Hörsaalgetuschel – Ausgabe 50

Mia allein zu Hause

Zwei Wochen Strandurlaub mit Erik, einige Tage bei ihren Eltern und Mia fühlte sich wie neu geboren und voller Tatendrang. Sie hatte Sonne getankt und sich von Erik dazu überreden lassen, faul am Strand zu liegen. An ein paar Tagen hatte sie ihn sogar dazu überreden können, die Gegend zu erkunden und kleine Wanderungen zu unternehmen. Sie hatte Land und Leute DSC00972kennengelernt und ihren Wissensdurst bei Stadttouren gestillt. Alles in allem hatte sie den Eindruck, der Urlaub hatte auch ihnen beiden gut getan. Erik und sie waren sich wieder nähergekommen und sie hatten sich nicht gestritten. Ihr erschien das wie ein Erfolg.

Die letzten Tage hatte sie damit zugebracht, ihre Eltern und Geschwister zu besuchen. Die Waschmaschine ihrer Eltern war etliche Unendlichkeiten besser als ihre in der WG. Das allein war schon ein guter Grund, bei jeder Gelegenheit zu Hause zu waschen. Wenn ihre Eltern traurig darüber waren, dass dies vielleicht der stärkste Faktor für ihre Besuche war, dann zeigten sie es nicht. Sie freuten sich jedes Mal überschwänglich, wenn die jüngste Tochter zu Besuch kam und noch besser war es, wenn „der Schwiegersohn in spe“ mit dabei war.

Außerdem gehörten bei einer großen Familie zwangsläufig auch etliche Geburtstage mit den entsprechenden Feiern dazu. Ihr Bruder war zum Beispiel ein Frühlingskind. Immer unter Strom stehend, konnte er nicht darauf verzichten, seinen Geburtstag auch immer zu feiern. Auch wenn er inzwischen längst nicht mehr im Elternhaus wohnte, hatte es sich zu einer gewissen Tradition entwickelt, dass sich die gesamte Großfamilie am ersten Wochenende nach seinem Geburtstag mit engen Freunden im heimischen Garten traf und den Grill kräftig anzuheizen.

Nun war ihr Urlaub vorbei und sie saß wieder in ihrer Wohnung. Es war ruhig, oder besser gesagt: still. Sie war alleine. Ihre Mitbewohnerinnen waren noch weg und würden es auch noch für ein oder zwei Wochen bleiben. Für sie war das die Gelegenheit gewesen. Sie hatte den Kühlschrank ausgemistet und gründlich geputzt. Nun roch er zwar etwas streng nach Chlor, dafür hatte sie bereits seit drei Tagen Tomaten darin liegen und sie waren noch nicht verschimmelt. Den offenen Sekt von vor fünf Monaten hatte sie entsorgt, ebenso die sauren Gürkchen, die inzwischen nicht mehr in Essig, sondern einer Flüssigkeit schwammen, die recht authentisch nach nicht geputztem Aquarium aussah.

Der Staubsauger hatte mit dem Boden ziemlich zu Kämpfen gehabt. Unter lautem Rasseln hatte er Reis, Müsli und Brotkrümel in rauen Mengen verschlungen. Mia hatte sich gewundert, wie in so kurzer Zeit eine so dicke Schicht von Nahrungsmitteln unter dem Tisch statt darauf landen konnte. Essen war doch zum Essen da und nicht als Bodendekoration. Vor dem Herd war der Staubsauger dann auch keine Hilfe mehr gewesen. Die klebrige Fettschicht lies die undefinierbaren Reste nicht mehr los. Mit viel Seife und Wasser war aber auch diese Stelle wieder strahlend sauber.

Es tat gut, in einer sauberen Küche zu stehen. Alles war da, wo sie es gerne sehen wollte und wieder finden konnte. Auch wenn sie sich etwas breitgemacht hatte, wenigstens noch für diese Woche war die Küche ihre. Die Spüle war sauber und leer, sie kam wieder an ihr Geschirr und ihre Töpfe. So freundlich waren ihre Mitbewohnerinnen noch gewesen, ihre Sachen zu spülen, auch wenn sie es dann nur zum Trocknen in der Küche verteilt hatten, statt wegzuräumen. Zeitweise traute sich Mia jetzt sogar, die Küche auf Socken zu betreten.

