Hörsaalgetuschel – Ausgabe 61

Spielstunde

Die Woche war lang und anstrengend gewesen. Flo war voll im laufenden Semester angekommen. Es war nicht leicht, aber das war es nirgendwo und sein Notenschnitt brannte ihm unter den Nägeln. Er brauchte wirklich bessere Noten. Aufgrund von schlampiger Planung hatte er letztes Semester einen Kurs belegt, dessen Slot bereits mit einem anderen belegt gewesen war. Aber am Ende hatte er eine bessere Note bekommen und damit seinen Schnitt gehoben. Als er diesen Fehler bemerkt hatte, packte ihn der Ehrgeiz und dieses Semester hatte er sich ganz bewusst überladen. Er selbst hielt sich seither für verrückt, aber selbst Mia hatte ihn für bescheuert erklärt. Möglicherweise hätte ihm das eine Warnung sein sollen.

Auch für Kristina war es eine lange Woche gewesen. Die Arbeit forderte sie komplett und in diesem Sommer gab es volle Auftragsbücher zu bewältigen. Sie sammelte kräftig Überstunden, und wenn der Sommerurlaub fällig war, würde sie sich einen guten Bonus verdient haben. Ein Umstand, für den sie durchaus dankbar war. Im Augenblick aber war ihre Planung weit weniger langfristig. Ihre Ziele waren sehr viel unmittelbarer. Wenn sie abends erschöpft nach Hause kam, bereitete sie sich ein kleines Abendessen, um danach erschöpft ins Bett zu fallen. Nicht zum Schlafen, das kam später zwangsläufig, sondern um mit Flo zu telefonieren. Ihre Gespräche gingen oft bis tief in die Nacht und versüßten ihnen die Zeit bis zum Wochenende, wenn sie sich endlich wieder sehen konnten.

Und eben jenes heiß ersehnte Wochenende war jetzt. Sowohl Flo als auch Kristina hatten die letzten Stunden damit verbracht, sehnsüchtig auf die Uhr zu sehen und den Feierabend abzuwarten. Alle beide waren sie abgelenkt und unkonzentriert gewesen, nur um zu Feierabend und Vorlesungsende eilig den Heimweg anzutreten. Für Kristina stand ihre Wohnung nur deswegen auf dem Plan, weil sie genau auf dem Weg zum Bahnhof lag. Sie hätte kein Problem damit gehabt, in Arbeitskleidung im Zug zu sitzen aber heute war ihr nach etwas anderem. Daher kam ihr der kleine Zwischenstopp sogar halbwegs gelegen.

Flo rotierte in seiner kleinen Wohnung. Das Leergut war weggebracht, Geschirr gespült, frisches Bier im Kühlschrank und der Müll draußen. Er hatte noch etwa eine Stunde, ehe er los musste, um Kristina vom Bahnhof abzuholen. In der Zeit wollte er das Nötigste aufgeräumt und die Wohnung geputzt haben. Das Fenster stand weit offen, um die verbrauchte Luft einer bier- und arbeitsreichen Woche hinaus, sowie Sonnenschein und gutes Wetter hineinzulassen. Aufgeregt wie ein kleines Kind, stopfte er seine Bücher ins Regal. Auf dem Küchentisch stand sein Meisterwerk von einem Auflauf, mit dem er ihr gemeinsames Wochenende einläuten wollte. Die Idee war ihm spontan gekommen und hatte ihm auf Anhieb gefallen. Es war lange her, dass er das letzte mal einen Auflauf gemacht hatte.

DSC02666Kurze Zeit später waren Bad und Küche auf Hochglanz. Seine Motivation überraschte ihn selbst. Sogar das Bett hatte er frisch bezogen! Bevor er Kristina kennengelernt hatte, war es keine Seltenheit, dass der Bezug mehrere Monate drauf war. Irgendwie hatte er es immer für sinnvoll befunden, die Farbe der aktuellen Jahreszeit anzupassen. Er hatte nur eine blaue Garnitur, also musste diese für den ganzen Winter reichen. Das Gleiche galt für den roten Sommer oder den orangefarbenen Herbst. Inzwischen wechselte er es regelmäßiger und wunderte sich, wieso er es früher anders handhaben wollte. Der Geruch war einfach besser geworden.

Der Ofen heizte vor. In etwa zwanzig Minuten musste er los, er wäre etwa genau so lange unterwegs, wenn die Bahn rechtzeitig käme und der Auflauf brauchte vielleicht eine dreiviertel Stunde. Wenn er ihn in fünf bis zehn Minuten in den Ofen schob, war er auf jeden fall auf der sicheren Seite und das Essen wäre fertig, sobald sie zurück waren. Er deckte schon einmal den Tisch und achtete sogar auf etwas Tischdekor. Ein Schnapsglas mit Blümchen, deren Farben zu seinem Hemd passten. Es war kein Tag für die übliche Garderobe. Er wollte sie mit einem schönen Abendessen überraschen und da gehörte ein wenig Stil für ihn dazu. Auf die Krawatte verzichtete er trotzdem. Es war ihm zu viel Stress, erst herauszufinden, wie man sie band.

