Hörsaalgetuschel – Ausgabe 37

Die Leiden der jungen J.

Es war eine Katastrophe. Nein, das traf es nicht richtig. Es war die Katastrophe! Seit Tagen, wenn nicht sogar Wochen versucht sie Flo zu erreichen, aber er ignoriert sie. Zum Volleyball kam er auch schon lange nicht mehr. Darüber war sie nicht weiter verwundert. Sie wusste schließlich, dass er ursprünglich nur für sie dort hingekommen war. Und nun, wo sie so dringend mit ihm reden wollte, da war er nicht mehr da. Sie hatte versucht ihn in der Uni zu finden, auf seinem Weg zum Bus gewartet und hatte lange Umwege gemacht, nur um in seinen üblichen Supermärkten einkaufen zu gehen, in der vagen Hoffnung, ihn zufällig zu treffen. Auf Mail und Anrufe antwortete er auch nicht. Es fehlte nicht viel, und sie würde vor seiner Türe auf ihn warten, und wenn es den ganzen Tag dauern würde.

Wie konnte er sie einfach so ignorieren? Wie konnte er sie so schnell vergessen und mit ihr abschließen und wieso fühlte sich das so entsetzlich an? Es war doch eigentlich ihr Part, eine Beziehung abzuschließen und zu vergessen. Und mit Flo war sie ja nicht einmal offiziell zusammen gewesen. Es war eher eine Art Liebschaft gewesen, eine Affäre, ein Ausbruch von Leidenschaft, ein aufregendes Spiel. Eigentlich hatte sie das ablegen müssen wie ein schmutziges Kleid.

Ihr war bewusst gewesen, dass Flo die Situation anders eingeschätzt hatte. Sein Ziel war eine Beziehung gewesen aber eine solche Bindung ging ihr zu weit. Sie hatte es ihm sagen wollen aber die Situation dazu hatte sich nie ergeben und der Sex war einfach viel zu gut gewesen, um ihn zu verscheuchen. Wieso hatte sie gezögert, Klartext mit ihm zu reden? Sie hatte es nicht gekonnt und nicht verstanden wieso.

Sie hatte andere Männer nebenher getroffen und war entsetzt, dass es sich zum ersten Mal in ihrem Leben einfach falsch angefühlt hatte. Sie hatte mit einem Kerl, den sie vor einer Stunde in einer Bar getroffen hatte, im Bett gelegen, an Flo gedacht und sich entsetzlich elend gefühlt. Wieso hatte sie das getan? Wieso hatte ihr Flo nicht gereicht? Vielleicht hatte er das ja sogar und es war nur die Macht der Gewohnheit gewesen.

Sie hatte erkannt, dass das, was sie getan hatte, Flo verletzten würde. Panik hatte sie erfasst und sie war vor ihm davongelaufen. Die Macht, die er über sie bekommen hatte, hatte Entsetzen in ihr ausgelöst und sie hatte versucht, sich in fremden Betten abzulenken. Befriedigung hatte sie dort aber nicht gefunden, im Gegenteil. Wie ein Verdurstender, der seinen Durst mit Salzwasser zu stillen versucht, war es immer schlimmer geworden, bis sie begann, sich selbst zu verabscheuen.

Auf einmal konnte sie verstehen, wieso Mia sie so herablassend behandelt hatte. Nicht, weil sie so eingebildet war, sondern weil sie Jenny für ihr Verhalten offen verachtete. Es war die Art gewesen, wie sie mit Flo umging, die bei Mia auf Ablehnung gestoßen war. Dabei stritt diese sich mit ihrem eigenen Freund auch oft genug. Mia und Erik stritten sich aber nur über Kleinigkeiten und nie wirklich intensiv. Im Grunde ihres Herzens beneidete Jenny die beiden, um ihre harmonische Beziehung.

Dann, vor ein paar Wochen, hatte eine ihrer Freundinnen Flo von einer Party mit nach Hause genommen. Nadja behauptete, sichergehen zu wollen, dass er auch heile ankam. Diese miese Schlampe, als hätte sie nicht versucht, ihr den Freund auszuspannen. Es tat ja rein gar nichts zur Sache, dass sie nicht zusammen waren. Das Schlimmste war ja, dass sie nun schon allein deswegen mit ihm Schluss machen musste, um ihr Gesicht zu wahren. Dabei war das genau das, was sie am allerwenigsten wollte. Gerade jetzt brauchte sie einen Mann an ihrer Seite mehr als je zuvor. Und sie wollte nicht irgendeinen, sondern diesen Mann.

Inzwischen verfluchte sie den Sonntagmorgen. Unter der Woche musste sie aufstehen und zur Uni, samstags einkaufen und putzen. Nur für den Sonntag blieb ihr keine Ausrede und keine Energie mehr zum Aufstehen. Mit verheulten Augen lag sie im Bett und hasste sich dafür, ihre Gedanken nicht zum Schweigen bringen zu können. War sie nicht eine starke, erwachsene, unabhängige Frau? Wieso konnte sie es dann nicht verhindern, dass sie von Selbstzweifeln zerfressen wurde? Ihr Selbstmitleid gefiel ihr überhaupt nicht.

Es war schon eine Weile her, dass Elly ihr einen Schwangerschaftstest in der Apotheke gekauft hatte. Die Schachtel lag noch immer ungeöffnet auf ihrem Nachttisch. Sie hatte sich noch nicht getraut, ihn zu befragen. Sie konnte ja nicht einmal sagen, von wem es war, wenn sie wirklich schwanger war. Sie wusste nur, dass Flo es nicht sein konnte und er selbst musste das auch wissen. Sie konnte es ihm also nicht einmal unterschieben und ihn so an sich binden.

Zu allem Überfluss ging Elly zwei Mal die Woche mit der unsäglichen Mia zum Schwimmtraining. Obwohl sie mit Erik zusammen war, hatte Jenny den Eindruck, dass sie nicht zögern würde, mit ihrem Flo etwas anzufangen. Und nach allem was Elly so erzählte, war Flo wohl im Moment verliebt und das sicher nicht in Jenny. Es war wirklich die Katastrophe.

Auch wenn sie sich so gerne bemüht hätte, wenn sie ehrlich war, konnte sie niemandem sonst die Schuld zuschieben. Sie hatte es selbst versaut und konnte nun nicht einmal mehr mit ihm reden. Es sei denn, sie setzte sich wirklich vor seine Tür und lauerte ihm auf. Oder Elly konnte mit Mia reden und ihm so eine Nachricht überbringen. Die Beiden würden es ohnehin irgendwie erfahren. Sie wollte doch nur mit ihm reden, wissen, ob alles in Ordnung war und es ihm gut ging. Und was wollte sie ihm dann sagen? Sie wusste es nicht genau.

Träge rollte sie sich aus dem Bett. Mit geröteten Augen sah sie auf die Schachtel auf ihrem Nachttisch hinab. Sie hatte sie schon so oft geöffnet, nur um sie wieder zu schließen und beiseitezuschieben. Diesmal nahm sie ihn mit ins Bad. Irgendwann brauchte sie sowieso Gewissheit.

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3 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 37

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