Hörsaalgetuschel – Ausgabe 43

Blockade

Der unangenehmste Kater ist der, den man nicht am Tag danach, sondern noch einen Tag später hat. Der untrügliche Beweis, dass man es nicht mehr nur einfach übertrieben hat, sondern auch noch alt wird dabei. Das, was Flo dabei am meisten hasste, war das älter werden. Die neuen Erstis in der Uni erinnerten ihn eh schon jedes Jahr unsanft daran. Dass sich sein liebstes Hobby nun diesem Trend anschloss, gefiel ihm überhaupt nicht.

Dabei hatte er diesen Tag eigentlich fest als Lerntag eingeplant. Obwohl er keine Uni hatte, klingelte der Wecker und er hatte sich fertiggemacht, war sogar in die Uni gefahren, nur um jetzt in der Bibliothek zu sitzen und aus dem Fenster zu sehen. Sein Laptop war noch in seiner Tasche aber seine Papiere lagen ausgebreitet vor ihm. Wenn er schon nicht fleißig war, so sah er doch wenigstens so aus.

Nur sah er schon seit Stunden genau so aus. Jeder, der in den letzten drei Stunden oder mehr durch die Bibliothek gekommen war, konnte das sagen. Da half es auch nichts, dass er in einer etwas ruhigeren Ecke saß. Er starrte nur aus dem Fenster, träumte vor sich hin und beobachtete die Sonne beim Untergehen. Seine Papiere hatte er nicht angerührt, seinen Laptop ebenso wenig. Er belegte einfach einen Arbeitsplatz, während rund um ihn herum ein emsiges Treiben und konzentriertes Arbeiten herrschte.

Auch wenn er es gerne von sich behaupten würde, er träumte nicht einmal einen bestimmten Tagtraum oder eine Fantasie. Er starrte einfach nur leer vor sich hin. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Was dabei im Raum um ihn herum passierte, bekam er nicht mit. Es war ihm auch egal. Wenn er ehrlich war, heute war ihm eigentlich alles egal.

Er hatte auf sein Frühstück verzichtet, weil er zu faul war, sich ein Brot zu schmieren. Er hatte gegen Mittag einige Salzstangen gegessen aber nur, weil er den Eindruck hatte, etwas essen zu müssen. Er war in die Uni gefahren, nachdem er bemerkt hatte, dass er zu Hause nichts erledigen würde, aber hier war er noch weniger produktiv. Seine Flasche Wasser hatte er nicht angerührt, obwohl sein Mund sich trocken anfühlte. Ein alter Witz, der ihm aus irgendeinem Grund wieder eingefallen war, entlockte ihm keine irgendwie geartete Reaktion. Eigentlich hätte er überhaupt nicht aufstehen müssen.

Während draußen auf der Straße die Laternen angingen, versuchte er zum wiederholten Male an seine Aufgaben zu denken. Er las sogar mit einem halben Auge die Fragestellung durch, erfasste aber den Sinn der Worte nicht. Er sah schwarze Zeichen auf weißem Grund aber ohne jeden Zusammenhang und Sinn. Würde ihm jemand das Blatt gegen ein beliebiges anderes austauschen, er würde es nicht bemerken.

Er sollte es einfach sein lassen für den Tag und nach Hause gehen. Er sollte sich in sein Bett legen und den Tag einfach vergessen. Er konnte heute absolut nicht denken, so viel Mühe er sich auch geben wollte und im Moment war das auch echt nicht viel. Nachdem er den halben Tag nur unproduktiv herum gesessen und der Zeit beim Verstreichen zugesehen hatte, war seine Laune auch nicht mehr zwingend die Beste.

Ein junges Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt, kam in den Lesesaal und steuerte eine der Arbeitsstationen an. „Die neuen Erstis werden wirklich immer jünger.“ ging es ihm durch den Kopf. Damit beschloss er, es für heute gut sein zu lassen. Während das Mädchen sich zu ihrer Mutter setzte, stopfte er seine Papiere lustlos zurück in den Rucksack. Er hätte sie nicht einmal auspacken müssen, es hätte keinen Unterschied gemacht.

Wieso war er denn in letzter Zeit so blockiert? Klar, er hatte heute einen leichten Kater aber das sollte doch nicht die Ursache sein. Immerhin war seine Blockade ja der Grund gewesen, wieso er in erster Linie getrunken hatte. Dieses miese Karma, das es sich immer rächen musste.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 43

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