Gerade, als er nichts mehr Weiteres zu tun brauchte, als den Auflauf in den Ofen zu schieben und seine Schuhe anzuziehen, wurde seine sorgfältige Planung gestört. Die Klingel schaffte es mit Leichtigkeit, einen Schatten von Ärger über seine aufgeregte Vorfreude zu werfen. Ärgerlich knurrend stapfte er zur Türe und ließ den Gast hinein. Vielleicht war es Erik oder Mia. Vielleicht hatten die beiden wieder einmal Streit und suchten Bestätigung ihrer Positionen bei ihm. Vielleicht war es auch Tina. Sie hatte ihn in den letzten Wochen immer wieder besucht, um bei völlig banalen Themen um Hilfe zu fragen. Er war sich nicht sicher, ob sie vielleicht einfach nur etwas dumm war. Die Tatsache, dass Mia dazu nichts sagte, deutete nur darauf hin, dass es etwas anderes war.

Vielleicht lag er aber auch mit all seinen Befürchtungen daneben. Kristina fiel ihm so schwungvoll um den Hals, dass sie gemeinsam in den Raum torkelten. Mit dem Fuß warf sie Tür hinter sich ins Schloss. Es reichte die Bahn eine halbe Stunde früher, um selbst zur Überraschung zu werden. Flo konnte sich kaum auf den Beinen halten. Seine Freundin fest umschlungen taumelte er zurück, schwer bemüht, nicht einfach umzufallen. Ihr Duft rollte wie eine Flutwelle über ihn hinweg und riss seinen Verstand gleich mit sich.

„Überraschung“, säuselte sie ihm ins Ohr, während sie ihn aus der Umarmung entließ und die Überraschung war ihr perfekt gelungen. Er stieß mit den Fersen gegen seinen Bettrand und kippte hintenüber in die Kissen. Kristina behielt ihr Gleichgewicht und schaffte es, stehen zu bleiben. Ihre warmen, braunen Augen sahen auf ihn hinab, ein Wasserfall aus brauner Seide schwang über ihre Schultern. Das musste ihr großes Geheimnis sein. Egal wann und wo er sie ansah, sie war einfach immer perfekt. Möglicherweise lag es ja an ihm selbst, aber für ihn war sie die schönste Frau der Welt. Mindestens!

Er zog sie zu sich hinunter und küsste sie innig. Neben ihrer weichen Haut fühlte er sich noch immer wie ein grober Backstein. Vielleicht würde er irgendwann herausfinden, was sie in ihm eigentlich sah. Bis es so weit war, wollte er jede Sekunde mit ihr voll auskosten. Je intensiver, um so lieber war es ihm. Ein zu nah konnte es nicht geben. Der Protest, der von ihr kam, war mehr als halbherzig und wurde von der Decke geschluckt. Sie stürzte sich auf ihn, regelrechte Gier in den Augen, noch immer mit ihrem Mantel an.

Das erste Bedürfnis nach Nähe war gestillt und sie konnte sich lange genug von ihm lösen, um ihren Mantel wegzuhängen. Sie drehte sich um und stand in einem atemberaubenden Kleid vor ihm. Frühlingshaft, schlicht, elegant und maßlos sinnlich. Einen Moment lang saß er einfach nur da, und ließ den Anblick auf sich wirken. Die Sonne ließ ihre Strahlen genau auf sie fallen, als stünde sie auf einer Bühne. Flo hätte noch Stunden hier sitzen und einfach nur starren können. Der erwartungsvolle Blick, den sie ihm zuwarf, ließ keinen Zweifel daran, dass sie etwas anderes vor Augen hatte. Sie genoss es zwar, wenn er sie mit seinen Blicken verschlang, aber sie wollte mehr als einfach nur begehrt werden. Sie wollte das volle Programm und er konnte ihr diesen Wunsch noch unmöglicher abschlagen als sonst irgendeinen.

Die Luft schien vor Hitze zu flimmern. Die Sonne hatte sich hinter den Horizont verabschiedet und hatte zwei erschöpfte aber glückliche, nackte Körper im Dämmerlicht von Flos Bett zurückgelassen. Eng umschlungen lagen sie dort und kuschelten sich aneinander, während der Ofen noch immer vorheizte und darauf wartete, den Auflauf endlich backen zu können.

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