Hörsaalgetuschel – Ausgabe 49

Bahnfahrt nach …

Die große Anzeigetafel am Hauptbahnhof blinkte und die angezeigten Züge rutschten alle um eine Position nach oben. Intercitys, ICEs und einige S-Bahnen. Wonach Flo Ausschau hielt, waren Regionalbahnen oder Regionalexpress-Zügen. Er war diesmal nicht auf dem Weg zu Kristina. Er war heute Morgen aufgestanden und hatte sich irgendwie rastlos gefühlt. Der Urlaub war ja gut und schön aber es trieb ihn hinaus und weg von hier. Also hatte er sich etwas zum Essen und Trinken eingepackt und war hinausgegangen.

Er konnte die Stadt nicht mehr sehen. Hier gab es nichts Neues für ihn und nichts, was ihn irgendwie gerade reizte. So war er am Bahnhof gelandet, entschlossen, in den ersten Zug zu steigen, der ihn woanders hinbrachte. Der nächste Zug zum Beispiel fuhr von Gleis 9 ab, in Richtung Süden. Wie passend eigentlich, die Gegend kannte er noch überhaupt nicht. Ohne sich die restliche Auswahl weiter anzusehen, ging er los.

Jeder Bahnhof in Deutschland musste irgendwie gleich aussehen. Eine Nische mit Fahrkartenautomaten, die er dank seines Studententickets ignorieren konnte, und dann der übliche Tunnel zu den Gleisen. Trostlos, muffig, immer feucht und mit Lachen mysteriöser Flüssigkeiten, deren übler Geruch auf undichte Mitreisende schließen lässt. Die seit mindestens dreißig Jahren aus der Mode gekommenen Fliesen waren stumpf, zerkratzt, von den Wänden gefallen oder gleich durch einen wilden Flickenteppich irgendwelcher Reste ersetzt worden. Irgendwo im weiteren Umfeld der Fahrkartenautomaten gibt es auch eine unbeachtete, schattige Nische mit Schließfächern, die einsam und verlassen vor sich hin blinken. Verbeulte Türen zeugen von jahrelanger Vernachlässigung und schlechter Behandlung.

Über ausgetretene Treppen, die in ihrem Zustand dem Tunnel in nichts nachstehen, gelangt man auf den zugigen Bahnsteig. Bei den älteren Modellen finden sich an den Enden kleine, gelbe Rechtecke auf dem Boden. Sie sind als Raucherbereich markiert, nur Raucher sieht man dort nie. Die neueren Schilder „Rauchfreier Bahnhof“ haben sie offensichtlich vor die Treppenaufgänge verscheucht. Ein weiterer Klassiker sind die Snackautomaten, in welchen sich gefühlt seit Jahren die gleichen Packungen geröstete Nüsse, trockene Gummibärchen und Studentenfutter befinden.

Dafür sind selbst in ländlicheren Gegenden inzwischen die Züge nicht mehr die aller ältesten, welche die Bahn zu bieten hat. Elektrische Türen gehören langsam aber sicher doch zum Standard, wenn sie denn nicht mal wieder „außer Betrieb“ oder defekt sind. Flo war beinahe erstaunt, dass sein Zug keine defekten Türen hatte. Auch wenn es nicht das neuste Modell war, er hatte bequeme Sitze und große Fenster. Für heute war es das, was er gesucht hatte. Außerdem brauchte er nicht auf die Haltestellen zu achten denn der letzte Halt lag noch immer in dem Bereich, den er mit seinem Ticket befahren durfte.

DSC01000

Weiden mit frischem Grün zogen vor dem Fenster vorbei. Die Bäume waren nicht mehr nur kahl, sondern ließen junge Blätter in die Frühlingssonne hinaus schießen. Friedlich wandte sich der Fluss neben der Bahntrasse entlang. Die ersten Pferde und Kühe waren aus dem Stall gelassen worden und erkundeten nun ihre Weiden, gelegentlich vor Freude albern in die Luft springend. Dörfer und Städte lagen ruhig da, nur gelegentlich fuhr ein Auto über die leeren Straßen. Es passierte nicht viel. Irgendwie war es so eine Eigenart, dass man aus fahrenden Zügen heraus nie lebendige Städte sah. Alles schien in einem Dornrösschenschlaf da zu liegen.

