Hörsaalgetuschel – Ausgabe 42

WG-Leben

„Im Ernst, ich hab langsam echt genug. Wie kann man denn so ignorant sein? Es gibt ja Leute, die was schmuddeliger sind aber dermaßen schlampig?“

Als Flo zu Mia und Erik in die Bibliothek kam hatte Mia offensichtlich sehr schlechte Laune und Erik sich in eine andere Welt geflüchtet. Sein Blick ruhte auf einem imaginären Punkt, irgendwo in weiter Ferne und erweckte lediglich auf den ersten Blick den Eindruck, als würde er aufmerksam zuhören. Flo winkte den beiden kurz zu, wurde registriert, setzte sich schweigend hin, versuchte herauszubekommen, worum es ging und wurde spontan mit eingebunden.

„Ich meine, mal ehrlich, Flo, bei dir ist es auch nicht immer aufgeräumt, aber wenn du dir Müsli machst, landet es wenigstens in der Schüssel und nicht zur Hälfte auf dem Boden. Und selbst wenn, du räumst es wenigstens irgendwann wieder auf. Bei uns kann man nicht einmal ohne Schuhe in die Küche. Selbst der Staubsauger verstopft dabei!“

Flo sah Erik fragend an. Die Beiden überlegten schon eine ganze Weile, zusammenzuziehen. Bisher hatten sie aber noch keine geeignete Wohnung gefunden und Flo hatte den Eindruck, dass es auch nicht die höchste Priorität hatte. „Immerhin sind wir noch nicht einmal ein Jahr zusammen. Das hat noch etwas Luft.“ Aber wirklich glücklich schien Mia mit ihrer WG schon lange nicht mehr zu sein. Mia bemerkte Flos Blick und deutete ihn falsch.

„Doch nicht Erik, der benimmt sich. Aber meine werten Mitbewohnerinnen, ehrlich, ich hätte nie geglaubt, dass Frauen so dreckig sein können. Den Mülleimer im Badezimmer habe ich seit sicher einem halben Jahr nicht mehr angefasst und ich möchte wetten, keine von den Beiden hat den in der Zwischenzeit auch nur ein Mal leer gemacht. Und ich weigere mich, das Teil zu öffnen, solange die da ihre benutzten Tampons und Binden drin schimmeln lassen. Ja, das mein ich ernst. Da brauchst du gar nicht so ungläubig zu gucken, die lassen das Zeug da drinnen ernsthaft verschimmeln! Die sind grün statt rot oder braun oder was auch immer aus denen raus kommt. Das ist Sondermüll, ein Gesundheitsrisiko. Ich fass das nicht an, da hol ich mir doch wer-weiß-was.“

Flo lies Mia ungestört reden und holte seine Lernsachen heraus. Er wollte ihr nicht so sehr glauben, wie er es tat aber Mia übertrieb zu selten, um es jetzt zu tun. Sie hatte offensichtlich eine Menge Frust, den sie sich von der Seele reden musste und jetzt hatte Erik wenigstens etwas moralische Unterstützung.

„Und so geht das überall. In der Küche bin ich auch die Einzige, die den Müll versorgt. Wenn es nach denen geht, dann rottet eher die ganze Küche zu Klump, als dass die den anpacken. Aber kaum hänge ich ein frisches Trockentuch da hin, kommt eine von den Nasen auf die Idee, damit den Tisch abzuwischen, auf dem die ne Woche lang Obstsalat, Quark und Dosensuppen verteilt haben. Wie wäre es mal mit einem Waschlappen? Ach nein, das geht ja nicht. Den kann man nämlich nicht nass machen, weil die ganze, verdammte Spüle seit zwei Wochen mit stinkendem Geschirr voll steht! Hast du eine Ahnung, wie Brokkoli riecht, wenn er seit Tagen mit Fischfiletresten im Wasser liegt? Glaub mal, das willst du nicht wissen. Ich spüle schon eine ganze Weile nur noch in der Badewanne.“

„Oder sie kommt zum Essen und Spülen einfach zu mir.“ Erik war kurzzeitig aus seiner Apathie erwacht. Er blätterte die Seite um, die er schon seit gefühlten zehn Minuten ignorierte, und machte genau damit jetzt weiter.

