Hörsaalgetuschel – Ausgabe 34

Zocken

Wer ein Videospiel online spielen will, der kommt zwangsläufig nicht darum herum, unterschiedliche Typen von Mitspielern zu bemerken. Natürlich gibt es auch den Spieler, der einfach seine gute Zeit online haben will und auch entsprechend spielt. Genauso gibt es aber den Noob, der keine Ahnung hat und sich auch scheinbar keine Mühe gibt, das Prinzip des Spiels zu verstehen, sondern einfach irgendetwas macht. Niemand versteht, was er tut, und eigentlich ist es auch egal, außer dem Typ Spieler, der nicht zum Spaß, sondern rein kompetitiv spielt. Gewinnen ist für ihn alles und einen Noob im Team zu haben ist das Schlimmste, was einem passieren kann denn der gefährdet den Sieg. Der Ingamechat ist daraufhin quasi nutzlos, denn er ersetzt alle Schimpfwörter durch neutrale Sternchen und davon ist er gerade mehr als voll. Noch schlimmer als der Noob ist für den Kompetitiven nur noch der Troll. Er war einmal ein Noob, der aber inzwischen verstanden hat, wie das Spiel läuft, sich aber nicht dafür interessiert. Stattdessen ärgert er viel lieber den Kompetitiven, und leider nebenbei auch den Rest des Teams, und versucht ihn zur Weißglut zu treiben. Sein größter Sieg besteht nicht im Bezwingen des Gegners, sondern darin, andere Spieler zum Ragequit zu treiben.

In jedem Shooter gibt es auch noch den Spieler, der das kompetitive Stadium hinter sich gelassen hat: den Russen. Der Russe spricht eine Menge, nur versteht ihn niemand, denn er beherrscht nur russisch, und das Spiel. Gnadenlos und ohne jeden Ehrenkodex. Trolls und Noobs können seiner Statistik nichts anhaben denn er rechnet sie einfach dem Gegnerteam zu und behandelt sie entsprechend. Er kennt jede Karte auswendig bis ins kleinste Detail, genau so jede Waffe und die Spielerstatistiken der Gegner. Also die, aller anwesenden, nicht russischen Spieler.

Im Strategie-Sektor wird der Russe vom Koreaner abgelöst. Er ist dafür bekannt, nicht weniger als zehn Stunden pro Tag zu spielen, nicht als Hobby, sondern hauptberuflich. Jedenfalls träumt er davon. In den allermeisten Fällen ist er eher ein Sklave, der es bestenfalls zu C-Promi-Status schafft und die Oberliga nie erreicht. Trotzdem schafft er es, jeden an die Wand zu spielen und vorzuführen.

Flo war keiner dieser Typen. Wie schon so oft fiel er aus dem Raster und sortierte sich bei einer der Randgruppen ein. Für den Noob hatte er die Spiele zu gut verstanden, für den Kompetitiven war er aber viel zu schlecht. Der gewöhnliche Spieler spielte meist regelmäßiger oder wenigstens aber immer noch sehr viel besser als er selbst. Ihm würde noch der Troll bleiben, aber daran hatte er kein Interesse. Was übrig blieb, war das Kanonenfutter jenseits des Noob-Status.

Wenn man sich unauffällig am Kartenrand aufhielt, war man wenigstens nicht der Erste, der das Zeitliche segnete. Diesen Umstand machte er sich gerne zu nutzen. So saß er auch jetzt am Rand, etwas versteckt und beobachtete das Geschehen. Stets darauf bedacht, seinen kleinen Doppeldecker in den Wolken zu verstecken sah er zu, wie sich feindliche Bomber seinem Stützpunkt näherten, von einigen Jägern begleitet. Die Spielerstatistiken zeigten ihm deutlich, dass jeder von ihnen um Welten besser aufgestellt war als er selbst, also hielt er sich zurück. Sein Team stürzte sich unterdessen wild auf die Angreifer, völlig ohne Plan und System. In Kürze würde er ihre Maschinen gen Boden fallen sehen.

Bevor es dazu kam, bemerkte er etwas anderes. Einer der feindlichen Jäger hatte ihn entdeckt und als leichte Beute ausgemacht. Die Zeit der Passivität war vorbei, nun war er zum Handeln gezwungen. Er richtete seine Maschine aus und gab Vollgas. Die leichtsinnigste Taktik war, einfach stur drauf zu fliegen und genau das tat sein Gegenüber bereits. Er ließ sich auf das Spiel ein und eröffnete viel zu früh das Feuer. Seine Maschine war dem Gegner in jeder Hinsicht unterlegen, was hatte er also zu verlieren? So konnte er wenigstens einen kleinen Schaden anrichten, ehe er aus dem Himmel geschossen wurde.

Das Spiel aber sah es anders. Während die erste Salve noch ins Leere ging, traf die Zweite den Piloten. Ein Glückstreffer, mit dem er nie gerechnet hätte, aber es reichte aus, um das Gefecht zu gewinnen. Ein wahrer Punkteregen beförderte ihn vom letzten Platz in der Tabelle gleich zwei Plätze nach oben. Ungläubig starrte Flo auf den Bildschirm und beobachtete seinen Gegner dabei, wie seine Maschine führerlos aus den Wolken trudelte. Ein seltenes Gefühl der Befriedigung breitete sich aus und mischte sich mit Trotz. Jetzt ging es los.

Die ersten Bomber waren inzwischen unter ihm angekommen. In bitterem Leichtsinn stürzte er auf sie herab und brachte tatsächlich einen von ihnen zur Explosion. Bordgeschütze ratterten und Kugeln flogen zwischen den Streben des kleinen Doppeldeckers hindurch. Er musste den Toten Winkel eines Bombers finden, wenn er einen weiteren Abschuss landen wollte, ohne selbst zerstört zu werden. Von unten sollten die Chancen recht gut stehen.

Er tauchte ab, kollidierte beinahe mit einem Mitspieler, wich einem Gegner aus, fand einen Bomber und näherte sich ihm. Er hatte tatsächlich die Chance, so gut zu sein wie noch nie zuvor. Das Smartphone vor ihm auf dem Tisch signalisierte eine neue Mail. Ein kleiner Moment der Ablenkung. Der Bomber tauchte ab und flog durch ihn hindurch, ehe er ihn unter Beschuss nehmen konnte. Der kleine Flieger wurde durch die Kollision zerdrückt wie eine Pusteblume und fiel als Trümmerhaufen hinab.

Jetzt hatte er Zeit. Mit knirschenden Zähnen griff er sein Telefon, um zu sehen, wer ihn abgelenkt hatte. Den Absender kannte er nicht und der Text war recht kurz. Als er ihn gelesen hatte, glätteten sich seine Gesichtszüge wieder. Mit einem breiten Grinsen las er den Text wieder und wieder. Sein Herz pochte wild während von ihm völlig unbeachtet auf dem Bildschirm seine Flugzeuge eins nach dem anderen ins Gefecht einstiegen und wie Tontauben vom Himmel geholt wurden. Vor seinem inneren Auge lächelten ihm ein paar warme, dunkle Augen zu, während sich die Türe der Straßenbahn zwischen ihnen schloss.

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