Hörsaalgetuschel – Ausgabe 35

Gruppenprojekt

Innerlich kochte Mia beinahe über. Mit versteinertem Lächeln saß sie dort und starrte auf das, was ihre Arbeitsgruppe ihr vorgelegt hatte. Es war ein Gruppenprojekt angesetzt gewesen und sie hatte die Idee von Anfang an gehasst aber, wie so oft, den Ärger einfach hinuntergeschluckt und gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Natürlich, Gruppenprojekte waren wichtig. Ein Großteil des späteren Arbeitslebens würde angeblich daraus bestehen, also brauchte sie Übung. Die vage Hoffnung bestand allerdings, dass sie dann später nicht nur von Inkompetenz in hochkonzentrierter Form umgeben sein würde. Ihr Blick ruhte auf den losen Blättern vor ihr aber sie las kaum ihren Inhalt. Ihr Gehirn war zu sehr damit beschäftigt, die Resignation nicht in ihre Augen treten zu lassen.

Bewusst und mit voller Absicht hatte sie eine Gruppe gewählt, in der weder Erik noch Flo waren, um ungestört von den Beiden arbeiten zu können und nicht ihre Aufgaben automatisch mit zu übernehmen. Auch wenn Flo inzwischen die wahrscheinlich beste Schokochremetorte der Welt machte, das war einfach zu viel für sie. Sie schämte sich davor, es sich selbst einzugestehen aber eine Alternative gab es nicht. Nicht mehr jedenfalls. Inzwischen stellte sie fest, dass die beiden Chaoten nicht die schlechteste Wahl gewesen wären. Immerhin wusste sie bei ihnen wenigstens, was sie meinten, wenn sie etwas sagten und außerdem mochte sie die Beiden. Bei ihrer jetzigen Gruppe war nichts davon der Fall.

Franzi hatte ihr ein einzelnes Blatt voller wirrer Stichpunkte zugeschoben, die nicht einmal mit dem Thema zu tun hatten. Als Mia sie gebeten hatte, ihr die krakelige Handschrift zu übersetzen, war sie regelrecht aus der Haut gefahren und wie eine Furie durch den Lernraum getobt. Für so eine Show hatte Mia absolut keine Nerven und noch viel weniger Verständnis. Einen Moment lang hatte sie überlegt, Franzi einfach die Nase zu brechen und sie würde brechen, wenn sie nur leicht drauf schlug. Die Narben der letzten Schönheits-OP waren zwar unter dickem Make-up verborgen aber jeder wusste, dass sie da waren. Sie könnte ihr auch einfach auf die Brustimplantate hauen.

Die Faust geballt holte sie nicht aus, sondern zählte nur ruhig in Gedanken bis zehn. Ganz ruhig, ich bin ein Gänseblümchen. Ihr Oberkörper schaukelte in einem imaginären Wind hin und her. Das Brodeln in ihrem Inneren ließ langsam nach und sie entspannte sich etwas. Sie würde ihren Teil der Arbeit in gewohnter Qualität bearbeiten, und zwar nur ihren Teil. Sie schob das Blatt beiseite und der Zorn kehrte zurück. Eine Liste von Büchern, in denen möglicherweise etwas Brauchbares stand, mehr hatte Jonas nicht zu bieten. Und so sollten sie eine komplette Arbeit erstellen?

Sie zog ihren eigenen Teil hervor und zeigte ihn den anderen. Sieben Seiten mit dem Vorentwurf von dem, was sie schreiben wollte, inklusive der Quellenangaben. Sie musste es nur noch in Reinform bringen und sauber formatieren. Sie behielt das Material zurück, woraus man erkennen konnte, dass sie ihre Arbeit bewusst so geschrieben hatte, dass sie im Notfall auch als Einzelprojekt abgegeben werden konnte. „Ich erwarte nichts und werde trotzdem enttäuscht.“ ging es ihr durch den Kopf. „Wie schaffen die das nur immer wieder?