„Ja, wahrscheinlich komme ich bald nach Hause, und die Wanne ist auch voll. Würde die ja nicht stören, die brauchen die ja eh nur alle paar Tage mal. Deswegen stinken die auch so sehr, dass die keinen Kerl abbekommen. Hat ja einen Grund, dass niemand was mit denen zu tun haben will.“

„Alle paar Tage nur? Also ich fühle mich echt fies, wenn ich ungeduscht aus dem Haus gehe und die Haare bekommst du dann auch zu keiner guten Frisur.“

„Flo, nichts für ungut aber, so viel Gel wie du manchmal benutzt sehen deine Haare auch schon ziemlich schleimig aus. Aber trotzdem, mehr als einmal Haarewaschen pro Woche ist ja ach so schlecht für die Kopfhaut. Angeblich hab ich deshalb auch so strohige Haare. Hallo? Geht’s noch?! Nur weil man bei mir noch die einzelnen Haare erkennen kann und nicht nur ölige Strähnen. Da könnte ich ja manches Mal so rein schlagen. Ich schaffe die Uni, habe einen Freund und Sex. Drei Dinge, die sie alle beide nicht haben und auch nicht haben werden. Sollen sie halt neidisch sein.“

„Und du siehst gut aus und riechst lecker.“

„Dankeschön, Schatz, aber das tut doch nichts zur Sache jetzt.“

„Finde ich schon, aber gut. Hast du noch mal versucht, mit ihnen zu reden? Du hattest das doch vor.“

„Wann denn? Die verlassen ihre Zimmer ja nie, was ich ja nicht verstehen kann, so nen Saustall wie das da ist. Und an den Wochenenden sind sie eh zu Hause. Das sind dann die einzigen Tage, wo ich ins Bad kann, ohne über deren dreckige Wäsche steigen zu müssen. Immerhin ist das der einzige Raum, den die nicht auch noch mit Straßenschuhen betreten. Inzwischen bin ich echt froh, dass ich nicht auch noch eine Waschmaschine gekauft habe.“

Die Furie hatte sich ihren gröbsten Zorn von der Lunge gehustet. Nun wirkte Mia zusammengesunken und wenigstens einen Kopf kleiner. Mit einem absolut elendem Gesichtsausdruck starrte sie auf ihr Buch. Als Flo sie vor einigen Monaten einmal besucht hatte, hatte sie ihm zum ersten Mal gebeten, die Schuhe bis zu ihrer Zimmertür anzulassen. Da hatte sie das Putzen bereits aufgegeben. Irgendwo war er überrascht, wie lange sie trotzdem durchgehalten hatte. Nur jetzt schien sie mit ihrer Geduld endgültig am Ende zu sein. Es fehlte nicht mehr viel, um sie völlig aufzulösen.

Erik war durch die plötzliche Ruhe aus seiner eigenen kleinen Welt in die Realität zurückgerissen worden. Erschrocken zuckte er zusammen, als er seine Freundin ansah, und nahm sie hastig in den Arm. Mia wäre beinahe von ihrem Stuhl gefallen, konnte sich gerade noch halten und ließ sich dann doch noch in seinen Schoß sinken. Er sah Flo teils Hilfe suchend, teils fragend an.

Flo aber war in Gedanken. Hinter seiner Stirn keimte ein Plan. Er wollte Mia das Leben erleichtern, solange sie noch nicht ausziehen konnte. Vielleicht wollte er sich auch einfach nur noch einmal richtig gepflegt daneben benehmen. Durch seine Neuronen wanderten Bilder von Mias Wohnung, gepaart mit viel Spüli, einem Gartenschlauch, sehr viel Wasser, großen Müllsäcken und sehr nassen Mitbewohnerinnen. Er musste unwillkürlich grinsen und fühlte sich dabei herrlich grausam und erfrischend gnadenlos. Oh, wie sehr würden die Beiden ihn hassen und oh, wie sehr freute er sich darauf.

Zwei Tage später wunderten sich Mia und Erik über den Einkaufszettel, den Flo ihnen per Mail geschickt hatte.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 42

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