Hörsaalgetuschel – Ausgabe 36

Herbstfest

Das war es also, das berühmte Herbstfest. Eine volle Woche hatte Mia Erik bearbeitet, er müsse unbedingt mit ihr dort hin. Die Party des Jahres sollte es sein, die Stimmungsbombe der Saison. Und außerdem ging jeder hin, da konnte er sie auf keinen Fall alleine hingehen lassen. Wenigstens was das anging, hatte sie gelogen.

Auch wenn das Festzelt dicht gedrängt war, Erik kannte kein einziges der Gesichter, die er sehen konnte. Er hätte das von Mia gekannt, aber das war nicht mehr zu finden. Sie waren noch keine zehn Minuten im Zelt gewesen, da hatte sie alte Freundinnen aus ihrer Schulzeit gesehen und war verschwunden. Inzwischen hatte er es sogar aufgegeben, sich nach ihr umzusehen, oder nach einem anderen bekannten Gesicht.

Jeder hier schien jeden zu kennen, als wäre es alles eine Dorfgemeinschaft. Erik passte hier nicht hinein, er war ein Fremdkörper. Er kam ja nicht einmal aus der Region! Seine nächsten Verwandten wohnten eine zweistündige Bahnreise entfernt und Kontakte hatte er hier auch nie wirklich gefunden. Klar, er hatte Mia und Flo aber Mia war verschwunden und Flo hatte nur gesagt, er habe bereits etwas anderes vor. In letzter Zeit was der Gute irgendwie recht abwesend, körperlich wie geistig. Und plötzlich stand Erik mitten in einem vollen Festzelt und fühlte sich ganz schrecklich allein gelassen.

Mia hatte ihn zu diesem Fest überredet, weil er im Moment eine kleine Tiefphase hatte. Allgemeine Lustlosigkeit, Motivationsverlust, ein permanenter Erschöpfungszustand und Müdigkeit. Wofür stand er morgens auf? Sie wollte ihm hiermit einen Grund dafür geben aber gerade wollte er eigentlich nur in sein Bett zurück. Sie konnte ja gerne hier bleiben und sich mit ihren Freunden vergnügen. Er konnte darauf gut verzichten. Sein Bier war ohnehin leer, es bot sich also noch mehr an. Wenn es nur ums Betrinken ging, das konnte er auch zu Hause. Da stand er dann auch niemandem im Weg.

Eine Gruppe viel zu junger und viel zu betrunkener Halbstarker drängte sich an ihm vorbei. Drei Meter weiter stießen sie auf eine zweite Gruppe ähnlichen Kalibers an denen sie sich auch mit lautem Gefluche nicht vorbei schieben konnten. Die beiden Gruppen bauten sich voreinander auf, bereit weder aneinander vorbei noch aufeinander zu, dafür aber aufeinander los zugehen. Wie eine Horde Affen standen sie da und keiften einander an. Die beiden Rudelführer kamen offensichtlich zu keinem Ergebnis mit ihrem Wettstreit, wer lauter die Mutter des jeweils anderen beleidigen konnte. Stattdessen holten sie aus.

Erik erwischte das Handgelenk, dessen Faust gerade Anlauf nehmen wollte, um sein Gegenüber zu treffen. Der Jugendliche wirbelte ein Stück durch die Luft, ehe Erik ihn bäuchlings in den Staub drückte und mit dem Fuß fixierte. Als er wieder aufsah, stellte er fest, dass auch der zweite Streithahn nicht mehr auf den Füßen stand. Er kniete vor einer jungen Frau und rieb sich den Kopf. Wäre die Welt ein Cartoon, aus dem Kopf des Mädels würden Dampfwolken schießen und ihre Zähne wären nur noch scharfe Dreiecke.

Der Rest der zwei Gruppen war vor Schreck wie erstarrt. Von Streit war plötzlich keine Rede mehr. Als dann auch noch vier Türsteher auftauchten, verschwanden sie eiligst im Getümmel. Die vier Schränke sahen sich mit müden Augen und unendlich langsam um. Erik hätte schwören können, ihre Gehirne arbeiten hören zu können. Sie rangen darum, ihre Autorität wieder herstellen zu können.

„Alles klar, wir übernehmen ab hier dann mal. Vielen Dank für eure Hilfe.“

Um die Situation nicht peinlich werden zu lassen. Hoben sie die beiden Halbstarken eilig auf und verschwanden Richtung Ausgang.

„Diese Trottel sind zu Nichts zu gebrauchen. Sie kommen immer erst zu spät und spielen sich dann auch noch groß auf. Du bist offensichtlich besser in dem Job. Die da schlagen sich offensichtlich genau so gerne wie die Kleinen.“ Sie nickte den Türstehern hinterher, ohne die Augen von ihm zu nehmen.

„Du kennst die also alle schon? Worum ging es überhaupt?“ Erik war irritiert. Die ganze Situation lief ihm viel zu schnell ab und dieses, zugegebenermaßen ausgesprochen ansehnliche Mädchen, musterte ihn mit unverhohlenem Interesse.

