Hörsaalgetuschel – Ausgabe 58

Kaputt

Gedämpftes Licht drängte sich durch die alten Gardinen von Flos Zimmer. Der fleckige Stoff hatte bereits gehangen, bevor er eingezogen war. Wahrscheinlich hätte er ihn irgendwann einmal abhängen und waschen sollen aber er war zu faul gewesen. Inzwischen war es ihm so egal, dass er es nicht mehr wahrnahm und bisher hatte ihn auch niemand darauf angesprochen.

Während er zwischen Kissen und Decken im Bett lag, tickte an der Wand unerbittlich die Uhr. Gleich würde es halb vier sein. Neben ihm lagen der Wecker und ein Buch. Das Buch hatte er seit Tagen nicht mehr aufgeschlagen und der Wecker schien nur darauf zu warten, ihn in vier Stunden aus dem Schlaf zu reißen. Wenn er es denn bis dahin schaffte, Schlaf zu finden.

Er hatte sich selbst dazu gezwungen, heute einmal früh ins Bett zu kommen und es sogar deutlich vor Mitternacht geschafft. Seit dem lag er hier, starrte an die Decke und drehte sich nur ab und an mal um. Er fand weder Schlaf noch Ruhe. Die Spinne in seiner Gardine hatte wieder angefangen, ihr Netz in die Ecke des Zimmers zu spannen. Die Fäden glitzerten im Licht der Straßenlaterne. Flo hatte sie bei ihrer Arbeit beobachtet, dann wieder das Buch neben sich, dann die Decke über sich angestarrt. Versuchsweise hatte er die Augen geschlossen und versucht, einfach einen Traum zu starten. Er war gescheitert.

Bank an der Waterfront SeattleJedes Mal, wenn er glaubte, einen Gedanken in eine sinnvolle Richtung lenken zu können, kam ihm etwas dazwischen. Situationen aus der Uni, Sachen, über die er sich ärgerte, ungemütliche Erinnerungen aus der Schulzeit, verpasste Möglichkeiten und Fehlentscheidungen. Was würde die Zukunft bringen? Was stellte er mit seinem Leben an? Wie sollte das alles weiter gehen?

Immer, wenn er gerade auf der Schwelle des Traumlandes stand, zerrte ein Gedankenfetzen ihn zurück, hielt ihm etwas vor, was er vergessen hatte und jagte ihm einen Panikschub durch die Adern. Bis wann musste er sich für die Klausuren angemeldet haben? War nicht gestern die Abgabe von der Seminararbeit? Die Exkursion, zu der er sich anmelden wollte… War die Anmeldefrist dafür gestern oder erst nächste Woche? Er hätte längst mit dem Projekt anfangen müssen, zu dem er einfach keine Idee haben wollte. Sein Gehirn fand immer etwas Neues.

Ein vorbeifahrendes Auto ließ die Schatten an der Decke tanzen. In seinem Kopf waberte Nebel wie ein schweres Kissen umher, Müdigkeit drückte schwer auf seine Augen und Glieder. Er gähnte, nur sein Herz pumpte, als hätte es einen Marathon zu bestreiten. Er konnte den Blutfluss in seinem Kopf fühlen. Mit jedem Herzschlag pulsierte ein neuer Gedanke hindurch. Was machte er eigentlich mit diesem Leben?

Unter der Decke wurde es immer wärmer. Flo hatte sie bis unter die Nase hochgezogen und sich fest darin eingewickelt. Schweißtropfen perlten von der Haut, in seinem Kopf drehte sich alles. In der Ecke rasselte die Heizung leise vor sich hin und strahlte ihre Wärme in den Raum ab. Das Spinnennetz waberte langsam im warmen Luftstrom. Bald würden die Vögel aufwachen und die wärmende Morgensonne begrüßen, auch wenn diese sich noch mehr als eine Stunde Zeit lassen würde. Flos Gedanken kreisten um einen einzelnen kurzen Satz. „Mir ist kalt.“

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Ein Gedanke zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 58

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