Jonas reichte Mias Vorschrift an Franzi weiter. „Ey, voll der Overachiever hier. Mädel, hast du kein Leben oder so?“

Franzi rümpfte nur die Nase, soweit die OP-Narben es zuließen, und ächzte genervt. Am anderen Ende des Raumes brachen Erik und Flo in schallendes Gelächter aus. Die beiden waren an Eriks Laptop gefesselt und bekamen von der Welt nichts mehr mit. Eigentlich wollten sie Recherche für ihr Thema betreiben doch Mia hatte den Verdacht, dass sie gerade mit etwas anderem zugange waren. Sie lag damit falsch aber warf den beiden einen neidischen Blick zu. Immerhin genossen sie ihre Arbeit etwas. Franzis quäkige Stimme riss sie mit einem entnervten Ächzen aus ihren Gedanken.

„Also ich kann ja nur für mich sprechen, aber ich hab auch noch was anderes zu tun, als Uni. Manche Leute müssen ja auch noch arbeiten gehen.“

Gerade von Franzi war dies das scheinheiligste Argument, was ihr hätte einfallen können. Weder Geld noch Arbeit waren irgendeine Sorge für Franzi. Was sie haben wollte, bekam sie von ihren Eltern hinterher geworfen. Nach der Scheidung hatten sich ihre Eltern auf einen Wettstreit um die Gunst ihrer Tochter eingelassen. Beide verdienten sehr gut und überhäuften das einzige Kind mit finanziellen Zuwendungen. Dafür ließen sie sie emotional völlig verwahrlosen. Beinahe tat sie Mia etwas leid aber jeden dieser Ansätze vernichtete sie sofort wieder mit ihrem unmöglichen Benehmen.

So kamen sie nicht weiter. Sie wollte die Arbeit aus dem Weg und erledigt haben und das ging nicht allein. Sollte sie sich doch auf ihren Teil beschränken? Die Idee war zu verlockend. Sie war am Ende halt immer noch Einzelkämpfer. Selbst die Zeit mit Erik hatte daran nichts geändert. Sie teilten sich Aufgaben lieber auf, als sie gemeinsam zu lösen. Entweder er kochte oder sie. Wenn sie spülte, kochte er und anders herum.

„Also gut, was schlagt ihr vor?“

Sie wollte den Beiden noch die Chance geben, doch noch am Gruppenprojekt teilzunehmen. Wenigstens die Möglichkeit sollten sie erhalten. Mia fühlte sich, als wäre sie ein gnädiger und gönnerhafter Patron.

„Keine Ahnung. Also ich muss das Wochenende auf jeden Fall arbeiten, da kann ich nicht daran weitermachen.“

„Und ich hab meiner Freundin versprochen, dass ich sie besuchen fahre. Ich kann das jetzt nicht dafür absagen. Die bringt mich um.“

Franzi verdiente tatsächlich eigenes Geld, das war ein sehr schlecht gehütetes Geheimnis. Sie verkaufte sich selbst, übers Internet und schwarz. Ein Geschäft, bei dem sie weit mehr einnahm, als sie rein rechtlich gedurft hätte. Und Jonas? Er sollte sich wahrscheinlich wirklich große Mühe um seine Freundin geben. Eine weitere würde er sobald nicht finden. Aussehen fängt Aufmerksamkeit aber Persönlichkeit hält eine Beziehung zusammen. Jonas hatte von beidem nichts abbekommen. Mia schämte sich nicht einmal für ihre Gedanken. Sie war verbittert, trug eine Maske der Gleichgültigkeit im Gesicht.

Sie würde ihr Projekt alleine bearbeiten und abgeben. Oder … Sie hatte eine Idee. Erik und Flo konnten ihr zur Abwechslung helfen. Nur mit einem Kuchen konnte sie nicht locken. Die letzte Backmischung hatte sie auf eine Weise versaut, die im Grunde unmöglich hätte sein sollen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 35

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