Hörsaalgetuschel – Ausgabe 52

Jahrestag

Es war ein Donnerstag vor genau einem Jahr gewesen. Flo hatte sie gedrängt, ihn auf eine Party zu begleiten, wo er sich höchst wahrscheinlich eh nur abschießen würde, und dann von seiner Umgebung nichts mehr mitzubekommen. Aber Erik hatte ihn damals begleiten wollen, also hatte sie eingewilligt und verabredet, dass er sie abholen würde.

Damals war Erik noch der etwas schüchterne Kommilitone gewesen, der neben dem lauten Flo immer etwas untergegangen war, obwohl er ihn um etwas mehr als einen Kopf überragte. Sie hatte ihn gerne in den Vorlesungen beobachtet, wie er sich fleißig Notizen machte und die Augen über die schlechten Witze der Dozenten verdrehte. Vermutlich wäre er ihr nie aufgefallen, wenn sie Flo nicht schon gekannt hätte. Sie waren zu Schulzeiten im gleichen Schwimmverein gewesen. Sie hatte ihn immer gemocht, als guten Freund, aber auch nie mehr. Teilweise, weil er ihr einfach zu alt war, und er schien damit zufrieden zu sein.

Nach der Schule war es so gekommen, dass sie einen Studienplatz in einer fremden Stadt bekommen hatte. Das Einzige, was sie wusste, war, dass es dort einen Fluss und eine Uni gab und, dass Flo dort bereits studierte. Er hatte ihr bereitwillig geholfen eine Wohnung zu finden und war beim Einzug behilflich gewesen. Geschwommen war er damals offenbar schon länger nicht mehr. Mia war sehr erstaunt gewesen, dass Flo nicht nur das gleiche studierte wie sie, sondern auch noch im gleichen Semester war. Er redete nicht gerne darüber, aber er hatte mit seinem ersten Studienfach etliche Probleme gehabt und war auch aktuell nicht allzu erfolgreich.

Mit der kleinen Mia aus dem Schwimmverein auf einer Stufe zu stehen war aber offensichtlich eine Herausforderung für ihn und er gab sich große Mühe, nicht noch weiter zurückzufallen. Mia half ihm dabei und bald hatte sich eine kleine Lerngruppe auf Flo, Mia und Erik gebildet. Es dauerte lange, bis Erik etwas auftaute und nicht nur, wie ein Schatten, stumm seine Aufgaben erledigte. Wirklich laut wurde er aber auch dann noch nicht.

Selbst Flo wurde im Laufe der Zeit etwas ruhiger. Mia hatte zeitweise den Eindruck, er könne tatsächlich erwachsen werden, aber dieser Gedanke schien ihr zu absurd. Alles, was sie an ihm im Laufe der Jahre kennengelernt hatte, war albern und kindisch. Er war zuverlässig, wenn man genug Toleranz einräumen wollte und spontan, wenn man ihm rechtzeitig Bescheid gab. Überließ man ihm die Planung einer Sache, konnte man sich auf ein heilloses Chaos gefasst machen. Für Mia grenzte es nicht mehr an ein Wunder, es überschritt jede Grenze, wie er es trotzdem immer wieder schaffte, am Ende erfolgreich damit zu sein.

Erik mochte keinen guten Einfluss auf Flo haben, aber immerhin auch keinen Schlechten und Flo wiederum hatte keinen negativen Effekt auf Erik. Auch wenn er drei Jahre jünger war als Flo und ein Jahr jünger als Mia, er wirkte doch recht reif und gefestigt für sein Alter. Auch das war wohl einer der Gründe, wieso sie ihn so faszinierend fand. Sie hatte sich nur nie getraut, es ihm irgendwie zu offenbaren. Wie sollte sie auch bei ihm auf Interesse stoßen? Er sah sie doch sicher nur als die Freundin von Flo, die Nachhilfelehrerin oder einfach das Mädchen, was bei ihnen mit in der Vorlesung saß.

Gut, er hatte sie immer wieder gefragt, ob sie mit Flo und ihm etwas unternehmen wolle und auch als Flo mal keine Zeit hatte, weil er wieder einmal mit seinen Aufgaben zu sehr in Verzug geraten war, hatte er sie zu kleinen Ausflügen eingeladen. Gelegentlich hatte sie sogar zugesagt, ohne genau zu wissen, was sie mit der Situation anfangen wollte. Sie hatte nur laufend das Gefühl, für eine gewisse Spannung zwischen ihnen verantwortlich zu sein, die es unmöglich machte, sich zu entspannen und zu erholen. Wie sollte er sie denn auch so mögen?

