Hörsaalgetuschel – Ausgabe 51

Heimaturlaub

Flo kam nicht darum herum, sich einzugestehen, dass er aufgeregt war. Er war lange nicht mehr zu Hause gewesen. Das letzte mal vor beinahe einem halben Jahr. Seine Eltern waren ihrer Arbeit hinterhergezogen, nachdem er für sein Studium ausgezogen war. Jetzt wohnten sie wieder in der Stadt, in der er geboren war und die ersten Lebensjahre verbracht hatte. Sechs Stunden würde eine direkte Autofahrt brauchen. Fernbusse oder die Bahn würden acht brauchen, wenn er nicht den ICE nehmen würde, mit dem er zwei mal mehr umsteigen müsste.

Aber was würde denn nun zu Hause auf ihn warten? Er konnte es nicht einschätzen. Die letzten Male, die er seine Eltern besucht hatte, war ihm die Situation irgendwie immer surrealer vorgekommen. Sie entwickelten ein Verhalten, was er nicht verstehen konnte und wollte. Es erschien ihm zu unpassend und irgendwie einfach schräg. Seine Mutter war zu schrill und sein Vater zu ruhig. In seiner Kindheit waren sie doch anders gewesen. Menschen veränderten sich im Laufe der Zeit, das konnte er an sich selbst schon gut beobachten, aber das fand immer im gewissen Rahmen statt.

Nun stand Flo an den Türrahmen seines Zimmers gelehnt und sah sich um, ob er was vergessen hatte. Es war aufgeräumt, geputzt und alles, was er mitnehmen wollte, lag in einem kleinen Koffer verstaut. Irgendwas hatte er bestimmt vergessen. Irgendetwas hatte er immer vergessen, grundsätzlich. Er bemerkte es nur ausnahmslos zu spät. Diesmal sollte er eigentlich alles haben. Kristina hatte ihm sogar beim Packen geholfen. Sie würde ihn nicht begleiten, zum Wochenende aber nachkommen und dann mit ihm gemeinsam zwei Tage später wieder zurück fahren. Mehr Fernweh wollte sie sich nicht leisten.

In drei Stunden würde sein Fernbus fahren. Für gewöhnlich wurde es in der letzten Zeit vor der Fahrt immer besonders stressig, nur heute konnte er nichts finden, was er noch zu tun hatte. Er hatte keine verderblichen Lebensmittel mehr im Kühlschrank, dafür aber das Regal voller Konservendosen und Bier. Nur für den Fall, dass er zum Semesterstart nicht mehr rechtzeitig einkaufen konnte. Er hatte dann schließlich nur drei Einkaufstage, an denen er sich aus dem Bett bemühen musste. Und das auch noch vor Feierabend. Es war schon schwer, das Studentenleben. Wieso spielten alle das immer so hinunter?

Während Kristina die Zeit ohne ihn kräftig nutzen wollte, zeigte sich Mia tatsächlich etwas traurig. Sie war auf den Geschmack gekommen, Kuchen zu backen und hatte sich bei ihm um Nachhilfe bemüht. Seit sie aus ihrem Urlaub zurückgekommen war, hatten sie einiges ausprobiert. Sie war auf jeden Fall eine sehr eifrige Schülerin. Zielstrebig und regelrecht verbissen, die bestmögliche Torte zu kreieren. Sie würde auch ohne ihn weiter machen. Insgeheim hoffte er, dass sie nicht besser wurde, als er. Wenigstens in diesem Bereich wollte er ihr etwas voraushaben.

Es war später Abend, als der Bus ihn in der alten Heimat aus lud. Die Stadt war nicht groß und um diese Tageszeit mehr oder minder ausgestorben. Seine Eltern hatten gesagt, sie würden ihn abholen kommen. Inzwischen stand er alleine an der Bushaltestelle, den kleinen Koffer neben sich auf dem Boden. Der Bus war genau so längst weg, wie die anderen Fahrgäste oder die zwei Taxen, die zu Recht gehofft hatten, hier Kundschaft zu finden. Nur von seinen Eltern war nichts zu sehen. Es stand nur eine Richtung zur Auswahl, aus der sich hätten kommen können, und in diese lief er jetzt los.