„Was soll das heißen, du hast keine Schokolade eingepackt? Schatz, willst du mich verarschen?“

Dafür schienen die Gespräche im Zug heute wieder vielversprechend zu werden. Eine junge Frau in Jogginghose und mit lila gefärbter Assipalme fuhr aufgebracht ihren Begleiter an. Der junge Mann mit Undercut und Tribaltatoo am Hals sah sie entgeistert an.

„Ey was für verarschen?! Du hast nix von Schokolade gesagt. Soll ich raten, dass du Schokolade willst oder was?“

Der Disput der beiden schien sich in einer außergewöhnlichen intellektuellen Höhe abzuspielen. Vielleicht etwa die Höhe der Schuhsohlen? Das könnte eine lange Zugfahrt werden. Die Lautstärke war beachtlich hoch, das Schamgefühl der beiden das genaue Gegenteil.

„Bist du dumm, Junge? Du weißt ganz genau, dass ich immer Schokolade brauch, wenn ich meine Tage habe.“

„Was laberst du plötzlich von Tagen? Ich denk du bist schwanger.“

„Bist du jetzt Muschiloge oder was? Hast doch keinen Plan von sowas. Besorg mir einfach Schokolade, Spast.“

Ein Mädel, welches Flo gegenübersaß griff sich entnervt an die Stirn. Ihr Gesichtsausdruck entlockte ihm ein leises Kichern. Sie blickte zu ihm auf und hob entschuldigend die Hände.

„Sorry aber manche Leute sollten sich wahrscheinlich einfach nicht fortpflanzen. Verbieten kann man es ihnen aber auch nicht.“

Widersprechen konnte oder wollte er ihr nicht. Der junge Mann tat ihm fast etwas leid. Er hatte mit seiner Freundin offenbar nicht viel Glück gehabt. Sie war offensichtlich ziemlich dumm und an ihrem Aussehen konnte es auch nicht liegen. Andererseits, Gleich und Gleich gesellt sich gern. Ein Einwand, der dem Mädel ihm gegenüber ein gehässiges Lachen abrang. Interessiert musterte sie ihn.

„Wohin fährst du? Unterwegs nach Hause?“

Flo zuckte unbestimmt mit den Schultern. Er hatte sich noch nicht entschieden, wo oder wann er aussteigen wollte und ob überhaupt.

„Ich weiß es noch nicht. Ich hatte Langeweile, also dachte ich mir, fahr doch einfach mal wo hin. Ich habe mich noch für kein Ziel entschieden. Hast du einen Vorschlag? Wohin fährst du?“

„Nach Hause. Meine Eltern sind weg und ich soll auf das Haus aufpassen. Vier Haltestellen hab ich noch. Ist nur ein kleines Kaff, das musst du nicht kennen, aber es ist ein sehr schnuckeliges Örtchen. Also, wenn du sonst nichts vor hast…“

Diesmal zuckte sie unbestimmt mit den Schultern. Es war eine mehr als deutliche Einladung. Selbst Flo musste nicht mehr nachfragen, ob sie ihn dabei begleiten würde. Er dachte an Kristina und ein kleiner Schlag durchzuckte ihn. Vor vielleicht einem Jahr noch hätte er an so etwas nicht denken müssen aber diesmal sah es anders aus. Er wollte Kristina auf keinen Fall verletzen, dafür war sie ihm viel zu wichtig. Auch wenn er gelegentlich noch in die alte Sorglosigkeit zurückrutschte. Die Zeiten hatten sich geändert.

Der Schaffner kam Flos Antwort auf das Angebot zuvor. Fahrkartenkontrolle, einmal alles vorzeigen bitte. Etwas ungläubig erfuhr Flo so, dass er offenbar im falschen Zug saß. Die letzte Haltestelle war die Grenze seines Gültigkeitsbereichs gewesen. Vielleicht hatte es eine Änderung gegeben, die er nicht mitbekommen hatte? Die nächste Haltestelle wäre dann die Station, an der er besser wieder umstieg. Immerhin war der Schaffner so großzügig, ihn für seine Tollpatschigkeit zwar auszulachen, aber nicht nachzahlen zu lassen. Sein Lachen hallte noch durch den Wagen, als der Zug bereits in den Bahnhof einfuhr.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 49

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s