Wahrscheinlich belog sie sich selbst, wenn sie behauptete, es sei doch eh nicht mehr als eine gewöhnliche Freundschaft. Sie verschwendete keinen Gedanken daran und behauptete, sich alleine doch eh viel wohler zu fühlen. Lieber auf den richtigen Partner warten, als sich jetzt blindlings in irgendein Abenteuer zu stürzen. So etwas ging doch sowieso immer schief und auf ein gebrochenes Herz konnte sie gut verzichten. So etwas lenkte einen nur vom Studium ab.

Und Erik, der verkniff sich die Initiative und wartete ab. Er beobachtete sie, versuchte zu deuten, was hinter ihrer Stirn vorging und hörte aufmerksam zu. Menschen konnten so kompliziert sein und er verstand sich nicht besonders gut darauf, sie zu deuten. Flo müsste es doch wissen, er las in den Gesichtern der Menschen doch wie in einem offenen Buch. Ihn direkt fragen wollte er aber nicht. Sie musste es auch nicht, denn Flo hatte inzwischen die Geduld verloren und begonnen, auf seine Weise aktiv zu werden.

Zu Verabredungen zu dritt war er mal mit einer Begleitung erschienen, mit der er sich dann sehr frühzeitig wieder zurückzog oder er hatte so kurzfristig abgesagt, dass Mia und Erik am Ende zu zweit da standen und das Signal nicht verstanden. Häufig kam er zwar mit, begab sich aber an den Rand der kleinen Gruppe und beobachtete das Geschehen auffällig unauffällig. Mia und Erik verkniffen es sich nach wie vor, übereinander herzufallen, in der Sorge, dabei auf die Nase zu fallen. Flo fiel nichts mehr ein, womit er sie aufeinander aufmerksam machen konnte.

Doch dann, als er schon alle Hoffnungen aufgegeben hatte und sich darauf eingestellt hatte, dass sie sich auf ewig mit einer Freundschaft begnügen würden, selbst wenn sie diese intensive Spannung besaß, kam der legendäre Abend.

Angekündigt war die Party des Jahrhunderts, schon zum mindestens zwanzigsten Mal dieses Jahr. Was am Ende dabei herumkommen würde, war ein einziges Besäufnis mit billigem Bier, schlechter Musik und zu vielen Leuten, mit denen sie nüchtern wohl nie reden würden. Es würde, wie jede angekündigte ‚Party des Jahrhunderts‘, mehr als weit davon entfernt sein, eine Party des Jahrhunderts oder gar des Jahres zu werden. Aber Alkohol ist die wirksamste, bekannte Zeitmaschine und vielen würde das reichen.

Flo hatte wissen müssen, dass sowohl Erik als auch Mia dieser Art von Partys nichts abgewinnen konnten, aber hatte sie dennoch gedrängt, ihn zu begleiten. „Ihr könnt mich da doch unmöglich alleine hingehen lassen! Und ich muss da auf jeden Fall hin. Die süße Rothaarige aus dem Seminar letztes Semester geht da hin.“ Was für eine phänomenale Aussicht. Nicht einfach nur sinnlos Besoffene, auch noch sinnlos Besoffene, die auf der verzweifelten Jagd nach einer Traumpartnerin im Schweinestall waren. Mia war der festen Überzeugung, das Niveau dort mit ihrer bloßen Anwesenheit über den üblichen Schnitt heben zu können.

Trotzdem hatte Flo Erfolg gehabt und so hatte zunächst Erik, dann auch Mia zugestimmt, mit hinzugehen. Erik wollte sie abholen und mit ihnen gemeinsam dort hin gehen. Sie würden sich vielleicht auch an der Bushaltestelle dort treffen, wenn er schon früher da war, um das Bier und die Gesellschaft zu testen. Wer allerdings zu früh war, was Erik. Mia stand noch vor Spiegel und sortierte Outfit, als er klingelte. Wäre er nur fünf Minuten eher gekommen, hätte er eventuell noch Unterwäsche auf dem Bett liegen sehen können. Insgeheim ärgerte sie sich, dass es dafür nun zu spät war. Vielleicht wäre das der nötige Anstoß gewesen.

