Archiv für den Monat Dezember 2015

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 64

Verschlafen

Drei mal hatte der Wecker nun schon geklingelt und jedes mal hatte Flo ihn einfach nur aufs nächste mal vertröstet. Diesmal rang er sich dazu durch, ihn einfach abzuschalten. Er drehte sich noch einmal um, wickelte sich in die Bettdecke ein und schloss die Augen. Sie hatte die absolut perfekte Wärme und es konnte keinen Grund geben, der gut genug war, ihn jetzt aus dem Bett zu treiben. Er atmete tief durch und schielte noch einmal in Richtung der Uhr. Nur zur Sicherheit!

Im nächsten Moment stand er hellwach neben dem Bett. Ganz plötzlich war eine dreiviertel Stunde vergangen, indem er sich nur ganz kurz umgedreht hatte. Besonders beim Aufstehen war die Zeit ein Hexenwerk, welches er einfach nicht verstehen wollte. Ungeduscht konnte er trotzdem nicht das Haus verlassen und was noch viel wichtiger war, unfrisiert. Die Haare mussten sitzen. Immer! Die dafür nötige Zeit musste er vom Frühstück abziehen. Noch ehe er dazu kam, sich anzuziehen, bemerkte er, dass dies nicht die beste Alternative war. Der Magen knurrte ihm schon bedenklich, als er hastig seine Tasche packte, ohne Rücksicht darauf, was er überhaupt benötigte.

Ein blinder Griff in den Kühlschrank hätte leicht einen noch ungemütlicheren Morgen gegeben. Seine Augen klebten am Sekundenzeiger, als wollten sie ihn allein dadurch einfrieren, während er abschätzte, wie viel Zeit er noch hatte, um den Bus zu bekommen. Er vermied es so gerade eben noch, munter in ein rohes Ei zu beißen. Auch die Tafel Schokolade erschien ihm nicht all zu geeignet. Dafür hatte er noch Marmorkuchen vom Wochenende. Perfekter konnte er es nicht mehr treffen.

Auf dem trockenen Kuchen kauend kämpfte er sich in seine Schuhe. Augenblicke später rannte er bereits die Straße entlang, immer noch kauend. Ihm fiel ein, dass er die Skripte zur Vorlesung heute Morgen vergessen hatte. Seine Wasserflasche stand ebenfalls noch in seiner Wohnung, aber dafür hatte er seinen Laptop dabei, den er den ganzen Tag wohl nicht brauchen würde. Was wollte er heute eigentlich in der Uni?

Laut Fahrplan fuhr der Bus vor einer Minute. Das war kein Grund zur Sorge. Um diese Uhrzeit war der Bus noch nie pünktlich gewesen. Generell waren die Fahrpläne eher schmückendes Beiwerk an den Haltestellen als wirkliche Richtlinien oder Hilfestellungen. Der Bus kam, wenn er halt kam. Das war meistens irgendwann in der Viertelstunde nach dem Termin auf dem Fahrplan. Und während dieser Bus meistens so um die fünf Minuten verspätet kam, sah Flo heute nur noch seine Rücklichter, als der alte Bus scheppernd und wie immer völlig überladen über die Kreuzung ratterte.

Erstaunt starrte er ihm hinterher. Er hatte einiges erwartet und nicht erwartet aber irgendwie hatte er es von Anfang an im Gefühl gehabt, dass genau das hier passieren würde. Wieso war er nicht einfach im Bett liegen geblieben? Dort war es warm und weich gewesen und es gab keinen Bus, dem man nachlaufen musste. Das Beste wäre es wohl, wenn er einfach wieder dorthin zurückgehen würde. Zur Vorlesung würde er sowieso zu spät kommen.

Die Decke war sogar noch warm, aber es war irgendwie nicht das Gleiche. Morgens wach zu werden und einfach liegen zu bleiben war halt doch etwas anderes, als sich fertigzumachen und den Bus zu verpassen, ehe man sich wieder ins Bett legte. Einen Vorteil hatte es allerdings so. Jetzt hatte er nicht nur die Decke und den Fernseher. Jetzt hatte er auch noch einen heißen Kakao und Marmorkuchen im Bett. Und mit dem Skript konnte er die Vorlesung ebenso gut hier durchgehen.

