Hörsaalgetuschel – Ausgabe 48

Urlaubszeit

Flo war gelangweilt. Die Tage wurden länger, überall schoss das junge Grün hervor und er saß alleine in seiner Wohnung. Das beschrieb die Situation der letzten Tage eigentlich sehr allumfassend. Es drängte ihn hinaus, aber so ganz alleine kam er sich dabei albern vor.

Die ersten Tage hatte er die Ruhe noch genossen, hatte faul im Bett gelegen, Filme geguckt oder mit neuen Kuchenrezepten experimentiert. Nun war sein Gefrierfach voll mit halb gegessenen Kuchen, die er alleine nicht schaffte, und sein Salat faul. Um die Langeweile zu vertreiben hatte er sogar ein Computerspiel ausprobiert, was Erik ihm empfohlen hatte, aber er war einfach nicht der Typ für diese Art von Unterhaltung. Es war ihm zu anstrengend und zu zeitintensiv. Er wollte unterhalten werden, nicht selbst nachdenken.

Letzte Woche hatte er noch Kristina für ein paar Tage besucht. Sie musste allerdings arbeiten und er wollte sich nicht daran gewöhnen, zu Hause zu sitzen, auf sie zu warten, um dann festzustellen, dass sie von ihrem langen Arbeitstag erschöpft war. In ihrem Bücherregal hatte er nichts finden können, was ihn ablenkte und mit dem Kuchen konnte sie ihm auch nur bedingt helfen. Für ihre Diät war er pures Gift.

DSC02367Mia und Erik hatten ihre Koffer gepackt und waren für zwei Wochen dem nahenden Frühling entflohen. Rotes Meer, Sonnenschein, Wärme und Faulheit. Vielleicht würden sie auch ihr Hotelzimmer kaum verlassen und sich nur miteinander befassen. Vielleicht wollte er es auch eigentlich nicht so genau wissen. Die beiden hatte in letzter Zeit eine schwere Zeit gehabt. Die gemeinsame Zeit, abseits von Alltag und Stress, würden ihnen sicher gut tun.

Flo hätte auch nicht wirklich etwas gegen Urlaub einzuwenden. Eine weite Reise konnte er sich allerdings nicht leisten. Vielleicht würde er sein Fahrrad reparieren oder seine Familie besuchen, wo auch niemand Zeit für ihn hatte, denn er war der Einzige, der frei hatte. Er saß also entweder in seiner Wohnung alleine, bei Kristina alleine oder bei seinen Eltern alleine.

Erik hatte ihm erzählt, dass er ein Buch schreiben wollte und er machte Ernst. In letzter Zeit war er jedenfalls sehr auf seinen Laptop fixiert. Vielleicht sollte er auch versuchen, etwas zu schreiben. Immerhin schien Erik daran recht viel Freude zu haben. Andererseits war Erik auch Erik und nicht Flo. Er hatte generell einige andere Interessen und Vorlieben. Außerdem konnte Erik sehr viel besser mit Worten umgehen als er selbst. Schlechte Wortspiele war alles, was er zustande brachte.

Vielleicht sollte er sich einfach einen Ruck geben und hinaus gehen. Was konnte schon groß passieren? In der Stadt musste ja irgendetwas los sein. Es gab doch genug Leute, die nicht in Urlaub gefahren waren. Irgendwo mussten doch gute Freunde herumlaufen, die er nur noch nicht kennengelernt hatte. Apropos herum, vielleicht würde es mit etwas Rum leichter gehen. Eigentlich ja mit Bier aber davon hatte er keins mehr.

Die Erkenntnis traf ihn hart, als er es realisierte. Sein Bier war leer! Wie hatte das passieren können? Er war felsenfest davon überzeugt gewesen, noch mindestens einen halben Kasten zu haben, aber die Flaschen waren leer. Soviel konnte er unmöglich getrunken haben. Er musste also auf jeden Fall raus, und sei es nur zum Einkaufen. Es konnte nicht angehen, dass er keines hatte. Nur wo war es denn hin verschwunden? Getrunken hatte er es jedenfalls nicht. Vielleicht hatte Kristina ja ihren Durst gelöscht. Möglich war es. Sie wusste gutes Bier genau so zu schätzen wie er selbst.

Er hatte nie so sehr darauf geachtet, wie viel sie gemeinsam tranken. Vielleicht sollte er für etwas Abwechslung sorgen. Das sorgte für Frische, nicht nur im Bett und auf dem Esstisch. Am Fluss, etwas unterhalb der Stadt, hatte vor einiger Zeit ein Getränkehandel eröffnet, den er bisher noch nie von innen gesehen hatte. Dabei war es ziemlich in der Nähe für ihn. Vielleicht sollte er einmal etwas Neues wagen.

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