Ihren Teddybären streichelnd saß er auf ihrem Bett und fragte sie über ihren Tag aus, während sie sich schminkte. Im Spiegel konnte sie sehen, wie er sie mit seinen Blicken verschlang. Er war sich des Spiegelbildes nicht bewusst, weswegen er diesmal nicht gleich verlegen den Blick abwandte. Zum ersten Mal nahm sie wahr, wie er sie ansah, mit welchem Gesichtsausdruck, und mit welcher Stimme er mit ihr sprach. Ihr Herz schlug so schnell, dass sie beinahe zitterte. Nur mit großer Anstrengung vollendete sie ihren Lidstrich perfekt. Dieser Blick, auf den sie so lange gehofft hatte. Nur wieso saß er nur da und unternahm nichts?

„Und, wie seh ich aus? Nimmst du mich so mit?“

Mit ausgebreiteten Armen stand sie vor ihm, drehte sich einmal um die eigene Achse, präsentierte sich von allen Seiten. Erik war aufgestanden und auf sie zugekommen. Vorsichtig hatte er eine Hand gehoben und ihr sanft eine Strähne aus dem Gesicht geschoben. Er war so nah, dass sie nichts anderes mehr als ihn riechen konnte. Selbst ihr gutes Rosenparfum war zur Seite getreten. Er musste ihr Herz einfach schlagen hören oder ihr inneres Beben sehen.

„Perfekt. Überall, wohin du willst.“

Die Antwort kam mehr geflüstert als gesprochen. Er lies seinen Arm wieder sinken, strich dabei ihren Arm entlang, bis er ihre Hand berührte. Im nächsten Augenblick fielen sie. Aufs Bett, übereinander her, in ihre Arme, auf ihre Lippen. Über Monate aufgestaute Gefühle, Küsse und Berührungen brachen durch ihre Dämme und brandeten über das Pärchen hinweg. Glühende Haut und heißer Atem prallten aufeinander, während der arme Teddybär unbeachtet aus dem Bett fiel.

Der nächste Morgen kam und mit ihm strahlender Sonnenschein und die Vorlesungen. Bisher schien das Semester zu gut zu starten, das gab ihnen beiden viel Rückenwind. Sie gingen nicht davon aus, Flo in der Uni zu finden. Sie sollten sich vielleicht bei ihm entschuldigen, dass sie ihn alleine gelassen hatten, auch wenn er selbst oft so spontan abgesprungen war, dass sie nur zu zweit da standen. Die Überraschung wartete an der Hörsaaltür, bis zu der Flo seinen Körper geschleift hatte, obwohl er offensichtlich mal wieder nicht in der Verfassung für die Uni war.

100_8507bMia konnte kaum glauben, wie viel sich seit dem verändert hatte, für sie alle drei. Es war ihr wie nur ein Augenblick vorgekommen und gleichzeitig wie ein sehr sehr langes Jahr. Ihre Lerngruppe war erfolgreich gewesen und hatte sich eifrig und mit Erfolg durch alle Klausuren gearbeitet. Mit Erik hatte sie ein turbulentes, gemeinsames Jahr erlebt, ein Abenteuer, von dem sie nicht erwartet hätte, dass es möglich sein würde. Ihre gemeinsame Freundschaft zu Flo hatte nicht darunter gelitten, auch wenn sie es erwartet hatte. Er schien sogar eher erleichtert zu sein, dass sie zueinander gefunden hatten.

Während sie in Erik einen soliden Anker für sich gefunden hatte, war Flo etwas ins Straucheln geraten. Mit Jenny hatte er keinen großen Glücksgriff gelandet. Vor einigen Wochen hatten sie sie noch einmal in der Stadt gesehen. Sie trug einen stattlichen Bauch vor sich her und machte einen recht abgekämpften Eindruck. Flo hatte wohl erwartet, dass es ihm egal sein würde. Trotzdem wirkte er recht geknickt, als er realisierte, dass sie dieses Kind während der gemeinsamen Zeit mit ihm empfangen haben musste. In Mias Augen tat ihm Kristina sehr viel besser. Wenigstens wirkte er nun nicht mehr wie in einer beiläufigen Schwärmerei, sondern handfest verliebt. Mia wünschte ihm das gleiche Glück, wie Erik und sie es erleben konnten. Gelegentlich etwas ruppig, aber dennoch tief und innig.

