprechen, nur was sollte er sagen? Sie schien regelrecht darauf zu warten. Plötzlich war ihm die Gesellschaft seines Pärchens irgendwie unangenehm.

Ratlos stellte er fest, wie sie ihn erwartungsvoll aus den Augenwinkeln musterte. Selbst für einen Soziallegastheniker wie ihn konnte kein Zweifel mehr bestehen, dass sie auf einen Schritt von ihm wartete. Sollte er ihr seine Telefonnummer geben? Nur was würde sie damit tun, abgesehen davon, dass er sie nicht auswendig konnte? Was wusste er überhaupt auswendig? Sein Kopf war wie leer gefegt und gleichzeitig sausten Gedanken mit Lichtgeschwindigkeit umher,

Er musste sich beeilen. Auf der Anzeige stand schon die Haltestelle, an der er aussteigen würde. In seiner Verzweiflung fand er nur ein Stück Papier und einen Bleistift in seiner Jackentasche. Beides wollte er eigentlich längst weggeräumt haben aber nun dankte er dem Himmel und den Göttern der Menschheitsgeschichte für seine Unordnung. Hastig schrieb er seine Mailadresse darauf. Unzufrieden starrte er darauf, schrieb dann noch etwas dazu, faltete ihn in der Mitte und hätte fast den Zettel statt des Bleistifts in die Jacke zurückgesteckt.

Ratternd kam die Straßenbahn zum Stillstand. Das Mädchen mit den seidigen Haaren schien aus ihrem Traum zu erwachen und machte einen Schritt zur Seite, um die Türe freizugeben. Mia und Erik stiegen aus, ohne sie weiter zu beachten. Im Vorbeigehen hielt er ihr das Papier hin. Sie sah ihn etwas verwundert an, nahm ihn aber entgegen und lächelte ihm auf eine Weise zu, die ein Gefühl in ihm weckte, was er für tot gehalten hatte. Mit Wehmut und Bedauern sah er der Bahn nach, bis sie um die Ecke verschwunden war. Erik und Mia hatten in der Zeit nur festgestellt, dass sie in die falsche Richtung losgelaufen waren, und kamen nun zurück.

„Wir müssen sowieso in die andere Richtung. Ich habe nichts zum Essen mehr im Haus, also wird es zum Abendessen Döner oder Pizza oder so geben.“

Imbisbuden waren zwar nicht so preiswert wie Konservendosen aber sie schmeckten besser und man hatte hinterher nichts zum Spülen. Dabei fiel ihm noch etwas ein.

„Bei mir an der Ecke hat letzte Woche ein Bürgerladen eröffnet. Ich bin noch nicht dazu gekommen, den zu testen.“

Ein vielsagender Blick hing zwischen Mia und Erik, die Entscheidung war getroffen.

Die Burgerbar entpuppte sich als Glücksgriff. Das Essen war nicht nur reichlich, sondern auch gut und preiswert. Flo war überrascht und nutzte die Eröffnungsangebote schamlos aus. Er hatte das Gefühl, zum ersten Mal seit Wochen wieder richtig zu essen. Er hatte gerade zu essen angefangen, als er eine SMS bekam.

Hey Schatz. Willst du heute Abend noch vorbei kommen? Hab Rouladen im Ofen und können einen Film gucken. Jenny.

Er hatte erwartet, irgendetwas zu fühlen. Tatsächlich war es ihm aber so egal, dass es ihm beinahe Angst machte. Er las die Nachricht extra ein zweites Mal aber fühlte absolut nichts dabei. Lediglich ihr spontaner Stimmungswandel war seltsam. Vor zwei Wochen noch hatte sie ihm eine mehr als deutliche Abfuhr erteilt. Kompromisslos. Er biss auf eine Fritte und erinnerte sich stattdessen an das paar Augen, was ihm heute Herz und Verstand geraubt hatte.

Auf einem Schreibtisch, gar nicht so weit entfernt, lag ein zerknittertes Papier. Darauf geschrieben war eine Mailadresse, etwas schwer zu entziffern aber lesbar. Darunter stand nur ein Satz: Würdest du mir vielleicht eine Mail schreiben? Liebe Grüße, Flo.

Würde sie das? Das Mädchen mit den braunen Augen strich den Zettel zum sicher zweihundertsten Mal an diesem Abend glatt. Ja, sie würde es sicher tun, aber nicht mehr heute. Das wäre zu früh und würde verzweifelt wirken. Bei so etwas musste man den passenden Zeitpunkt in ein oder zwei Tagen abwarten. Was sollte sie schreiben? Hätte sie ihn doch einfach angesprochen, dann wäre das hier nun alles bestimmt viel einfacher. Sie schrieb an diesem Abend noch fünf Mails, löschte vier davon und schickte die Fünfte an ihre beste Freundin.

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