Hörsaalgetuschel – Ausgabe 45

Leere

Erik hatte sich extra den Wecker gestellt, obwohl er hätte ausschlafen können. Sein Laptop lag in der Nähe seines Bettes und er hatte ihn einfach nur noch greifen und den Text öffnen müssen. Er hatte den Plan gehabt, an seiner Geschichte weiter zu schreiben. Viel Zeit hatte er dafür nicht mehr und es gab noch große Pläne. Der Wecker hatte vor inzwischen drei Stunden geklingelt. Seit dem lag er wach, den Rechner auf dem Schoß und starrte auf den Bildschirm.

Natürlich, der erste Impuls war gewesen, die Mails abzurufen. Aber das dauerte ja nicht besonders lange. Wenn man das Postfach schon einmal offen, und die Ruhe hatte, konnte man ja auch kurz Antworten schreiben. Die halbe Stunde sollte man sich gelegentlich nehmen. Und wenn man schon einmal im Internet war, die Nachrichten des Tages konnte man ja auch einmal überfliegen.

Auf die Weise hatte er zwar seine Geschichte geöffnet, aber im Verlaufe des Morgens noch keinen einzigen Satz geschrieben. Zwischenzeitlich hatte er natürlich mal darauf gesehen und sich überlegt, was er schreiben konnte. Eingefallen war ihm aber nichts, was wirklich Substanz gehabt hätte. Es wäre sinnvoller, zunächst einmal duschen zu gehen und sich anzuziehen. Am Schreibtisch arbeitete es sich schließlich bequemer als im Bett. Außerdem war es doch bereits spät, da wollte er nicht mehr im Schlafanzug herumlaufen.

Die Dusche hatte den Vorteil, dass sie seinen Kreislauf anregte und gleichzeitig so wenig Ablenkung bot, dass sein Geist zwangsläufig anfing zu rennen. Bilder und Gedanken sprangen vor seinem inneren Auge umher. Hirngespinste flochten sich zu Geschichten. Er hatte sich eigens für solche Situationen einen Folienschreiber in die Dusche gelegt. Um die Ideen zu bewahren, bis er sie abtippen konnte, wollte er sie auf die Fliesen schreiben. Im ersten Anlauf erschien ihm die Idee genial. Im Zweiten merkte er schon, dass sein Stift wasserlöslich und damit unter der Dusche wertlos war. Er hätte einen Wasserfesten besorgen können, doch damit wären die Fliesen schnell voll gewesen und er hatte Angst, dass ein Lösungsmittel seine Duschwanne gleich mit auflösen würde.

So blieb ihm nur sein Gedächtnis und er verließ sich voll und ganz darauf. Wie schwer konnte es denn sein, sich eine kleine Geschichte zu merken? Sein Gehirn jedenfalls enttäuschte ihn regelmäßig. Teilweise wusste er nicht einmal mehr, dass er sich an etwas hatte erinnern wollen. Teilweise konnte er sich lediglich nicht mehr an das erinnern, was ihm durch den Kopf gegangen war. Dann saß er oft lange Zeit einfach nur da und starrte ins Leere. Dann und wann bekam er den Gedanken auch tatsächlich zu fassen, in den meisten Fällen aber schrieb er dann halbherzig eine neue Idee auf. Mehr als die Hälfte davon war eh für seine Geschichte absolut unbrauchbar. Er hatte nur das Gefühl, sich selbst und im Endeffekt seine Freundin zu enttäuschen.

Eine Zeit lang hatte er seinen Laptop genommen und war in die Uni gefahren. Die eifrige Ruhe in der Bibliothek hatte er als inspirierend empfunden. Irgendwann war ihm aber aufgefallen, dass beinahe jeder, der auf der Suche nach einem freien Platz bei ihm lang kam, auch auf seinen Bildschirm sah, war ihm die Motivation vergangen. Er konnte es ja irgendwo auch nachvollziehen. Er selbst ließ auch seinen Blick schweifen, sah die Bildschirme und nahm keinen Einzigen davon bewusst wahr. Es waren helle Punkte in seinem Kurzzeitgedächtnis. Vielleicht erging es den Anderen ja genau so. Trotzdem fühlte er sich nicht mehr wohl damit.