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Hörsaalgetuschel – Ausgabe 63

Angebrannt

Das Schönste am Mittwoch diesen Semesters war es, dass die Uni erst spät begann. Für Erik hieß das, dass er lange im Bett liegen bleiben konnte. Die Sonne hatte ihn zwar längst geweckt und Mia war auch schon aufgestanden aber er hatte sich noch nicht aus der Decke wickeln wollen. Stattdessen hatte er seinen Laptop ins Bett geholt und versuchte zu schreiben, während seine Freundin hektisch durch den Raum wuselte.

Er hätte wohl auch aufstehen sollen. Am Schreibtisch konnte er besser arbeiten, aber die Decke war zu schön warm. Von oben drang die Wärme des Laptops durch die Bettdecke und wärmte ihm die Beine, während er die Tastatur bearbeitete. Er war recht träge, seine kreative Hochphase lies noch etwas auf sich warten. Aber das würde sie auch am Schreibtisch tun. Mia sortierte ihre Karteikarten, für ein Referat, welches sie heute noch halten sollte.

Erik schrieb nicht mehr besonders gerne, wenn Mia dabei war. Sie sah ihn dann jedes mal so erwartungsvoll an und beobachtete ihn aufmerksam, wenn sie den Eindruck hatte, er würde es nicht bemerken. Gelegentlich erkundigte sie sich auch danach, wie es aktuell so lief, oder wollte eine Leseprobe haben. Dabei hatte sie ihr Buch noch nicht einmal gelesen. Immerhin war sie bis auf Seite 11 gekommen. Für sie war das kein Hindernis, sich über mangelnden Lesestoff zu beklagen.

2012-04-29 20.36.58Der Lüfter summte fleißig vor sich hin. Er starrte knapp über den Rand seines Laptops hinweg und lauschte abwesend seinem Tinnitus. Es war unruhig im Raum und voll von Ablenkungen. Irgendetwas war immer, was eine willkommene Ablenkung bot. Vielleicht war er deswegen mitten in der Nacht am produktivsten. Es gab keinen Lärm mehr, keine Ablenkungen und niemanden, der mit ihm redete. Vielleicht sollte er seinen Laptop nehmen, und in Urlaub fahren. Irgendwohin, fernab von vielen Leuten oder einer Verbindung zur weiten Welt. Dann würde ihm nicht viel anderes übrig bleiben, als fleißig zu sein und zu schreiben. Und sei es nur für sich selbst.

Wobei, das war doch etwas, über das sich ganz vortrefflich schreiben ließ. Ein einsamer Wanderer, der einen Urwald erkundete. Angefangen an der Mündung, wo er mit einem kleinen Kanu und genug Proviant startete, einmal den Flusslauf entlang, durch das undurchdringliche Grün der unberührten Wildnis. Vielleicht würde er unterwegs jagen müssen, um seine Vorräte aufzustocken. Oder er aß von ungenießbaren Früchten, die ihn schwächten. Vielleicht traf er auch auf Ureinwohner, die ihn entweder verjagen oder zum Essen einladen wollten. Nur war er dann der Gast oder das Hauptgericht zum Essen?

Gut, das troff jetzt etwas zu sehr vor veralteten Klischees und Vorurteilen, entsprungen aus Unwissenheit, aber es war ein Ansatz. Und Abenteuergeschichten waren auch immer eine schöne Möglichkeit für den Geist, eine Reise ins Unbekannte anzutreten und sich einfach etwas auszudenken. Es musste sich ja nicht einmal wirklich an der Realität orientieren. Woher sollte er auch wissen, wie es in den Regenwäldern dieser Welt aussah? Das Einzige, was er außerhalb Deutschlands je kennengelernt hatte, waren die Touristenstrände am Mittelmeer.

Mia hatte sich ins Badezimmer zurückgezogen. Das hieß, er hatte mindestens eine halbe Stunde, die er sich richtig austoben konnte. Er holte tief Luft, öffnete ein neues Dokument und schrieb einfach drauf los. Die Schreibblockade hatte lange genug angehalten und die aufgestaute Kreativität drängte mit aller Macht hinaus. Alles, was von der Welt um ihn herum noch bis zu ihm durchdrang, war das Klappern der Tastatur. Er bemerkte nicht, wie der Lüfter immer lauter und seine Beine immer heißer wurden.