Ähnlich sah es mit dem Badezimmer aus. Es war aufgeräumt und sauber. Der Schimmel hatte in einem erbitterten Krieg gegen einen Angreifer mit chemischen Massenvernichtungswaffen den kürzeren gezogen. Kalkflecken und Verstopfungen waren in einem Bad aus Essig und Rohrreiniger zu Staub zerfallen. Und das Allerbeste daran war, all diese kleinen Helferlein hatte Mia nicht einmal selbst bezahlt sondern aus der Kaffeekasse der beiden gekauft. Es war ein Traum! Eventuell traute sie sich sogar, ein Bad zu nehmen.

Zunächst aber wollte sie einen Kuchen backen. Über das Semester verteilt hatte sie sich nie Sorgen um Kuchennachschub machen müssen. Flo hatte jede Kleinigkeit zum Anlass genommen, sich in die Küche zu stellen und seinen Ofen anzuheizen. Es war fast schon eine Selbstverständlichkeit geworden, dass es wenigstens einmal die Woche Kuchen gab. Jetzt gab es schon eine ganze Weile keinen mehr und sie begann, es zu vermissen. In einigen Wochen hatte Erik Geburtstag und sie hatte den Plan, ihm eine Geburtstagstorte zu backen.

Es war mehr eine fixe Idee als ein wirklicher Plan. Mia war in der Küche etwa so geschickt wie ein Elefant beim Hochsprung. Aber das war doch ein Umstand, den man ändern konnte. Es würde etwas Übung benötigen, das war klar, und vielleicht etwas Nachhilfe von Flo, aber sie würde es schaffen. Jetzt, wo die Küche einmal sauber war, war die perfekte Gelegenheit, die Übungsphase einzuleiten. Rezepte hatte sie sich auch schon aufgeschrieben. Erik hatte sie nicht ausgelacht, als sie ihm von ihrer Idee erzählt und angekündigt hatte, ihn gegebenenfalls um Hilfe zu bitten. Und das, obwohl er ihre Kochkünste kannte. Er hatte lediglich gefragt, was sie an Ausrüstung benötigte und war nicht überrascht gewesen, dass es quasi alles war.

Einige Tage später hatte sie sich Backformen und Mixer von ihm geliehen, war einkaufen gewesen und hatte sich an ihrer ersten Torte versucht. Drei Böden aus Zitronenkuchen, gefüllt und zusammengeklebt mit einer butterigen Sahnecreme, ummantelt mit einer Schicht aus Marzipan. Es schmeckte überhaupt nicht schlecht, aber war entsetzlich süß und viel zu mächtig. Für ihren ersten Versuch war sie trotzdem sehr zufrieden und ein wenig stolz. Flo half ihr bereitwillig und gemeinsam übten sie zunächst die Füllungen. Sie hätte Erik gerne probieren lassen, um seine Meinung zu hören, aber dann wäre die Geburtstagsüberraschung ja bereits angekündigt und außerdem war er noch bei seiner Familie.

Sein Großvater hatte beschlossen, nach dem Tod seiner Frau in die Nähe seiner Kinder und in eine kleinere Wohnung zu ziehen. Erik nutzte die letzten Tage der Semesterferien, um ihm bei diesem Umzug zu helfen. In seinem weit über achtzig Jahre währenden Leben hatte er eine stolze Bibliothek angesammelt, die er nicht mehr alleine bewegen konnte. Leider war in der kleinen Einliegerwohnung kein Platz für all die Bücher. Erik und seine Familie verbrachten also ihre Zeit damit, zunächst das Nötigste in der neuen Wohnung einzurichten. Die übrigen Bücher stapelten sich derweil in Eriks Kinderzimmer. Zwischen Mein Kampf, dem Kommunistischen Manifest, der Blechtrommel, Bibel, Koran, dem Herrn der Ringe und unzähligen Krimis verpasste er also die immer besser werdenden Backversuche seiner Freundin.

Die Abende verbrachte Mia meist alleine in ihrer Wohnung. Es war sauber, ruhig und sie war alleine. Es gab nichts, was sie noch dringend tun musste und nichts, worüber sie sich aufregen oder schimpfen konnte. Das Fernsehprogramm langweilte sie schnell und Erik fand auch nicht immer die Zeit, stundenlang mit ihr zu telefonieren. Sie war noch keine Woche alleine, aber sie bekam einen Verdacht, wieso Flo sein Bier so wichtig war. Mit einer Freundin, die in einer anderen Stadt arbeitete und einer Wohnung, die so klein war, dass man sie nicht in Unordnung bringen konnte, wenn man sich noch umdrehen wollte, musste er eigentlich schrecklich einsam sein. Für sie war es eine Woche, für ihn aber schon mehrere Jahre. Es war ihr unbegreiflich, dass er damit glücklich sein konnte.

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