„Die brauchen keinen Grund, um sich zu schlagen. Sich zu begegnen reicht da leider völlig aus. Und ja, ich kenne sie. Der, den du von den Füßen geholt hast, ist ein Cousin von mir und der, den ich zwischen hatte, ist mein Onkel.“

„Dein Onkel. Aber der war doch sicher zehn Jahre jünger als du, wie haut das denn hin?“

„Etwa vierzehn Jahre, um ehrlich zu sein. Genau wie meine Mutter vor mir bin ich ein Unfall. Zu meiner Geburt war meine Mutter vierzehn und meine Oma noch nicht einmal dreißig. Als meine Mutter dann ihre Lehre abgeschlossen hatte und wir in eine eigene Wohnung ziehen konnten, war es meinen Großeltern wohl zu ruhig. Das Ergebnis ist dieses kleine Arschloch, was du eben kennengelernt hast, und was nur auf Streit aus ist.“

Es gibt Geschichten, die sind so unglaublich, dass sie unmöglich wahr sein können. Andererseits sind sie so absurd, dass sie genau so wahr sein müssen, weil sich niemand so etwas ausdenken kann. Was davon war jetzt dieser Fall? Ohne darüber nachzudenken, rutschte Erik eine andere Frage heraus.

„Und wie viele Kinder hast du dann jetzt schon?“

Sie lächelte. Sie wirkte dermaßen nüchtern und ehrlich, dass Erik ihr instinktiv Glauben schenken musste.

„Noch überhaupt keine, da passe ich schon auf. Mit etwas Glück bin ich die Erste aus der Familie, die einen Abschluss an der Uni schafft. Die wollen zwar eigentlich lieber, dass ich den Viehhof übernehme, der bis dahin eh bankrott ist, aber ich werde Elektrotechnikerin. Irgendjemand muss ja Ahnung von der Melkmaschine haben.“

Was genau wollte sie ihm mit dem Zwinkern mitteilen? Sie trug Stöckelschuhe mit respektablem Absatz und trotzdem war sie mehr als zwei Köpfe kleiner als er. Ihr Selbstbewusstsein alleine machte sie dafür vier Köpfe größer. Erik fühlte sich trotz seiner Größe plötzlich winzig. Dieses kleine Wesen hatte sich aus denkbar merkwürdigen Familienverhältnissen und entgegen vieler Wahrscheinlichkeiten zu einem Ingenieursstudium entschieden und ließ keinen Zweifel daran, dass sie es auch schaffen würde. Erik kam selbst aus einer Ingenieursfamilie und hatte immer das Gefühl gehabt, ebenfalls in diese Richtung gehen zu müssen. Seine Schulnoten hatten ihn davor bewahrt und insgeheim war er froh darum.

Trotzdem, im Augenblick hatte er das Gefühl, die Welt erwartete mehr von ihm. Mehr als er leisten konnte und wollte. Ein einfaches Leben, das wünschte er sich. Vielleicht eine Familie, um die er sich kümmern konnte und Fußball. Wenn er Mia heiraten sollte, dann würde sie sicher für die Kinder keine Pause einlegen, sondern ihm dieses Feld überlassen. Ein wenig freute er sich darauf, nur um gleich wieder die Sorge zu haben zu versagen. Von Kindererziehung hatte er doch keine Ahnung im Gegensatz zu Fußball. Reichte der Instinkt vielleicht? Eine kleine Hand griff nach der seinen.

„Na komm, Träumer. Wenn ich dich nicht zu sehr verjagt habe, dann tanz‘ eine Runde mit mir.“

Sie zwinkerte ihm aufmunternd zu. Erik konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Dieses Mädchen hatte irgendwie einen viel zu beruhigenden Einfluss auf ihn. Ohne Protest ließ er sich von ihr auf die Tanzfläche ziehen. Der Abend war noch jung und zuhause wartete im Augenblick auch nichts auf ihn.

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5 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 36

  1. Myrddin

    mmmh… er liebt Mia sehr, aber die Beziehung hat ja kürzlich noch ordentlich gewackelt. Und dann kommt er ihr zu Liebe mit zum Herbstfest, wo sie ihn stehen lässt. Das ist der Klassiker, bei dem es vor allem auf die Initiative der „Verführerin“ ankommt. Wenn sie es tatsächlich drauf anlegte, würde er, so denke ich, mitgehen, aber im letzten Moment die „Notbremse ziehen“.

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    1. dergrafvonborg Autor

      Die Beziehung scheppert leider laufend. Teilweise passen die Beiden einfach nicht zusammen, aber ohne einander können sie halt auch nicht. In diesem Fall ist es aber wohl so, dass die „Verführerin“ einfach nur einen schönen Abend haben und nicht nur als Babysitter abgestellt sein wollte.

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  2. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

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