Hörsaalgetuschel – Ausgabe 54

Inkonsistenz

„Ich verstehe es nicht. Die ersten Semester haben Sie doch durchgehend hervorragende Noten geschrieben. Wie kommt es denn, dass Sie auf einmal solche Einbrüche zeigen? Wir wollen Ihnen auf keinen Fall etwas Böses. Es fällt nur einfach stark auf, gerade bei Ihnen. Wenn es Probleme oder so gibt, dann können Sie ja immer hereinkommen, das wissen Sie hoffentlich.“

Das wusste Mia tatsächlich. Sie saß im Büro ihrer Dozentin und hielt eine korrigierte Hausarbeit in der Hand. Es war das erste Mal, dass sie überhaupt eine Arbeit zurück bekommen hatte und es war wohl auch nur eine Ausnahme. Erik oder Flo hätten sich mit der 2,7 wahrscheinlich einfach zufriedengegeben und niemand hätte weiter nachgefragt. Aber sie war Mia, und sie schrieb keine so schwachen Noten. Vielleicht war sie deswegen zum Gespräch gebeten worden und bekam das Angebot, eine Wiedervorlage zu tätigen.

„Ich habe auch mit Professor Dürer darüber gesprochen. Bei ihm haben Sie ja auch eine Arbeit geschrieben. Die Note haben Sie ja auch schon bekommen, er war höchst zufrieden. Da frage ich mich natürlich auch, ob es vielleicht an meinem Unterricht oder dem Thema von der Hausarbeit liegt. Ich will Ihnen natürlich auch nicht den Schnitt ruinieren.“

Das war es nicht. Weder das Thema noch die Veranstaltung waren schlecht gewesen. Die Wahrheit war, dass Mia einfach keine Lust gehabt hatte. Es war ihr ungelegen gekommen, zwischen Urlaub und Klausuren auch noch eine Arbeit über ein Thema schreiben zu müssen, was sie nicht begeisterte. Aber das konnte sie ihrer Dozentin unmöglich sagen. Sie hatte sich so viel Mühe gegeben und immer ein offenes Ohr für jeden gehabt. Selbst der ewig überkritische und ansonsten faule Flo konnte keinen Kritikpunkt finden. Nein, sie brauchte etwas anderes. Es wäre jedenfalls unfair gewesen, die Schuld von sich zu weisen.

„Ich habe im letzten Semester generell recht inkonsistente Leistungen gebracht. Wahrscheinlich habe ich mich einfach übernommen, zu viele Kurse belegt und Veranstaltungen aus höheren Semestern vorziehen wollen. Auch privat war es sehr turbulent. Zwei Kurse habe ich schon während der Vorlesungen wieder abbrechen müssen. Ich hätte sie einfach nicht geschafft. Trotzdem ist diese Arbeit am Ende wohl leider zu kurz gekommen.“

Es war nicht gelogen. Sie hatte tatsächlich Kurse abbrechen müssen und sich auch generell sehr viel vorgenommen. Aber wenn sie gewollt hätte, dann hätte sie auch diese Arbeit besser schreiben können. Ein paar mehr Quellen, ein wenig mehr Konzentration und vor allem, einmal Korrekturlesen. Viele Fehler wären wahrscheinlich vermeidbar gewesen, wenn sie sich nur noch einmal hingesetzt hätte und die Arbeit selbst gelesen hätte. Erik hätte sicher auch einmal darüber sehen können, so wie sie immer seine Arbeiten korrigierte, auch ungefragt. Aber dafür war es ihr einfach zu egal gewesen. Sie hatte sich die Zeit nicht nehmen wollen, und wenn es nur eine halbe Stunde gedauert hätte. Eine Demotivation, die sie so überhaupt nicht von sich kannte. Ihre Dozentin nickte verständnisvoll. Sie war ganz offenkundig erleichtert, dass die Schuld von ihr genommen worden war, aber dennoch genau so offen enttäuscht von der Arbeit.DSC01197

„Wie gesagt, unter den gegebenen Umständen haben wir am Lehrstuhl beschlossen, Ihnen wenigstens anzubieten, zu verbessern. Es wäre ja wirklich schade, wenn Ihnen deswegen jetzt der Schnitt kaputtgemacht wird. Die Alternative wäre nur, nächstes Jahr den Kurs noch einmal zu machen. Oder halt einen Entsprechenden, nur dadurch verlieren Sie halt ein ganzes Jahr. Das wäre einfach unnötig.“

Es war doch unglaublich, wie gut es manche Menschen mit einem meinen konnten. Sie sah sich in einer kleinen moralischen Zwickmühle. Wenn sie das Angebot ausschlug, konnte ihr Schnitt tatsächlich empfindlich Schaden nehmen. Es anzunehmen wäre aber ein echt unfairer Vorteil den anderen gegenüber. Konnte ihr das nicht eigentlich sogar egal sein? Erik und Flo mussten es nie erfahren und der Rest vom Kurs sowieso nicht. Wieso kümmerte sie sich also um gerechte oder ungerechte Vorteile?

„Dann würde ich Ihnen in spätestens einer Woche dann die Korrektur vorlegen.“

„So schnell wollen Sie sein? Ich hätte jetzt gesagt, in einem Monat, aber wenn Sie es früher schaffen wollen, soll mir das auch recht sein.“

Einen ganzen Monat wollte Mia es nun wirklich nicht mehr vor sich herschieben. Sie würde es fertigmachen so schnell sie konnte und dann wollte sie erst recht nichts mehr damit zu tun haben. Sie bedankte sich für die Chance zur Korrektur und steckte die Arbeit ein. Mia wusste ganz genau, dass heute Nacht schlecht schlafen würde und das Ganze schwer im Magen liegen würde. Es wäre das Richtige gewesen, das Angebot abzulehnen und sich damit zufriedenzugeben. Aber andere hätten genau das gleiche getan, wenn in Situation gewesen wären. Vielleicht musste sie lernen, das Schicksal besser auszunutzen.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 54

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