Hörsaalgetuschel – Ausgabe 63

Angebrannt

Das Schönste am Mittwoch diesen Semesters war es, dass die Uni erst spät begann. Für Erik hieß das, dass er lange im Bett liegen bleiben konnte. Die Sonne hatte ihn zwar längst geweckt und Mia war auch schon aufgestanden aber er hatte sich noch nicht aus der Decke wickeln wollen. Stattdessen hatte er seinen Laptop ins Bett geholt und versuchte zu schreiben, während seine Freundin hektisch durch den Raum wuselte.

Er hätte wohl auch aufstehen sollen. Am Schreibtisch konnte er besser arbeiten, aber die Decke war zu schön warm. Von oben drang die Wärme des Laptops durch die Bettdecke und wärmte ihm die Beine, während er die Tastatur bearbeitete. Er war recht träge, seine kreative Hochphase lies noch etwas auf sich warten. Aber das würde sie auch am Schreibtisch tun. Mia sortierte ihre Karteikarten, für ein Referat, welches sie heute noch halten sollte.

Erik schrieb nicht mehr besonders gerne, wenn Mia dabei war. Sie sah ihn dann jedes mal so erwartungsvoll an und beobachtete ihn aufmerksam, wenn sie den Eindruck hatte, er würde es nicht bemerken. Gelegentlich erkundigte sie sich auch danach, wie es aktuell so lief, oder wollte eine Leseprobe haben. Dabei hatte sie ihr Buch noch nicht einmal gelesen. Immerhin war sie bis auf Seite 11 gekommen. Für sie war das kein Hindernis, sich über mangelnden Lesestoff zu beklagen.

2012-04-29 20.36.58Der Lüfter summte fleißig vor sich hin. Er starrte knapp über den Rand seines Laptops hinweg und lauschte abwesend seinem Tinnitus. Es war unruhig im Raum und voll von Ablenkungen. Irgendetwas war immer, was eine willkommene Ablenkung bot. Vielleicht war er deswegen mitten in der Nacht am produktivsten. Es gab keinen Lärm mehr, keine Ablenkungen und niemanden, der mit ihm redete. Vielleicht sollte er seinen Laptop nehmen, und in Urlaub fahren. Irgendwohin, fernab von vielen Leuten oder einer Verbindung zur weiten Welt. Dann würde ihm nicht viel anderes übrig bleiben, als fleißig zu sein und zu schreiben. Und sei es nur für sich selbst.

Wobei, das war doch etwas, über das sich ganz vortrefflich schreiben ließ. Ein einsamer Wanderer, der einen Urwald erkundete. Angefangen an der Mündung, wo er mit einem kleinen Kanu und genug Proviant startete, einmal den Flusslauf entlang, durch das undurchdringliche Grün der unberührten Wildnis. Vielleicht würde er unterwegs jagen müssen, um seine Vorräte aufzustocken. Oder er aß von ungenießbaren Früchten, die ihn schwächten. Vielleicht traf er auch auf Ureinwohner, die ihn entweder verjagen oder zum Essen einladen wollten. Nur war er dann der Gast oder das Hauptgericht zum Essen?

Gut, das troff jetzt etwas zu sehr vor veralteten Klischees und Vorurteilen, entsprungen aus Unwissenheit, aber es war ein Ansatz. Und Abenteuergeschichten waren auch immer eine schöne Möglichkeit für den Geist, eine Reise ins Unbekannte anzutreten und sich einfach etwas auszudenken. Es musste sich ja nicht einmal wirklich an der Realität orientieren. Woher sollte er auch wissen, wie es in den Regenwäldern dieser Welt aussah? Das Einzige, was er außerhalb Deutschlands je kennengelernt hatte, waren die Touristenstrände am Mittelmeer.

Mia hatte sich ins Badezimmer zurückgezogen. Das hieß, er hatte mindestens eine halbe Stunde, die er sich richtig austoben konnte. Er holte tief Luft, öffnete ein neues Dokument und schrieb einfach drauf los. Die Schreibblockade hatte lange genug angehalten und die aufgestaute Kreativität drängte mit aller Macht hinaus. Alles, was von der Welt um ihn herum noch bis zu ihm durchdrang, war das Klappern der Tastatur. Er bemerkte nicht, wie der Lüfter immer lauter und seine Beine immer heißer wurden.

Nur noch diesen einen Absatz, dann wäre es höchste Zeit, einmal zur Sicherheit zu speichern. Der Autospeicherpunkt lag bereits fünf produktive Minuten zurück. Verdutzt beobachtete er, wie sich das Programm von alleine schloss und der Rechner herunterfuhr. Erst jetzt bemerkte er den verschmorten Geruch und die heißen Flecken auf seinen Beinen. Langsam realisierte er, dass ihm vorerst nur noch Papier zur Verfügung stehen würde. Wenigstens so lange, bis sich sein Rechner wieder abgekühlt hatte. Er hätte nicht erwartet, dass so etwas möglich wäre, und dass er sich dermaßen darüber ärgern würde. So etwas passierte auch immer dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte.

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6 Gedanken zu „Hörsaalgetuschel – Ausgabe 63

  1. Pingback: Inhaltsverzeichnis (in Arbeit) | des Grafen Lesestunde

    1. dergrafvonborg Autor

      Ob alles oder auch nicht alles, genug jedenfalls. Das ist halt nichts, was man unbedingt haben will, besonders wenn es gerade mal eine gute Idee ist, die man dort aufschreibt. Aber ansonsten sichert ein gutes Schreibprogramm doch von alleine alle paar Minuten einmal zwischen 😉

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