Hörsaalgetuschel – Ausgabe 57

Morgennebel

Schemen und Schatten bewegten sich wie in Zeitlupe, wanderten stetig und bestimmt durch die Strahlen der Morgensonne. Flos Blick war auf einen unbestimmten Punkt vor ihm gerichtet. Vielleicht auch auf einen Punkt hinter ihm, so genau konnte er das nicht sagen. Sein Gehirn hatte es noch nicht für notwendig befunden, aufzuwachen. Es funktionierte doch auch so alles gut.

Mit perfekt einstudierten Bewegungen war er aufgestanden, hatte sich geduscht, fertiggemacht, gefrühstückt und das Haus verlassen. In der ganzen Zeit hatte er vermutlich keinen einzigen klaren Gedanken gefasst, sondern sich lediglich in seiner Traumwelt befunden. Und wieso auch nicht? Es war doch so schön dort. Es gab dort alles, was er benötigte und außerdem fühlte es sich sehr viel schöner an, als der wie immer viel zu frühe Weg in die Uni. Er hätte auch erst in vier Stunden gehen können und es wäre immer noch zu früh für ihn gewesen. Egal wie spät es war, irgendwie war es doch eh immer zu früh.

Ein Schemen kreuzte seine Bahn und er wurde langsamer, ohne es überhaupt zu bemerken. Sein vegetatives Nervensystem schien die totale Kontrolle zu haben, wie ein absoluter Monarch, der keinen Widerspruch duldete. Er selbst wollte nicht einmal wirklich aufwachen, auch wenn es wohl auf kurz oder lang keine andere Option gab. Sein Bewusstsein rollte kurz mit den Augen, drehte sich noch einmal um und wickelte sich dick in die kuschlige Decke ein. Ein lärmender Schatten ratterte vor ihm vorbei, ein anderer wurde langsamer und kam zum Stillstand. Hier musste doch der Zebrastreifen sein.

Ein Bild drückte sich bis in seine Traumwelt durch. Schemen, die an einem leicht erhöhten Stück des Bürgersteigs standen und unter einem Schild warteten. Er hätte nicht sagen können, wie genau er hier hingekommen war, aber es war genau der Ort, an dem er zu dieser Zeit sein sollte, also war das nicht so schlimm in seinen Augen. Menschen sind Rudeltiere, und solange irgendjemand die Führung übernimmt und niemand Alarm schlägt, befassen sich die restlichen Gehirne zu gerne mit etwas anderem. Eine kühle Brise zog für einen Augenblick seine Aufmerksamkeit auf sich, dann war er wieder eingeschlafen, die Augen weit offen.

DSC02910Ein großer, roter Schemen kam quietschend zum Stillstand. Zur gleichen Zeit und am gleichen Ort wie immer. Es gab absolut keinen Grund, wieso man sich damit weiter befassen musste. Das Rudel setzte sich ganz von alleine in Bewegung und er schloss sich dem Fluss einfach an. Schultern und Köpfe vor und hinter ihm, Stahlstangen und mehr Menschen links und rechts von ihm. Von draußen kamen immer mehr Leute nach, obwohl der Bus doch eh schon voll war. Allgemeines Gedränge und Geschiebe. Der saure Geruch von Kaffee, hier und da ein frisches Brötchen, Wurst oder Käse, Schweiß, Parfüm und Duschgel. Ein Hauch von abgestandenem Bier waberte durch den Bus und drang kaum zu ihm durch. Sein Bedarf war für den Moment gedeckt.

Wie das Wasser in einem gefüllten Planschbecken, was jemand an einen anderen Ort verschiebt, folgten die Passagiere der Bewegung des Busses, als er sich in Bewegung setzte. Voll, wie es war, bestand für niemanden die Gefahr, umzufallen. Irgendein Paar Schultern würde ihn auf jeden Fall vor dem Fall bewahren und stützen, freiwillig oder nicht. Gemurmelte Gespräche, zu laute Musik aus Kopfhörern, Verkehrslärm. Es war keine angenehme Umgebung, um zu schlafen, aber wach bleiben lohnte sich einfach nicht.

Ein Ruck oder Schwappen ging durch die Menge der Leiber, die Türen öffneten sich und ein Hauch von frischer Luft mischte sich in die zunehmend verbrauchte Luft im Bus. Neue Köpfe ohne Gesichter drängten sich in die Masse, um mit ihr zu verschmelzen. Einer der Schemen wurde vom Unterbewusstsein rot eingefärbt und mit einem Adjektiv versehen. Ein penetrant beißender Geruch nach Zigarettenrauch ging von ihm aus. Eine dichte Wolke des weißen Rauchs blies er unter die Decke des Busses, von wo aus sie sich langsam aber dominant unter das große Durcheinander der Gerüche mischte.

Abartig“ blinkte das Adjektiv zu dem Schemen. Der Gestank zwang Flos Bewusstsein, wenigstens teilweise aufzuwachen, und dieser Umstand machte ihn ausgesprochen sauer. Einige wüste Beschimpfungen und Flüche waberten ziellos durch seinen Geist, ehe sie sich dem stinkenden Schemen anhefteten. Er hatte die Gestalt vermutlich noch nie gesehen und noch nie ein Wort mit ihr gewechselt aber hier und jetzt beschloss er, es dabei bleiben lassen zu wollen. Ihn so unsanft aus seiner Traumwelt zu reißen empfand er als ausgesprochen ungehörig. Wenn der Bus beschleunigte, wehte parfümierte Luft von vorne heran, wenn er bremste, kam der Zigarettengestank.

Eine Haltestelle noch. Das wäre zwar für ihn eine zu früh, aber den Rest konnte er laufen und es war eine gute Gelegenheit, an bessere Luft und seinen Schlaf zu kommen. Hauptsache, er war weiter weg von der stinkenden Gestalt. Gelegentlich mochte ihn der Geruch nur geringfügig stören aber heute war das anders.

Die Türen öffneten sich und das Ungeheuer von Bus übergab sich auf den Bürgersteig an der Bushaltestelle. Frische Luft umströmte Flos Nase und er übergab seinem Unterbewusstsein wieder die Kontrolle. Irgendwann, in wenigen Minuten, würde er vermutlich in einem Hörsaal oder Seminarraum sitzend aufwachen und feststellen, dass er genau da war, wo er sein sollte. So lief es schließlich immer um diese Zeit.

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 57

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