Erik und Mia saßen in der Küche von Mias WG. Sie hatten sich ein kleines Festmal zubereitet, statt auszugehen. Mias Mitbewohnerinnen waren weg, sie hatten die Wohnung für sich und konnten morgen früh ausschlafen. Aus dem Plan, einfach ein neues Rezept auszuprobieren und gemütlich ihren Abend gemeinsam zu verbringen, war ein opulentes Drei-Gänge-Menü geworden. Auch wenn sie eigentlich abgesprochen hatten, dass sie ihren Jahrestag wie jeden anderen Tag behandeln wollten, saßen sie jetzt hier doch bei einem romantischen Abendessen mit Blumen bei Kerzenschein. Erik hatte ihr eine Rose mitgebracht. Keine Schnittblumen sondern eine kleine Pflanze, mit Blüten, Blättern, Blumentopf und Überlebenschancen. Wenn er das zu oft tat, würde ihre Fensterbank nicht mehr ausreichen. Einer lebenden Pflanze konnte sie trotzdem mehr abgewinnen als einer toten. Es wunderte sie beinahe, dass er daran gedacht hatte und nicht mit dem klassischen Rosenstrauß aufgetaucht war.

Den großen Knall aber hatte er sich für das Dessert aufgehoben. Bei Mousse au Chocolat mit Vanillesoße und Himbeeren hatte er ihr ein kleines Päckchen hinübergeschoben. Unter dem bunten Papier war ein Buch zum Vorschein gekommen. Auf dem Einband prangte Eriks Name über dem Titel. Sie hob die Augenbrauen und sah erstaunt zu ihm auf. Er löffelte nur unbeeindruckt seinen Nachtisch.

„Du hast ein Buch geschrieben? Das hast du dann also die ganze Zeit auf deinem Laptop gehämmert.“ Sie drehte das Buch in ihren Händen und strich mit dem Finger über den Rücken. „Sogar gebunden. Du hast so schnell einen Verlag dafür gefunden? Du hast doch noch vor dem Urlaub daran geschrieben, oder nicht? Ich dachte immer, das dauert ewig lange.“

„Tut es auch. Das habe ich in der Druckerei neben der Mensa in Auftrag gegeben aber ich habe es auch an Verlage geschickt. Immerhin fünf Stück haben noch keine Absage geschickt, also warten wir einmal ab.“

Beeindruckt schlug sie es auf. Die erste Seite enthielt die Widmung. „Für Mia. Danke, dass du mich dazu gebracht hast, meine Träume nicht nur zu jagen, sondern auch zu fangen.“ Handschriftlich hatte er noch ein „Viel Spaß“ ergänzt.

„Also wenn ein Verlag noch etwas geändert haben will, ehe er es druckt, dann bleibt das aber trotzdem so da drin. Aber ich hoffe natürlich, dass es ziemlich genau so in Druck geht, wie du es da jetzt hast.“

Er hatte sich echt die Zeit genommen, ein ganzes Buch zu schreiben. Sie hatte nicht einmal gewusst, dass er die Idee dazu hatte, geschweige denn den Traum. Flo war dafür zuständig, Hirngespinste zu verkünden. Mal wollte er einen Film drehen oder eine eigene Stadt bauen, wahlweise auch ein Kreuzfahrtschiff designen, ohne jemals ein Schiff betreten zu haben. Umsetzen würde er nichts davon. Erik hatte von alledem nichts erwähnt. Er hatte sich einfach hingesetzt und das Buch geschrieben. Direkt unter ihren Augen und ohne dass sie es mitbekommen hätte. Und sie war der Anlass gewesen.

Sie hätte die Widmung nicht auch noch haben müssen. Es reichte ihr doch vollkommen, dass er ihr das Gefühl gab, ihm gut zu tun und auch nach all der Zeit an ihrer Seite, ihr noch immer das gleiche Herzklopfen, wie am ersten Tag, zu geben. Das war vielleicht das größte Geschenk. Sie fing seinen Blick ein und versank derart tief in diesen strahlenden Augen, dass sie völlig vergaß, dass sie auch eine Kleinigkeit für ihn hatte. Für heute Abend hatte sie sowieso etwas ganz anderes mit ihm vor.

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