Hörsaalgetuschel – Ausgabe 53

Blockseminar

Wie konnte ein Mensch bloß so viel reden? Für Flo war es absolut unbegreiflich. Er redete selbst gerne und viel und ging damit den Leuten auf die Nerven aber das hier war ein Härtefall. Seit mehr als sechs Stunden war der Kerl da vorne kaum zum Schweigen zu bringen und die letzten beiden Tage hatte es schon nicht anders ausgesehen. Er redete, erzählte, stellte Fragen, nippte an seinem längst erkalteten Kaffee und erklärte. Zwischenzeitlich hatte selbst der Beamer erschöpft und überhitzt aufgegeben, also war er an die Tafel gewechselt und hatte weiter gemacht. Unerbittlich und gnadenlos.

Vor dem Fenster stürzte die Sonne dem Horizont entgegen. Flo war dankbar, dass er sie wenigstens durch das Fenster sehen konnte. Er erinnerte sich an Hörsäle, bei denen man nicht einmal durch die geöffneten Türen einen Blick auf die Außenwelt hatte erhaschen können. Jetzt die kostbaren, kurzen Sonnenstunden von hier drinnen betrachten zu müssen, schmerzte ihn sehr. Wie konnte das neue Semester so brutal beginnen?

Der Monolog hielt an und ein Blick in die Gesichter im Saal sprach Bände. Die meisten waren im Geiste weit weg, mit anderen Dingen beschäftigt oder unterhielten sich im Flüsterton oder mit den klassischen Zettelbriefchen. Tiefe Augenringe dominierten das Bild. Besonders bei den wenigen, die sich alle Mühe gaben und nach wie vor aufmerksam waren und ihre Notizen beibehielten.

Flo hatte am Anfang noch den gleichen Anspruch an sich gestellt. Inzwischen hatte er den Eindruck, jemand habe ihm einen Mixer durch die Augen ins Gehirn geschoben und dort einmal gründlich umgerührt. Sein Gehirn fühlte sich an wie Püree, er konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und selbst ein guter Liter Energydrinks hatten daran nichts geändert. Dafür hörte er jetzt sein Blut durch die Adern rauschen und sah das Pochen seines Herzens an einem Regenbogen, der mit jedem Schlag über sein Sichtfeld pulsierte. So fest er die Augen auch schloss, dieser Blitz war beinahe so erbarmungslos wie der Dozent in seinem Programm.

Blockseminar nannten sie es und man sollte besonders viel dabei lernen. Einige wenige Tage volle Konzentration auf ein Thema lenken und direkt im Anschluss die Prüfung schreiben. Kurz, schmerzlos und nachhaltig sollte es sein. Flo hätte gerne einige deutliche Worte mit dem Erfinder dieser Technik gewechselt. Zumindest hätte er gerne gewusst, unter dem Einfluss welcher Drogen man dafür stehen musste. Vielleicht war das ja überhaupt das Geheimnis eines erfolgreichen Studiums. Man musste nur die richtigen Drogen und Aufputschmittel zur richtigen Zeit haben.

DSC00872Was war denn zum Beispiel Mias Mittel der Wahl? Immerhin war sie doch ausgesprochen erfolgreich, auch wenn sie sich im letzten Semester etwas übernommen hatte. Sie trank bevorzugt Tee, aber was, wenn es nicht nur Tee war? Die Welt der Pilze und Pflanzen war ausgesprochen vielseitig. Irgendetwas Nützliches musste sich doch darunter finden. Selbst Mia konnte schließlich keine sechs Stunden konzentriert bleiben. Bei Erik müsste er nicht suchen, der fuhr in ihrem Fahrwasser. Natürlich nicht, ohne sich selbst auch zu bemühen aber sie würde ihn nicht hängen lassen.

Aber Mia würde nie zugeben, wenn sie sich auf fremde Helferlein verließ. Ihr Stolz würde sie eher in der Mitte durchreißen, als solch eine Schwäche einzugestehen. Nein, er müsste woanders suchen. Wen kannte er noch von denen, die noch aufmerksam waren? Er sah sich um. Tristesse und Trostlosigkeit schienen den Start des neuen Semesters zu prägen. Das war es nicht gewesen, worauf er aus war. Verzweifelte Gesichter, verkrampfte Knöchel und knittriges Papier. Tische voller Essensreste und leeren Flaschen. Schokolade funktionierte nicht als Droge für ihn.

Tina starrte an die Tafel, machte sich beiläufig Notizen, strich sich durch die Haare und kaute schon seit guten drei Stunden auf einem holzigen Pflanzenteil herum. Es sah nicht so aus, als könne es lecker sein, also musste es das Geheimnis ihrer Konzentration sein. Er kannte die Pflanze nicht, also hatte sie sie vermutlich nicht aus dem Supermarkt. Auch nicht aus dem Biomarkt, in dem Mia so gerne einkaufen ging und der Gemüse und Obst hatte, von dem Flo vorher noch nie etwas gehört oder gesehen hatte. Vieles sah so abenteuerlich aus, dass er nicht einmal wissen wollte, ob es wirklich essbar oder nur zur Dekoration gedacht war. Vielleicht war es ja nicht einmal etwas Legales, in dem Fall musste es doch auf jeden Fall der kleine Helfer sein. Ob er sie einfach fragen sollte?

Die Straßenlaternen vor dem Fenster sprangen an, ergänzten das Dämmerlicht des Frühlings durch einen Glanz, den er immer mit schmuddeligen, trostlosen Straßenzügen assoziierte. Er war nun schon wieder etliche Minuten abgelenkt gewesen, hatte seinen Geist schweifen lassen und über Blödsinn nachgedacht. Noch war es nicht die Zeit, sich mit einem kühlen Bier zu entspannen. Zunächst musste er sich wieder auf den Kurs konzentrieren. Auch wenn es ihn einiges an Überwindung kostete, er zwang sich erneut zur Konzentration und suchte den Wiedereinstieg.

Der Dozent zeigte mit keiner Regung, ob er sein Publikum überhaupt registrierte. Die größte Gefühlsregung war ein müdes Blinzeln in einer Redepause. Endlich zeigte er doch noch einen regelrechten Ausbruch von Freude und Begeisterung, als der Beamer sich aus seinem späten Mittagsschlaf zurückmeldete und er die Kreide fallen lassen konnte. An der Tafel verblieben die Namen von Theorien, die so unbedeutend und unsinnig erschienen, dass es sich nicht einmal lohnte, nur den Titel abzuschreiben. Für Flo musste eine Theorie bestimmte Grundsätze erfüllen. Der Wichtigste davon war, dass sie zunächst einmal dem gesunden Menschenverstand nicht widersprechen durfte. Als Beispiel für gesunden Menschenverstand nahm er sich selbst. Ein besseres Beispiel hatte er einfach nicht, denn jeden anderen Verstand kannte er nur von außen. Für ihn aber war das ausreichend. Die Logik musste bedient bleiben.

Inzwischen zeigte selbst der Dozent erste Ermüdungserscheinungen. Hatte er die letzten Tage noch bis zum Ende sein Programm durchgezogen, geriet er nun ins Straucheln. Immer wieder versprach er sich und verdrehte Namen. Mit jedem dieser Fehler stieg die Frustration in seinen Augen. Flo kannte das Gefühl nur zu gut. Dieses Entsetzen ob der Erkenntnis de eigenen Fehlbarkeit. Menschen waren keine Roboter. Selbst dieser Dozent nicht, den seine Fehlbarkeit unendlich tief zu erschüttern schien.

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