Hörsaalgetuschel – Ausgabe 62

„Save the Planet“

Der Sommer war da und mit ihm das tolle Wetter. Auch wenn er etwas träge gestartet war, es versprach der Sommer des Jahrzehnts zu werden, schon zum wiederholten mal dieses Jahrzehnt. Wie jedes Jahr kam er auch dieses mal wieder völlig überraschend. Jahreszeiten scheinen einem ungeschriebenen Naturgesetz zu unterliegen. Sie kommen immer dann, wenn niemand damit rechnen kann. Und dieser geheimnisvolle Zeitpunkt ist jedes Jahr der Gleiche. Trotzdem ist, zum Beispiel, die Bahn, jedes mal wieder aufs Neue völlig unvorbereitet und überrascht.

Was nicht überraschend, sondern von langer Hand her geplant war, war die große Konferenz in Paris. Nur zwei Wochen, nachdem der schreckliche Anschlag die Stadt heimgesucht hatte, und den Behörden einen Grund dazu gegeben hatte, die Bürgerrechte auszusetzen, kam die Meute. Eine Lawine von Regierungsflugzeugen, Luxus- und Privatjets überfüllten den Luftraum. Konvois von schwer gepanzerten und mindestens moderat geländegängigen Luxuslimousinen schoben sich wie Elefantenherden durch die Alleen und Gassen der Hauptstadt, um Staatschefs, ihre Berater und Geldgeber zur Versammlung zu bringen. Und das alles mit nur einem Ziel: Das Weltklima zu retten.

Es hatte sich zu einem gewissen Ritual entwickelt. Etwa alle fünf Jahre trafen sich all jene, die gerne etwas zu bestimmen hätten, um über die Zukunft der Welt zu diskutieren. Das Klima geriet aus den Fugen, das war lange bekannt. Ebenso, dass die Ursache dafür der Mensch und seine Aktivitäten war. Lediglich die Bevölkerung war damit nicht so ganz einverstanden. Es hätte ja geheißen, dass man seine bequeme Lebensweise hinterfragt und eventuell sogar sein Verhalten überdenken musste. Wieso eigentlich? Man hatte es doch schon immer so gemacht, wieso sollte man es jetzt denn ändern? Wieso fingen nicht die anderen an? Was die Öffentlichkeit nicht akzeptieren will, dafür findet sich in der demokratischen Welt keine Mehrheit.

Und wenn bei einem globalen Problem nicht alle gemeinsam anpacken, dann kann man es im Grunde genommen auch lassen. So war dann auch in der Vergangenheit jede große Klimakonferenz mit dem gleichen Ergebnis geendet: Man wollte sich überlegen, was man denn ändern konnte, ohne der eigenen Wirtschaft zu schaden, und würde das dann auf der nächsten Konferenz zur Debatte stellen. Damit lagen die großen Hoffnungen automatisch immer bereits auf dem nächsten Treffen, während das aktuelle noch als der große Meilenstein angekündigt war. Die erhofften Ergebnisse waren längst zu Hohn und Spott verkommen. Die ganze Klimakonferenz hatte den Charakter einer großen Werbekampagne für das eigene Gutmenschentum bekommen.

DSC02606Einige der ursprünglichen Initiatoren hatten bereits aufgegeben. Kleine Inselstaaten, welche die Auswirkungen des Klimawandels als Erstes zu spüren bekamen und einsehen mussten, dass es für sie zu spät war. Ihr Auftreten auf der Konferenz hatte nur noch die Funktion eines Mahnmals. Die Regierungen der mikronesischen Staaten hatten schon vor langer Zeit damit begonnen, diplomatische Abkommen darüber zu schließen, wer ihre Bevölkerung aufnehmen konnte und würde. Für sie ging es nicht länger darum, sich einer neuen Situation anzupassen. Einer nach der anderen verschwanden ihre Inseln unter den erbarmungslos heranrollenden Wellen des Pazifiks. Der Ozean störte sich daran nicht.

Das war der springende Punkt, ging es Flo durch den Kopf. Er lag im Bett, im Fernsehen lief die Berichterstattung über die diesjährige Klimakonferenz. Die Politiker spielten sich auf, als ginge es darum, die Welt zu retten. Die Demonstranten vor dem Tor hielten Schilder hoch mit „Save the Planet!“ und Flo dachte nur „vergiss den Planeten.“ Es ging nicht darum, den Planeten zu retten. Schwankungen in der Temperatur und dem Meeresspiegel hatte es schon immer gegeben. Wie jeder lebende Organismus veränderte sich auch die Welt laufend. Es war zwar selten so schnell gegangen wie zurzeit, aber es war immer real gewesen. Im Laufe der Geschichte hatte es immer wieder Phasen großen Massenaussterbens gegeben und jedes mal war daraus ein neues, anderes Ökosystem entsprungen.

Es ging nicht darum, die Welt zu retten. Es ging darum, eine für den Menschen habitable Umgebung zu erhalten. Wobei es eigentlich selbst dafür bereits zu spät war. Flo erinnerte sich an Bilder von den ersten Satellitenfotos, die er als Kind gesehen hatte. Vor einigen Monaten hatte er sie noch einmal herausgesucht, um sie mit neuen Fotos aus dem letzten Jahr zu vergleichen. Es wäre erschütternd gewesen, wenn er nicht damit gerechnet hätte, was für eine Verwandlung die kleine Kugel zwischen den Sternen in den letzten vierzig bis fünfzig Jahren durchgemacht hatte. Auch wenn der Ozean noch immer tiefblau war, das Grün war von der Landfläche verschwunden und durch staubiges Graubraun ersetzt worden. Sollte das die Veränderung sein, die eine Verdopplung der Menschheit zur Folge hatte?

Flo sah zu Kristina hinab, die in seinen Arm gekuschelt schlief. Er hatte nie darüber nachgedacht, ob er einmal eine Familie haben würde oder nicht. Eventuell war er unterbewusst einfach davon ausgegangen, dass es wohl so kommen würde, wenn er nur erst einmal die richtige Frau dafür gefunden hatte. Und was war nun? Ihre Haare wallten über seine Schulter und ihr Brustkorb hob und senkte sich sanft mit jedem Atemzug. Es machte ihn glücklich, sie einfach nur anzusehen und er wusste, dass er sie gefunden hatte. Aber war es wirklich zu verantworten, einen kleinen Menschen in diese Welt zu setzen? Er hatte sie nie nach ihrer Meinung dazu gefragt. Es gab bereits so viele Menschen und sie verhielten sich so unvernünftig.

Der deutsche Umweltminister wurde im Fernsehen zum Interview gebeten. Er betonte, welch großen Schritte man bereits auf dem Weg zu einem besseren Klima erreicht hatte. Den Ausbau der Nutzung erneuerbarer Energien wie Wind und Wasser zum Beispiel. Kein Wort fiel darüber, dass Deutschland noch immer einer der größten Nutzer von Stein- und Braunkohle war. Auch nicht darüber, dass nach der Streichung der Subventionen jeder einzelne Hersteller von Solarzellen in Deutschland bankrottgegangen war. Die neu verbauten Solarzellen kamen nun alle aus China. Teilweise sogar mit einem kleinen made in Germany Aufkleber. Aber auch das war nun alles kein Thema. Dafür hagelte es Versprechen, welche tollen Abkommen man nun alles unterzeichnen wolle, und dass die Zeit für Diskussionen abgelaufen war. Nun war es Zeit zu Handeln! Aber natürlich nur, wenn die anderen auch alle mitmachten.

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