Hörsaalgetuschel – Ausgabe 38

Seminar

Eine goldene Spätherbstsonne strahlte durch das Fenster und blendete Flo. Der Start des Seminars verzögerte sich heute geringfügig, da die beiden Vortragenden es nicht schafften, ihren Laptop an das System der Uni anzuschließen. Es war noch früh, gerade einmal zehn Uhr. Verträumt starrte er in die helle Scheibe, die aus einem wolkenlosen Himmel hinab schien. Es war kalt geworden und selbst bei schönem Wetter wie heute, wollte man nicht mehr auf eine dicke Jacke verzichten. Für Flo war das perfekt. Er hasste es zu schwitzen, und wenn es so kalt war, konnte ihm das einfach nicht passieren. Allerdings war es vielleicht langsam Zeit, das Fenster wenigstens nachts zu schließen. Raureif auf dem Teppich machte es nicht unbedingt leichter, zu früh aufzustehen.

Die beiden Vortragenden hatten sich dazu durchgerungen, eine Sparversion ihres Vortrags auf einem anderen Rechner laufen zu lassen. Die Formatierung war zwar zerstört, der halbe Text verschwunden und die Bilder von grauen Rahmen überlagert aber es war das Beste, was sie gerade bekommen konnten. Ärgerlich, aber mit einem guten Vortrag durchaus ein Stück weit auszugleichen.

Wenn er ehrlich war, dann musste Flo zugeben, dass ihn das aber alles nicht interessierte. Er war unausgeschlafen und die Sonne machte ihn nur noch müder, statt ihn zu wecken. Er träumte vom Sommer. Davon, in der Sonne zu liegen, ein Eis zu essen und schönen Mädels nach zu sehen. Auch wenn sie in letzter Zeit in seinem Kopf alle gleich aussahen. Die werte Dame aus der Bahn war ihm nicht mehr aus dem Kopf gegangen und er war regelrecht daran verzweifelt, dass keine Nachricht kam. Sie raubte ihm buchstäblich den Schlaf. Selbst jetzt, Wochen, nachdem er die erste Mail von ihr bekommen hatte.

Das Handout wurde rundgereicht. Flo nahm sich eins, warf einen kurzen Blick darauf und überflog die Stichpunkte. Ohne das Referat war das Blatt leider völlig wertlos, die Stichpunkte sagten genau gar nichts aus. Dem Dozenten würde das so egal sein wie alles andere auch. Er saß nur seine Zeit ab, hing seinen eigenen Gedanken nach oder schlief einfach. Er hatte sich nicht ganz freiwillig für diesen Job gemeldet. Es war einfach eine unumgängliche Pflicht für Doktoranden, auch in der Lehre aktiv zu sein. Selbst für die Promotion hatte er sich nicht einmal selbst entschieden. Er hatte sich von seiner Freundin überreden lassen, diesen Schritt gemeinsam mit ihr zu machen, nur an einem anderen Lehrstuhl. Man sah ihm an, wie sehr er diesen Schritt bereute und wie lustlos er sich durch seine Dissertation quälte. Entsprechend verlief das Seminar.

Das blonde Mädchen, welches sonst immer in der letzten Reihe saß und permanent redete, begann stotternd ihren Vortrag. Sie war unsicher in ihrem Text und hatte ihn wahrscheinlich bis eben noch nicht einmal gesehen. Es war kein Thema, in dem sie sich auskannte, das war deutlich. Dabei lag es nun schon etliche Wochen zurück, dass sie das Thema bekommen hatte. Selbst Flo, der sich zeitweise fühlte, als wäre er zu faul zum Atmen, hatte nur wenig Verständnis. Hätte er zugehört, wäre ihm trotzdem nicht mehr aufgefallen, als ihr zusammenhangloses Gefasel. Der Vortrag war dünn und in jeder Hinsicht schwach. Wie Butter, die auf zu viel Brot verstrichen wurde.

Wäre der Vortrag gut gewesen, müsste er jetzt nicht darum kämpfen, mit dem Kopf auf dem Tisch aufzuschlagen. Es war zu früh, um bis drei Uhr in der letzten Nacht Mails zu beantworten. Die geheimnisvolle Dame aus der Bahn, welcher er nur einen Zettel mit Adresse zugesteckt hatte, hatte sich tatsächlich gemeldet. Für den Verlauf der Geschichte wäre es auch sehr witzlos gewesen, wenn es bei diesem einen Stück Papier geblieben wäre. Die Vernunft hatte Flo dennoch davon abgehalten, sich direkt Hals über Kopf in ein neues Abenteuer zu stürzen. Er musste gestehen, er war etwas vorsichtiger geworden und er fühlte sich entsetzlich alt dabei.

Das alles hatte ihn aber nicht davon abgehalten, auf ihre Mails zu antworten. Und wie er antwortete. Egal zu welcher Tageszeit, ohne Wartezeiten und immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Er war glücklich und bis über alle Haarspitzen verschossen. Sie hatte ihm ein Foto geschickt, als Beweis, dass es auch wirklich sie war, die ihm schrieb. Das einzige Selfie des Jahres, das hatte sie ihm versichert. Ein Ausdruck davon befand sich auf seinem Nachttisch und er schlief keine Nacht, ohne es nicht für wenigstens eine viertel Stunde wie ein Irrer anzugrinsen.

Ich bin doch wirklich zu Nichts mehr zu gebrauchen. Und das alles auch noch im nüchternen Zustand.

Es war schon vor beinahe zwei Wochen gewesen, als er realisiert hatte, dass er nicht nur nüchtern war, sondern auch überhaupt kein Bedürfnis hatte, zu trinken. Er war erschrocken gewesen, wenn nicht sogar leicht verstört. Erik mochte Verdacht geschöpft haben, aber er ließ sich nicht viel anmerken. Es musste ihm aber aufgefallen sein, dass Flo ihn immer wieder vertröstete, wenn es an eines der üblichen Saufgelage ging. Auf der anderen Seite war Erik aber auch fast fünf Jahre jünger als Flo und vertrug es einfach besser.

So sehr er es auch wollte, er konnte sich heute einfach nicht auf seine Gedanken konzentrieren. Die Sonne wollte einfach nicht weit genug steigen, um ihm aus den Augen zu gehen und das Gestammel von vorne war so abgehackt, dass man es nicht einmal überhören konnte. Das einzig Gute daran war, dass er sich nur bis zum Wochenende retten musste. Der Unterschied war diesmal nur, dass nicht er in den Zug steigen würde, sondern Kristina. Sie hatten den kompletten Samstag gemeinsam, wenn auch nur den Samstag. Aber es war doch besser als Nichts, oder? Und es fühlte sich einfach so sagenhaft an, sie zu sehen.

Der Dozent hatte die Referentin unterbrochen und einige Fragen in den Raum gerufen. Er hatte nicht auf eine Pause gewartet oder eine Frage angekündigt sondern einfach hineingerufen. Mit hochrotem Kopf stand das arme Mädel vor dem Kurs und war nicht nur aus dem Konzept gebracht, sondern auch völlig verunsichert. Ihr Gesicht schien sagen zu wollen „Das habe ich doch eben erst gesagt, oder?“ Stattdessen stammelte sie eine halbe Antwort, drehte sich unvermittelt um und stürmte aus dem Raum. Sie ließ Ratlosigkeit und Verwirrung auf den Gesichtern ihres Kollegen und des Dozenten zurück.

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5 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 38

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