Nur noch diesen einen Absatz, dann wäre es höchste Zeit, einmal zur Sicherheit zu speichern. Der Autospeicherpunkt lag bereits fünf produktive Minuten zurück. Verdutzt beobachtete er, wie sich das Programm von alleine schloss und der Rechner herunterfuhr. Erst jetzt bemerkte er den verschmorten Geruch und die heißen Flecken auf seinen Beinen. Langsam realisierte er, dass ihm vorerst nur noch Papier zur Verfügung stehen würde. Wenigstens so lange, bis sich sein Rechner wieder abgekühlt hatte. Er hätte nicht erwartet, dass so etwas möglich wäre, und dass er sich dermaßen darüber ärgern würde. So etwas passierte auch immer dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte.

Hörsaalgetuschel – Ausgabe 62

„Save the Planet“

Der Sommer war da und mit ihm das tolle Wetter. Auch wenn er etwas träge gestartet war, es versprach der Sommer des Jahrzehnts zu werden, schon zum wiederholten mal dieses Jahrzehnt. Wie jedes Jahr kam er auch dieses mal wieder völlig überraschend. Jahreszeiten scheinen einem ungeschriebenen Naturgesetz zu unterliegen. Sie kommen immer dann, wenn niemand damit rechnen kann. Und dieser geheimnisvolle Zeitpunkt ist jedes Jahr der Gleiche. Trotzdem ist, zum Beispiel, die Bahn, jedes mal wieder aufs Neue völlig unvorbereitet und überrascht.

Was nicht überraschend, sondern von langer Hand her geplant war, war die große Konferenz in Paris. Nur zwei Wochen, nachdem der schreckliche Anschlag die Stadt heimgesucht hatte, und den Behörden einen Grund dazu gegeben hatte, die Bürgerrechte auszusetzen, kam die Meute. Eine Lawine von Regierungsflugzeugen, Luxus- und Privatjets überfüllten den Luftraum. Konvois von schwer gepanzerten und mindestens moderat geländegängigen Luxuslimousinen schoben sich wie Elefantenherden durch die Alleen und Gassen der Hauptstadt, um Staatschefs, ihre Berater und Geldgeber zur Versammlung zu bringen. Und das alles mit nur einem Ziel: Das Weltklima zu retten.

Es hatte sich zu einem gewissen Ritual entwickelt. Etwa alle fünf Jahre trafen sich all jene, die gerne etwas zu bestimmen hätten, um über die Zukunft der Welt zu diskutieren. Das Klima geriet aus den Fugen, das war lange bekannt. Ebenso, dass die Ursache dafür der Mensch und seine Aktivitäten war. Lediglich die Bevölkerung war damit nicht so ganz einverstanden. Es hätte ja geheißen, dass man seine bequeme Lebensweise hinterfragt und eventuell sogar sein Verhalten überdenken musste. Wieso eigentlich? Man hatte es doch schon immer so gemacht, wieso sollte man es jetzt denn ändern? Wieso fingen nicht die anderen an? Was die Öffentlichkeit nicht akzeptieren will, dafür findet sich in der demokratischen Welt keine Mehrheit.

Und wenn bei einem globalen Problem nicht alle gemeinsam anpacken, dann kann man es im Grunde genommen auch lassen. So war dann auch in der Vergangenheit jede große Klimakonferenz mit dem gleichen Ergebnis geendet: Man wollte sich überlegen, was man denn ändern konnte, ohne der eigenen Wirtschaft zu schaden, und würde das dann auf der nächsten Konferenz zur Debatte stellen. Damit lagen die großen Hoffnungen automatisch immer bereits auf dem nächsten Treffen, während das aktuelle noch als der große Meilenstein angekündigt war. Die erhofften Ergebnisse waren längst zu Hohn und Spott verkommen. Die ganze Klimakonferenz hatte den Charakter einer großen Werbekampagne für das eigene Gutmenschentum bekommen.

