Hörsaalgetuschel – Ausgabe 33

Bully

Es war noch nicht einmal fünf Uhr früh, als der Wecker klingelte. Flo war wach aber echt nicht gut gelaunt. Er war nicht ganz freiwillig wach und hatte den Eindruck, dass es heute echt nicht sein Tag war. Sein Kopf dröhnte und in dem verzweifelten Versuch, die Schmerzen zu lindern, leerte er die große Wasserflasche neben seinem Bett quasi in einem Zug. All dies nur, um den Termin zu einem Vorstellungsgespräch wahrzunehmen. Sollte er seine Prioritäten überdenken?

Mürrisch quälte er sich aus dem Bett und führte eine sparsame Morgenroutine durch. Der Bart war etwas länger als gewöhnlich aber noch immer gepflegt genug. Die Dusche glättete die schlimmsten Falten der Nacht und brachte seinen Kreislauf auf sein Mindestmaß. Im Spiegel des Kleiderschranks stand ihm am Ende ein junger Mann im Anzug gegenüber. Er wirkte nicht gerade frisch, aber selbst wenn er ihn nur selten trug, irgendwie war es ein Bild, als müsse es genau so sein.

Der Blick auf die Uhr jagte ihm einen gehörigen Schrecken ein. Er musste los, zum Bahnhof. Das Frühstück gab es dann halt auf dem Weg, dafür war jetzt keine Zeit mehr. Zu allem Überfluss hätte er noch fast die falschen Schuhe und seine Kappe gegriffen. Beides wäre dem Anlass nicht angemessen gewesen. Die Sonne kroch gerade über den Horizont, als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel und er den Bahnhof ansteuerte. Sein Magen protestierte unangenehm über das verschobene Frühstück.

Die Bahnhofshalle war wie ein Strand. Mit jedem Bus, jeder Straßenbahn und jedem Zug schwemmte eine Woge von Menschen hindurch, verteilte sich und verschwand wieder, bis auf etliche Nachzügler. Hastig belegte Brötchen türmten sich in den Auslagen der Bäckerei, Pappbecher mit billigem Kaffee verbreiteten ihr säuerliches Aroma in der Halle. Flo nuckelte an seiner Wasserflasche und versuchte nicht an seine Kopfschmerzen zu denken. Er war auch so nervöser, als er erwartet hatte.

Sein Hunger drängte das Herzklopfen beiseite. Der billige Massenbackwarenladen, wie es ihn in jedem Bahnhof gibt, sah plötzlich erstaunlich verlockend aus. Wie das reinste Frühstücksparadies. Mit gebremstem Elan schlurfte er in den Laden und sammelte sich sein Frühstück aus den Fächern hinter den Plexiglasklappen. Ein Käsebrötchen, eine Laugenstange, eine Geflügelrolle im Teigmantel mit Zwiebeln. Langsam sollte er es gut sein lassen, sonst würde er es nur herumtragen und nicht mehr essen.

Aus dem Hinterzimmer schallte ein gedämpftes Gespräch hinaus. Geläster über Kollegen, wenigstens aber über einen.

„Ich weiß ja, bei der Zeitarbeitsfirma bekommt der nicht viel raus aber selbst wenn nicht, er leistet auch echt nichts, wofür man ihn vernünftig bezahlen könnte!“

„In welchem Tarif würdest du ihn denn verbuchen wollen? Er hat keine Ausbildung, nur seinen Realabschluss und der muss auch noch recht mies sein, wenn man Monika glauben darf.“

„Ach ich hab doch auch keine Ahnung. Auf diese Weise kann er wenigstens nicht all zu viel für Drogen ausgeben.“

Solche Gespräche kannte er. In seinem letzten Praktikum hatte so etwas zur Tagesordnung gehört, wenn auch nicht zum guten Ton. Die Unternehmen stellten möglichst billige Arbeiter ein und wunderten sich dann, dass sie nicht ausreichend qualifiziert und motiviert waren. Und dabei dachte er nicht an jemanden wie ihn selbst, sondern an wirklich mies qualifiziertes Personal, am Besten noch ohne Abschluss.

Als er an der Kasse stand, sah er, von wem die Rede war. Das Gesicht, wenn auch nicht so fahl, eingefallen und ungepflegt, kannte er noch aus der Schule. Als er in der achten Klasse gewesen war, hatte ein Mitschüler aus der Klasse über ihm viel Spaß daran gehabt, ihm laut brüllend in den Rücken zu springen und dann weg zu rennen. Er hatte es noch immer im Ohr, das krächzende „Randale!“ jedes Mal, wenn ihm der leicht übergewichtige Junge zu Boden rammte. Damals hatte er sich häufig gewünscht, es einmal früh genug mit zu bekommen und ihm statt seinem Rücken eine Faust entgegen zu halten. Oh wie gerne hätte er ihm die Nase oder den Kiefer gebrochen aber das alles war lange her. Er war jetzt erwachsen und endlich war auch ein Ende seiner Ausbildung absehbar.

Er zählte das Geld ab, bewusst so, dass er möglichst viele kleine Münzen wählte. Es passte genau. Das Gesicht des Kassierers verriet, dass er sich über das Kleingeld nicht besonders freute, dabei hatte er es ihm quasi schon vorgezählt und er konnte wissen, welche Münzen was waren. Flo sah zu ihm auf. In dem Moment sah er in den Augen seines ehemaligen Peinigers das Aufblitzen des Erkennens. Er sah an Flo herab, musterte den Anzug, dann an sich selbst und schluckte unwillkürlich. Hinter Flos Stirn waren inzwischen alle imaginären Zahnräder zum Stillstand gekommen. Über Jahre vergessene Instinkte übernahmen die Kontrolle und warfen dem Kassierer die Hand voll Kleingeld einfach ins Gesicht.

„Randale, Arschloch.“ Er versuchte noch die Worte möglichst neutral wirken zu lassen aber es schwang doch eine tiefe Verachtung darin mit. Vielleicht sogar etwas Hass und eine kleine Drohung.

Daraufhin drehte er sich um und ging. Eine seltsame Freude breitete sich ob der kindischen Rachehandlung in ihm aus. So sollte er eigentlich nicht empfinden. Er war doch eigentlich halbwegs erwachsen und sollte über solchen Dingen stehen. Trotzdem schämte er sich nicht, auch wenn er es eigentlich von sich erwartete.

Vor dem Laden drehte er sich noch einmal um und sah zurück. Er sah wieder den großen, etwas dicklichen Jungen vor sich, der immer alleine auf dem Schulhof gewesen war. Alle hatten ihn gemieden und Flo war nicht der Einzige gewesen, dem er ganz gründlich auf die Nerven gegangen war. Nun kroch dieses Kind unter der Kasse umher und sammelte die Münzen ein, die ihm ins Gesicht geflogen waren. Einem Gesicht, in dem neben einer tiefen Resignation die Schmach einer tiefen Demütigung für alle Welt zu lesen stand. Die eingefallenen Augen glitzerten feucht. Jetzt tat er Flo beinahe leid. Vielleicht sollte er sich irgendwann bei ihm entschuldigen und damit vermutlich noch tiefer demütigen. Jetzt aber hatte er zunächst einmal einen Zug zu erwischen. Sowohl Freude als auch Wut waren aus seinem Inneren gewichen. Ein seltsam unpassender Frieden breitete sich aus, als er den Bahnsteig betrat.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 33

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