Hörsaalgetuschel – Ausgabe 46

Büroarbeit

Es war zu früh für Flo. Deutlich zu früh aber so war nun einmal der Lauf der Dinge. Im Arbeitsleben musste man sich an gewisse Regeln halten und eine davon war nun einmal, dass man zu einer gewissen Zeit an bestimmten Orten sein musste. Für Flo hieß das aktuell, pünktlich um acht Uhr morgens im Büro zu sitzen und darauf zu warten, dass ihm eine Aufgabe zugewiesen wurde.

Heute musste er nicht warten. Er war gestern mit seiner Arbeit nicht fertig geworden und der nächste Schritt war so zeitaufwendig, dass er ihn kurz vor Feierabend nicht mehr beginnen wollte. Er hatte sich vorgenommen, nicht übermäßig viele Arbeitsstunden zu sammeln. Er hatte sich allerdings auch vorgenommen, seine Pausen einzuhalten und dazu von seinem Arbeitsplatz zu verschwinden. Die letzten Tage hatte er dann aber doch wieder nebenbei gegessen und die Pause hindurch gearbeitet.

Es war nicht so sehr, dass er seine Arbeit liebte. Sie ging ihm regelmäßig ziemlich auf die Nerven, aber es war eine bequeme Möglichkeit um Geld zu verdienen. Das wiederum brauchte er für Bier, denn auf Dauer war auch das ganz schön teuer und das Bier benötigte er dringend, wo ihm der Job schon nervte. Er machte sich deswegen keine großen Sorgen. Es war nur ein Ferienjob um etwas Geld und Arbeitserfahrung zu sammeln. Praktika und Arbeitszeugnisse waren wichtig und wurden immer bedeutsamer. Das Einzige, was wohl noch wichtiger war, war Vitamin B.

Auf dem Monitor flimmerte der Entwurf eines Anschreibens. Flo blickte etwas ratlos auf die ausgedruckte Version vor sich. Die Chefin hatte es ihm zurückgegeben und gut die Hälfte des Textes mit roten Anmerkungen versehen oder gleich gestrichen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, dass an so wenig Text so viel auszusetzen sein konnte. Mit bürokratischer Wortklauberei wollte er sich nicht anfreunden, obwohl er einsah, dass es nötig werden würde. ‚Hatte viel Verständnis für seine Aufgaben‚ geisterte es ihm durch den Kopf. Eine Formulierung, die er so auf keinen Fall in seinem Arbeitszeugnis lesen wollte.

Wieso war er eigentlich so schrecklich darauf fixiert, was in dem Zeugnis stehen würde? Er war kaum für einen Monat hier. Was für ein Bild konnten sich die Kollegen und Vorgesetzten in der Zeit schon bilden? Wie aussagekräftig konnte das schon sein? Er wollte natürlich gute Arbeit abliefern aber eben im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er war nicht hier, um die Firma im Alleingang zu betreiben. Er war Praktikant, eine Aushilfe, mehr nicht. Und ganz offensichtlich war ein simples Anschreiben schon eine Herausforderung für ihn. Er knirschte mit den Zähnen.

Zaghaft glitten seine Finger über die Tastatur, dessen Leertaste nur dann funktionierte, wenn man sie in einem ganz bestimmten Winkel und an einer bestimmten Stelle drückte. Es fühlte sich falsch an, mit diesem Rechner zu arbeiten statt mit seinem eigenen. Andererseits wäre das auch sehr unangemessen gewesen. Er hatte die kritisierten Stellen im Anschreiben markiert und arbeitete sie nun einzeln ab. Am Ende hatte er den Eindruck, ein kleines literarisches Meisterwerk geschaffen zu haben. Er überflog den Text erneut und revidierte seinen Eindruck wieder. Es würde ihm reichen, wenn er dem kritischen Blick der Chefin standhalten würde.

Statt der Chefin stand allerdings die Sekretärin als Nächstes vor seinem Tisch und begutachtete ihn leicht tadelnd.

„Herr Naseweis, es fehlen noch immer Unterlagen von Ihnen. Meine Güte, ich kann mich einfach nicht an Ihren Namen gewöhnen. Es fühlt sich so seltsam an. Ich nenne meinen Sohn immer so, wenn er mit wieder Löcher über Gott und die Welt in den Bauch fragt. Er ist so schrecklich neugierig, wissen Sie. Wie dem auch sei, ich benötige immer noch eine Bescheinigung von Ihrer Universität, wenigstens aber die Immatrikulationsbescheinigung.“

Flo war nicht mehr nur ratlos, sondern auch noch irritiert. Späße über seinen Namen war er gewohnt, da konnte er nichts dran ändern. Was die Unordnung anging, gab er sich aber alle Mühe, sich neue, bessere Eigenschaften anzueignen.

„Aber die Sachen habe ich Ihnen doch bereits gestern auf den Schreibtisch gelegt. Linke Seite, wie von Ihnen gewünscht.“

„Sind Sie sicher? Ich meine, dort nichts liegen gesehen zu haben, nur die Unterschriftenmappe. Sie haben es aber nicht dort hinein gelegt, oder?“

Wieso hätte er denn so etwas tun sollen? Die Sekretärin mochte die gute Seele des Hauses sein, an manchen Tagen war sie allerdings recht verstreut. Dann suchte sie den Stift, den sie gerade in der Hand hatte oder ärgerte sich, dass der Computer ihr Dokument nicht drucken wollte, wenn sie auf ‚Speichern‘ klickte. Solange sie sich kein Salz statt Zucker in den Kaffee goss, musste sie aber wenigstens noch als zurechnungsfähig gelten. Er war jedenfalls überzeugt, die Unterlagen auf ein freies Stück Schreibtisch gelegt zu haben und sicherlich nirgendwo hinein. Er ging mit der Sekretärin im Schlepptau an ihren Schreibtisch und fand die Papiere genau dort, wo er sie abgelegt hatte.

Als er wieder an seinem Arbeitsplatz ankam, fand er ihn besetzt vor. Die Chefin persönlich scrollte über seine Korrektur. Sie schien ihn für den Augenblick nicht einmal zu bemerken, sondern las nur aufmerksam das Dokument auf dem Bildschirm. Im letzten Absatz schrieb sie einen Satz um, las ihn noch einmal und machte die Änderung rückgängig. Etliche Klicks später surrte der Drucker und sie sah auf.

„Tut mir leid, Sie sind wohl gerade nicht der einzige Naseweis hier im Büro. Ich hatte es nur offen auf dem Monitor gesehen, aber es liest sich doch sehr ordentlich. Sie scheinen ja bereits recht gut eingearbeitet zu sein. Ich würde Ihnen gerne noch das ein oder andere zu dem Thema geben, was Sie bitte für mich fertig machen können.“

Flo lächelte etwas gequält über das schlechte Wortspiel mit seinem Namen, erklärte sich aber einverstanden. Er würde doch etwas mehr Geduld brauchen aber das Bier reichte noch bis Ende der Woche. Dann würde Kristina ihn besuchen kommen und er brauchte es nicht mehr. Manches mal war die Welt herrlich schwarz-weiß. Für ihn war Kristina ganz klar jede Menge Weiß.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 46

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