DSC02606Einige der ursprünglichen Initiatoren hatten bereits aufgegeben. Kleine Inselstaaten, welche die Auswirkungen des Klimawandels als Erstes zu spüren bekamen und einsehen mussten, dass es für sie zu spät war. Ihr Auftreten auf der Konferenz hatte nur noch die Funktion eines Mahnmals. Die Regierungen der mikronesischen Staaten hatten schon vor langer Zeit damit begonnen, diplomatische Abkommen darüber zu schließen, wer ihre Bevölkerung aufnehmen konnte und würde. Für sie ging es nicht länger darum, sich einer neuen Situation anzupassen. Einer nach der anderen verschwanden ihre Inseln unter den erbarmungslos heranrollenden Wellen des Pazifiks. Der Ozean störte sich daran nicht.

Das war der springende Punkt, ging es Flo durch den Kopf. Er lag im Bett, im Fernsehen lief die Berichterstattung über die diesjährige Klimakonferenz. Die Politiker spielten sich auf, als ginge es darum, die Welt zu retten. Die Demonstranten vor dem Tor hielten Schilder hoch mit „Save the Planet!“ und Flo dachte nur „vergiss den Planeten.“ Es ging nicht darum, den Planeten zu retten. Schwankungen in der Temperatur und dem Meeresspiegel hatte es schon immer gegeben. Wie jeder lebende Organismus veränderte sich auch die Welt laufend. Es war zwar selten so schnell gegangen wie zurzeit, aber es war immer real gewesen. Im Laufe der Geschichte hatte es immer wieder Phasen großen Massenaussterbens gegeben und jedes mal war daraus ein neues, anderes Ökosystem entsprungen.

Es ging nicht darum, die Welt zu retten. Es ging darum, eine für den Menschen habitable Umgebung zu erhalten. Wobei es eigentlich selbst dafür bereits zu spät war. Flo erinnerte sich an Bilder von den ersten Satellitenfotos, die er als Kind gesehen hatte. Vor einigen Monaten hatte er sie noch einmal herausgesucht, um sie mit neuen Fotos aus dem letzten Jahr zu vergleichen. Es wäre erschütternd gewesen, wenn er nicht damit gerechnet hätte, was für eine Verwandlung die kleine Kugel zwischen den Sternen in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren durchgemacht hatte. Auch wenn der Ozean noch immer tiefblau war, das Grün war von der Landfläche verschwunden und durch staubiges Graubraun ersetzt worden. Sollte das die Veränderung sein, die eine Verdopplung der Menschheit zur Folge hatte?

Flo sah zu Kristina hinab, die in seinen Arm gekuschelt schlief. Er hatte nie darüber nachgedacht, ob er einmal eine Familie haben würde oder nicht. Eventuell war er unterbewusst einfach davon ausgegangen, dass es wohl so kommen würde, wenn er nur erst einmal die richtige Frau dafür gefunden hatte. Und was war nun? Ihre Haare wallten über seine Schulter und ihr Brustkorb hob und senkte sich sanft mit jedem Atemzug. Es machte ihn glücklich, sie einfach nur anzusehen und er wusste, dass er sie gefunden hatte. Aber war es wirklich zu verantworten, einen kleinen Menschen in diese Welt zu setzen? Er hatte sie nie nach ihrer Meinung dazu gefragt. Es gab bereits so viele Menschen und sie verhielten sich so unvernünftig.

Der deutsche Umweltminister wurde im Fernsehen zum Interview gebeten. Er betonte, welch großen Schritte man bereits auf dem Weg zu einem besseren Klima erreicht hatte. Den Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien wie Wind und Wasser zum Beispiel. Kein Wort fiel darüber, dass Deutschland noch immer einer der größten Nutzer von Stein- und Braunkohle war. Auch nicht darüber, dass nach der Streichung der Subventionen jeder einzelne Hersteller von Solarzellen in Deutschland bankrottgegangen war. Die neu verbauten Solarzellen kamen nun alle aus China. Teilweise sogar mit einem kleinen made in Germany Aufkleber. Aber auch das war nun alles kein Thema. Dafür hagelte es Versprechen, welche tollen Abkommen man nun alles unterzeichnen wolle, und dass die Zeit für Diskussionen abgelaufen war. Nun war es Zeit zu Handeln! Aber natürlich nur, wenn die anderen auch alle mitmachten.