Bei Mia war die Ablenkung beinahe so groß wie auch zu Hause. Er bemühte sich und Mia wollte ihn auch unterstützen, nur war das genau das, was er nicht wollte. Mia konnte ihm nicht helfen, weil sie keine Ahnung hatte, was er trieb. Allerdings wurde sie immer neugieriger, sodass er auch bei ihr nicht mehr in Ruhe schreiben konnte. Er konnte jedenfalls nicht immer eine alte Hausarbeit als Alibi zurate ziehen. Den Trick hatte sie viel zu schnell durchschaut. Es hätte ihn gewundert, wenn es anders gewesen wäre, aber er hatte den Eindruck gehabt, es versuchen zu müssen.

Nur heute hatte er eigentlich nicht einmal Ablenkung. Eigentlich gab es nichts, was ihn hätte abhalten können. Gut, das Internet war groß und voller Abenteuer, der Kühlschrank voll mit leckerer Beute und das Leben vor dem Fenster manches Mal besser als Kino. Trotzdem, er ignorierte alles das, genau wie auch seine Tastatur.

Ein Düsenjäger flog viel zu tief über das Hausdach, hinter dem Drachen her, der keine Minute früher darüber geschossen war und die Dächer der Nachbarschaft abgedeckt hatte. Aus dem Licht der Mittagssonne löste sich ein Ufo, um dem Drachen zur Hilfe zu kommen. Alles das war es nicht wert, seinen Kopf zu verlassen. Mürrisch kaute er auf einem Gummiwurm herum. Seine Schwester hatte ihm die Tüte geschickt. Bio, vegan und selbstverständlich fair-trade. Darauf legte sie großen Wert.

Er starrte auf die letzten Zeilen, die er geschrieben hatte. Er wusste noch, wo er in seiner Geschichte war und was bisher passiert war. Er hatte nur absolut keine Ahnung, wie es weiter gehen sollte. Aber irgendwas musste doch passieren, irgendwas musste immer passieren. Eine Idee kam auf, kristallisierte aus und fühlte sich dann doch nicht richtig an. Erik stand auf und machte sich einen Kaffee.

Der säuerliche Geruch des billigen Instantkaffees füllte sein kleines Zimmer aus und mischte sich mit dem zwiebeligen Geruch der Tütensuppe von gestern Abend. Auf seiner Fensterbank stand eine kleine Zimmerpflanze. Was für eine konnte er nicht sagen. Mia hatte sie ihm geschenkt, um sein Zimmer mit etwas mehr Leben zu füllen. Seit die Pflanze dort stand, wunderte er sich, wie sie überhaupt hier überleben konnte. Kein Insekt überlebte in dieser Wohnung länger als einen Tag, Mia hatte es zu einem Ritual werden lassen, dass ihre erste Aktion nach dem Hereinkommen, das Öffnen des Fensters war. Völlig ungeachtet des Wetters und der Temperaturen.

Er selbst störte sich nicht so sehr daran. Er hatte sich an sein Zimmer gewöhnt und kam gut damit zurecht. Inzwischen gefiel ihm der spartanische Stil sogar recht gut. Das Zimmer war eh so klein, da tat es durchaus gut, dass es nicht genug Einrichtung gab, um unaufgeräumt sein zu können.

Wäre es doch nur unaufgeräumt. Dann könnte er jetzt in aller Ruhe aufräumen und putzen und alles das tun, was ihn irgendwie davon entschuldigte, nicht weiter zu schreiben. Nur lief ihm die Zeit davon. Er musste fertig werden.

Das brachte ihn dann doch noch auf eine Idee. Obwohl es eigentlich noch längst nicht fällig war und wenigstens zwei Kapitel bis dahin fehlten, setzte er sich hin und schrieb das letzte Kapitel. Es war nicht besonders lang und noch nicht besonders ausgefeilt aber da würde er am Schluss eh noch einmal drüber gehen müssen. Bis hier hin hatte er sein Werk jedenfalls schon korrigiert und abgehakt. Nun musste er nur noch die Lücke zwischen dem aktuellen Stand und dem Schluss schließen. Etwas, was zu bewältigen erschien.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 45

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