Hörsaalgetuschel – Ausgabe 40

Advent

Es war schon seit Jahren eine allgemein hingenommene Unsitte des Einzelhandels, Weihnachtsartikel schon im Spätsommer ins Sortiment zu nehmen. Es galt schließlich den Radiostationen zuvor zu kommen, welche erst im Herbst die ersten Weihnachtslieder spielten. Pünktlich zum Advent war dann jeder bereits dermaßen vom nahenden Weihnachtsfest genervt, dass es nur eine Katastrophe werden konnte. Trotzdem war Flo reichlich überrascht, als er auf seinen Kalender sah und feststellte, dass genau heute der erste Advent sein sollte. Das konnte doch unmöglich stimmen.

Aber der Kalender log nicht, er war immer genau so ehrlich, wie Flo, wenn er Termine darin eintrug und das gnadenlos. Er war schon so unzuverlässiger, als er es gerne gewesen wäre, also wollte er bei seinem Kalender wenigstens ehrlich und möglich genau sein. Nun hatte ihn aber nicht nur sein Organisationstalent verlassen, sondern auch sein Zeitgefühl. Vor Kurzem war es doch noch Sommer gewesen, und was für einer.

Das erste Mal seit Jahren hatte es das Thermometer wieder über 40°C geschafft. Nachts war es selten kälter als 25 Grad geworden. Flo hatte geschwitzt wie ein Berserker und war glücklich gewesen. Er hatte den Sommer vermisst, mit all seinen schlaflosen Nächten und rot verbrannten Armen und Nasen. In der Hitze war man träge, hatte also die perfekte Ausrede, etwas gemächlich und langsam zu tun.

Im Winter galt dieses Argument nicht. War es zu kalt, musste man sich halt dicker anziehen und kräftiger arbeiten, um den Kreislauf anzuregen. Und eigentlich war doch noch der Herbst dran. Was war denn mit der Phase, in der man zwar kein Hemd mehr tragen konnte, aber auch noch keine dicke Jacke brauchte? Wo war die Übergangsphase hin?

Vermutlich hatte die ominöse globale Erwärmung sie gefressen. Die war doch ohnehin an allem schuld, was man nicht gleich erklären konnte. Der Sommer war trocken gewesen, angeblich wegen der Erwärmung. Der letzte Winter war sehr kalt gewesen und es hatte viel geschneit. Angeblich auch wegen der Erwärmung, wie auch immer das zusammenpassen sollte. Irgendjemand versuchte da doch, kräftig Gewinn in die eigenen Taschen zu schaufeln, indem er die Fakten etwas zurechtbog.

Und diese Temperaturdifferenzen. Ganze zwei Grad sollte es wärmer werden! Das war doch lächerlich. In seinem Lieblingsbuch aus Kindertagen stand, dass es zu Zeiten der Dinosaurier dreiundzwanzig Grad wärmer gewesen war. Das hatte die Welt doch auch überlebt, ganz ohne X- und Z-Promis, die durch fadenscheinige Talkshows torkelten und dazu aufriefen, die Welt zu retten. Besonders jetzt, zum Advent, würde es wieder besonders schlimm werden. Nun galt es nämlich nicht mehr nur die Welt zu retten, sondern sich auch als guten Christen zu zeigen und die armen Mitmenschen auf der anderen Seite der Welt ebenfalls zu retten.

Das gehörte irgendwie zur Vorweihnachtszeit wie die erzwungene gute Laune, Leichtigkeit und Harmonie, Weihnachtsmärkte voller schäbiger Glühweinbuden, unsäglich kitschigem Gedöns und Rentnergruppen im Reisebusformat. Wie gut er doch auf all dies verzichten konnte.

Er wollte kein Gutmensch sein, wollte nicht mit pseudo-besinnlichem Gedudel den Gehörgang geschmiert bekommen, bis er nicht mehr genug saufen konnte, um es zu ertragen, wollte keine pappigen Kekse backen und Grußkarten an Verwandte schreiben, an die er bestenfalls einmal zu genau solchen Anlässen dachte und die ihn ansonsten genau so gekonnt ignorierten wie er sie. Nichts an diesem Fest und seinem Vorspiel erschien ihm in irgendeiner Form ehrbar und achtenswürdig.

Er holte einen Edding aus seinem Federmäppchen und schwärzte die Zeile in seinem Kalender. Für ihn war heute kein Advent. Er hatte noch genug Zeit, sich damit zu befassen, was für welchen Teil der Familie ein angemessenes Geschenk war. Angemessen hieß dabei gut genug, um kein schlechtes Gewissen haben zu müssen und niemanden zu kränken aber bedeutungslos genug, um seine grenzenlose Verachtung für diesen Zirkus von Fest zum Ausdruck zu bringen.

Flo packte den Stift zurück in die Mappe. Mit einem Schmollmund setzte er sich vor seinen Fernseher in den Sessel, sah sich einen Cartoon an und knabberte missmutig an den Lebkuchen, die er gestern gekauft hatte. Er hätte besser die Dominosteine nehmen sollen, oder das Marzipanbrot, dachte er sich. Wie verrückt mussten eigentlich die Leute sein, die schon im August Glühwein und Christstollen kauften? Ein Glück, das er dabei nicht mitmachte.

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3 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 40

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