Hörsaalgetuschel – Ausgabe 47

Ehekrach

Das letzte Kapitel war geschrieben, die letzte Seite vollendet. Erik hatte seine Korrektur abgeschlossen und saß jetzt stolz vor seinem Werk. Noch hatte er es nur in digitaler Form auf seinem Rechner liegen, aber das sollte sich ändern. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr aber dennoch genug. Die Druckerei hatte ihm versichert, dass er nicht länger als vier Tage auf seinen Auftrag warten müsse. Vorausgesetzt natürlich, er wartete nicht noch zwei Monate. Dann wären nämlich die Abschlussarbeiten fällig und es war absehbar, dass sie dann auf Überstunden kommen würden.

Bis dahin musste er eh durch sein. Eigentlich hatte er geplant, das Buch nicht einfach nur drucken zu lassen, sondern durch einen Verlag richtig verlegen zu lassen. Dafür reichte aber die Zeit beim besten Willen nicht mehr, wenn es denn überhaupt einen Verlag gab, der es annahm. Erik würde es sich natürlich wünschen, aber er war nicht überzeugt genug von seinem Werk, dass er davon ausgehen wollte.

Es war ein schöner Tag. Zwar noch immer sehr kalt, aber die ersten Blumen streckten neugierig ihre Köpfe in Richtung der immer höher stehenden Sonne. Mit jedem Tag stieg die Zahl der Sonnenstunden und er freute sich sehr auf den Frühling. Außerdem freute er sich auf Mias Reaktion, wenn er ihr das Buch überreichte. Sie wusste zwar, dass er schrieb. Wusste aber nicht was oder wieso und er konnte es kaum erwarten, es für sie aufzuklären. Nur für den Augenblick war sie das Thema, was diesen schönen, sonnigen Frühlingstag für ihn trübte.

Eigentlich hatte er sie gestern nur anrufen wollen, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. Doch dann war das allabendliche Ritual anders als gewöhnlich verlaufen. In der Regel bestanden diese Telefonate, wenn sie sich nicht gerade erst gesehen hatten, aus allerlei philosophischem Gefachsimpel über Gott, die Welt und die Nachrichten des Tages. Für ihn war es immer ein schönes Ausklingenlassen des Tages, nachdem er sich entspannt in die Kissen sinken lassen konnte.

Doch in den letzten Tagen war es immer schwerer geworden, ein Gespräch mit Mia zu führen. Sie war immer wortkarger geworden und zeigte im Allgemeinen kein Interesse an einem Gespräch. Zunächst hatte er noch gedacht, sie sei einfach müde oder mal einen Abend schlecht gelaunt. Es war ja nicht unmöglich. Er hatte auch Tage, an denen er sich nach etwas mehr Ruhe sehnte oder auch einfach mal den halben Tag lieber schlafen wollte. Jeder brauchte wohl dann und wann einmal eine kleine Pause.

Doch Mias Situation besserte sich nicht und Erik begann, sich ernsthaft Sorgen zu machen. Es war nicht Mias Art ihn zu ignorieren oder mit der Wand reden zu lassen. Wenn sie Ruhe brauchte, dann sagte sie das für gewöhnlich einfach und schwieg ihn nicht minutenlang am Telefon an, nur um dann mit einem knappen „hmm“ zu signalisieren, dass sie überhaupt noch da war. Nur genau das war es, was sie nun tat.

Das Schlimme war für Erik nur, so sehr er seine Freundin liebte und so sehr er ihr auch helfen wollte, im Augenblick war er einfach nur extrem gereizt. Sie erwartete offensichtlich von ihm, dass er ihre Gedanken lesen konnte und ihr auf wundersame Weise helfen konnte. Sie lies ihn lieber raten und gab nicht den leisesten Hinweis darauf, was sie störte. Er versuchte es mit Geduld, er versuchte es mit Ausdauer, mit Verständnis und mit Hartnäckigkeit. Das Ergebnis war jedes mal das Gleiche und mit jedem „hmm“ schwand seine Geduld.

Er hätte so viel mit der Zeit anstellen können. Er hätte schreiben können, oder ein Spiel spielen oder etwas kochen. Stattdessen lag er auf dem Bett und versuchte verzweifelt, eine verhaltene Reaktion zu provozieren. Und provozieren war genau der richtige Ausdruck, denn inzwischen wusste er sich nicht besser zu helfen, als an den stellen zu kitzeln, von denen er wusste, dass sie es nicht leiden konnte.

„Doch, doch. Alles okay.“

Das war der Satz gewesen, bei dem er innerlich aufgegeben hatte. Dieser legendäre Satz, der das Synonym für „du hast es total versaut“ war. Und er wusste nicht einmal, auf was sie sich denn bezog. ‚Jetzt beeile dich bloß, heraus zu bekommen, was du falsch gemacht hast. Sonst ist hier gleich die Hölle los‘ schien die unausgesprochene Botschaft. Für solche blödsinnigen Psychospielchen hatte er kein Verständnis.

Wie verlockend es doch war, einfach wortlos aufzulegen und zu tun, als wäre alles in bester Ordnung. Mia würde toben und ihm den Hals umdrehen aber vielleicht würde sie dann endlich damit herausrücken, was sie denn nun eigentlich störte. Erik empfand es jedenfalls als schwere Beleidigung, ohne den leisesten Hinweis so abgewiesen zu werden. Oh, er hatte alles Recht, sauer zu sein und einfach aufzulegen. Würde er diese Frau nicht so lieben, er hätte es auch sicher getan.

Wieso war es eigentlich so, dass Frauen über ihre Probleme nicht reden konnten? Mia war nicht die Erste, bei der er dieses Verhalten beobachtet hatte. Es war eines der großen Klischees, gegen das sie so gerne wetterten. Und hier saß er nun seit einer gefühlten Ewigkeit und sah dieses Klischee auf grausame Weise bestätigt. Das Leben hätte doch so einfach sein können, wenn Männer und Frauen in der gleichen Sprache sprächen.

Nach allem, was er nun herausbekommen hatte, und das war nicht viel, gab sich Mia nicht einmal die geringste Mühe, in seiner Sprache zu reden. Er hatte das nagende Gefühl, das ihr absolut nicht daran gelegen war, das Problem zu beheben. Es schien ihr zu gelegen zu kommen. Ein Vorwand, um sauer auf ihn zu sein. Schluss machen konnte sie nicht. Nicht einfach so, nicht nach fast einem gemeinsamen Jahr. Da würde sie ihm eine bessere Begründung liefern müssen als ‚hmm‘ und so unfair konnte sie nicht sein. Selbst in ihrer aktuellen Situation. Was auch immer das für eine war.

Vielleicht hatte sie auch einfach ein paar schlechte Tage. Oder die Tage, und übermorgen war alles wieder okay. Er konnte es nicht sagen und seine Motivation, sich damit zu befassen war in der letzten halben Stunde „Telefonat“ auf deutlich unter Null gefallen. Er hatte getan, was er konnte, nun war seine Freundin am Zug. Und er hatte verdammt noch mal ein Recht darauf, dass auch sie sich einmal ein klein wenig um ihre Beziehung bemühte. Auch wenn das nun einfach nur noch eine Trotzreaktion war. Mürrisch stopfte er sich ein Bonbon in den Mund. Eines von der Sorte, von dem er wusste, dass Mia den Geruch hasste, nur um es mit seiner Trotzreaktion zu übertreiben. War er ihr denn wirklich so wenig wichtig, dass sie ihn so behandeln konnte? Das Bonbon war köstlich, trotzdem blieb ein unangenehm fahler Beigeschmack.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 47

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