Hörsaalgetuschel – Ausgabe 60

Paris

Uni konnte so Spaß machen, wenn man sich nur richtig darauf einließ. Vorlesungsfolien auf dem Laptop, Schaubilder im Notizblock und jede menge Anmerkungen auf kleinen Klebezettelchen. Dazu eine große Kanne Tee, kuschlige Socken und die Nachrichten irgendwo im Hintergrund auf dem Fernseher. Mia war glücklich. Endlich war sie im Semester angekommen und ihre Klausurvorbereitung lief. Es waren noch etwa zwei Monate und die wollte sie gut nutzen.

Heute hatte sie alle Zeit, die sie haben wollte. Erik hatte sich zu Flo verabschiedet. Die beiden hatten sich zu einem Puz-Tag verabredet. Pizza, Zocken und vermutlich auch einiges an Männergesprächen, bei denen sie eh um nichts in der Welt dabei sein wollte. Sie hatte in den letzten Tagen genügend Stoff angehäuft, den sie aufarbeiten wollte. Die letzten Tage waren zu voll und turbulent gewesen, um sich ausreichend damit zu beschäftigen.

Ihre Wohnung war ruhig. Sie war alleine, ihre Mitbewohnerinnen waren irgendwohin verschwunden und alles, was zu hören war, war das Brummen von Nachbars Waschmaschine und das leise Plappern des Nachrichtensprechers. Sie schenkte beidem nicht viel Beachtung. Bilder flackerten über ihren kleinen Fernseher, zeigten eine Stadt, über der eine kleine Rauchsäule aufstieg. Polizeisirenen heulten überall. Ein Bild, wie es beinahe täglich aus irgendeiner Stadt im nahen Osten gezeigt wurde.

Doch diesmal waren die Straßen keine sandigen Pisten, die Häuser keine zerschossenen Betonbunker und die Autos … Nun gut, die Autos waren trotzdem nicht im besten Zustand. Die Stadt erkannte sie trotzdem auf den ersten Blick. Vor etlichen Jahren war sie schon einmal dort gewesen. Im Rahmen eines Schüleraustauschs in der zehnten Klasse. Paris war ihr damals wie eine Stadt der Kontraste erschienen. Geprägt von prunkvollen Villen in der Innenstadt, Armut und Sozialbau in den Vororten. Damals waren Rauchsäulen nur in den Vororten zu sehen gewesen. Bürgerunruhen, ausgelöst von Polizeigewalt gegen Jugendliche aus dem Plattenbau, die keine Arbeit fanden, keine Zukunft sahen und zu viel Zeit für Dummheiten hatten.

Heute kam der Rauch nicht aus dem Stadtrand und der Nachrichtensprecher berichtete auch von keinen Bürgerunruhen, sondern von Explosionen und Schüssen auf Passanten. Das sportliche Großereignis der Woche war urplötzlich mutiert zu einem widerlichen und unmenschlichen Gemetzel. Über hundert Tote und noch ungezählte Verletzte und Schwerverletzte erwähnte die neutrale Stimme des Reporters. Im Hintergrund heulten immer noch die Sirenen und kreisten Hubschrauber.

Mia erinnerte sich an herzliche und freundliche, wenn auch etwas laute Menschen. Sie mochten teilweise etwas plump auftreten aber es war ihr leicht gefallen, sie in ihr Herz zu schließen. Zu manchen der Leute von damals hatte sie immer noch Kontakt. Ihr Französisch war nicht sehr gut und deren Deutsch war nicht viel besser, aber sie konnten sich gut verständigen und Mia war froh darum. Immerhin waren es im Grunde genommen ihre Nachbarn. Wenige Stunden mit dem Auto oder der Bahn und sie war dort. Global betrachtet war es keine Entfernung. Sie teilten in großen Bereichen die gleiche Geschichte und die gleiche Kultur. Für Mia machte es kaum einen Unterschied, ob der Anschlag in Paris, Wien, Amsterdam oder Berlin stattgefunden hatte. Es war „zu Hause“, und das war es, was ihr eiskalt den Rücken hinab lief.

Die Suche nach den Schuldigen war offenbar kein Problem. Das Internet kennt keine Zeitverzögerung, die Nachrichtenportale genau so wenig. Bekennerschreiben waren veröffentlicht worden, scheinbar noch, bevor die Bomben überhaupt explodiert waren. Eine ganze Bevölkerungsgruppe, bei der ihr Opa immer noch beharrlich vom „friedlichen Muselmann“ sprach, stand mal wieder im Zentrum von Kritik und Aufmerksamkeit. Und das war alles nicht das, was Mia am meisten daran schockierte.

DSC00810Das, was sich wie ein großer Block Eis in ihrem Magen anfühlte, waren nicht die vielen Tote, nicht der Ort, nicht einmal der Zeitpunkt oder der Anlass. Es war einfach die Erkenntnis, dass sie sich daran gewöhnt hatte. Sie sah die Zahl der Toten und dachte „zum Glück sind es nicht mehr.“ Sie sah die eingeblendete Karte mit den betroffenen Bezirken und dachte „Marie und Claude sind weit weg und sicher.“ Natürlich war sie traurig um die Toten und Verletzten. Sie war wütend über die Zerstörung, über die Morde, über die Störung in ihrem ruhigen Alltag. Verständnislosigkeit über die kaputten Seelen, die sich ohne zu zögern zum größten Abschaum der Menschheit zählten und die größte Schande über sich und ihre gesamte Familie brachten.