DSC02039Die Straßen hatten sich seit seiner Kindheit nicht verändert. Die meisten Häuser hier hatten in der Zwischenzeit nicht einmal neue Farbe bekommen. Die Straßenlaternen warfen ein trübes Licht auf rissigen Putz und buckeligen Asphalt. Die Zeit war hier nicht stehen geblieben. Sie war unerbittlich weiter gelaufen und hatte den Verfall mitgebracht. Es hatte nichts von Nostalgie, die geflickten Bürgersteige entlang zu gehen, vorbei an Zigarettenautomaten und mit Zeitungen verhängten Fenstern. Auch Melancholie war es nicht. Es war einfach nur schnöder, langweiliger Verfall und Vernachlässigung. Es ärgerte ihn, zu sehen, wie alles vor die Hunde ging. Dabei musste er sich eingestehen, dass er selbst wahrscheinlich auch nicht motivierter wäre, an der Situation etwas zu ändern.

Vereinzelte Autos fuhren vorbei. Ausnahmslos zu schnell und für seinen Geschmack viel zu laut. Geisterhafte Schemen klammerten sich an die Lenkräder, Erschöpfung auf den bleichen Gesichtern stehend. Abgesehen von den wenigen Autos und seinen Schritten, war kein Geräusch zu hören.

Der Schlüssel klapperte im Schloss, laut genug, als wolle er das ganze Viertel aufwecken. Aus der Wohnzimmertüre streckte sich neugierig ein Kopf.

„Nanu, du bist schon da? Ich dachte, dein Bus kommt erst in einer Stunde an.“

„Es ist gleich Mitternacht. Der Bus kam um kurz nach zehn an. Mit welcher Zeit hattest du denn gerechnet?“

Sein Vater starrte schuldbewusst auf seinen Laptop. Seine Mutter lag neben ihm auf dem Sofa und schlief, ihren eigenen Laptop noch neben sich auf dem Beistelltisch. Der Anblick war so typisch, dass Flo beinahe lachen musste. Das war es, was er vergessen hatte. Die Abendroutine seiner Eltern, die daraus bestand, sich im Wohnzimmer gegenüberzusitzen und über die Laptops hinweg anzuschweigen. Er setzte sich dazu, nahm sich ein Glas Kräuterschnaps und schwieg mit.

Auch wenn er diese Wohnung gelegentlich „zu Hause“ nannte, es war doch nur die Wohnung seiner Eltern. Er hatte keinerlei persönliche Beziehung zu diesem Ort. Allein hier zu sein schien irgendwie seltsam unpassend. Vielleicht fühlten sich seine Eltern auch so, wenn sie ihn besuchten. Er konnte es nicht sagen. Die Wohnung passte aber perfekt zu seinen Eltern und zu der Stadt, durch die er hierhin gelaufen war. Sie hatte zu wenig Aufmerksamkeit bekommen.

Vielleicht hätte er traurig oder verletzt sein sollen, dass seine Eltern ihn komplett vergessen hatten. Die Wahrheit war aber, dass er zu sehr damit gerechnet hatte, um wirklich enttäuscht zu sein. So waren die beiden eben. Sie träumten lieber von großen Ereignissen, als sich mit ihrem kleinen Leben abzufinden, und das Beste daraus zu machen. Flo gruselte sich davor, in das gleiche Muster zu fallen und am Ende nur noch sein Leben zu träumen. Er hatte die gleichen Tendenzen. Einen Kopf voller Hirngespinste und keinen Antrieb, die realistischeren davon herauszupicken und auszuführen. Aber immerhin würde er die Uni abschließen. Wenigstens darin wollte er sich von seinen Eltern abheben. Die restlichen Träume würde er später folgen lassen.

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