Aber irgendwo, tief in ihrem Inneren, hatte sie einfach damit gerechnet. Es war nichts passiert, was sie der Menschheit nicht ohnehin zugetraut hätte. Das Einzige, was noch eine Überraschung oder eine Variable in dieser Gleichung war, war das wann. Selbst die Heftigkeit, das Ausmaß, bewegte sich inzwischen in einem Rahmen, den sie ganz grob abschätzen konnte. Und der Grund? Der war seit Jahren sowieso der gleiche. Der Islam hatte sich einfach als zu dankbares Opferlamm erwiesen. Zu fremd, als dass er im Westen wirklich bekannt ist und zu vertraut, als dass man ihm die Gewalt nicht auch glauben würde. Immerhin teilt er sich mit der Bibel ihr blutiges Fundament.

Mias Laptop hatte sich inzwischen in den Ruhemodus verabschiedet. Der schöne Lerntag war völlig versaut. Sie hatte doch einfach nur in ruhe lernen wollen. Es war wahrscheinlich ein Fehler gewesen, den Fernseher statt einfach Musik anzumachen. Jetzt verfolgte sie nur noch die Nachrichten. Der Reporter musste zugeben, dass eigentlich noch nichts bekannt war, außer, dass es wohl einen islamistischen Hintergrund gab. Und prompt stolperte er auch über die Unterscheidung zwischen Muslimen und Islamisten, den er einfach nicht erkennen wollte. Mia war darüber erstaunt. Eigentlich sollte doch inzwischen jeder diesen Unterschied kennen, so häufig, wie er erwähnt wurde. Vermutlich waren viele Leute aber auch einfach zu bequem, um sich wirklich mit dem Unterschied zu befassen.

Die Welt war so herrlich einfach, wenn man sie in Stammtisch-Stereotypen einteilte. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Ost und West. Die rhetorischen Fragen danach, wieso so etwas Schreckliches passieren konnte, wieso hier, wieso jetzt? Das alles war so schnell und einfach beantwortet. „Diese Leute sind einer intensiven Gehirnwäsche unterzogen worden. Sie hassen alles, was in ihren Augen gegen ihren Gott gerichtet ist.“

Das war so viel einfacher, als sich wirklich mit den Ursachen und Hintergründen auseinanderzusetzen. Wie zum Beispiel jahrelange, fremde, militärische Interventionen ganze Regionen destabilisiert hatten. Oder wie aggressive Wirtschaftspolitik gesunde und traditionsreiche Industriezweige vernichtet hatte, auf der Jagd nach immer billigeren Herstellern und Absatzmärkten für noch den letzten Abfall. Was blieb Menschen übrig, die ihr Leben lang eine Arbeit ausgeübt hatten, mit der sie ihre Familie halbwegs ernähren konnten, und die nun plötzlich nicht mehr rentabel waren? Das Problem saß viel tiefer und war viel weitreichender. Wie würde sich Mia zum Beispiel eine Waschmaschine leisten können, wenn sie nicht von chinesischen Kindern, sondern von deutschen Facharbeiten zusammengeschraubt werden würde? Wie sollte sie sich alle drei Jahre ein neues Smartphone leisten, wenn die Metalle dafür nicht quasi von Hand aus der Erde Afrikas und Südamerikas geklaubt wurden, sondern aus hoch technisierten Minen in Europa, wo der Umweltschutz fast teurer war als die Löhne der Ingenieure?

Nein, das Problem einfach auf die Herkunft der Attentäter zu schieben, war zu einfach. Da machte sie sich keine Illusionen. Es gab genügend Alternativen, wie man die Welt ein bisschen besser machen konnte. Dafür musste man nicht einmal so seltsam auftreten, wie es die Alternativpädagogen, Aussteiger, Barfüßigen und Ökos in ihren extremen Ausprägungen so gerne taten. Auch wenn Fair Trade und Bio natürlich etwas teurer war als das Billigste, was der Discounter anzubieten hatte.

Der Außenreporter war inzwischen von der Bildfläche verschwunden. Die spontan zwischengeschaltete Sondersendung graste alle üblichen Verdächtigen ab, die irgendeine Äußerung zum Thema von sich geben konnten oder einfach nur wollten. Ob sie dazu qualifiziert waren, das hinterfragte niemand. Erst recht nicht, beim Innenminister.

Das Gesicht, welches er zog, war gerade traurig und besorgt genug, als dass man ihn nicht als gut gelaunt bezeichnen konnte. Mia tat es trotzdem, denn sie wollte. Sie hatte nicht vergessen, wie er in vergleichbaren Situationen in der Vergangenheit reagiert hatte und das gefiel ihr überhaupt nicht. Auch jetzt war er wieder bemüht, die Bevölkerung auf die drohende Gefahr einzuschwören. Seine Augen leuchteten, als er von den Möglichkeiten sprach, die eine Vorratsdatenspeicherung und ähnliche Maßnahmen in Deutschland bringen würde. Dass sie in Frankreich offenbar nicht hilfreich gewesen waren, das unterschlug er bewusst. Zu viel Nachdruck legte er in seine Forderungen nach mehr Sicherheit. Dass sie auf Kosten von Freiheit und des Grundgesetzes gehen würden, war jedem klar und bekannt.

Mia hatte genug. Sie war traurig und bis zum Hals voll mit Verachtung für die Menschheit als Ganzes. Sie ließ ihre Lernsachen einfach liegen, holte sich die Rumflasche aus der Küche und schaltete Cartoons ein. Die scharfe, süßliche Flüssigkeit dämpfte ihren Ekel ein wenig. Sie bemerkte, wie sie in einen Zustand der Apathie fiel und hatte zum ersten mal in ihrem Leben das Gefühl, nachvollziehen zu können, wie es Flo ging und wieso er war, wie er war.

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